2. April

Heute ist der Slopchest erneut geöffnet, ich bestelle Wasser und bleibe meinem Plan, auf Süßes weitestgehend zu verzichten, vorerst treu. Zuckerhighlight bleibt damit das Sonntagmittagseis mit Schokoguss und der Montagmorgensfrüchstücksjoghurt. Um 10:20 Uhr gibt es einen Safty-Drill an dem ich bis zur Vollständigkeitsprüfung des anwesenden männlichen Materials teilnehmen soll, anschließend bin ich von allen weiteren Übungen befreit. Mangels Kurzweile folge ich dem Restprogramm dann doch und finde mich im Freefall Lifeboat wieder, eingequetscht wie die armen Sardinen zwischen plastikschälernen Sitzreihen, den Instruktionen lauschend, wie man mit dem Lifeboat das sinkende Schiff verlassen kann. Es riecht derbe nach Benzin und Öl, und angesichts der Tatsache, dass dieses Rettungsboot auch länger auf See sein soll, um auf Hilfe zu warten, erscheint es mir, wie wenn man mit dem in der Rushhour vollgestopften Bus von Madrid nach Moskau fährt, ohne Pause, ohne Klo und ohne Ausblick. Theoretisch weitergedacht fällt das Boot vom Heck rücklings aus 15 Metern ins Wasser, wird gestartet und die Erretteten entfernen sich zügigst vom Desaster. Praktisch sind meine Knie auf Ohrenhöhe, ich sitz in der mit Hartgummi gefutterten Plastikschale, die meine vitalen Funktionen nicht beeinträchtigen soll und die Fallrichtung ist gegen meine Blickrichtung, was mir schon ohne freiem Fall Unbehagen bereitet. Als ich frage, ob wir jetzt auch wirklich losfallen nachdem der erste Offizier die Tür hinter sich schließt – wofür ich unter keinen Umständen ausgebildet bin – mache ich mich mal wieder lächerlich.

Crew 9Die nächste Rettungsstation ist das Seitenboot und hier endet auch schon meine Erinnerung zwecks Funktionalität und Nutzen. Das liegt zum einen am Wind und zum anderen am Zynismus der Szenerie. Wir laufen die Reling lang, der Wind schnappt sich einen Schutzhelm, den vom armen Max, und schleudert ihn in die Fluten, entfernt sich langsam vom Schiff, notgedrungen in grausamer Einsamkeit. Mir kommt mein schlimmster Alptraum, dass ich alleine auf dem Deck unterwegs bin, es gibt einen Ruck, ich kann mich nicht festhalten, falle ins Wasser und keiner bekommt es mit. Ich sehe dem Schiff hinterher, wie es weiter dem vom Autopiloten befehligten Kurs folgt, bis es irgendwann am Horizont dahinscheidet, nur noch den aufsteigenden Rauch des Schornsteins sehend. Und ich, wie der Helm, einsam da im Wasser, wohlwissend, dass mein Kopf, um aus weiter Entfernung gesehen zu werden, nicht groß genug sein wird, wenn überhaupt im Umkreis von hundert Kilometern einer Menschenseele ähnliches anzutreffen wäre. Nicht die Kälte, nicht die langsam eintretende Kraftlosigkeit, nicht das Ertrinken macht mir Angst, es ist die Einsamkeit, die Gewissheit das Blau die letzte Farbe sein wird die du siehst und das Wissen, dass du sterben wirst, dich damit aber noch etwas beschäftigen kannst. Sehr beklemmende Gedanken, die mich ab und zu einfangen, wenn ich an der Reling an Deck stehe und das Schiff eine unvorhergesehene Bewegung macht. Nach bisherigem Wissensstand würde der Verlust erst beim nächsten wöchentlichen Safty-Drill auffallen, da dies der einzige Termin ist, an an dem alle an Bord an einem Ort sind und abgezählt werden.

