Stockdunkel ist es, als ich aufstehe, nicht etwa um sechs in der Früh, nein um acht Uhr und die gestrige Zeitzonenüberschreitung treibt Zeit ins absurdum. Totale innere Verwirrung. Auch sonst ist einiges viel unruhiger als sonst und das angekündigte schlechte Wetter macht dem Schiff zu schaffen. Es ist kalt und nass, die dunklen Wolken hängen tief, knapp über der Brücke, und wir steuern durch ein Nebelfeld. Wir rollen ziemlich stark hin und her und einige Ausreißer schicken die nicht befestigten Gegenstände auf Reise. Wenn ich den Gang entlanglaufe, dann besteige ich auf den 30 Metern Länge zweimal einen Hügel und renne ihn wieder runter. Der Wind auf der Hafenseite ist noch stärker als gestern und mir ist es mit meinen Slippern nicht mehr möglich die Außentreppe hochzuklettern. Die Wellen hämmern gegen den Rumpf und der Wind trägt die Gicht über die Container auf die andere Seite. Es sieht aus wie in einem Windkanal, wenn durch die Wassertropfen der Windlauf verdeutlicht werden soll. In diesem Setup sogar sehr eindrucksvoll und der Wind muss heute seine eigentlich unsichtbare Macht offenbaren. Ich gehe auf die Brücke, der einzige Ort an dem ich das Spektakel in Ruhe verfolgen kann, ohne nass zu werden, ohne zu frieren, ohne groß durch die Gegend geschleudert zu werden. Mein Körper ist ein Spielball der Ziehkräfte und meine Beine lassen mich es recht schnell spüren, wie anstrengend es auf Dauer ist gegenzusteuern und auf dem Boden verankert mein Gewicht nicht auf den Boden fallen zu lassen. Von meiner Aussichtsplattform wird deutlich, welche Ausmaße der Seegang annimmt. Wir stehen manchmal bis zu 25 Grad schräg zum Horizont, wenn das Schiff durch die drei bis vier Meter hohen Wellen pitcht (das ist das Aufschaukeln nach vorne und hinten) gibt es einen Schlag durch das ganze Schiff und man hört die Maschine, wie sie durch den benötigten Kraftaufwand heftig zu husten anfängt. In der Gegenbewegung denkt man dann, dass die Schraube aus dem Wasser hängt, so leise schnurrt der Vorwärtsdrang. Der Autopilot bekommt es nicht ausgeglichen, dass das Schiff in seiner ganzen Masse nach rechts geschoben wird, so dass der Kurs immer wieder neu bestimmt wird, um dem geplanten Routenverlauf zu folgen. Sie sagen alle, es geht noch schlimmer und ich kann ihnen nachfühlen, bin auch etwas neidisch, aber das Schiff ist mit seinen Abmessungen einfach zu groß und zu träge um eindrucksvolle Wellenritte zu liefern. Selbst ich spüre niemals ein Gefühl der Angst, dass irgendeine Bewegung zu heftig sein könnte und wir gleich samt Ladung baden gehen. Selbst wenn man auf der gegenüberliegenden Seite gerade nur Wolken zu sehen sind und im nächsten Moment nur noch der wilde Atlantik.
Am Nachmittag bin ich mit dem zweiten Offizier, einem Ukrainer, alleine auf der Brücke und er beglückt mich mit ungebremster Redelust, auch wenn manchmal mit unmöglichem Akzent. Ich frage mich immer, wie die das alle untereinander fehlerfrei hinkriegen. Während ich mich weiter immer irgendwie festzuhalten versuche, erklärt er mir unbeeindruckt alle Geräte und deren Funktionen. Neben allen möglichen Lichtschaltern, Alarmsignalen, Hornknöpfen und Scheibenwischerreglern gibt es die beiden Radare, kurz und lang, und die Navigationsbildschirme. Auch eine Übersicht aller technischen Funktionen der Maschine gibt es hier oben, auch wenn sie acht Stockwerke tiefer von den Ingenieuren bedient wird. Auf den Bildschirmen kreuzen wir eine Passage von Nordeuropa nach Westafrika und auf der digitalen Karte sehe ich unzählige andere Schiffe. Es ist, wie wenn man im Gras an einer Autobahn steht und auf die andere Seite will, mit geschlossenen Augen, einem mutigen Schritt durch die Stahlkarossen. Mit einem dezenten Mausklick wird mir die Skalierung erst bewusst und die Schiffe trennen nicht weniger als zwölf Seemeilen, oder eben mehr. Selbst bei guter Sicht muss ich wohl bis Gibraltar warten um andere Schiffe zu sehen.
