31. März

Leider drängt mich der Humor nicht wirklich zum Schlaf und so beende ich nach einer halben Stunde Nachtruhe den ersten Teil des Buches. Doch auch nach der zweiten Lichtpause ist wegen der Magie der Nachtsterne nicht an schlafen zu denken und ich träume gedankenverloren vor mich hin. Morgen ist Landgang, gutes Essen, Obst, Stadt, andere Menschen.

Um halb fünf werde ich mit Sänfte aus dem Schlaf gerissen, die stetige Vibration ist weg, die Maschine aus. Von der Küste her leuchten die Straßenlaternen und Häuser. Wir warten auf unseren Piloten, aber die Ruhe ist einmalig und zu dieser Uhrzeit ungemein entspannend. Nicht in Fahrt verliert das Schiff auch seine Stabilität und wir schaukeln wie wild hin und her. Wie ein Baby will ich wieder zurück in den Schlaf gewogen werden, aber die Stille ist zu angenehm um sie zu überschlafen. Ich wusel in meinem Zimmer rum. Mails prassen rein, ich habe Netz und bin vor allem nicht der einzige, der schon wach ist also überrasche ich die Crew als Frühaufsteher, der Litauer revidiert sein Kifferurteil und in der Küche brüht schon frischer Kaffee. Alle sind irgendwie gut drauf.

Yachthafen Point-A-PitreUnd es regnet, das erste Mal seit Medellin wieder und ich denke an den armen Max, der auf der Hinreise Guadeloupe nur als Einkaufszentrum erleben durfte, weil es in Strömen regnete. Die Hafencrew meinte auch, es regnet seit Wochen, was für diese Jahreszeit sehr ungewöhnlich ist. Für mich ist dies der erste richtige Hafen aus Sicht beruflicher Hektik. Die abgebrühte Routine ist am auffälligsten. Das Schiff liegt an der Mole, die Ladekräne, diesmal vom Hafen gestellt, hochautomatisiert, erledigen ihre Arbeit in mich fesselnder Präzision und Geschwindigkeit. Ich habe das Gefühl, wir laden und löschen doppelt so viele Container als in der Bucht vor Turbo, von den improvisierten Docks. Und wir liegen nur die halbe Zeit. Beim Frühstück teilt mir Max mit, dass der dritte Offizier auch mit in die Stadt kommen will, statt wie geplant um zehn, erst um zwölf Uhr. Für mich grundsätzlich unbedeutend, da ich von dem Prozess des Ladens gebannt bin und diesen zeitlos faszinierend zu beobachten finde. Ich stehe hafenseitig auf der Brücke, der Master kommt auf mich zu, dass wir um elf Uhr fahren, das Taxi ist bestellt. Ich mische mich kurz in die Planung ein und frage, ob der dritte Offizier dann nachkommt. Darauf gibt es ein: „That, I don’t know!“ Ich verbleibe mit dem Gefühl, es zu wissen. Ein Master, der die Spielregeln setzt, Abweichungen davon bedingen neue, von ihm genehmigte, Spielregeln. Als wir uns im Cargo Office zum Abmarsch treffen, stößt auch der überstimmte dritte Offizier, eher zufällig hinzu, aber ihm ist anzumerken, wie sehr es ihn ankotzt, dass er nicht an Land darf. Es ist ihm auch nicht übel zu nehmen, wenn man an die acht Tage Atlantik ab morgen denkt.

