- März 2016
In Turbo warte ich auf mein Schiff, in Turbo, wo es dreckig, heiß und laut ist. Klassisch karibisch und ein gutes Ende an Land. Ich treffe mich mit Germán, meinem Agenten in Turbo, der so weit alles vorbereitet hat damit ich reibungslos an Bord kann. Bei der Migración bekomme ich meinen Ausreisestempel und während wir warten, erzählt er mir, dass er aus Medellin ist, selber Seefahrer war aber viel zu wenig dafür verdient, dass er die ganze Zeit in der Welt unterwegs ist. Jetzt wickelt er die Schiffe in Turbo ab und freut sich, wenn der Hafen, der schon seit längerem geplant ist, hoffentlich gebaut wird. Den gibt es nämlich nicht und so klärt sich all mein mit Fragen getränktes Unwissen darüber, wo das Schiff den anlegen soll und wie ich an Bord komme, erst nach und nach. Er erzählt mir weiter, während der Stempel trocknet, dass seine beiden Schwestern mit ihrem Schwiegervater in Italien, Ferrara, leben, dass alle Kapitäne sich beschweren, dass der Atlantik gerade einen wilden Seegang hat und dass das Schiff erst um sieben Uhr abends in Turbo ankommen wird. Also noch genügend Zeit zum Entspannen in Turbo, jetzt zur Mittagszeit und besten Hitze. Für mich insgesamt alles sensationelle Neuigkeiten. Das mit den Wellen wird sich noch zeigen können, das mit der Ankunft bei Nacht macht das borden aufs Schiff zur Zeremonie.
Ich treffe mich abends dann mit den Authorities im Zentrum, nicht weit von meinem Hotel an einem Laden namens El Waffe. Er sollte eigentlich El Wave heißen, aber keiner konnte es so richtig aussprechen, daher wurde er der Betonung nach umbenannt. Wir steigen zu fünft in eine für Kolumbien bekannte Lancha (ein Fischerboot, aus einem Plastikguss, an den Außenborder und Dachplane, sowie weitere Extras angebracht werden können – einer aus Medellin hat sich damit eine goldene Nase verdient). Die Authorities sind für die Überprüfung der Hygiene an Bord meiner zukünftigen, neuen Heimat zuständig, einen Passagier haben sie auf so einem Schiff noch nicht getroffen und halten mich, glaube ich, für bekloppt. Wir tuckern los, raus aus dem Hafendümpel der unangenehm nach Kloake und abgestandenem Abwasser riecht, doch sobald wir die angetauten Boote hinter uns gelassen haben, zeigt mir diese Lancha, was sie von den mir bisher bekannten unterscheidet. Mit einer Wucht schießen wir in die Dunkelheit, in den Kurven neigt sich der Rumpf um 45 Grad, die Wellen nutzen wir als Sprungbrett und sie uns als Spielball, knallen lustvoll gegen die Planken und versetzen dem armen Boot starke Schläge. Es ist ein sehr spaßiger, leicht nässender zwanzigminütiger Start bis zu den Lichtern des eigentlichen Schiffs. Mitten im Nichts aus der Dunkelheit taucht es auf, ein Szenario wie aus dem Film, es nieselt leicht, die Lampen spiegeln sich im wellenden Wasser wieder, es biegt und beugt sich das Stahl, der Rost schnarcht vor sich hin, man vernimmt leise Funksprüche und die Container wiegen sich im Wind. Wir nähern uns langsam und vorsichtig mit unserem vorlauten 3×5 Meter Plastikschälchen ohne Licht und einer nutzlosen Plane über dem Kopf.
Ich soll aufstehen, meinen Rucksack nehmen und nach vorne schwanken, von hier geht’s weiter auf die Außentreppe des Frachters. Ich stehe vor einer braungrauen Stahlwand, die nur nach unten durch die peitschende Wellengicht abgeschlossen wird und nach oben unendlich in die nimmer satte Dunkelheit entschwindet. Die Aluminiumtreppe führt mich, beleuchtet von tageslichthellen Strahlern, ins industrielle Himmelsreich. Nach ersten wackeligen Gehversuchen über dem Wasser nimmt mich ein Filipino in orangenem Overall in Empfang und der Funkspruch: „Passenger on Board.“ salutiert meine Ankunft. An den Begriff werde ich mich noch gewöhnen müssen, er bedeutet meinen Rang, meinen Namen, meine Stellung. Er entbindet mich von allen Pflichten. Die Vornamen der anderen entnehme ich eigentlich nur den ausgehängten Crewlisten, ansonsten heißen sie Offizier, Master, Cook, Messman oder Ordinary Seaman.