Da den Ukrainer die Geschehnisse seiner Wache nicht weiter beunruhigen, versorgt er mich mit Kaffee, Zigaretten und Geschichten. Seit 26 Jahren fährt er zur See, geht in Barcelona von Bord um nach zwei Monaten in Jakarta eine Asienpassage zu machen. Er fuhr früher lieber mit den Bulk Carriern, die ihm mit vielen Häfen, Städten, Bars und Frauen bekannt gemacht haben. Da ist sie endlich, die Seefahrerromantik! Heute kann er allerdings nicht mehr entscheiden, auf welche Schiffe er kommt, und wird nur noch mit Containern verfrachtet. Einmal hat er mit einer Frau auf einem Schiff zusammengearbeitet, einer jungen Schweizerin, die gut aussah und ununterbrochen geredet hat. „Butiful wuman, bat tu matsch tolking.“ Wieso gerade eine Schweizerin Salzwasser schnuppert ist dem alten Sowjet noch immer ein Rätsel, da der Alpenstaat bekanntermaßen berühmt für seine Frachthäfen ist. Er löst es aber für sich so auf, dass er denkt, sie sei die Tochter eines Reeders gewesen. Die Eigner selber kommen natürlich kaum an Bord, da sie mit ihren Yachten und Segelschiffen ihre Wege machen, wogegen ich keine Widerrede finde. Auch sonst hatte er nicht viel mit Passagieren zu tun, vor allem keine in Asien und in Afrika. Afrika ist schrecklich zu fahren, die Häfen gefährlich und eigentlich kann man den Turm nur mit Guards verlassen, wenn er nicht sogar komplett die ganze Zeit verschlossen bleibt. „Fackt ap.“ Seine schlimmste Passage ist für ihn aber Panama wegen der Sonne und der Hitze. Vor 20 Jahren, in seinen Anfängen, musste er dort einen Monat lang ankern, um die Maschine zu reparieren. Sie sollten von Vancouver nach Israel übersetzen als kurz vor dem Kanal ein Feuer im Maschinenraum ausbrach und alles in Rauch und Flammen gehüllt war. Es kam zum Glück schnell Hilfe, das Feuer konnte ohne ernste Verletzungen gelöscht werden, reparieren mussten sie das Schlamassel an der Maschine aber selber. „Weri fackt ap.“
Er ist auf Wale gestoßen im Pazifik, Delphine begleiten die Schiff eigentlich immer und in der Nordsee mussten sie zwei verheirateten Walen ausweichen, weil sie sie sonst gerammt hätten, und das wolle man ja trotz striktem Zeitplan auch nicht und schmeißt seine Kippe ins Meer. Als ich ihn frage, ob er auch mal in einem heftigen Sturm geraten ist, erzählt er mir vom indischen Ozean, wo sie in einen Wirbelsturm geraten sind, der zwei Container aus der Verankerung riss. Er beschrieb mir, wie man das Stahl hat zittern hören (fehlte nur: vor Angst gezittert) und das Schiff gegen die Windhiebe ächzte. Ein echter Seefahrer und nachdem wir die zweite Schachtel Zigaretten geöffnet haben gibt es wieder Kaffee, „Bräkfäsd forr Tschambions.“ Dann muss er arbeiten und bei mir drücken Nikotin und Koffein gemeinsam die gestrige Kohlroulade in einem Stück raus. Verkohlte Kohlroulade und der zuvor mit Lob geehrte Luftzug erweist sich als Boomerang und trägt die Gicht ganz seinem großen Bruder über die Container von links nach rechts. Der nimmersatte Ekel und die kindliche Freude darüber, in der Abgeschiedenheit nicht von Moral und Manier geohrfeigt zu werden.