Zurück aber zur dies wöchentlich angeordneten Sicherheitsprüfungstragödie. Die Gruppe verfolgt das Geschehen, wie bei der neulichen Betriebsfeier, mit der dem Dienstherrn und der Pflicht gegenüber gebotenen Langeweile. Der leitende Sicherheitsbeauftragte steht mit distanziert lehrender Schüchternheit vor uns, die anstehende Übung schnellst möglichst und ohne allzugroße Peinlichkeit, abzuhacken. Das funktioniert heute leider nicht. Über einen Kran hebt man das Beiboot in die Luft, lässt Mann und Material einsteigen um das dann verschnürte Paket ins Wasser zu lassen, soweit der Plan. In der Trockenübung wird das Boot versucht, vom Hacken zu nehmen, damit man die Kranbewegung um 90 Grad nach steuerbord demonstrieren kann. Der Hacken lässt sich aber nicht öffnen, damit nicht lösen, was im Falle einer Notsituation nicht weiter tragisch wäre wenn 200 Meter Stahl auf den Meeresgrund sinken und die fünf Meter Beibootplastikschale  sich dagegen stemmt, weil es noch nicht vom Hacken gelassen werden konnte. Nach heftigen Hammerschlägen gegen den Rost und unter Androhung roher Gewalt durch die Flex, mit der die Crew gestern noch die Küchenpfannen abgeschliffen hatten, erbarmt sich der Hacken vor versammelter Mannschaft mit einer sich öffnenden Geste und lässt den Kran frei. Ich denke wieder an Joel, wie er die Boa malträtiert um den armen Leguan zu befreien. Der Kran, wie ich, schon länger ohne befreiende Bewegung in den Scharnieren, freut sich so sehr über die Übung, dass er gar nicht mehr einzufangen ist und erneut Allen vollste Aufopferung abverlangt um ihn wieder in Ausgangsposition zu bekommen. Dabei geht die Klappe zum Sicherungskasten zu Bruch und gesellt sich durch tatkräftige Unterstützung des Windes zum Helm in die unendlichen Weiten des Ozeans. Ein Stromkabel fällt aus seinem Stecker und baumelt gefährlich nah an den Sicherheitshelmen, dem asiatischen Körperideal wegen ist es zu keinen Zusammenstößen gekommen, ein Rumäne hingegen wurde mit einem sanften Schlag auf das Kabel aufmerksam gemacht. Wieder sprang ein Viertel der Mannschaft dem Kabel hinterher, ohne Stahl, Draht und Ruß könnte man meinen, sie fangen Schmetterlinge. Damit das Auseinanderfallen des in die Jahre gekommenen Krans nicht an der Moral der Truppe nagt, wird die Übung abgebrochen, Bosun und zwei Ordinary Seamen für nach dem Mittagessen zur Reparaturzwecken abgestellt und im Safty-Drill-Checklog steht drin: Chinesischer Schiffsbau, Ersatz in Trockendock. Die in Overalls gepackten und an die Stahlaußenwände gelehnten Zuschauer öffnen ihre verschränkten Arme zum Applaus und skandieren Zugabe. Als Strafe für den Gefühlsausbruch gibt es ein Sicherheitsvideo zu einem weiteren Rettungstool, falls alle anderen nicht funktionieren sollten. Gegen Materialschwäche ist man auf einem Schiff dreimal abgesichert.

Zu dem Video stelle man sich folgendes vor: Man sitzt in einem Flugzeug, vor dem Start, das Saftyinstructionsvideo wird gezeigt. Die animierten Geschäftsmänner und Plastikmütter sind jedoch nicht zu sehen, stattdessen gibt es Footage von Flugzeugunglücken Luftfahrtdramen, der Sprecher dazu erklärt: „Im unwahrscheinlichen Fall eines Absturzes, wie diesem hier mit 239 Toten, finden sie die Notausgänge hier, hier und hier!“ Unser Sicherheitsvideo beginnt damit, dass in der Nacht bei heftigem Seegang Flammen auf einem Schiff um sich schlagen und die fünfköpfige Crew an den Bug pressen, diese fein mit Schwimmwesten ausgestattet. Der Hoffnung, es handelt sich um eine gestellte Übung, wischt der Sprecher wie mit obiger Nüchternheit weg. Es ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Stewardess und Fluggast, zwischen Berufsseefahrer und Passagier, inwieweit die Realität als Konfrontation oder als Übungszweck zu sehen ist und woraus man mehr Lerneffekt trägt. Mit dem Video ist auch die Sicherheitsübung vorbei, passend zum Mittagessen und meinem gewohnten Kampf gegen die Konserve. Ich überlege mir, ein philippinischer Koch, ist doch bestimmt Profi für bestes philippinisches Essen. Den Preis den ich hierfür bezahle ist eben das Fleisch, aber was soll ich mich groß aufreiben zwischen Dosenerbsen und Adobo (Rindfleisch in Nelkensoße), wenn ich dafür geschmacklich befriedigt werde.

Als großer Fan von Klogängen kann ich Gleichgesinnten eine Schiffsreise (oder einen Umbau ihrer Örtlichkeiten) nur wärmstens ans Herz legen. Dem runtergezogenen Hosenboden umweht nämlich eine frische Brise von daher, wo es normalerweise nur hingeht. Ein sehr erfrischender, leicht kühlender Luftzug! Nähere technische Spezifikationen waren mir leider nicht in Erfahrung zu bringen, da dem Litauer, als zweiter Ingenieur zuständig für die Wasserversorgung des Schiffes und der Klimaanlage, meine Fragen hierzu als zu differenziertes und damit unüberwindbares englisches Gebrabbel vorgekommen sein müssen. Ich halte aber meine Augen und Ohren offen um den interessierten Mitmenschen und ihren subtropischen Körperregionen diese Erfrischung zu ermöglichen.