Als die Authorities auch an Bord sind, werden wir zum Turm geführt, die Authorities abgezweigt und ich zu meiner Kabine gebracht. Von Wilmer, einem weiteren Filipino, der erst seit einem Monat auf dem Schiff ist, und sich noch nicht so gut auskennt. Wir steigen mehr Treppen auf, endlos vielen, steilen. Ich schwitze wegen der feuchten Hitze der Karibik, die sich in den klimatisierten Stahl zwängt. Der Anstrengung aber auch der Aufregung wegen, mit meinem Rucksack auf dem Rücken, mit dem ich das Freigepäck um hundert Kilo unterschritten habe. Im fünften Stock ist es dann, nach hinten links, ganz in der Ecke nach Achtern, die Eignerkabine. Zwei Sofas, Queensizebett, Tisch, Kleiderschränke, Kühlschrank, Glotze, Dusche, WC und drei Fenster. Meine Nachbarn sind der Chief Engineer und der Master (besser bekannt als Kapitän). Über mir ist die Brücke. Die Kabine erscheint extrem komfortabel und ich kann mir ganz gut vorstellen, dass sich die kommenden Tage erträglich gestalten lassen. Ich frage Wilmer wie es weiter geht: „I don’t know.“ und weg war er.
Da stand ich dann, fing an meinen Rucksack auszupacken und es mir erstmal gemütlich zu machen. Laut den Infos für Passagiere auf Frachtschiffen soll man erstmal warten und sich mit der Kabine vertraut machen, bis jemand kommt. In den Häfen ist die Crew grundsätzlich immer erstmal sehr gut beschäftigt, da hier die Ladung gelöscht wird und das andauernd überwacht werden muss. Daher warte ich. Nach einiger Zeit klopft es an der Tür, der dritte Offizier benötigt meinen Pass und meinen Impfausweis für die Authorities. Wir wechseln kaum Worte, Tür wieder zu und ich warte. Ich warte schlafend, mich von den vorherigen Nächten erholend. Dann wurde es auf einmal wackelig und wir bewegten uns. Ich nahm den Wasserschaum wahr und in der Ferne weitere Schiffslichter, aber ich war zu müde, beendete das Warten und hoffte, dass Tageslicht erklärt mir alles weitere.
- März 2016
Um halb Acht gibt es Frühstück. Ich stehe etwas früher auf, schaue aus meinem Fenster und um uns herum nimmt das fleißige Treiben seinen Lauf. Es gibt noch zwei weitere Schiffe, die auf die gleiche Weise beladen werden. Wir ankern in ruhigem Gewässer in Küstennähe, aber nicht im Hafen. Schlepper bringen schwimmende Docks voll mit Containern, die auf die Schiffe verteilt werden. Ganze Mannschaften vom Land sind auf den Schiffen und beschäftigen sich mit dem Ladevorgang. Ich, kaum wach und eigentlich noch orientierungslos, schaue leicht fasziniert aber auch verkrampft in meinem Fenster hängend dem Geschehen zu. Um dann zu entscheiden, mich selber aufzumachen die Offiziersmesse zu finden, anstatt auf jemanden zu warten, der mich abholt, was, wenn überhaupt, erst wohl am nächsten Tag geschehen wäre. Ich laufe also zum Treppenhaus der Superstructure, wie der weiße Turm auf dem Schiff genannt wird und steige hinab, ahnungslos bis wohin. Zur Not so tief, wie ich gestern aufgestiegen bin denn irgendjemand wird schon zu finden sein. Glücklicherweise lugt aus dem 1st Superstructure Deck just in dem Moment, in welchem ich die Stufen hinunterhüpfe, der recht chinesisch wirkende Schiffskoch und heißt mich mit offenen Armen willkommen, führt mich den Gang weiter. Er stellt mich dem Messman vor, welcher mir meinen Platz an einem der beiden runden Tische zuweist, den ich aber zuerst vehement ablehne, weil ich dann mit dem Rücken zu allem sitze, was interessant ist. Alles dummstellen hilft nicht, der Passagier hat da zu sitzen, neben einem osteuropäischen Grummler, der sich zum Frühstück drei Sandwiches übereinander gestapelt hat und diesen Berg sehr feinsäuberlich inspizierend in sich reinschlingt. Ich freue mich, dass der Messman und der Chief Cook beides Chinesen sind und als Team bestens zusammenpassen. Der Chief Cook mit grauen Haaren, um die 60, ärmelloses weißes Unterhemd, klassisch asiatischem Englischakzent, schiebt die sprichwörtliche wie bauchähnliche ruhige Kugel. Der Messman ist sein quitschfideler, junger, kleiner Adjutant, mit den strohigen schwarzen Haaren auf dem Kopf, zugleich auch mit dem Versuch eines Bartwuchsansatzes. Dass beide eigentlich Filipinos sind, erfahre ich erst später, nach eingänglicher Lektüre der Crewliste, auf welcher ich verzweifelt zwei Chinesen suche. Trotz allem hätte ich alles drauf verwettet.
