Es empfängt meine Morgenäuglein ein Tag ohne Sonnenschein. Es ist grau und kalt und soweit ich mich erinnern kann ist dies das erste Mal seit Berlin wieder so. Die Gemütlichkeit, mit der das Schiff in die graue Weite vorangleitet, erlaubt mir, ähnlich wie mit der Zeitumstellung, eine angenehme Gewöhnung an die äußeren Umstände. Dieser Effekt setzt mir positiv zu ist es doch so verschieden zu dem drüberhinwegfliegen, dem zeitsparendem Fortbewegen wo die Seele schauen muss, wie sie hinterherhechelt. In meiner Kabine, der Messe, sogar dem rußverdreckten Heckdeck und noch mehr am wellenverschlagenen Bug habe ich das Gefühl, eins mit meine Seele zu sein, sie stets bei mir zu tragen. Als ich nach draußen gehe um meine tägliche Ration frische Luft zu schnappen, eröffnet sich steuerbords ein kleines Loch in der Wolkendecke und die Sonne erstrahlt lupengebündelt einen einzigen Fleck auf dem weiten Meer. Es ist ein beeindruckender Anblick, ähnlich vielen Bildnissen in denen Menschen sich vorstellen, Gott berühre die Erde. Es fehlt nur die gestaltende Hand.
Das Frühstück wird leider seinen hohen Erwartungen nicht gerecht, aber erfüllt seinen sättigenden Zweck. Ich lege mich wieder hin, stehe zum Mittagessen wieder auf. Ich werde das Gefühl nicht los, von diesem Schiff runterzurollen. Seit längerem treffe ich den Master wieder zu Tisch und wir haben einen glücklichen Moment miteinander, ich ihm aber weiterhin seiner Ambivalenz bezichtige. Er packt eine Mango aus und eine dieser Kochbananen, die er Max aufzwang. Ihm scheint sie sehr wohl vorzüglich zu schmecken und ich lehne dankend ein rohes Stück ab. Zum Nachmittag hin drückt sich die Sonne dann komplett durchs Tagesgrau und stimmt fröhlichere Farbtöne an. Ich begebe mich in der Abendsonne zum Bug, lehne mich über die Reling und schaue Wellen und Stahl beim Squash zu. Niemals das T aufgeben, hat mich ein buch gelehrt, der Stahl bleibt standhaft stehen und wehrt sich gegen alle Angriffe. Aufgrund der Bugform hänge ich etwa 15 Meter über dem Wasser und von dort kann man relativ deutlich ins Meereswasser starren. Als Orientierung dient mir der Tampon, der an jedem Bug eines größeren Schiffes des Wasser zerpflügt. Auf einmal sehe ich Delphine. Sie kreuzen unseren Weg, tauchen unter dem Schiff hindurch und kommen auf meiner Seite raus, manche springen aus dem Wasser, in groß und in klein und ihrem Weg folgend ziehen sie wieder von dannen. Beim ersten Leib dachte ich, es wäre ein Hai und wie schön es ist, endlich mal etwas im Wasser zu sehen. Aber dann wurden es immer mehr mit ihrer unverkennbaren Schnauze und ihrer unnachahmlichen Art knapp unterhalb der Wasseroberfläche zu schwimmen. Die Tage zuvor habe ich vereinzelt fliegende Fische gesehen, wie auf der Fahrt nach Providencia, aber die waren aus der Distanz so klein, das sie wie Mücken auf dem Scheißhaufen wirkten. Die Delphine machten mich glücklich, sie zu sehen, Leben zu sehen in diesen unendlichen Wassermassen und welch Glück, sie genau hier an dieser Stelle anzutreffen. Ich hing noch etwas länger über der Reling, im Sonnenschein, nahezu windstill und dem Pflügen zusehend. Nach dem Abendessen haben wir unser Tischtennisturnier fortgesetzt, aber wir waren alle irgendwie müde. Ich legte mich diesmal in meinem Bett auf die von mir noch nicht kuhlengeformte Seite, der Größe sei Dank, und schlief direkt ein.