Der letzte blaue Seetag begrüßt uns mit feinstem Sonnenstrahlen, leichter Bewölkung und einer noch aufzuheizenden Kälte. Mich packt die Freude auf Hafeneinfahrt, bei freier Sicht, soweit mein Auge zu sehen vermag. Ich stehe ungewohnt früh auf, mache meine Dehnübungen und erkunde heute die Bugdeckung, klettere die Leiter hinauf, kämpfe mich durchs Schmierfett der Heavywaveschleuse und stehe auf einer terrassenähnlichen grauen Stahlhaube ganz vorne. Es ist der Mercedesstern des Schiffes, der mit Abstand friedlichste Ort auf diesem Wasserschlitten. Die Wellen plätschern leise, die Sonne vereinnahmt den ganzen Platz, kein Fleckchen Schatten. Wir gleiten wie auf Schienen über das Wasser, kaum eine Welle ist zu spüren. Ich ärgere mich, dass ich hier noch nicht früher hingekommen bin, spare mir noch ein bisschen Freude über die Oase für den Nachmittag auf, da meine Haut nach zehn Kabinentagen die Sonne erst wieder anständig begrüßen muss. Erste Landstriche werden für vier Uhr am Horizont angekündigt.
Aus meinem Mittagsschlaf muss ich mich wachzwingen, laufe verdutzt durch die Deckreinigende Crew und sehe ganz in der Ferne die ersten Gebirgsketten Marokkos. Keine Wolke am Himmel verstellt den Blick, ich packe meine Sachen, eile von der Ungeduld der Aussicht getrieben nach vorne und schaue auf die Einfahrt zur Straße von Gibraltar. Der Verkehr nimmt zu, die Zivilisation grüßt mit Kondensstreifen am Himmel, die die Wege der Ferienflieger zeichnen, alle Arten von Frachtern und Tankern, die Fähre nach Gran Canaria kommt uns entgegen. Mich ergreift die Freude des Abkommens, es ist der Sinkflug zur Landung, die Ansage des letzten Bahnhofs, wir fahren unter dem Schild der Autobahnausfahrt hindurch, dass Algeciras ankündigt, nach dem wir die letzten Tage nur an den Kilometerangaben vorbeigezuckelt sind. Die Zeit vergeht wie im Flug mit alle der Bewegungstragik, die wie Fixpunkte, eine Einschätzung unseres eigenen Fortbewegens wieder ermöglichen. Durch das Abendessen wird mir eine halbe Stunde geklaut, ich frage mich, warum ich es nie in Betracht zog, einfach eine Mahlzeit am Tag auszulassen.
Ich gehe auf die Brücke, hier herrscht ungewohnt hektisches Treiben. Auf dem Zwölfmeilenradar werden in dem digitalen Meeresblau mehr als 20 Schiffe geortet, Land ist noch keines, in gelblichen Farbfeldern dargestellt, zu sehen. Europa und Afrika trennen an der dünnsten Stelle etwas mehr als 40 Kilometer und wir
halten immer noch perfekt zentriert darauf zu. Marokko kommt als erstes deutlich näher, der Berg Moses (Jebel Musa) erhebt sich auf knapp 900 Meter, wir fahren an der Hafenstadt Tangier vorbei, die Kräne sind alle nach oben geklappt und stehen still. Hinter Tangier erheben sich die Hügel mit Wäldern und grünen Wiesen, von denen ich niemals annahm, dass es in Marokko welche geben würde. Der Schiffsverkehr nimmt immer mehr zu, es ist Rushhour. Alle auf der Brücke konzentrieren sich auf die uns kreuzenden, zahllosen Fähren, die Mensch und Maschine zwischen den Kontinenten verbinden. Auf der linken Seite erhebt sich der markante Felsen von Gibraltar, als Pendant zu Goliath in Afrika, die Meersenge als Kampfarena der Erhebungen.
Die von den Briten kontrollierte Landzunge begrenzt die natürliche Hafenbucht, auf der spanischen Seite hingegen wurde einer der größten Containerhafen der Welt hochgezogen. Vor uns reiht sich ein Schiff ein, über dessen Ausmaße ich bisher nur in den Nachrichten lesen durfte. 400 Meter Länge manövrieren knapp 16.000 Container ins Hafenbecken und die Brücke überspannt in 70 Metern Höhe die gesamte Breite des Schiffes, etwas mehr als 60 Meter, die Abmessungen unseres Bootes werden einfach verdoppelt. Unbeschreiblich gewaltige Ausmaße und Mengen an Gütern von denen ich keine Vorstellung hatte, was wir alles um den Globus tragen.
