11. April

Livornos Hafen ist vor allem als Autoumschlagplatz bekannt, ansonsten recht beschaulich und italienisch gemütlich. Wir fahren am Stadtzentrum vorbei und ich sehe die für das Mittelmeer typischen Yachthäfen mit allen Arten an schwimmenden Luxustempeln. Auch typisch sind die Fähren und Kreuzfahrtschiffe, die Tagsüber anlegen, einen Stadtspaziergang erlauben und nachts zur nächsten Stadt hetzen.

Die Fähren gehen von hier fast überall hin und ich überlege mir schon, dass ich das nächste Mal nach Barcelona eben nicht fliege. Der Pilot führt uns durch eine sehr enge Einfahrt zu unserem Kai, obwohl der Hafen eigentlich direkt an der Küste liegt, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt, aber mit den Betonwällen gegen die Wellen abgeriegelt. Ein bisschen Flair des Mittelalters konnte konserviert werden, es gibt Leuchttürme aus der Römerzeit, ein Kornspeicher wirkt riesig, wie er in das Dreieck zwischen den Molen eingequetscht wurde. Man sieht die Kreuzfahrer in der Schlange anstehen, um das innere abzufotografieren.

Livorno 2Auf dem Schiff werde ich dann für den Nachmittag gefangen gehalten, da ich trotz Schengen Papiere nicht an Land darf. Die Immigration war noch nicht an Bord und wer mit dem Schiff kommt unterliegt strengeren Regeln, da die meisten Schiffe Menschen beschäftigen, die Zuflucht in unseren reichen Gegenden suchen könnten. Wofür der Master wieder in den Knast kommt und bis zur offiziellen Freigabe keinen von Bord lässt. So werden mir ärgerliche drei Stunden geklaut, die ich Pizza essend und Espresso trinkend auf der Via Grande verbringen könnte. Als Entschädigung gibt’s Schiffsküche, Lachs zum Abgewöhnen. Inzwischen gesellen sich die Feierabendler zu mir, die ebenfalls auf die Immigration warten und sich ärgern, dass sie nichts ans Wifi können. Um halb sechs ist es soweit, alle stürmen Richtung Hafentor. Max, der Bosun, der sich unserer angenommen hat, und ich, überholen alle weil der Filipino “Hey Amigo!” zu einem senegalesischen Lastwagenfahrer ruft, der uns mit nach vorne nimmt. Noch nie auf dem Frachtschiff, noch nie in einem richtigen Truck – alles abgehackt jetzt. Der Senegalese, der seit 22 Jahren in Pisa wohnt, versteht sich blind mit dem Bosun. Es sind diese Momente, wo ich mir wünsche, schlechtes Englisch zu sprechen, und nicht nachdenke, wie groß die Welt eigentlich ist, sondern nur schaue, dass ich von A (meiner Arbeit) zu B (meiner Familie, meinem Bier, meinem Internet) komme. Ich halte mich für privilegiert, dabei bin ich die arme Sau.

Crew 4Die Spelunke hat nichts an sich, was man sich unter Hafenkneipe vorstellt. Es ist ein Kiosk, die Italiener stinken gegen ihre eigene schlechte Laune an, spielen Automaten und hören Alpentechno. Es wird als Trattoria gepriesen, aber das Essen sieht schlimmer aus als auf dem Schiff. Wenn der Messman wirklich ein Mädchen hier haben sollte, dann muss er viel bezahlen, um sie hier her zu bekommen. So langsam trudeln dann auch die anderen ein, um mitgeteilt zu bekommen, dass das Internet nicht funktioniert. Ich sehe echte Bestürzung in ihren Augen, das Leben ist nicht fair. Aus einer Position heraus mit meinem Handyvertrag seit drei Tagen schon wieder Internet zu haben, kichert die Schadenfreude in mir. Dann haben wir Zeit für ein paar mehr Bier und echte Gespräche, anstatt das alle auf ihre 20 Quadratzentimeter glotzen und Nackenschmerzen davon bekommen. Es entwickelt sich eine gewisse Dynamik in die von mir gewünschte Richtung, kommt wegen der Enttäuschung, und dem ständigen kontrollieren, ob das Wifi nicht doch zufällig angesprungen ist, aber nicht ganz in Fahrt. Als der litauische Familienvater schreit, das Internet geht wieder, beginnt ein Freudenfest, geschmückt mit Jubelarien und Freibier. Ich fühl mich wie auf der Nature One und alle um mich herum sind auf Ecstasy, nur ich, ich trink mein Bier und meine Schadenfreude lacht mich herzlichst aus. Max ist dennoch mit mir und ich frage ihn weiterhin über alles Mögliche aus, da er von der Schiffadministration abseits des Meeres trotz seiner jungen Jahre am meisten zu verstehen scheint. Er darf im Unterschied zu den anderen in vier Tagen in Barcelona von Bord, fliegt einen Tag nach Hamburg, um direkt weiter nach Lissabon zu starten, wo er die nächsten sechs Monate auf einem Segelkreuzschiff durch Europa tourt. Ich muss meine erste Einschätzung von ihm revidieren, er ist bisher ganz gut rumgekommen in Europa, auch ohne seine Eltern, hat mit 17 ein Praktikum bei einer andere Reederei in München absolviert und ist eigenständig über Manchester an die schottische Grenze geflogen, um sich dort eine Universität anzuschauen, an der er vielleicht studieren will. Von Hamburg benötigt er acht Stunden. Auch St. Gallen zieht er in Betracht, er will die beste Hochschulausbildung genießen und es ist ihm nicht zu vergönnen.

