28. März

Kabine Aussicht 1Nach dem Wachwerden schaue ich aus meinen 200 Quadratzentimetern Glasscheibe und jubele: „Kein Land in Sicht!“ Ich überprüfe unsere Position mit GoogleMaps und lege mich direkt wieder hin – wir fahren die ganze Nacht und sind noch nicht mal an Cartagena vorbeigekommen. Ich muss mich auf ein neues Geschwindigkeitsgefühl einstellen und schlafen ist die bestmögliche Herangehensweise. Nach meinem zweiten Aufstehen muss ich jedoch anerkennen, dass dies der erste richtige Seetag in meinem Leben ist. Es ist diesig grau am Horizont, auch das Meer um uns herum strahlt nicht im gewohnten Karibikblau und ein wirkliches Raumgefühl mit einer scharfen Trennung von Himmel und Meer lässt sich nicht ausmachen. Geplante Aktivitäten für heute, es ist ja schließlich Ostern, wie mir die orthodoxmuslimischen Christen beim Frühstück weiß machen: Schlafen, lesen, essen, schlafen, lesen, essen, schlafen. Himmlisch! Ich nehme mit meinem Plan Fahrt auf, gewöhne mich nebenher an das sanfte aber ständige vibrieren der Maschine, den Atemzug der Klimaanlage in meinem Zimmer und das hin und her, vor und zurück. Ebenso, wie Wellen das Schiff in Erregung schaukeln. Es sind nur geringe Bewegungen, und ich bin verwundert, dass sie nur so klein sind. Die Größe des Schiffs und der Seegang scheinen perfekt in Einklang zu sein.

Zwischendurch mache ich einen kleinen Rundgang vier Stockwerke nach unten Richtung Achtern, schaue in die Ferne und schnappe etwas schwerölgetränkte frische Luft. Nirgends auf dem Schiff, so scheint mir, gibt es frische Luft. Sobald man den Turm verlässt, blasen einem die unzähligen Lüfter der gekühlten Bananencontainer ihre Abluft um die Nase und wenn man um die Ecke biegt, sich in den windstillen Bereich hinter dem Turm an den Tauen vorbei windet, fallen einem die Rußpartikel wie Schneeflocken auf den Kopf. Eigentlich ist der komplette Außenbereich um den Turm vom Ruß des Schornsteins eingehüllt, Rußflocken so groß, dass der Begriff Feinstaub hier nicht mehr gilt, Rußflocken so groß, dass sie greifbar sind, sobald man seine Hand nur fünf Minuten ausstreckt. Von der Crew habe ich auch noch niemanden draußen angetroffen, geschweige denn eine Sitzecke gefunden, in der man entspannt den Sternenhimmel betrachten könnte. Am Bug, das scheint es gegensätzlich fröhlich herzugehen, doch fehlt mir noch die entsprechende Begehungserlaubnis.

Horizont 7Weiteres Highlight des heutigen Tages, der Slopchest hat offen, das letzte Mal im März und er öffnet erst wieder nach Guadeloupe. Gespannt und nichts ahnend was es damit auf sich hat, ein Aushang hat die Öffnung angekündigt, weiht mich der Master, mehr aus Eigennutz als aus Nächstenliebe, ein und fragt mich, ob ich etwas aus dem Schiffsladen benötigen würde. Wasser, viel Wasser, schießt mir durch den Kopf, Zigaretten gibt es, Bier, Brandy, Wein, Nüsse, Schokolade, Rasierer und Duschgel. Gute Rittersport mit Rumtrauben und Nuss. Also Wasser bestellt, meine Vorräte neigen sich beängstigend schnell dem Ende zu, weil ich den Ruß meine Kehle runterspülen muss. Dazu zweimal Rittersport Traubenrum um die Pommes durch Süßes vergessen zu machen. Von gesund Leben auf dem Schiff habe ich mich bereits jetzt verabschiedet, wie ich mir dem Bene gegenüber vollmundig vorgenommen habe. Gesund heißt hier Wasser trinken und auf Festes verzichten. Bestellung auf- und abgegeben. Slopchest, was ein wundervoller Name, mein nächstes Monster in Lu‘s Kartenspiel wird so heißen.