Die Hafenszenerie versetzt mich in den Weltraum, in welchem in ähnlicher Weise und Utopie Raumschiffe diesen Ausmaßes gleichwohl ruhig und gemächlich durch einen Raum gleiten, der so viel Potential an Horizont eröffnet, das das Erstaunen über menschliche Schaffensqualitäten entflammt wird. Ich kann mich an nichts vergleichbares bewegliches an Land erinnern gesehen zu haben, dass diese Dimensionen hätte, Dimensionen die erst mit freier Sicht ihre Größe entfalten. Es kommt die Pilotin an Bord, auf Brücke und staunt mit dem Master über den Giganten vor uns, hinter uns ziehen zwei weitere Richtung offenen Atlantik an uns vorbei, auf dem schnellsten Weg vom Indischen Ozean in den Golf von Mexiko. Wir folgen der uns vorgefahrenen Route, die Pilotin erklärt uns, dass wir hinter dem Ozeanriesen und vor einer Nussschale, die halb so groß
ist wie wir, anlegen. Einparken wäre der trefflichere Begriff, es ist eine Parklücke, wie bei der Fahrprüfung. Zum Koloss sind es zwölf Meter, zum Vordermann glücklicherweise drei mehr. Rückwärts in drei Zügen wird uns zwar nicht aufgetragen, dafür schaffen wir es in zwei, die Schlepper schieben uns seitlich an den Kai, nochmal volle Kraft voraus, damit wir den Tampon der Seaqueen mit dem klangvollen Namen ‘CMA CGM Kerguelen’ nicht vollsauen.
Die folgenden fünf Stunden nahm ich nur benommen wahr, da ich erschlagen bin von all den Geschehnissen hier. Algeciras ist der Heimathafen unseres, und so vieler anderen Schiffe, geographisch perfekt gelegen. Hier wird getankt, Essen aufgeladen, Müll entsorgt, Farben und Materialen finden ihren Weg an Deck. Parallel werden die Container aus der neuen Welt gelöscht und neue wieder geladen, das beginnt noch bevor alle Taue festgezurrt sind und das Schiff an den Kai kleben. Der Hafen ist sehr modern, in seinen Abwicklungsleistungen schneller und effektiver als Hamburg und die ganze Bucht ist darauf ausgerichtet, ihr Leben nach dem Hafen zu richten. Das System wird mir als halbautomatisch beschrieben, aus dem ‘Lager’ werden die Container voll computergesteuert nach vorne zum Kai gehievt, über Ladekräne von denen es pro Reihe zwei gibt, bei 15 Reihen. Dort abgelegt werden sie von drahtigen Metallspinnen mit sechs Rädern abgeholt und hinter die Schiffsladekräne gebracht, die doppelt so groß sind wie in Guadeloupe.
Die Anlegestelle in der Karibik erscheint mir im Vergleich überhaupt völlig steinzeitlich, wenn ich es mit diesem sterilen Operationstisch hier vergleiche. In der subtropischen Hitze der Gemütlichkeit liegen 4 Container aufeinander zum Bräunen in der Sonne, hier werden diese aufs doppelte gestapelt und unter den gemieteten Sonnenschirmen ist kaum mehr Platz um sein Wasserglas abzustellen. Dort gibt es Strandliegen in 30 Reihen, hier hat jeder vollautomatische Ladekran alleine acht unter sich aufgereiht.
Der Stress ist gewaltig, ausnahmslos alle sind genervt, ob an Land, oder an Bord. Alles was sich irgendwie mechanisch bewegt, gibt einen Signalton von sich, der an den Wecker im Morgengrauen nach einem Vollsuff erinnert, alles ist ständig in Bewegung. Bis um neun Uhr morgens sollen wir liegen, ich denke gar nicht an Schlaf, da meine Augen durch die Schlaflosigkeit so oder so zutiefst gerötet sein werden. Die Geräuschkulisse schneidet mir den Weg zu meinem analytischen Denkversuch ab, wie diese Container ihren Weg dahin finden, wo sie hinsollen. Während vorne in nerv tötender Geschwindigkeit Lego gespielt wird, geht es hinten weitaus gemütlicher zu, da der schiffseigene Servicekran zum Glück nicht mehr hergibt.