Guadeloupe Containerhafen 3Wir laufen den Kai entlang zum Ausgang, zwei Grünschnäbel wie Max und ich, der Master und der Chief Engineer, ein dicker, zahmer Pole den ich trotz Nachbarschaft heute zum ersten Mal treffe. Es regnet wieder, kurz und stark, wir stellen uns unter wie räudige Hunde und warten auf unser Taxi. Eine Bekannte des Masters, wie er sie nennt, eine Schwarze, kurzhaarig und mit brennendem karibischen Feuer, begrüßt uns in diesem unfehlbaren Englisch, dass mit zu viel Französisch gewürzt ist weil der Nationalstolz der revolutionsfreudigen Kolonialisierer keine weiteren Sprachkulturen zulässt. Der Reggae dröhnt in dem nagelneuen Renault. Ich mag’s, der Master erbittet jedoch Gesprächslautstärke um seine Frage, ob sie seine Postkarten vom letzten Mal abgeschickt hat, stellen zu können und danach die ganze Fahrt zu schweigen. Die Rhythmen aber bleiben weiter leise, wir sitzen zu viert nebst ihrem Summen, schön eingequetscht bei viel zu hoher Luftfeuchtigkeit und fahren ins Centre Ville von Point-A-Pitre. Ich fühle mich wie in Frankreich, wir sind in Frankreich. Hier wird auch mit Euro bezahlt, ich brauche kein Visum, geschweige denn bekomme ich einen Stempel (was mich traurig macht) und die Gendarmerie trägt diese typischen, dunkelblauen Halbzylinder mit Schirm, die sie weltweit stilistisch einzigartig macht. Hier treiben sie es klimabedingt noch etwas auf die Spitze, indem sie dazu weiße Polohemden in kurzen Bermudas tragen und auf Fahrrädern unterwegs sind. Wenn dir davon fünf als Bataillon entgegenkommen, denkt man zuerst an die Chippendales in schwarz. Ochsen von Männern mit Nacken wie Nashörner, ich denke an Joel und sein maskulines Selbstvertrauen.

Wieder zurück in der Gegenwart, fahren wir an einem Museum über die Geschichte Guadeloupes vorbei, dass so aussieht, wie mein gesprengter Hauseingang, nur dieser jetzt ein Wallfahrtsort der Kleinkriminalistik ist für den ich Eintritt verlangen kann. Der Master besteht darauf, dass wir unsere Kameras zücken und Fotos machen, zum Reingehen fehlt die knapp bemessene Zeit. Er fährt die Fensterscheibe runter, und Chief Engineer und Trainee Max schießen drauf los wie in einem Drive-by. Ich befinde mich im falschen Film und kann dem Sightseeing einfach nichts abgewinnen. Wir kommen zu einem Platz, um den sich Gemüse-, Fisch- und Gewürzmärkte erheben und zum Glück erlaubt sich, und damit uns, der Master einen Freigang, um echtes Obst auch mal anzufassen. Er schickt das Taxi in Warteposition, jederzeit bereit nach dem geglückten Bildüberfall fluchtartig einsteigbereit zu sein. Aller Weltentfremdung zum Trotz erklärt der Master Max, er müsse diese Bananen kaufen, da er einen solchen Geschmack in Europa vergeblich sucht. Es passiert, was sich wohl bestens als Kulturmissverständnis beschreiben lässt. Max zeigt auf des Masters Geheißen hin auf eine Banane, die vorzüglich nach karibischem Paradies munden soll, diese wird eingepackt und mit einem Verkaufspreis von einem Euro versehen. Max streckt dem glücklosen Verkäufer einen Fünfzigeuroschein entgegen, dieser jedoch resigniert schlussendlich schulterzuckend und sprachlos über die unbewusste Dreistigkeit, hierauf Wechselgeld zu erwarten. Max glücklich lächelnd, bislang noch von einem sehr guten Deal ausgehend, vergnügt sich anschließend widerspenstig an einer Kochbanane, die er, sobald er die Bestätigung des Masters über deren vorzüglichen, frischen, süßen Geschmack vollbracht hatte, in der Plastiktüte der umsonst erworbenen Frucht untergehen ließ. Um seinen finanziellen Fauxpas wieder gut zu machen, versuchte Max Geld abzuheben, in der Hoffnung, kleinere Scheine von einem Bankhaus zu erwerben. Als finalen Lobgesang auf die Parodie schwang ihm ein weiterer Fünfziger in die Hände. Allzu geknickt war er aber sicherlich nicht darüber, da er mit seinem täuschenden Akt seine Kochbanane losgeworden ist, ohne dass uns dies aufgefallen wäre. Ich verlange nach einer Zugabe, kann die beiden umherstehenden, fotografierenden Zuschauer aber nicht mehr länger ertragen und bitte den Master, mich in die Stadt zu entlassen, während sie zu dritt im Fluchtauto Unterschlupf suchen und ihre digitale Beute am Strand in den Korallen verstecken wollen. So ganz wohlwollend stürzte er sich nicht in Begeisterung für meine Pläne, vergaß aber nicht mich daran zu erinnern, dass das Schiff um Twentyhundred ausläuft.

