Um halb Acht gibt es Frühstück. Ich stehe etwas früher auf, schaue aus meinem Fenster und um uns herum nimmt das fleißige Treiben seinen Lauf. Es gibt noch zwei weitere Schiffe, die auf die gleiche Weise beladen werden. Wir ankern in ruhigem Gewässer in Küstennähe, aber nicht im Hafen. Schlepper bringen schwimmende Docks voll mit Containern, die auf die Schiffe verteilt werden. Ganze Mannschaften vom Land sind auf den Schiffen und beschäftigen sich mit dem Ladevorgang. Ich, kaum wach und eigentlich noch orientierungslos, schaue leicht fasziniert aber auch verkrampft in meinem Fenster hängend dem Geschehen zu. Um dann zu entscheiden, mich selber aufzumachen die Offiziersmesse zu finden, anstatt auf jemanden zu warten, der mich abholt, was, wenn überhaupt, erst wohl am nächsten Tag geschehen wäre. Ich laufe also zum Treppenhaus der Superstructure, wie der weiße Turm auf dem Schiff genannt wird und steige hinab, ahnungslos bis wohin. Zur Not so tief, wie ich gestern aufgestiegen bin denn irgendjemand wird schon zu finden sein. Glücklicherweise lugt aus dem 1st Superstructure Deck just in dem Moment, in welchem ich die Stufen hinunterhüpfe, der recht chinesisch wirkende Schiffskoch und heißt mich mit offenen Armen willkommen, führt mich den Gang weiter.
Er stellt mich dem Messman vor, welcher mir meinen Platz an einem der beiden runden Tische zuweist, den ich aber zuerst vehement ablehne, weil ich dann mit dem Rücken zu allem sitze, was interessant ist. Alles dummstellen hilft nicht, der Passagier hat da zu sitzen, neben einem osteuropäischen Grummler, der sich zum Frühstück drei Sandwiches übereinander gestapelt hat und diesen Berg sehr feinsäuberlich inspizierend in sich reinschlingt. Ich freue mich, dass der Messman und der Chief Cook beides Chinesen sind und als Team bestens zusammenpassen. Der Chief Cook mit grauen Haaren, um die 60, ärmelloses weißes Unterhemd, klassisch asiatischem Englischakzent, schiebt die sprichwörtliche wie bauchähnliche ruhige Kugel. Der Messman ist sein quitschfideler, junger, kleiner Adjutant, mit den strohigen schwarzen Haaren auf dem Kopf, zugleich auch mit dem Versuch eines Bartwuchsansatzes. Dass beide eigentlich Filipinos sind, erfahre ich erst später, nach eingänglicher Lektüre der Crewliste, auf welcher ich verzweifelt zwei Chinesen suche. Trotz allem hätte ich alles drauf verwettet.
Ich setze mich auf meinen zugewiesenen Platz, begrüße meinen Sitznachbar mit Handschlag und dem obligatorischen Rangesgruß: „Hi, Officer.“ „Hi, Passanger.“. Ich fahr mir auch so ein Sandwich rein, halb wabbelig mit Eiersalat, Käse, zähem Toast und spätestens beim ersten Bissen an Bord wird klar, dass die Stimmung einer Schiffscrew nicht von dem angeblichen so gutem Essen abhängig ist. Hauptsache gefuttert und so schnell wie möglich zurück an die Arbeit. Zu Mittag gibt es Pommes mit Steak, medium rare, woraufhin ich gezwungen bin, zu kommunizieren, dass ich Vegetarier bin – eigentlich. Am Abend gibt’s Pommes mit in Fett eingelegten Auberginen, woraufhin ich mir sehnlichst wünsche, dass die Vorräte an Pommes als Beilage bald nicht mehr verfügbar sind.
