Ich schlafe bis mittags, erkenne den Sonntag als solchen an, alles sein zu lassen und nichts zu tun. Nichts für den Tag vorzunehmen, keine Pläne zu schmieden, mich einfach gehen und treiben lassen.
Nach dem Mittagessen lege ich mich wieder hin, döse gemütlich weg und werde mit fünf Minuten Vibrationsarmut beschenkt. Irre, wie schnell man sich an das ständige Wanken, Eiern, Rollen, Schaukeln, Wippen gewöhnt hat und sobald es weg ist, erfreut man sich der Stille, spürt erst wieder, wie zärtlich sie ist. Als ich davon anfange mir auszumalen, dass das noch länger andauern kann, weil im Raum des Chief Engineers neben mir pausenlos das Telefon klingelt, ruckelt die Kurbelwelle wieder los, das Klingeln verstummt und ich hole weiter mein Schlafdefizit auf.
Abgesehen von den mechanisch verursachten Bewegungen die auf mein menschliches Gemüt schlagen, scheinen sich Stahl und Wasser ganz gut zu verstehen. Ich bin zum einen überrascht, vor allem aber zutiefst beleidigt, dass wir uns kaum spürbar Richtung Spanien fortbewegen und das Fahrgefühl eher wie dem in einem Zug gleicht, anstatt einer Achterbahn. Nachts im Bett liegend, könnte man sehr gut meinen, in einem Nachtzugabteil zu sein, da die Geschwindigkeit sich rasant anfühlt und man förmlich durch die Nacht schießt. Eine sehr paradoxe Wirkung, da jeder Autofahrer im Stadtbereich uns fluchend aushupen würde, wenn wir so langsam vor ihm fahren. Wenn ich jemand entführe, im einen Sack über den Kopf stülpe und ihn darüber in die Irre führen will, wo wir sind, dann stecke ich ihn in diese Eignerkabine. Der Polizei wird er dann erzählen er lag im Zug nach Barcelona, während ich inzwischen schon sein Lösegeld auf Sardinen abzähle.
Heute erhalte ich von Max meine Deckeinführung und schlappe ihm gespannt die zweihundert Meter Richtung Bug hinterher. Am von der Maschine am weitesten entferntesten Punkt ist es rein physikalisch am logischsten gesehen natürlich auch am ruhigsten. Was sehr angenehm anmutet vor allem wenn die Wellen an den stählernen Rumpf schlagen und die humane evolutionäre Gewalt bändigen. Abseits der Rußschwaden haben hier die physischen Schwachstellen wie Nase, Ohren oder Mund nur mit Stahl in jeglichen Formen zu kämpfen, seien es Staubpartikel, Metallteile, Container, Rostflecken oder Ketten die es auf dich abgesehen haben auf ihrer gravitativen Reise von oben nach unten. Für mich ist es aber der bisher angenehmste Ort auf dem ganzen Schiff und ich freue mich ab jetzt Alleinbegehungserlaubnis erteilt bekommen zu haben, solange See- und Wellengang ihren Daumen ebenfalls heben. Ich habe hier meine Vorstellungen und Erwartungen schon zurückgeschraubt, eigentlich aufgegeben, nur Max versucht mich aufzuheitern, da ihm vorgetragen wurde, dass die Prognosen für die kommenden Tage Sonne, wenig Wellen und kaum Wind lauten, aber vor Gibraltar, ja vor Gibraltar soll die Hölle los sein. Bis wir da sind, hat sich die Hölle sicherlich ganz fein aus dem Staub gemacht.
Abendessen und die Erkenntnis, dass Geburtstage auf See öfters gefeiert werden, als der Crewliste zu entnehmen ist. Wieder Party denke ich mir, aber erleichtert zu sehen, dass es nur ein Filmabend ist mit Matt Damon und wie er sich gegen seinen vorbestimmten Weg als zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika stemmt und stattdessen selbstentschieden seiner einzig wahren Liebe hinterherrennt. Großer Inhalt, tiefe Gefühle und als er und seine Geliebte sich des Beischlafes ertüchtigen, springen die Filipinos auf, buhen und halten sich die Augen zuhalten, skandieren, so etwas dürfe man nicht zeigen. Ganz schlau daraus werde ich nicht, erkläre mir es aber so, dass nackte Haut bei den Filipinos Gefühle weckt, die sonst eigentlich nur in den eigenen vier Wänden hellwach sind. Als der Film vorbei ist, springt der Mauszeiger des Geburtstageskindes während der Suche nach einem zweiten Filmknüller über einen seiner Pornos, man sieht zwei ganze nackte Brüste und das Gegröle geht von neuem los, diesmal Mehr fordernd, als ob ich in einem Stripclub in Las Vegas sitze. Kapiert hab ich es immer noch nicht, und erweitere meine Sammlung an ungelöst Komischem. Der nächste Film ist schrecklich schlecht, ich komm aber nicht drum rum, mich schepps zu lachen weil im Bordkino sich alle auf dem Boden krümmend die Bauchmuskeln zerren. Die gute Stimmung nehme ich mit ins Bett, wo sie mir dann schleunigst wieder vergeht, um vier Uhr am Morgen, weil meine Gedanken meine Müdigkeit einfach überrennen. Es sind Tausende die nach überall hin rennen, einer steht da und verlangt flüsternd nach etwas Ruhe.