Der heutige Tag ist mit Highlights nur so vollgepackt. Aufstehen, frühstücken, hinlegen, mittagessen, mittagsschlafen, workouten, abendessen, hinlegen, Ansage zur letzten Zeitumstellung beachten und um drei Uhr nachts mache ich mir hellwach bewusst, dass in Kolumbien vor sechs Tagen gerade neun Uhr abends ist, also weit vor meiner eigentlichen Schlafenszeit. Die langsame, stetige Anpassung an die jetzt wieder Berliner Zeit hat meinem Schlafrhythmus heftig zugesetzt und die Schockvariante im Flugzeug erscheint mir gerade wirkungsvoller.
Außen ist es wieder grau und es wird zunehmend kälter, es weht ein starker Wind von Norden aus, seitlich auf die Portside und gibt den Wellen heute etwas mehr Elan. Trotzdem schweben wir fast sanft über den Atlantik. Auf den Navigationsbildschirmen und Seekarten ist nun der Ausschnitt dran, der den Schlund von Europa und Afrika zeigt, wie in Trichter fließt alles Richtung Mittelmeer durch die Meeresenge von Gibraltar mit ihren nur 60 Kilometern Breite. Ich stelle mir zwei Türme in Gicht und Nebel vor, auf beiden Seiten drei Kilometer in den Himmel ragend, mehrere hundert Meter im Durchmesser, der menschliche Verteidigungswall gegen all Unwetter und Ungeziefer, das der ungezähmte Atlantik anspült. Ein Warnton auf der Brücke bringt mich zurück in die Stahlromantik und der Autopilot lässt kein Zweifel daran, dass wir exakt mittig auf Kurs durch die Seestraße navigieren werden, für Träumereien hat er nicht viel übrig. Ich entschließe mich, einen aufs-Meer-schauen-Tag zu absolvieren, mit dem Ziel so viele Perspektiven wie möglich einzunehmen. Ich beginne meinen Spaziergang am Nachmittag von der Brücke nach unten, erst hinten und dann vorne in die vibrationslose Ruhe. Auf der Brücke gibt es die beiden Ausleger auf den Seiten um in Hafen an den Kai steuern zu können. Portsides ist es aufgrund der Windstärke nicht möglich zu stehen, und auf der anderen wird heute der Turm geputzt. Ich stehe also wieder drin und Wilmer spritzt die Scheiben mit seinem Dampfstrahler ab, ich schminke mir aufgrund des Frühjahrsputzes auch das Heck ab und geh direkt nach vorne. Hier finde ich meinen ruhigen Platz und fühle mich sehr wohl.
Die Sonne erbarmt sich, Wärme durch das Grau zu drücken und ich hänge über der Reling und schaue ins Wasser. Dafür dass wir eigentlich viel zu weit entfernt von der nächsten Menschenseele, bin ich überrascht, wieviel Plastik ich im Wasser entdecke. Es sind nur kleine Teile, so groß wie Dosen, aber doch auffällig genug um in Nähe unseres Schiffes aufzutauchen und den humanen Dreck zu symbolisieren, den wir in jüngster Zeit anhäufen. Dadurch bemerke ich aber erst, wie sich erneut Delphine ein Wettrennen mit dem Schiff liefern und ich bin erneut von ihrer Anmut ergriffen. Sie schwimmen vor dem Tampon (Ich find den richtigen Namen noch raus) zu viert in exakt gleicher Geschwindigkeit wie wir, springen aus dem Wasser kopfüber in die nächste Welle und machen eine Pirouette um die eigene Achse, so dass ich ihren weißen Bauch sehe. Das Wettrennen scheint ihnen keinerlei Anstrengung abzuverlangen, so dass ich mich frage, ob sie wirklich schwimmen, oder von den Wassermassen mitgedrückt werden. Der Tampon verdrängt unbeschreiblich viele Kubikmeter Wasser, seinen Zweck erfüllt er darin, 30% Energie einsparen zu können, weil er die Wellen vor dem Auftreffen auf den Bug entkräftet. Aber ob sie schwimmen, oder sich absichtlich mitdrücken lassen, ändert nichts an ihrer