Livorno 6Dann kommen ein paar Nachzügler, auch aus der Gastronomie, die sich einen späteren Feierabend erarbeiten durften, wir bestellen ein Taxi und ab geht es in die Stadt, Pizza essen, weiter Bier trinken. Um fünf vor acht steigen wir aus dem Taxi und versuchen durch die Stadt rennend noch das kaputte Ladekabel aufzutreiben, das den armen Filipino immer in die Arme des ersten Offiziers treibt, der das gleiche Modell hat, um nicht komplett zu veröden. Aber der europäische Wahnsinn, dass alle Geschäfte noch vor Anbruch der Dunkelheit ihre Tore schließen, kann unseren philippinischen Freunden nicht so recht verständlich gemacht werden. Die Stadt ist auf Heerscharen von modernen Kreuzrittern ausgelegt, eine Dutyfreezone des schlechten Geschmacks. Wir finden eine Enklave italienischer Lebensfreude, eine Fußballkneipe, gekleidet in dunklem Holz und verziert mit Mannschaftsportraits der hiesigen Calcios. Die Pizza kommt nicht im Kreis, dafür quadratisch, praktisch und vorzüglich. Unsere Italienischkenntnisse stehen Crew 6den Englischkenntnissen der Kneipencrew in nichts nach, aber die Zeichensprache füllt unsere Gläser mit goldenem Saft und schmückt den Teig mit Tomatensoße, Rucola, Parmesan und etlichen weiteren Köstlichkeiten. Eine Auswahl die unseren Gaumen verwöhnt. Wir schlingen als ob wir tagelang nicht gegessen hätten, die Filipinos freuen sich, ihre erste authentische Pizza jetzt probieren zu dürfen. Im Fernmeldeparat liegt die Roma zurück gegen Bologna, und der mit Familien vollgestopfte Laden schreit auf. Mehrere Generationen quetschen sich auf die Holzbänke und die Herzlichkeit, wie sie sich in die Backen kneifen, wird nur dadurch unterbrochen, dass das free Wifi den Messman dazu einlädt, Wrestlingclips mit seinem Kollegen zu teilen. Der dritte im Bunde chattet mit seinem Bruder in der Heimat und kriegt sich kaum mehr ein, so freudig ist das digitale Wiedersehen. Sie alle haben seit einem vollen Monat nicht mehr tippen dürfen.

Wir bleiben noch etwas sitzen, erleben die Atmosphäre des sympathischen Ristaurante – oder die weite Welt des Internets – und wollen aber dann unser Glück nochmal in einer anderen Bar zu versuchen. Livorno ist Montagabends allerdings nahezu ausgestorben. Livorno Nacht 4Wir laufen durch die Gassen und werden mit unserer Suche nicht belohnt, treffen auf ein paar Grüppchen, die sich aber am Kanal entlang auf die Mauern gesetzt haben, vor Restaurants stehen, die gerade schließen, oder ein Feuerzeug nach uns schmeißen. Wir rufen ein Taxi, um die anderen in der schmucklosen Hafenspelunke aufzugreifen um zumindest dort noch ein Bier zu schlückeln. Der Messman ahnt es schon, als wir ankommen und die anderen im Dunkeln sitzen, die Türen sind ebenfalls verschlossen, nach den Läden sterben auch die Kneipen und die Filipinos schaffen es als zahlende Kundschaft nicht, den Wirt von einer weiteren Runde zu überzeugen. Das Wifi allerdings funktioniert einwandfrei, daher sind die braunen Gesichter hellerleuchtete Punkte auf einer Terrasse mit Gartenmöbeln, die dir vorbeiziehenden Lastwagen mit den gerade entladenen Container zum Wackeln bringen. Ein kurzes Stück zuvor hab ich noch eine Kantine gefunden, die acht Bier spendet, wir sitzen noch ein Weilchen und laufen zurück zum Schiff, im Rucksack vom Messman drei Birra Moretti, die ich mir für den Weg nach Genua morgen bunkere.

Auf dem Deck lichten sich die Reihen der Container, die Cargo Holds sind offen und ich will einen Blick hineinwerfen. Der dritte Offizier hält mich allerdings zurück und sagt, der Master hat schon mit ihm gemeckert, warum ich während der Ladevorgänge überhaupt hier sei. Ich werde ins Bett geschickt, dass Schiff liegt ruhig im Hafen, in Livorno ist das zu bewältigende Arbeitspensum mein Grund für übertriebene Panik und die Nacht sagt dem Abend vielen Dank für seine frohe Tat.

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