9. April

Das Mittelmeer präsentiert sich aalglatt bei gewohntem Sonnenschein. Hier zwischen Spanien und Marokko ist der Verkehr stromlinienförmiger, parallel ausgerichtet, wie auf einer Autobahn begegnen sich unzählige Schiffe, überholen einander, der Radar ist voll von Punkten und ihrem Wasserschweif. Wir, unseres Zeichens mit der vom Charterer ausgestatteten Lizenz zum Rasen nehmen die linke Spur, lassen Tanker und Bulker rechts liegen und ich sehe immer mehr Lastkraftschiffe von 400 Metern, von denen mir bisher nicht klar war, dass es überhaupt so viele gibt. Dieser Abschnitt zwischen Suez-Kanal und der Straße von Gibraltar birgt bald Staugefahren, wenn es im internationalen Handel von Gütern so weitergeht, dass man sich ein Kleeblatt im irländischen Frühling bestellt um damit im Neuseeländischen Winter die Schafe zu füttern, auf das sie wollig gedeihen und sprießen, damit die im südafrikanischem Herbst, die zupfenden Finger Minderjähriger nicht verkleben, weil der schwedische Winter nur kuschelig warm weitere Bestellungen ermöglicht. Der Containerfrachterbranche soll es nicht so gut gehen zurzeit, zu viele Schiffe, für zu wenig Nachfrage. Der Aufschrei lautet: Bitte kauft doch mehr, sonst rentieren sich unsere vier Fußballfelder nicht.

Ihr Wirtschaftsfeld gestalten, so entnehme ich löblich den Maritimenews, die Tankercharterer besser. Da sammeln sich nämlich vor dem Iran, dass seit dem Embargoende massenhaft Öl exportiert, ähnlich massenhaft die mobilen Tankstellen um abzupumpen, was ausgelaufen ist. Iran, das Land mit dem viertgrößten Ölvorkommen der Welt spült billiges Öl in die Welt und der Hafen von Bandar Abbas kann das Tankeraufkommen nicht mehr bewältigen, es kommt zu Wartezeiten von bis zu drei Wochen. Die benachbarten OPEC-Staaten streben bereits Beschwerdeverfahren an, da ihre Häfen auch voll sind mit Öl, die Tanker aber ausbleiben, da sie sich an die Gesetze der Marktwirtschaft halten und ihnen somit kein illegales Verhalten vorzuwerfen ist. Der Ölpreis scheint indes weiter zu sinken, und immer mehr Tanker saugen sich wie die Moskitos voll mit dem Blut der Weltwirtschaft, stechen in See, werfen Anker und warten darauf dass ein entsprechend gewinnbringender Preis bezahlt wird. Die Lager an Bord für Essen und Getränke sind für wochenlanges belagern der Rohstoffburgen gerüstet. Der Markt eitert und es bilden sich hässliche Blasen, die Versorgung mit Medikamenten zur Heilung der neusten Viren – nach Zika –  der die Menschheit zu vernichten droht, stockt, aber die Spekulanten verzeichnen immense Gewinne und sonnen sich an den Pools und züchten weiter neue Larven. Den armen Nachbarn bleibt nichts Weiteres übrig, als am Strand des Persischen Golfs zum Horizont zu blicken und den  mit dem gleichen, unglücklichen Schicksal behafteten Matrosen herzlich zuzuwinken.