Ich verbringe das verbleibende Tageslicht weiterhin auf der Brücke. Das tantrische auf und ab von Wasser und Stahl befriedigt vorerst meinen Durst nach übermächtigen Tsunamiwellen, wenn wir hart backbord begegnen müssen um nicht plattgewalzt zu werden wie Tagliatelle. In der Abendsonne werde ich mit einer absurden Wetterlaune verwöhnt. Achtern durchbricht die Sonne den Grauschleier und erhitzt meine Waden, dass jedem Bayern vor Neid die Lederhosen platzen und eineinhalb Meter weiter oben wird mein Gesicht vom Wind getrieben mit gefrierender Nässe benetzt, mein Flaum bricht unter der Last der Eiszapfen. Lange verkraftet mein Körper den Temperaturunterschied von 30 Grad Celsius nicht und gibt mir zu verstehen, dass ich mir eine einheitliche Klimazone suchen soll. Ich gehe wieder rein, schaue doch nochmal nach anderen Schiffen und erblicke im Fernglas eines. Die Black Pearl mit pechschwarzem Rumpf mit einer blutroten Superstructure blitzt aus dem Nebel auf und ist sofort wieder verschwunden. Die Mystik wird durch den echten Namen entwurzelt, der selbst im Fernglas noch zu lesen ist, weil er über die komplette Länge des Rumpfes eingraviert ist: Torm Guya. Noch ein Monster für Lus Kartenspiel.
Gegen neun Uhr abends rufe ich den Messman an für eine Partie Pingpong. Er geheißt mich in seine Kabine. Dort empfängt er mich mit zwei Kumpanen, durchaus weit älter als er, und sie schauen einen Film, ein Bier signalisiert, ich solle mich dazu setzen. Es ist ein als Liebeskomödie deklarierter philippinischer Streifen mit mir natürlich unbekannter Sprache und Starlets, suptitulos. Ein Gangster bemüht sich um eine ehrliche Frau, die es in sein herz geschafft hat. Es kommt zu ulkigen Kampfszenen, die überspitzt toniert sind und selbst Messerschwingereien sind übertrieben nachvertont. Bud Spencer, Terence Hill und meine Kindheit protestieren auf Urheberrechtsverletzungen. Die Filipinos lachen sich mehrmals krumm. Wenn es zu zärtlichen Szenen zwischen den Geschlechtern kommt passiert ähnliches wie beim letzten Filmabend und die weit von den Familien lebenden fangen an die Gefühlsäußerungen ins Lächerliche zu ziehen, die älteren schnalzen maßregelnd mit der Zunge. Dann nimmt der Film eine etwas härtere Wendung, eine Frau wird missbraucht und in Gefangenschaft mehrfach vergewaltigt. Zu meinem Widerwillen wird dies mit Applaus und Freude von den anderen Zuschauern honoriert. Die Runde erstrahlt in fröhlichem Lächeln und ich versuche mir einzureden, dass die Jungs die filmische Handlung stark von ihrer Zuneigung zu Frauen unterscheiden können. Der Film endet natürlich trotzdem mit Happy Ending, statistisch gesehen lässt sich der kulturelle Unterschied zu westlichen Happyends vor allem damit erklären, dass es nicht einen einzigen Kuss im Film zu sehen gab und einzig die Vergewaltigungsszene zeigte weibliche Körperteile zwischen Knie und Hals. Ansonsten waren die Damen entsprechend zugeknöpft und die Herren dieser degenerierten Geschlechtervorstellung spielten Schaulaufen mit Muskelpartien die man sonst nur von ehemaligen kalifornischen Gouverneuren kennt.