vollkommenen Schönheit und als sie genug haben, entgleiten sie elegant nach rechts weg ins offene, weite Meer, das nächste Schiff herausfordernd, dass ihren Weg kreuzt. Im Ziel angekommen, gehen sie als strahlende Sieger hervor, glücklich lächelnd und offensichtlich nicht gefordert von den schweißtreibenden Strapazen. Der zweitplatzierte, seines Namens Schiff und Stahlkoloss, müht sich völlig ausgelaugt das Siegertreppchen hoch, seine Anstrengungen und die Enttäuschung darüber alles gegeben zu haben und es doch nicht reichte, stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Ich Trottel eines Zuschauers gebe mich der mediatheken Sensationslust hin, renne mein vergessenes Videoaufnahmegerät aus der Einsamkeit der Kabine zu retten, in der Hoffnung ich bekomme noch eine kostenlose Darbietung für meine Mitwelt spendiert. Da sich die wahren Schönheiten des Lebens aber nur ins Herz brennen und dort für immer und ewig verweilen, muss meine minderwertige prosaische Fähigkeit genügen die Vorstellungskraft zu entflammen.
Gegen Abend hin, fängt das Schiff stärker an zu rollen. Rollen ist die Seitwärtsbewegung, die mit richtiger Beladung und entsprechendem Schwerpunkt ausgeglichen werden kann, damit das Schiff nicht zu schnell, aber auch nicht zu träge die Wellenbewegungen aufnimmt. Wenn das Schiff zu schnell rollt ist es für die Crew unangenehm und durch die starken Kräfte könnten die Container losbrechen. Ist das Schiff zu träge, prallen die Wellen seitlich an den Rumpf und verschlechtern die Manövrierfähigkeit. So habe ich es mir zumindest erklären lassen. Für morgen sind noch stärkere Winde und Wellen angekündigt, ich freue mich weiterhin auf sie. Tischtennis ist heute wegen erneuter Müdigkeit abgesagt, ich besteige den Swimming Pool und werfe ein paar Körbe.
Kein Witz, die 4×6 Meter trockengelegte Schwimmhalle hat seitlich ein Brett in ungefähr drei Metern Höhe. Einziger Wermutstropfen ist, dass der Wasserzulauf leckt und es deswegen etwas feucht ist, zum Werfen und bisschen dribbeln allemal genug. Nach dieser sportlichen Verausgabung begebe ich mich in den Newsroom, wo täglich die allerneusten Nachrichten von den Maritimenews für die jeweiligen Ursprungsländer der Crew aufbereitet werden. Statt über Panama Kanal wird über Panama Papers gesprochen und in der Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse und Neuigkeiten für Deutschland steht als zweite Headline nach dem Tod von Genscher: „Barbara Schöneberger beteuert, keine Diät angewandt zu haben.“ „Sie habe“, so der Artikel, „nur angefangen etwas Sport zu treiben.“ Ich nehme es kommentarlos hin und lese die News für zwei Tage später: „Barbara Schöneberger nimmt doch an den Echos teil!“ Sie darf nach Anraten ihres Arztes ihren Fuß für diesen Abend belasten. Nachdem sie mit ihrem Knöchel beim Schubkarreschieben in ihrem Garten umgeknickt ist, wird sie diesen Abend in Highheels schon verkraften. Das kann keiner besser orchestrieren. Da bist du als Seemann in der Welt unterwegs, einigermaßen interessiert an den Vorkommnissen in deiner Heimat und deine einzige Informationsquelle versorgt dich mit Popmusikpornos, und wie deren Hauptdarsteller sich darauf vorbereiten beim Dreh das Mikrofon oral zu befriedigen, so dass der Pöbel sich vor der Glotze einen runterholen kann. Ich bin einigermaßen deprimiert, meide die maritime Bildzeitung ab sofort und schlappe gen Eignerkabine um an grüne Wiesen, grasende Kühe und rotweiß karierte Röcke zu denken.