26. März

In Turbo warte ich auf mein Schiff, in Turbo, wo es dreckig, heiß und laut ist. Klassisch karibisch und ein gutes Ende an Land. Ich treffe mich mit Germán, meinem Agenten in Turbo, der so weit alles vorbereitet hat damit ich reibungslos an Bord kann. Bei der  Migración bekomme ich meinen Ausreisestempel und während wir warten, erzählt er mir, dass er aus Medellin ist, selber Seefahrer war aber viel zu wenig dafür verdient, dass er die ganze Zeit in der Welt unterwegs ist. Jetzt wickelt er die Schiffe in Turbo ab und freut sich, wenn der Hafen, der schon seit längerem geplant ist, hoffentlich gebaut wird. Den gibt es nämlich nicht und so klärt sich all mein mit Fragen getränktes Unwissen darüber, wo das Schiff den anlegen soll und wie ich an Bord komme, erst nach und nach. Er erzählt mir weiter, während der Stempel trocknet, dass seine beiden Schwestern mit ihrem Schwiegervater in Italien, Ferrara, leben, dass alle Kapitäne sich beschweren, dass der Atlantik gerade einen wilden Seegang hat und dass das Schiff erst um sieben Uhr abends in Turbo ankommen wird. Also noch genügend Zeit zum Entspannen in Turbo, jetzt zur Mittagszeit und besten Hitze. Für mich insgesamt alles sensationelle Neuigkeiten. Das mit den Wellen wird sich noch zeigen können, das mit der Ankunft bei Nacht macht das borden aufs Schiff zur Zeremonie.

Ich treffe mich abends dann mit den Authorities im Zentrum, nicht weit von meinem Hotel an einem Laden namens El Waffe. Er sollte eigentlich El Wave heißen, aber keiner konnte es so richtig aussprechen, daher wurde er der Betonung nach umbenannt. Wir steigen zu fünft in eine für Kolumbien bekannte Lancha (ein Fischerboot, aus einem Plastikguss, an den Außenborder und Dachplane, sowie weitere Extras angebracht werden können – einer aus Medellin hat sich damit eine goldene Nase verdient). Die Authorities sind für die Überprüfung der Hygiene an Bord meiner zukünftigen, neuen Heimat zuständig, einen Passagier haben sie auf so einem Schiff noch nicht getroffen und halten mich, glaube ich, für bekloppt. Wir tuckern los, raus aus dem Hafendümpel der unangenehm nach Kloake und abgestandenem Abwasser riecht, doch sobald wir die angetauten Boote hinter uns gelassen haben, zeigt mir diese Lancha, was sie von den mir bisher bekannten unterscheidet. Mit einer Wucht schießen wir in die Dunkelheit, in den Kurven neigt sich der Rumpf um 45 Grad, die Wellen nutzen wir als Sprungbrett und sie uns als Spielball, knallen lustvoll gegen die Planken und versetzen dem armen Boot starke Schläge. Es ist ein sehr spaßiger, leicht nässender zwanzigminütiger Start bis zu den Lichtern des eigentlichen Schiffs. Mitten im Nichts aus der Dunkelheit taucht es auf, ein Szenario wie aus dem Film, es nieselt leicht, die Lampen spiegeln sich im wellenden Wasser wieder, es biegt und beugt sich das Stahl, der Rost schnarcht vor sich hin, man vernimmt leise Funksprüche und die Container wiegen sich im Wind. Wir nähern uns langsam und vorsichtig mit unserem vorlauten 3×5 Meter Plastikschälchen ohne Licht und einer nutzlosen Plane über dem Kopf.

Ich soll aufstehen, meinen Rucksack nehmen und nach vorne schwanken, von hier geht’s weiter auf die Außentreppe des Frachters. Ich stehe vor einer braungrauen Stahlwand, die nur nach unten durch die peitschende Wellengicht abgeschlossen wird und nach oben unendlich in die nimmer satte Dunkelheit entschwindet. Die Aluminiumtreppe führt mich, beleuchtet von tageslichthellen Strahlern, ins industrielle Himmelsreich. Nach ersten wackeligen Gehversuchen über dem Wasser nimmt mich ein Filipino in orangenem Overall in Empfang und der Funkspruch: „Passenger on Board.“ salutiert meine Ankunft. An den Begriff werde ich mich noch gewöhnen müssen, er bedeutet meinen Rang, meinen Namen, meine Stellung. Er entbindet mich von allen Pflichten. Die Vornamen der anderen entnehme ich eigentlich nur den ausgehängten Crewlisten, ansonsten heißen sie Offizier, Master, Cook, Messman oder Ordinary Seaman.

Als die Authorities auch an Bord sind, werden wir zum Turm geführt, die Authorities abgezweigt und ich zu meiner Kabine gebracht. Von Wilmer, einem weiteren Filipino, der erst seit einem Monat auf dem Schiff ist, und sich noch nicht so gut auskennt. Wir steigen mehr Treppen auf, endlos vielen, steilen. Ich schwitze wegen der feuchten Hitze der Karibik, die sich in den klimatisierten Stahl zwängt. Der Anstrengung aber auch der Aufregung wegen, mit meinem Rucksack auf dem Rücken, mit dem ich das Freigepäck um hundert Kilo unterschritten habe. Im fünften Stock ist es dann, nach hinten links, ganz in der Ecke nach Achtern, die Eignerkabine. Zwei Sofas, Queensizebett, Tisch, Kleiderschränke, Kühlschrank, Glotze, Dusche, WC und drei Fenster. Meine Nachbarn sind der Chief Engineer und der Master (besser bekannt als Kapitän). Über mir ist die Brücke. Die Kabine erscheint extrem komfortabel und ich kann mir ganz gut vorstellen, dass sich die kommenden Tage erträglich gestalten lassen. Ich frage Wilmer wie es weiter geht: „I don’t know.“ und weg war er.

Da stand ich dann, fing an meinen Rucksack auszupacken und es mir erstmal gemütlich zu machen. Laut den Infos für Passagiere auf Frachtschiffen soll man erstmal warten und sich mit der Kabine vertraut machen, bis jemand kommt. In den Häfen ist die Crew grundsätzlich immer erstmal sehr gut beschäftigt, da hier die Ladung gelöscht wird und das andauernd überwacht werden muss. Daher warte ich. Nach einiger Zeit klopft es an der Tür, der dritte Offizier benötigt meinen Pass und meinen Impfausweis für die Authorities. Wir wechseln kaum Worte, Tür wieder zu und ich warte. Ich warte schlafend, mich von den vorherigen Nächten erholend. Dann wurde es auf einmal wackelig und wir bewegten uns. Ich nahm den Wasserschaum wahr und in der Ferne weitere Schiffslichter, aber ich war zu müde, beendete das Warten und hoffte, dass Tageslicht erklärt mir alles weitere.

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