Mein Unverständnis der philippinischen Sprache und Gewaltmentalität konnte ich damit überspielen, dass ich mich auf meine Umgebung konzentrierte. Die Kabine vom Messman, und auch aller anderen Crewmitglieder war nicht einmal halb so groß wie meine. Der Boden ist mit Linoleum ausgelegt, es gab einen Tisch, ein Bett mit nur einem Meter Breite, ein Sofa mit Lederimitatbezug, hinter mir ein Schrank, natürlich Toilette und Dusche, aber wirklich geräumig waren die maximal zehn Quadratmeter nicht. Er hielt sein Zimmer auch recht chaotisch in Schuss, sprichwörtlich macht er seinem Namen alle Ehre (wenn man die Doppeldeutigkeit von Mess hinzuzieht). An den Wänden hat er, nicht zu knapp, alle möglichen Bilder von Mutter Maria aufgehängt, die ebenfalls schwer erträglich mit den zuvorigen Reaktionen auf die weibliche Herrschaft in Einklang zu bringen sind. Allgemein hat er nicht viele Kleider mit sich, was angesichts seines Arbeitsaufwands in Dienstgewändern auch nicht nötig macht. Sein Vertrag geht über zehn Monate, in denen er eigentlich komplett durcharbeitet, von sechs Uhr morgens bis mittags um eins, zwei Stunden Pause und nochmal bis 20:00 Uhr, oder eben so lange, bis die Küche sauber ist. Hier hilft er hauptsächlich aus, putzt aber auch die Kammern der Offiziere, hält die Lagerräume inventurgerecht und ist für die Reinlichkeit der öffentlichen Örtlichkeiten zu begeistern gewesen. Das ganze sieben Tage am Stück, die letzten neuneinhalb Monate auf See. In Barcelona, so sieht es sein Honorarvertrag aus, geht er mit vier weiteren seiner Lands- und Leidensmänner von Bord in den wohlverdienten – längst überfälligen – Urlaub mit seiner Familie in seiner Heimat. Neben mir liegt auch schon sein gepackter Koffer und er freut sich immens von diesem Schiff runterzukommen. Diesem diente er, ohne jemals eine Miene des Verdrusses zu zeigen, als Messman, dem untersten Rang, dem härtesten Job und der miesesten Bezahlung. Warum nur gehören in unserer Welt, seit Menschengedenken und seit es Arbeit, ob nun durch Versklavung oder gegen Bezahlung, diese drei Attribute unweigerlich immer zusammen?
Nach seinem Urlaub wird er von der Firma befördert und wird seinen nächsten Vertrag als Chief Cook antreten und die Illusion einer gerechten Welt, in der jeder alles erreichen kann, wurde befriedigt. Die Arbeitszeiten in der Gastronomie sind auch auf dem Schiff immer ein bisschen anstrengender, dafür bekommt er etwas mehr Aussteuer und das Prestige, die Mäuler der anderen stopfen zu dürfen. Glücklich macht ihn aber am meisten, dass er dann der jüngste Chief Cook der Firma ist. In Manila hat er eigentlich Informatik und IT studiert, aber damit verdient man erst Recht kein Geld (Das Durchschnittseinkommen auf den Philippinen beträgt ein Sechstel von dem was er auf dem Schiff macht – 1.200 USD). An Bord gibt es einen weiteren ITler, zwei Grafikdesigner, einen studierten Historiker, alle aus dem Inselstaat in der Südsee. Dort garantiert das Studium jedem den sozialen Aufstieg in die uns umgebende Stahlzelle.
Nach dem Film schauen wir uns noch ein paar Musikvideos an und die Filipinos sind fasziniert davon, wie schnell man mit dem Zug in Berlin sein kann. Ich verabschiede mich in die Nacht mit dem Gedanken, dass diese zehn Monate in dieser Kammer, in diesem Turm, ohne Landgang, ohne Tag Pause für sehr viele Menschen, mich eingeschlossen, eine harte Prüfung wind, mit der man sich zwar irgendwie arrangieren wird, die aber auf ihre Art Spuren hinterlässt. Die Macht der Charterer über die Filipinos ist indes so groß, dass wenn diese einmal einen Vertrag ablehnen, sie keinen weiteren mehr angeboten bekommen. Wenn der Messman Pech hat, kann es sein, dass er nach einer Woche direkt wieder auf ein Schiff muss. Im schlimmsten Fall kommt er erstmal auch gar nicht mehr davon runter.