Ein anderes Schiff. Bei meinem morgendlichen Routineblick blitzt es in der Morgensonne auf, wir haben es des Nachtens überholt und es trennen uns gefühlte 80 Kilometer. Aber es ist da. Seit wir in Guadeloupe abgelegt haben, wird um Achtzehnhundert die Uhrzeit um eine Stunde nach vorne geschoben, hier haben die Tage inzwischen nur noch 23 Stunden. Dies ist eine sehr angenehme und langsame Zeitverwaltung, sie spielt eine komplett untergeordnete Rolle auf dem Schiff. Der Tag ist an sich ein schöner, wolkenfreier Himmel und die Sonne knallt, würde der Wind keine Abkühlung bringen, wäre es fast schon angenehm. Aber es wird tatsächlich merklich kälter, in der Nacht war es sehr frisch und die Zeit der kurzen Sachen neigt sich zu Ende. Mein Frühstück findet wieder mittags statt und mit einem Kaffee gehe ich nach vorne an den Bug, setz mich auf meinen Poller in die Sonne verbringe meinen Nachmittag hier, gelegentlich belächelt von der vorbeilaufenden Deckcrew. Die wissenschaftliche Liebestheorie eines schweizer Konservativen, der das monogame Verhältnis sich liebender Heterosexueller mit dem Kopf versucht zu beleuchten, schafft es rein, da wo es hin will. Auch dieses Buch geizt nicht mit seinen letzten Seiten, schafft aber Denkpausen über das Gelingen von gesellschaftsgerechter Beziehungsfähigkeit oder eben –unvermögen. Vor meiner Abreise habe ich die Zeit alleine und die zwangsläufige Auseinandersetzung mit mir selbst herbeigesehnt. Jetzt sitze ich hier mit diesem Scheißhaufen der sich Hirn nennt und quäle mich mit den Machtspielchen meiner Gedanken, weil ich in der Bewegungslosigkeit meines kaum schlagenden Herzens gefangen bin.
Ich gebe kurz auf, renn in die Messe, schnapp mir ein paar DVD’s und schmeiß die Glotze in meiner Kabine an. Iron Man ist doch geil, chinesische Raubkopie, die so nett ist darauf direkt in schönster Dreistlosigkeit am Anfang auch noch hinzuweisen, ich lass laufen, bis irgendwann mal nichts mehr läuft. Gut, ist eine Raubkopie, wer weiß ob sie nur die Hälfte mitgenommen haben. Nächste DVD, Horrible Bosses, Jennifer Aniston ist unglaublich sexy, da wird selbst der DVD-Player so schwach, dass der Film schon wieder im Standbild endet. Noch zwei Versuche habe ich, aber der Laser lased nicht mehr. Ich gebe mich geschlagen, kann nichts schauen, nichts lesen, nirgends hin dafür fressen, schlafen, saufen. Meine miserable Vorbereitung erwischt mich jetzt.
Dann ruft Max an, der seit heute auf dem Deck arbeitet und nicht mehr in der Küche. Er wird jetzt schon vermisst. Er sagt, ich soll runterkommen, sie spielen Tischtennis – wir hatten beim ersten Geburtstagsfest darüber kurz gesprochen, dass es eine Tischtennisplatte gibt. Ich sage ihm, dass Gott in schickte, denke an den Bitz und wie wohl er sich hier fühlen würde, Karaoke und Tischtennis, und renn runter. Wir spielen fast zwei Stunden zu Coke und Eminem und ich bin schweißgebadet. Das tut verdammt gut. So gut, dass wir morgen wieder spielen wollen, vielleicht sogar mit dem Bosun, der der Tischtennismeister auf dem Schiff sein soll. Tischtennis- und Karaokemeister. Ich denk wieder an den Bitz, schlaf um halb fünf ein, weil ich mich bis dahin die ganze Zeit auf das beste Frühstück aller Zeiten gefreut habe: Rühreier mit Speck und Käse im Toast und Mayo. Was habe ich mich in den Toast beißen sehen.