Chief Cook und Messman freuen sich auf frisches Essen, Gurken, Tomaten, Salat und Karotten sind aufgebraucht. Leider sind auch wieder Pommes bestellt. Ich freue mich mit, da ich beim Entladen helfen darf. Selbst so eine bescheuerte Tätigkeit wie Kisten schleppen, muss der Master absegnen, er begründet es mit den versicherungstechnischen Gründen und dass ich entsprechend aufpassen soll. Einmal meinte er zu mir, wenn ich Drogen dabei hab, dann soll ich sie vor Algeciras entsorgen, weil er sonst in den Knast kommt, wenn an Bord welche gefunden werden. Es schien ihm egal zu sein, wie die Drogen ‘entsorgt’ werden.
Mit dem Hauskran werden die Paletten durch eine Öffnung, die kaum grösser ist, ein Stock tiefer unter das Poopdeck gehoben. Von dort gibt es zwei Türen, eine zu den Kühl- und Gefrierräumen und ins Trockenlager. So geht es los, die beiden, Max und ich, nach der zweiten Palette kommt ein junger Rumäne dazu, der die ganze Zeit am Fluchen ist. Seine Sprache scheint keine anderen Wörter zur Beschreibung der schweren Kisten und Pakete zu beinhalten. Nach einiger Zeit kommt der Master, gibt dem Chief Cook die Aufgabe, alles zu kontrollieren und ob auch geliefert, was bestellt wurde. Er taucht erneut auf, diesmal mit einer ausgedruckten E-Mail vom Recruitingbüro und der Mitteilung, dass die Fünf, die in Barcelona das Schiff eigentlich verlassen konnten, erst nach dem Trockendock von Bord gehen dürfen. Da dies den Messman betrifft, alle anderen aber sehr gut nachfühlen können, wie es ihm geht und das es sie auch treffen kann, oder schon hat, ist die Stimmung direkt im Eimer, der Rumäne ist ins englische gewechselt und kennt jetzt nur noch das Wort Motherfucker. Der Messman ist offensichtlich geknickt, hatte er gestern nach unserem Kinohighlight noch seiner Familie gemailt, dass er bald kommt, wendet sich aber pflichtbewusst dem auspacken zu und lässt sich auch bald nichts mehr von seiner Trauer anmerken. Die Welt, in der das Recruiting in Polen verwaltet wird, der französische Charterer die Drittgrößte Reederei der Welt ist, der Eigentümer norwegischer Herkunft entspringt und die Geschäfte aus Deutschland in der Hamburger Elbchaussee geführt werden, ist heute für ihn zusammengebrochen. Draußen der Stress und der Zeitdruck, hier unten die Machtlosigkeit und das Heimweh, gefordert vom einundzwanzigsten Jahrhundert um Mensch und Material dahinzuschicken, wo ihnen der Größte Gewinn ausgesaugt wird.
Wir verstauen alles, was die Paletten hergaben, der Master taucht noch ein paar Mal auf, weil Zigaretten und Whisky fälschlicherweise hier unten gelandet sind. Die letzte Ladung ist die Einkaufsliste des Slopchests, der sitzt im Bond Store, ich nennen ihn fälschlicherweise Bondage Store, als ich frage wo wir hinmüssen, ein Fehler, den keiner so sieht. Hier werden Cola, Fanta, Bier Rauchwaren und Süßigkeiten gelagert, ich schiele auf das Paket mit der Rittersport Nusstrauberum. Der Master dankt uns fürs schleppen und übernimmt die Bestellannahme höchst persönlich, es erklärt auch sein unbestimmtes Treiben bei den Essenlagerräumen, da er von der Angst zerfressen ist, auch nur eine Zigarette könnte unentgeltlich zur Lunge geführt worden sein. Ein Mark-, Bein- und Stahldurchdringender Aufschrei hämmert gegen unser Trommelfell, der Chief Cook stellt gerade verzweifelt fest, dass die bestellten Tomaten nicht geliefert wurden.
Es ist schon nach Mitternacht, erste Spekulationen machen die Runde darüber, dass wir schon in einer Stunde mit dem Laden durch sein könnten. Ich beobachte einen übertrieben nervösen, kleinen Spanier, der wie gestochen alle verrückt macht, die er zu fassen kriegt. Die Hektik ist mir zu viel, ich lege mich in die Kabine, döse kurz weg und als ich wieder wach werde, fahren wir gerade schon wieder los, es ist halb drei Uhr morgens. Das war also ein Industriequicke: Der stählerne Dauerständer mit seinen wertvollen und rastlosen Spermien ehelicht seine fette, spanische Konkubine. Schnell verdientes Geld für sie, die es auch leicht hatte – nach acht Tagen einsamen Seemanns.