Guadeloupe Containerhafen 7Point-A-Pitre ist nicht sehr groß, verkauft sich mit heruntergekommenem Charme dennoch ganz passabel. Immer wieder tauchen in den Häuserreihen Ruinen auf, deren Fassaden den Blick auf einen entkernten und zugemüllten Innenhof ziehen, verwildert und verwuchert mit allerlei Unkraut und Büsche. Zumeist wird allerdings recht schnell der zu lang verlassene Unterschlupf recht bald durch einen Neubau ersetzt und mit Moderne verschandelt, es wird viel gebaut in den kleinen Straßen. Der Beton zerstört die karibische Farbenfröhlichkeit mit einer siegesbewussten Gelassenheit, die mich sprachlos macht und mich zu einem quadratischen Häuserblock führt, der in jeder Ecke von einer Bankfiliale inklusive Auswurfautomaten besetzt ist. Das ist auf einem einzigen Bild leider nicht visualisierbar.

Zwischen zwei Absperrzäunen finde ich ein Café, das gerammelt voll ist und wunderbar sympathisch wirkt. Zu meinem Glück halten sich gewohntermaßen alle Innen auf um der Klimaanlage Daseinsberechtigung zu zollen, so dass ich mich auf dem Gehweg an einen freien Tisch setzen kann. Reis, Bohnen, Zwiebeln, Fischfilet vorzüglich gewürzt mit Safran, Pfeffer und Chili und der typischen karibischen Frische, dazu une biere Caribe. Herrlich. Pünktlich zum Espresso fing der Regen wieder an und ich wusste, ich sitze hier noch ein bisschen länger. Zu mir gesellen sich anderen nach-dem-Essen-Raucher mit ihren Kaffeetassen und ich finde mich in einer Gesprächswolke in unterschiedlichsten Sprachen wieder, darüber zwitschernd, wer wo wann wie die Welt gesehen hat. Einer war als Soldat drei Jahre lang in Deutschland stationiert, danach ging‘s zurück nach Frankreich und über Italien in die französische Karibik. Eine hübsche Französin Anfang 40 und einem anrührend schmalem, langen Gesicht, fand ihren Weg von LaRochelle über Madrid und Montreal ins Paradies. Sie genießt es schon seit zwölf Jahren hier und besticht mit ihrer typischen französischen Eleganz, wie man sie selten woanders in der Welt betrachten kann. Nach dem dritten Bier hört es auf zu regnen, ich gehe Früchte als Vorrat für schlechte Zeiten einkaufen und lass die Snickers links liegen. Am Abend schon verfluch ich mich dafür. Ich laufe durch die kleinen Gassen und verzweifle an meiner Unfähigkeit einzukaufen. Hier gibt es wirklich schöne Sachen, von Hemden und Hosen aus Leinen, über Gewürze und unterschiedlichsten Extrakten von Vanille. Wie zumeist werde ich mit leeren Händen heimkehren, gefühllos fürs Schenken geboren. Ein wenig gebremst suche ich nach anfänglicher Euphorie dann doch ein Taxi zum Containerhafen und merke das Bier an die Tür hämmern.

Wieder an Bord verwalte ich meine Kräfte mit einem Nickerchen und einer Minibanane um für die anstehende Abfahrt beobachtungsbereit zu sein. Um Twentyhundred wird gerade der letzte Kran verstaut und der Pilot lässt auf sich warten. Um halb zehn werden dann die Taue gelöst, die Maschine angeschmissen und vorbei ist es vorerst mit der Ruhe. Das Manöver des Auslaufens wird vom Piloten befehligt unter Aufsicht des Masters, alles wie gehabt, aber hier sieht alles eine Spur grösser und unimprovisierter aus. Das faszinierende für mich stellt die Tatsache dar, das wir quasi blind in die Dunkelheit aufbrechen, ohne Sicht und nur auf die Elektronik vertrauend. Wenn der Pilot dann die Brücke und das Schiff verlässt, wird der Autopilot um seine Künste gebeten und die Brücke ist wie zuvor auf See der einsamste Ort auf dem ganzen Schiff. Überwacht von einem der Offiziere, die sich in Vierstundenschichten abwechselnd auf die Langeweile freuen. Darauf freu ich mich auch, schmeiß mich ins Bett, entschlummere in seichtem Gewässer und überlasse meinem Hirn die ehrenvolle Aufgabe, nachts für Unterhaltung zu sorgen.

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