Zum Abendessen ist die Messe gerammelt voll. Auch dem Master fällt es auf, dass wir zum ersten Mal seit zwei Tagen zu fünft und vollzählig zu Tische weilen. Gezwungenes Lächeln mischt den Backfisch in den Zahnlücken auf, der zuvor heruntergeschlungen wurde, als ob es keine Mahlzeit mehr gibt. Alle stehen auf, gehen eine Tür weiter und ich sitze plötzlich alleine da. Alle weg, aus dem Nichts, aber um mir direkt eine Erklärung zu liefern, warum die Überstürzung einer nicht anfechtbaren Rechtfertigung erliegt, stimmen sie ein mannsgröhlerisches „Happy Birthday“ an, dieses unter allen Menschen weltweit wohlbekannte Lied, doch schüchtern und gezwungen zugleich. Auf eine Art und Weise, wie es im Arbeitsleben eben Pflicht ist, wenn man gemäß Vertrag durch dick und dünn gehen muss. Da sitzen Filipinos, Polen, Inder, Rumänen, Ungarn Litauer und Deutsche in einem Raum zusammen, der nicht grösser ist als meine Eignerkabine, zu Ehren eines Kadetten, der vor drei Wochen in Algeciras an Bord gekommen ist und als Dank und Lohn für das Ständchen Bier, Zigaretten, Nüsse, Bacardi und Cola bereitstellt. Sie sitzen da, einige knapp über Volljährigkeit und andere mit Jahrzehnten an Seemannserfahrung auf dem Buckel aber nie über den Offiziersrang hinausgewachsen, da ihnen das Leben nicht die gleichen Chancen bietet. Der einzige der nicht trinkt, ist der Master, sitzt neben dem herangewachsenen Geburtstagsjubilanten und redet sehr eindringlich auf ihn ein.

Hier betritt dann der Passagier die unfreiwillige Bühne, zurückhaltend ob der gesammelten Mannschaft aber wärmstens mit Bier und Kippe empfangen. Social bonding erlaubt keine guten Vorsätze, daher wehre ich mich gar nicht erst gegen die vielen schenkenden Hände. Das schöne ist eben, dass hier fast alle sind, auf einen Blick. Ein Filipino zieht diesen besonders auf sich, gezeichnet aus dem Bilderbuch der Legenden und Geschichten über Seefahrer und Meeresabenteurer. Ein kleiner, untersetzter Mittfünfziger, fest wie ein Stamm, der Schädel kahlrasiert und gebohnert wie eine Bowlingkugel, den Bart um die Mundwinkel getrimmt. Stahlharte, tattoobezeichnete Arme bis zu den offenliegenden Schultern, ausgestattet mit einer tiefen, durchdringenden, nikotinverräucherten Stimme steht er, Bier verteilend und Whisky trinkend hinter der Bar. Einer der Deckcrew, die ganz unten im Schiff ihr Werk verrichten, da wo der Stahlrumpf vom Wasser umringt ist und es viele Meter zum nächsten Sonnenstrahl sind. Ein Seemonster, wie man ihn sich besser nicht zeichnen könnte. Ich bin beeindruckt von solch trefflicher Übereinstimmung mit den Klischees über die Wasserratten.