Crew 3Auf dem Messageboard wird für abends die berühmte Karaokeparty, ein asiatisches Saufspiel, angekündigt und ich entwickle fast so etwas wie Vorfreude auf dieses mir eigentlich unangenehme Unterhaltungsprogramm. Es bricht die Eintönigkeit des erst schon zweiten Atlantiktages auf, man spricht mit den Leuten, trinkt und raucht, fast wie in einer Bar. Es gibt Essen und Snacks, gesungen wird auch. Der Master von der Couch aus, das Mikro lässig in der rechten Hand, der linke Arm hat übersehen, dass die Verschränkung der Arme bereits aufgelöst ist und hängt verloren, quer über seinem Bauch. Sein Song: „I will always love you“ von Whitney Houston. Erstaunlich. Ich krieg meinen Mund deswegen kaum zu, Wilmer seinen beim Singen nicht. Mit einer betörenden und fesselnden Mimik gibt er jeden seiner Songs aus vollem Herzen wieder. Die beiden heimlichen Stars sind aber der Messman und der Bosun, die sich mit oraler Euphorie und vokaler Leidenschaft hinter das Mikrophon klemmen und ihr tonales Können gekonnt in den Zuschauermassen zelebrieren. Auf der wahllosen Punktskala liefern sie sich ein Rennen um die 98 Punkte, was die anderen mit aufbrausendem Jubel quittieren. Je schneller die Uhr auf zehn Uhr stürmt, umso langsamer und melodischer wird die Songwahl. Wind of Change, gesungen vom Messman, der auch in einer Heimat in einer Band sind, outet sich als großer Fan der Scorpions. Der Hauch der Veränderung leitet mit nochmals 98 Punkten das Ende des feuchtfröhlichen Samstagabendspektakels ein und zu Hintergrundgeplänkel bleibe ich mit dem Bosun sitzen, der heillos putzig betrunken ist und mir von Biringanisland vorschwärmt, seiner Heimat und seinem Paradies, das man mal gesehen haben muss.

Crew 1Hier hätten sich auch schon ein paar andere Deutsche zur Ruhe gesetzt und ich soll unbedingt Biringanisland im Internet checken, dann finde ich ihn schon und sehe, in was für einem wundervollen Himmelsreich er lebt. Und wenn ich im Internet ach Biringanisland suche, werde ich alles dazu finden und sehen wie prächtig weiß und zeitlos Türkis die Strände sind. Ich müsse eben nur mal im Internet nach Biringanisland suchen. Er war so herrlich betrunken. Er war auch der erste, denn ich vor genau einer Woche auf dem Schiff gesehen habe, er ist der Seebär aus dem Bilderbuch. Jetzt sitzen wir hier, festlich betrunken, und feiern die Schönheit von Biringanisland, von der ich mich auch im Internet überzeugen lassen kann. Der Bosun ist sowas wie der Vorarbeiter und Sprecher der Crew, er ist das Bindeglied zwischen Deckcrew und Offizieren. Sein Name ist oft zu hören und zu lesen und wenn er einen Schädel hat, weil, sagen wir er hatte zu viel getrunken, dann darf er im Bett liegen bleiben und die Aufgaben einfach weiterleiten. Er scheint sehr respektiert zu werden. Er erzählt mir von seiner Familie auf Biringanisland, die sich sehen werde, wenn ich im Internet gecheckt habe, wie schön es da ist und mich dazu entschlossen habe, vorbeizukommen. Familie ist sehr wichtig, er sorgt dafür, dass seine Geschwister ihr Studium machen können, und hofft im Gegenzug, dass sie ihn in Zukunft auch unterstützen werden, wenn er alt ist. Er hat drei Kinder, eine Frau, mit der er länger verheiratet ist, als ich alt bin, und natürlich lebt seine Mutter bei ihm im Haus, sein Vater lebt auf einer anderen Insel (Nicht auf Biringanisland? Selber schuld!), mit seiner neuen Familie, kümmert sich aber rührend um seine Kinder. Er genießt es, mit mir ein richtiges Männergespräch haben zu können, er vermisst richtige Männergespräche an Bord. Ich kann nachvollziehen dass er ein Männergespräch nach der Tiefe der Stimme beurteilt, nachdem die ganzen Spatzen beim Karaokesingen Celine Dion und Carla Bruni in den Schatten stellten, den Rest speichere ich aber unter besonders komische Aussagen ab. Er erzählte mir von einer Passagierin, die so alt war, dass sie keiner wollte – so rührend betrunken – und mit der konnte man auch nicht reden, da man sie zum einen kaum gesehen hat und sie nur in ihrem Zimmer saß und zum anderen war ihr English keines, dass man so bezeichnen dürfte. Biringanisland darf sich allerdings glücklich schätzen, in ihm einen würdigen Vertreter des Englischen zu haben, der dazu in der Welt noch Werbung für das sagenhafte Eiland macht, indem er hartnäckig darauf verweist, dass man im Internet einfach nur Biringanisland eingeben muss und man wird sofort von der Sehnsucht erfasst. Sein heutiges Sprachvermögen wird allerdings von einer schweren Zunge gebremst, nur unterbewusst, schon fast intuitiv, höre ich Biringanisland immer wieder kristallklar.

Ich entscheide mich, mich morgen nicht vom Frühstück beeindrucken zu lassen, bleibe aus unerfindlichen Gründen bis um vier Uhr wach im Bett liegen.

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