Das Wetter wird besser, zur erstaunlichen Hitze gesellt sich die Sonne und der wolkenlose Himmel. Ich sehe ein anderes Schiff, ähnlich groß und aus der Ferne behäbig rudernd im Einvierteltakt. Dafür ist heute so etwas wie ein Horizont auszumachen. Ich fühle mich etwas sicherer auf dem Schiff und mit der Crew. Der Pool wurde heute mit Seewasser gefüllt, aber als ich es mitbekommen habe, war er wieder leergespült. Zu frühstücken gab’s zuckersüßen Zott-Sahne-Joghurt mit Cerealien und Ananasaromen. Ich mache etwas gegen meine Liegeschmerzen, dusche mit destilliertem Meereswasser, fange ein neues Buch an und kann schon gar nicht mehr so viel schlafen, wie ich mir gewünscht habe. Die abwesende Müdigkeit zwingt mich zur Tätigkeit, für welche die Möglichkeiten auf diesem Schiff begrenzt scheinen. Nach jeder Mahlzeit lechzte ich nach Schokolade und giere nach Süßem, freunde mich aber damit an, dem Verlangen gezwungenermaßen nicht nachgeben zu können. Ich klipper mir meine Fingernägel und spreche mit dem Master über die uns gemeinsam bekannten Orte dieser Welt, und seiner Liste an unvergesslichen Weltschönheiten, die man Sightseeingmäßig unbedingt bestaunen sollte. Unser Verhältnis zueinander bleibt trotz erneutem kommunikativem Annäherungsversuch etwas unterkühlt und es fällt mir schwer, ihn einzuschätzen.
Er zerreißt sich wieder ein Schandmaul über Kolumbien, kann nicht verstehen warum ich nicht in Agra war, wenn ich doch schon in Indien bin. Da befährt er die Welt in einer Seelenruhe und denkt trotzdem noch, das Indien nur aus diesem Touristentempel besteht. Auf der anderen Seite hat er einen sehr obrigkeitswidrigen Humor, flucht und gestikuliert mit dem Mittelfinger in seinen Erzählungen, in Richtung des Charterers, auf eine Art und Weise, dass ich phasenweise nicht mehr aufhören kann zu lachen. Ein Gleisner, ein Schizophrener. Ein autoritärer Napoleon der seinen kleinen Schwanz mit Machtspielchen zum Stehen bringen will. Ein verspieltes Kind mit einer Messerspitze Seriosität, wenn es um das perfekte Spielzeug geht, welches seinen Eltern Harmlosigkeit verordnet. Aber in der Gewalt meines Passes, meines Impfausweises und dem Wissen, dass all mein Handeln auf diesem Schiff seiner Erlaubnis unterliegt.
Max gibt mir Bescheid, dass er morgen auf Guadeloupe seinen Landgang absolviert und ist nebenbei von der Crew mit einer Besorgungsliste vieler persönlicher Wünsche beschenkt worden. Darunter ein Ladekabel für einen Laptop, das einem Filipino kaputt gegangen ist. Der Arme, zehn Monate Vertrag, zwei davon erst abgesessen, tolles Sony Vaio, aber keinen Strom mehr. Ich frage mich, wie ein Saturn in der Karibik wohl aussieht. Es wird Abend, einmal mehr stelle ich erneut fest, was für eine prächtige Kabine ich habe, da in meiner Ecke in den nächsten Tagen bei zu erwartendem gleichbleibendem Kurs immer die Sonne untergeht. Heute im wolkenlosen, babyblauen Zirkuszelt.
Meine Kabine ist auf der Portside des Schiffes, dort wo sich die einzige Außentreppe von ganz unten bis ganz oben befindet und auf der ich es mir gemütlich machen kann ohne direkt im Rußnebel zu sitzen. Ich denke an Selinas Cohiba und wähle für die erste Hälfte den heutigen Abend. Ich bin alles andere als ein geschickter Zigarrenraucher, hantiere eher schlecht als recht mit dieser weltbekannten Köstlichkeit, doch zuweilen offenbart sie mir ihren Genuss. Die Sonne erlaubt mir mitanzusehen, wie sie mir heute ganz langsam gute Nacht winkt und als Eigelb, festgebraten im perfekten rundorange hinterm Horizont des naturalesen Kasperletheaters baden geht. Ich bin zu Tränen gerührt, weil ich die Cohiba mal wieder inhaliere anstatt zu paffen. Ich bleibe noch etwas sitzen, sehe der Cohiba ihr feuerrotes Herz verglühen und verstaue die Sentimentalität bis tief ins Herz des Atlantiks. Mit dem drehenden Wind und dem damit leichten Rußregen des Schweröls gehe ich brav in mein Zimmer, wende mich einem sehr komödiantischem Werke John Irvings zu, so komisch, dass ich das Licht ausmachen muss und mich zum Schlafen zwinge um die Ruhepause nicht zu verpassen.