Morgens werde ich von umgefallenen Wasserflaschen, umhergerollten Stiften und an den Rand gedrängten Papierseiten überrascht, die wohl alle in der Nacht spazieren waren im Rhythmus des Seegangs. Nichts gewaltiges, kein Unwetter und keine übergroßen Wellen aber das Schiff schaukelt erbarmungslos beständig. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich daran erstmal gewöhnen muss. Die Gewohnheit an die ständige Bewegung, die Vibrationen und das monotone Blubbern des Schornsteins erstreckt sich heute bei mir aufs lesen und im Bett liegen. Ich habe etwas Muskelkater vom gestrigen Landausflug, bin überrascht wie schnell ich von der Trägheit des Schiffes und seiner Umwelt übermannt werde. Ich esse dreimal täglich, schlafe ausgiebig und faulenze in meiner Kabine bis zur Entspannungserschöpfung, mein Bewegungsradius beschränkt sich auf das Treppensteigen zur Offiziersmesse zum Essen fassen. Das Schiff bietet mir als Passagier nicht viele Möglichkeiten, mich nicht in meiner Kabine zu beschäftigen. Alle Plätze außerhalb des Turmes bieten keine attraktiven Aufenthaltsmöglichkeiten, will ich mich nicht dem Ruß, der Abluft und der Lautstärke aussetzen. Auch die Crew hält sich eigentlich nur im klimatisierten Turm auf, hat als Gegengewicht zu den Mahlzeiten aber noch die körperlich anstrengende Arbeit zu erledigen. Was würde ich dafür geben, jetzt im Maschinenraum arbeiten zu können. Man ist hier zwangsläufig Gefangener, ziemlich eingeschränkt und alle Ablenkungsversuche müssen es mit den Schiffsbewegungen aufnehmen. So werden meine Dehnübungen zum Balanceakt, meine Handschrift ist zittrig und selbst das Liegen ist nur mit Muskelanspannungen als solches zu bezeichnen.
Vielleicht ergibt sich ja was, wenn ich mich vermehrt und vehement auf die Crew stürze. Mein erstes Opfer, der wachhabende Offizier auf der Brücke. Es ist der dritte, ein junger Pole, recht klein aber mit muskelbepackter Brust, die er sich im Fitnessraum (was auch die Schwimmhalle ist) zulegt oder am Leben erhält. Damit stillt er also seinen genetischen Jagddurst. Er zeigt mir, dass noch etwas mehr als 800 Seemeilen vor uns liegen, und wir Guadeloupe erst vor knapp einem halben Tag verlassen haben. Unser Kurs liegt bei 58 Grad, alles geradeaus mit ungefähr 14 Knoten, rund um die Uhr. Unsere Geschwindigkeit entspricht in Kilometern pro Stunde umgerechnet, so ca. 30 km/h, was für die Seefahrt ziemlich schnell sei, wie er mir erklärt. Er war auch schon auf Bulk Carriern, die gehen ihre Passagen mit gemütlichen sieben Knoten an und haben es weniger eilig, als die Bananen vor uns. Dafür verbrauchen diese Frachtschiffe sehr viel weniger Sprit. Bulk Carrier sind die Schiffe mit den Laderäumen im Bauch und transportieren Getreide, Mais, Kohle, Erz oder Salz. Diese liegen auch gerne mal eine Woche im Hafen und geben der Crew viel mehr Chancen an Land zu gehen. Er nimmt natürlich am liebsten Verträge auf diesen Schiffen an, eines hat ihn mal nach Buenos Aires gebracht, aber die Verträge sind dann auch entsprechend länger. Die Containerschiffe sind hingegen immer im Stress mit ihrem Zeitplan und sind auch ständig in Bewegung. Er kommt aus Stettin und weiß noch immer nicht so recht, ob er überhaupt auf einem Schiff arbeiten will, da die Arbeit doch recht schnell ermüdet und auf der Brücke stellenweise sehr langwierig ist. Vor allem zu schaffen macht ihm aber die Zeit weg von daheim, wo seine Freundin ist und der er, wenn er im Sommer mit seinem Vertrag fertig ist, einen Heiratsantrag machen will. Ich sage, oh die Glückliche, die wird sich aber freuen. Er entgegnet mir entgeistert, dass er auch so hoffe. Um die Arbeit auf dem Schiff aber wirklich sein zu lassen, ist der Verdienst einfach zu gut und er würde keine vergleichbare Stelle finden, wo er bei ähnlich gleichem Gehalt mehr Zeit daheim ist. Schon während des Studiums hat er das Pflichtpraktikum, in welchem man ein halbes Jahr als Kadett auf See ist, nach hinten geschoben, nach seinen Abschlussprüfungen mit der Begründung, er findet keinen Platz. Navigieren nach Sternen findet er altmodisch und langweilig, weil es so ewig dauert, viel Geduld erfordert und trotzdem musste er es lernen. Er arbeitet viel lieber mit GPS und Seekarte, als doppelte Absicherung der Schiffsposition, die pro Schicht jeweils einmal nach Hamburg gemeldet werden muss. Ein Seemann, durch und durch bis ins Blut. Er war derjenige am ersten Tag, der mir mitten in der Nacht meinen Pass abgenommen hat, er wollte in Guadeloupe mit an Land und beides Mal habe ich ihn zuerst eigentlich deutlich fröhlicher erlebt, finde aber seine pessimistische Ehrlichkeit beeindruckend.
Etwas mehr als 1.600 Kilometer haben wir noch vor uns. Das sind entscheidend weniger als ich angenommen habe, geschätzt hätte. Es gibt auch mitten im Atlantik Stellen, wo er keine 500 Meter tief ist – wenn ich die Seekarte richtig deute. Das allumgreifende Blau zeigt sich in unterschiedlichsten Dunkeltönen, wie man es sonst nur von Küstennähe und kaum Tiefe kennt. In all seinen Variationen von Türkis glasklar bis Dunkelblau gräulich. Mein letztes Buch rettet mich in die Nacht, aber nur bis zu dieser. Ab morgen steht mir noch eine wissenschaftliche Abwandlung eines Schweizers über die Liebe zur Verfügung, dieser Block, viel Tinte und mein Füller. Neben diesem unmöglichen Zeitvertreib überlege ich mir ernsthaft, wie ich meinen Bewegungsdrang befriede, da der Fitnessraum auch an Bord nichts für mich ist.