Crew 2Wie immer bei Betriebsfeiern gibt es Grüppchen, die sich in den vier Ecken eines Raumes bilden und verteilen, begleitet von Standbildern von philippinischen Ferien- und Naturparadiesen und Popmusik, jederzeit einsatzbereit karaokisch begleitet zu werden. Jeden Samstag treffen sich die Filipinos hier und singen Karaoke aus vollen Lungen, vollem Herzen, voller Leidenschaft und vollen Lebern. Ich bin froh, etwas bekanntes an Gewohnheiten auf diesem Schiff anzutreffen. Beim übers Essen fluchen bin ich bisher noch der einzige, aber ich schimpfe nur still und heimlich und ab und zu vor Max, der morgen in der Küche anfängt zu arbeiten und ich die Hoffnung auf besseres Essen in einen 18-jährigen stecke, der das erste Mal von zu Hause fort ist. Heute Abend jedoch gibt es Bami Goreng von vorzüglicher Qualität. Das erste Bier ist damit auch schnell getrunken. Ich schließe mich einer Gruppe an, die aus dem Bilderbuchmatrosen, dem litauischem zweiten Ingenieur, einem indischen Ingenieurskadetten, der dem Litauer untersteht, dem Messman und Max besteht. Der Litauer, der mich bereits beim Mittagessen als Kiffer aufgespießt hat, fing das Gespräch erneut über das ‘grüne Gold Kolumbiens’ an ins Rollen zu bringen. Auch der Master hat eine auffallend schlechte Meinung über Kolumbien und als ich einmal eine Salatschüssel für die Suppe benutzt habe anstatt einem Suppenteller, meinte er, dass ich es ja gar nicht besser wissen kann, jetzt wo ich drei Monate abseits jeglicher Zivilisation verbracht habe. Südamerika im Allgemeinen scheint bei den Osteuropäern keine sehr hohe Meinung zu genießen.

Der Litauer erweist sich aber als äußerst lustiger und offener Kumpane, mit einem guten Zug zu derben und schwarzseelig Abgründigem. Er hat jetzt schon, nach einem Monat, keine Lust mehr, muss aber noch drei weitere durchhalten, ehe er seine Frau und sein Kind wiedersehen kann. Zu Hause in Klaipeda, der wichtigsten litauischen Hafenstadt. Für ein zweites Kind hat er keine Kraft mehr, ist ihm zu nervenaufreibend und zeitraubend. Er verdient knapp 6.500,- EUR, steuerfrei. Damit geht es seiner Familie in dem kleinen Land im Baltikum, wo die jährlichen Stromkosten 100,- EUR betragen, recht gut. Max meinte, dass der Master so um die 5.000,- EUR mit nach Hause nimmt, was es mir schwerer macht den Litauer und seine Ehrlichkeit beurteilen zu können. Seine Spruchreife hat mich allerdings schnell überzeugt. Mir wird mein drittes Bier gereicht und meine wievielte Zigarette, als der Litauer sich spaßeshalber den Inder zur Brust nimmt, und diesen nach seinen Tagesaufgaben ausfragt. Teils um seinen Frust und seine Müdigkeit loszuwerden, teils um mir zu zeigen, dass Befehlsketten hauptsächlich Charakteren entspringen und nicht Rängen, und er der eigentliche Herrscher über die Maschine ist, das der neue Chief Engineer ein ziemlicher Schlappschwanz sei. Der arme Inder steigt nicht dahinter, also überlegt er angestrengt, was dem Handbuch an Vorgehensweisen zu entnehmen sei. Währenddessen klingelt das Telefon, ein Offizier hebt den Hörer ab, und schreit unvermittelt mit feinstem polnischen Dialekt: „Hey Passenger, no chocolate!“ Ich hebe meinen Daumen, er legt wieder auf. Ich hatte meine drei Sekunden Aufmerksamkeit und der Offizier seine drei Sekunden Spaß mit mir.

