Mein Wecker snozzed penetrant eine dreiviertel Stunde um mich wachzukriegend, aber ich will irgendwie nicht so richtig aufstehen. Zum einen drückt der Gerstensaft auf die Blase und beauftragte den Alkohol einen Scherbenhaufen an Gehirnzellen zu produzieren. Zum anderen ist heute der letzte Tag, auf See zumindest, wir planen um 18:00 Uhr in Genua einzulaufen, und ich weiß nicht recht, ob ich wirklich runter will, ob es das schon das Ende sein soll. Auf der anderen Seite freue ich mich auch riesig auf ein Stückchen Heimat, die sich im Frühling befindet, der Sommer steht bevor. Ich kann ja weitertuckern, wenn’s wieder kälter wird. Da Livorno an sich eigentlich sehr unspektakulär ist, beschäftige ich mich in meiner Kabine mit ein wenig Organisation meines Tragegerätes, telefoniere mit ein paar Menschen, deren Stimme ich schon ewig nicht mehr gehört habe und bin wirklich froh, nach Hause zu fahren.
Der Messman und Max wollen heute Abend wieder raus, ich finde es ebenfalls sehr gut, es ist fast so etwas wie Abschiedsabend. Dem Ablegen zuzuschauen fühlt sich an wie Routine, die Sonne kommt raus und treibt die Wolken wie eine Viehherde vor sich her auf die Meeresprärie. Und ehe ich es begreifen konnte, standen wir vor Genua, warten auf den Piloten und ich sitze in der Abendsonne ein letztes Mal auf meiner Bugabdeckung, die so viel Wärme und Aussicht spendete. Genua wirkt gigantisch, wie es sich an der Küste entlangzieht und das Hinterland hinaufklettert, die romanischen Häuser zieren die Stadtpromenade, eins herrschaftlicher und prachtvoller als das andere mit den hellen, elfenbeinigen Fassaden und den typischen roten Dächern. Die verzierten und verschnörkelten Fensterrähmen sind selbst aus der Ferne zu erahnen und geben den Häusern ihren unverkennbaren Stil, der mich direkt ins Mittelalter versetzt und ich mir fast bildlich vorstellen kann, wie diese Stadt damals lebendig gewesen sein muss. Eine Hafenstadt bis in die letzte Ader, von den ankommenden Matrosen, die ihren Sold in den Rachen der Wirte und die Brüste der Wirtsfrauen steckten, die Handelsfahrer, die Zimt, Tee oder Perlen an die Aristokraten verhökern, den Kapitänen, Entdeckern, Handlangern und Rumlungerern. Genua war sich nie zu schade, nur das Beste für sich zu wollen.
Und heute, nachdem wir den alten Hafen und den Palazzo San Giorgio passiert haben, öffnet Italiens wichtigster und größter Hafen seine Arme um uns zu empfangen und mit seiner Vergangenheit zu prahlen. Rechts neben uns sehen wir das Wrack der Costa Concordia, welche hier verschrottet wird, wir legen an, und die gleiche Hektik wie in Algeciras greift um sich, nur weitaus chaotischer und wilder. Die Container werden fast vom Schiff geschmissen, irgendwo hingestellt oder neben dem Schiff aufeinandergestapelt. Wenn man am Kai steht und in die Luft zu den Kränen sieht, dann ergreift einen hier die Angst, wenn der Container in 40 Metern über einem baumelt und der Kranfahrer nicht mehr weiß wohin damit, da es keinen Platz gibt. Selbst auf dem Schiff erzittert mein Kabinenboden, wenn ein Tifoso den Container gerade aus einem halben Meter auf den Boden fallen gelassen hat. Es sieht alles ein bisschen fertiger, ein wenig heruntergekommener und viel abgenutzter aus, als es bisher der Fall war. Hier haben die Hafencrews noch weniger Lust am Arbeiten, lassen ihren Frust an den Maschinen und Gütern aus, die durch ihre Hände gleiten und haben Spaß an Dellen und Krach.
Im Cargo Office versammeln wir uns dann so langsam um loszuziehen, Seamansclub soll das Ziel sein. Ein Club, eine Bar? Zumindest für Seefahrer und wahrscheinlich nur Seefahrer. Der erste Offizier hängt am Telefon und verkündet dann, dass nur die Europäer an Land dürfen, die Immigration hat heute schon zu und kann erst morgen aufs Schiff kommen. Nur morgen ist zu spät, nicht für mich, für die Filipinos und den Inder, die sich freuen, rauszukommen, so wie gestern, wo auch nicht alle dabei waren. Wir fragen nochmal nach, nur Europäer dürfen nach Europa, der Rest darf sich wieder in seine Zelle sperren und hinter sich die Schlüssel umdrehen. Sie verkraften es mit äußerlicher Ruhe und lassen sich ihre Enttäuschung einfach nicht anmerken. Sie drehen um, gehen die Treppen zurück und wir stehen zu viert da, gar nicht mehr so bereit, in die Stadt gehen zu wollen. Es fühlt sich so an, als ob sie sich daran gewöhnt hätten, scheiße und ungerecht behandelt zu werden und es deswegen mit stoischer Gleichgültigkeit über sich ergehen lassen. Max und mir versaut es die Laune, wir fahren in die Stadt, begnügen uns mit Pizza, kaufen Kekse, aber all das macht keinen Spaß und ich habe auch keine große Lust. Das war ein Knick, das tat weh so hautnah mit zu erleben. Hier kommen jeden Tag hunderte von Schiffen an, alle mit nicht europäischen Crews, weil die Verdienste auf einen Hungerlohn gedrückt werden müssen damit der Eigentümer sein Investment finanziert bekommt und die Immigration in Italien ernennt Öffnungszeiten, die es unmöglich machen den Schuftenden auch nur einen Abend Freizeit zu genießen, die nicht aus Stahl besteht.