Ich setze mich auf meinen zugewiesenen Platz, begrüße meinen Sitznachbar mit Handschlag und dem obligatorischen Rangesgruß: „Hi, Officer.“ „Hi, Passanger.“. Ich fahr mir auch so ein Sandwich rein, halb wabbelig mit Eiersalat, Käse, zähem Toast und spätestens beim ersten Bissen an Bord wird klar, dass die Stimmung einer Schiffscrew nicht von dem angeblichen so gutem Essen abhängig ist. Hauptsache gefuttert und so schnell wie möglich zurück an die Arbeit. Zu Mittag gibt es Pommes mit Steak, medium rare, woraufhin ich gezwungen bin, zu kommunizieren, dass ich Vegetarier bin – eigentlich. Am Abend gibt’s Pommes mit in Fett eingelegten Auberginen, woraufhin ich mir sehnlichst wünsche, dass die Vorräte an Pommes als Beilage bald nicht mehr verfügbar sind.
Den Rest vom Tag bin ich damit beschäftigt auf dem Heck zu stehen und dem Treiben beizuwohnen. Mein Rumstehen bewirkt, dass ich nach kaltem Wasser, Zigaretten und Richtungsangaben zum Klo gefragt werde. Einer der Teamchefs der Ladecrew fragt mich, ob ich ihm die Ladeliste kopieren kann und als allen klar wird, dass ich vor allem mit Unwissenheit glänze, wurde mir eine Hängematte aufgespannt und die Jungs haben vom Heck direkt ins Meer gepisst. Irgendwann, ich stand weiterhin verloren und den Containern nachschauend verträumt daher, kam der Master auf mich zu und begrüßte mich nach bereits bekanntem Schema: „Hi, Master.“ „Hi, Passenger.“. Der Mittvierziger Budapester gab mir einen kurzen Überblick, was in den kommenden Stunden passieren wird, wann wir Anker einholen und worauf ich so zu achten habe. Wir begnügten uns mit etwas vorurteilslosem Smalltalk über Drogen und Gewalt in Kolumbien und die Aussicht auf Wellen im Atlantik. Im Großen und Ganzen ist er aber ein sehr Mimikarmer Gesprächspartner, der eher dem gültigen Protokoll folgt, als seinem persönlichen Gusto. Beim Abendessen treffe ich auf Max, der ebenfalls ranglos ist und nur einen Namen besitzt. Er ist der Trainee, der sechs Wochen Passage mitmacht und von der Reederei, in der er sein Praktikum absolviert, auf Reise geschickt wurde. Vor einer Woche erst 18 geworden, war er die ersten drei Wochen gezwungenermaßen auch nur Passagier, da er gemäß geltenden Regularien noch nicht arbeiten durfte. Seine erste Station war direkt der Maschinenraum, zu welchem mir nur die Vorstellung schon Hitzewallungen und Verausgabung vorschwebten. Drei Departments gibt es auf dem Schiff, Maschinenraum, Brücke und Küche. Vielleicht outet sich Max ja bald als genialer Koch, wobei ich dem ehrwürdigen Filipino hier keinen Vorwurf machen will, da die Zutaten, selbst dem talentiertesten Küchenmeister, die Nerven rauben würden. Alles Konserve. Max aber ist glücklich, erlebt was und hat ziemlich viel Spaß mit der Crew. Typischer Hamburger Jung: bisschen steif, aber immer am Lachen.