Den Rest vom Tag bin ich damit beschäftigt auf dem Heck zu stehen und dem Treiben beizuwohnen. Mein Rumstehen bewirkt, dass ich nach kaltem Wasser, Zigaretten und Richtungsangaben zum Klo gefragt werde. Einer der Teamchefs der Ladecrew fragt mich, ob ich ihm die Ladeliste kopieren kann und als allen klar wird, dass ich vor allem mit Unwissenheit glänze, wurde mir eine Hängematte aufgespannt und die Jungs haben vom Heck direkt ins Meer gepisst. Irgendwann, ich stand weiterhin verloren und den Containern nachschauend verträumt daher, kam der Master auf mich zu und begrüßte mich nach bereits bekanntem Schema: „Hi, Master.“ „Hi, Passenger.“. Der Mittvierziger Budapester gab mir einen kurzen Überblick, was in den kommenden Stunden passieren wird, wann wir Anker einholen und worauf ich so zu achten habe. Wir begnügten uns mit etwas vorurteilslosem Smalltalk über Drogen und Gewalt in Kolumbien und die Aussicht auf Wellen im Atlantik. Im Großen und Ganzen ist er aber ein sehr Mimikarmer Gesprächspartner, der eher dem gültigen Protokoll folgt, als seinem persönlichen Gusto. Beim Abendessen treffe ich auf Max, der ebenfalls ranglos ist und nur einen Namen besitzt. Er ist der Trainee, der sechs Wochen Passage mitmacht und von der Reederei, in der er sein Praktikum absolviert, auf Reise geschickt wurde. Vor einer Woche erst 18 geworden, war er die ersten drei Wochen gezwungenermaßen auch nur Passagier, da er gemäß geltenden Regularien noch nicht arbeiten durfte. Seine erste Station war direkt der Maschinenraum, zu welchem mir nur die Vorstellung schon Hitzewallungen und Verausgabung vorschwebten. Drei Departments gibt es auf dem Schiff, Maschinenraum, Brücke und Küche. Vielleicht outet sich Max ja bald als genialer Koch, wobei ich dem ehrwürdigen Filipino hier keinen Vorwurf machen will, da die Zutaten, selbst dem talentiertesten Küchenmeister, die Nerven rauben würden. Alles Konserve. Max aber ist glücklich, erlebt was und hat ziemlich viel Spaß mit der Crew. Typischer Hamburger Jung: bisschen steif, aber immer am Lachen.
So langsam fragen sich dann auch alle, und ich mich auch: Da ist der schon einen knappen vollen Tag an Bord und war noch immer nicht auf der Brücke. Versäumnis erkannt, schon meint Max auch den Piloten (Lotsen) gesehen zu haben und zieht mich auf die Brücke. Offene Tür, laut „Hallo“ schreien und merken, dass da nur ein vollschlanker Pole Wache schiebt und Seekarten studiert. Ansonsten ausgestorben, der eigentlich imposante Raum, der sich über die gesamte Breite des Schiffes erstreckt, ohne Pfosten, ohne Pfeiler, die die Sicht verdecken könnten. Oberster Stock der Superstructure, aber ohne Leben. Der Pilot kommt doch erst später, nur mach ich den Zeitsprung mal direkt, da in den gefühlten nächsten drei Stunden genau das passiert, was in den kommenden 17 Tagen auf mich zukommt: Nichts.
Die Brücke ist, bis auf die Aussicht, die bei Dunkelheit hinter der Scheibe endet, milde gesagt ziemlich langweilig. Der Master sitzt im Dunkeln auf seinem Stuhl, links neben ihm der Pilot, der in spanischem Englisch auf den philippinischen Steuermann rechts vom Master Ruderbefehle einprügelt und der Master wie beim Tennis folgend sich Muskelkater im Nacken holt:
Pilot: „Zero, Five, Zero.“, Filipino: „Zero, Five, Zero … Zero, Five, Zero now, Sir!“.
Pilot: „Zero, Four, Five.“, Filipino: „Zero, Four, Five … Zero, Four, Five now, Sir!“.
Pilot: „Zero, Four, Zero.“, Filipino: „Zero, Four, Zero … Zero, Four, Zero now, Sir!“.
So geht das eine Stunde im halben Gradrhythmus hin und her, dann vergeht dem Pilot die Lust, geht vom Schiff und der Master gibt das Signal: „Full Ahead!“ Volle Fahrt voraus bedeutet aber zu hohen Schwerölverbrauch, und somit begrenzt sich unsere Maximalgeschwindigkeit in den kommenden Wochen auf ein dreiviertel der eigentlichen Leistungsfähigkeit.