Ich wende mich wieder dem nachdenkenden Inder und dem ungeduldig fordernden Litauer zu, die mir in der kommenden halben Stunde ein wirres Schauspiel von Frage-Antwort-Autoritätskette liefern wollten. Zum einen sprachen beide nicht minder akzentreiches und ihrer Sprachregion eindeutig zuordbares English, zum anderen prallten indische Schüchternheit, Zurückhaltung und Bescheidenheit auf angetrunkene Lebenszynik, Überheblichkeit und slawischem Machoismus, der auch vor dem maskulinen keinen Halt macht. Es stehen sich ein nach oben blickender, nachdenklicher, Zeigefingergestützter Kadett und ein weitarmiger, angriffslustiger Terrier gegenüber, die sich mit monotoner, sich immer wieder wiederholender Wortfolge: „Hm, and then I have to …“, „… and what else do you have to do?“ in einen Dialog tanzten, der an einen Hahnenkampf erinnerte, wo alle Zuschauer von außen brüllen, jubeln und anfeuern, nur die armen Hähne wissen nicht wie ihnen geschieht. Am Ende tragen trotzdem beide Verletzungen davon.

Ich sitze anteilslos auf der Küchentheke, beobachte, wie die beiden um mich herumstolzieren, Max weißt mich gelegentlich darauf hin, dass es sich zwischen den beiden nur um einen Spaß handelt, aber der Raum leert sich alsbald. Filipinos sind keine mehr da und das Geburtstagskind schacherte drei weitere Rumänen um sich von denen er trotz Plus Eins immer noch wie der weitaus Jüngste aussah. Als diese auch die Weite des einladenden Bettes und der wohligen Nacht suchten, befand ich mich alleine mit dem Litauer im Niemandsland des mexikanischen Golfes. Er, mit immer mehr Müdigkeit, je länger die Arbeitsreise andauert, belastet. Ich meine Müdigkeit mit jedem Tag, den diese Schiffsreise weiter voranschritt, entsprechend reduzierend. Einen Wimpernschlag später, nach meinem letzten Schluck aus meinem dritten Glas dünnhäutigem Bacardi Cola, versah ich mich in seiner Kabine sitzend, weiter Zigaretten rauchend auf seinen Laptop starrend, wie er seine Hochzeit, seinen Urlaub in Norwegen, seinen Armbruch in Singapur, seinen Heiratsantrag auf Teneriffa im Wasserpark zwischen Dinosauriern und dressierten Delphinen, die Geburt seines Sohnes und die Autosammlung seines Sohnes vor mir ausbreitet. Gewürzt mit Bildern seiner Liebsten und einer Hommage an hochgewachsene, schlanke, blonde, litauische Frauen, wie es sie sonst nirgendwo auf der Welt geben würde. Natürlich waren auch auf seiner Hochzeit zahlreiche Einzigartige zugegen. Das sich Männer in Litauen zur Begrüßung auf den Mund küssen und wir verklemmten Deutschen unseren Handschlag endlich mal gegen eine herzliche Umarmung tauschen sollten, geht in einem Meer an Gebadet-werden-Bildern seines Sohnes unter, wie er in einer Plastikschale breitbeinig seinen noch jungen Pimmel und stolzen Hodensack in den litauischen Himmel reckt, bloß kein Seemann werden sollend, dafür aber unendlich Frauen ehelichen und verglücken. Die Welt ist ein Wirrwarr aus Emanzipation zweier Geschlechter, die einander nicht lieben wollen. Ich beende den Abend mit einer Schachtel Zigaretten in meinen Lungen, lehne aber eine Fanta aus ideellen Gründen ab. Ich schleppe mich aufs 2nd Superstructure Deck, nehme meinen Karton Wasser mit, sehe auf einem anderen Häufchen Rittersport Nuss-Traube-Rum und gestehe demjenigen, mit dem Kürzel „OSP“, ein bisschen Naschen zu, ist das Esse in d‘ Messe eh nich z’m Fresse. Ich beginne noch in der Nacht Isabel Allendes Geschichte vom kindlichen Zorro, denn die Zeit hat sich hier auf dem Schiff noch nicht allzu sehr beeilt.

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