An Bord sind wieder alle beschäftigt, oder immer noch? Die meisten haben die Nachtschicht in den Samstagmorgen verlängert, und werden auch noch bis in den Nachmittag, bis kurz vor dem Abendessen um 17:00 Uhr auf den Beinen sein, um dann ins Wochenende entlassen zu werden. Sie alle machen Ihre Lohnzettel mit Überstunden voll, was sollen sie auch anderes machen als die Kessel mit Geld zu scheffeln. Beim Master wird bereits die neunte Stunde als Mehrzeit angerechnet, ein Ordinary Seaman darf sich ab der zwölften Stunde seinen Extralohn nach Hause zur Familie schicken lassen. Sechs arme Matrosen, von den Kadetten bis zum Messman, sind hiervon jedoch ausgenommen und lesen jeden letzten eines Monats die gleiche, eintönige Zahl. Bei den grundsätzlich geringen Ausgaben an Bord bleibt somit zwar relativ viel hängen und Landgänge, die den Geldbeutel schrumpfen lassen, sind ebenfalls fast unmöglich. Fairerweise muss man hier dem Master anrechnen, dass er sich auch oft mit mehr als acht Stunden Papierarbeit begnügt, auch der erste Offizier geizt nicht mit Anwesenheitsstunden und ihm haftet mit der Überwachung und Kontrolle der generellen Fracht am meisten Verantwortung an. Für alle gilt, zumeist sieben Tage am Stück, jeden Tag ihres Vertrages.

KunschtIch vergnüge mich heute wieder auf dem Bugdach, zur Sonne gesellt sich Wärme. Algeciras hat jedoch ein stressiges Geschenk für mich geladen. In erster Reihe steht ein Kühlcontainer, der mir die Ruhe raubt mit seinem Lüfter, der durch die Hitze fast minütlich anspringt. Die harte Nacht steckt allen in den Knochen, hat alle etwas überrascht nach der langen Überfahrt durch die Einsamkeit. In den nächsten Tagen jedoch stehen viele Häfen auf dem Plan, mehr Zeit am Kai als auf dem Meer. Wir steuern auf Livorno zu, dann Genua, danach Fos-sur-mer östlich von Marseille und abschließend nach Barcelona, wo das Schiff leer sein muss um im Trockendock gewartet zu werden um dann von einem neuen Charterer übernommen zu werden. Man munkelt, es sei Maersk, dem größten Reederei auf unserem Erdball. Dieser ändert auch den Namen des Schiffes, was allem Aberglauben der maritimen Nostalgie einiger Hobbykapitäne zum Trotz kein größeres Pech nach sich zieht. Das Crewverbindende und atlantikquerende  Gesprächsthema wird mir erst durch die gestrige Nachricht verdeutlicht. Keiner weiß wann und vor allem wo das Schiff in den Trockendock geht, es kann überall sein. Einer wünscht sich Polen, der andere Türkei, keiner will nach Afrika, da sind sich alle einig. In der Hand haben sie es selber aber nicht, dass entscheidet das skandinavische Konsortium aus Eigner und Charterer. Für die Crewmitglieder, deren Verträge bis weit in den Sommer reichen, ist die Diskussion darüber zweitrangig, für die gestern gesteinigten werden die zwei Wochen Zugabe eine unmotivierte Zeit sein, da sie sich bereits auf ihre Heimat, ihre Familien und den wohlverdienten Urlaub eingestellt haben.

Seefahrt 9Welche Passage der Charterer bedient, darüber mehren sich die Spekulationen Asien betreffend, oder wieder zurück nach Südamerika, Chile über Brasilien befahrend. Ich bitte Max darum, mich auf dem Laufenden zu halten. Am Abend verabreden wir uns zum Pingpong, um neun Uhr abends schlummert allerdings alles friedlich in ihren Zellen, die Crew holt den verpassten Schlaf nach. Nach Mitternacht mache ich mich in aller Dunkelheit auf meinen Bugvorsprung auf um Sterne zu zählen. In kristallklarer Nacht eröffnet sich vor mir ein wundervoller Sternenhimmel, links neben mir von der spanischen Küste her in Höhe von Valencia glimmern die sich aneinanderreihend gewölbten Lichtglocken der elektrischen Müllhalden. Rechts vor mir mitten im Nichts leistet die Insel Ibiza ihren orangenebeligen Beitrag zum sternenarmen Himmel über menschlichen Anhäufungen des neuzeitlichen Zusammenlebens. Ein verrücktes und zudem aufhellend verwirrendes Schauspiel. Ich genieße erneut eine kurze Nacht, die mich aber nicht übermäßig zu belasten scheint. Es geht dem Ende entgegen, es fühlt sich danach an.

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