So langsam fragen sich dann auch alle, und ich mich auch: Da ist der schon einen knappen vollen Tag an Bord und war noch immer nicht auf der Brücke. Versäumnis erkannt, schon meint Max auch den Piloten (Lotsen) gesehen zu haben und zieht mich auf die Brücke. Offene Tür, laut „Hallo“ schreien und merken, dass da nur ein vollschlanker Pole Wache schiebt und Seekarten studiert. Ansonsten ausgestorben, der eigentlich imposante Raum, der sich über die gesamte Breite des Schiffes erstreckt, ohne Pfosten, ohne Pfeiler, die die Sicht verdecken könnten. Oberster Stock der Superstructure, aber ohne Leben. Der Pilot kommt doch erst später, nur mach ich den Zeitsprung mal direkt, da in den gefühlten nächsten drei Stunden genau das passiert, was in den kommenden 17 Tagen auf mich zukommt: Nichts.
Die Brücke ist, bis auf die Aussicht, die bei Dunkelheit hinter der Scheibe endet, milde gesagt ziemlich langweilig. Der Master sitzt im Dunkeln auf seinem Stuhl, links neben ihm der Pilot, der in spanischem Englisch auf den philippinischen Steuermann rechts vom Master Ruderbefehle einprügelt und der Master wie beim Tennis folgend sich Muskelkater im Nacken holt:
Pilot: „Zero, Five, Zero.“, Filipino: „Zero, Five, Zero … Zero, Five, Zero now, Sir!“.
Pilot: „Zero, Four, Five.“, Filipino: „Zero, Four, Five … Zero, Four, Five now, Sir!“.
Pilot: „Zero, Four, Zero.“, Filipino: „Zero, Four, Zero … Zero, Four, Zero now, Sir!“.
So geht das eine Stunde im halben Gradrhythmus hin und her, dann vergeht dem Pilot die Lust, geht vom Schiff und der Master gibt das Signal: „Full Ahead!“ Volle Fahrt voraus bedeutet aber zu hohen Schwerölverbrauch, und somit begrenzt sich unsere Maximalgeschwindigkeit in den kommenden Wochen auf ein dreiviertel der eigentlichen Leistungsfähigkeit.
- März 2016
Nach dem Wachwerden schaue ich aus meinen 200 Quadratzentimetern Glasscheibe und jubele: „Kein Land in Sicht!“ Ich überprüfe unsere Position mit GoogleMaps und lege mich direkt wieder hin – wir fahren die ganze Nacht und sind noch nicht mal an Cartagena vorbeigekommen. Ich muss mich auf ein neues Geschwindigkeitsgefühl einstellen und schlafen ist die bestmögliche Herangehensweise. Nach meinem zweiten Aufstehen muss ich jedoch anerkennen, dass dies der erste richtige Seetag in meinem Leben ist. Es ist diesig grau am Horizont, auch das Meer um uns herum strahlt nicht im gewohnten Karibikblau und ein wirkliches Raumgefühl mit einer scharfen Trennung von Himmel und Meer lässt sich nicht ausmachen. Geplante Aktivitäten für heute, es ist ja schließlich Ostern, wie mir die orthodoxmuslimischen Christen beim Frühstück weiß machen: Schlafen, lesen, essen, schlafen, lesen, essen, schlafen. Himmlisch! Ich nehme mit meinem Plan Fahrt auf, gewöhne mich nebenher an das sanfte aber ständige vibrieren der Maschine, den Atemzug der Klimaanlage in meinem Zimmer und das hin und her, vor und zurück. Ebenso, wie Wellen das Schiff in Erregung schaukeln. Es sind nur geringe Bewegungen, und ich bin verwundert, dass sie nur so klein sind. Die Größe des Schiffs und der Seegang scheinen perfekt in Einklang zu sein.
Zwischendurch mache ich einen kleinen Rundgang vier Stockwerke nach unten Richtung Achtern, schaue in die Ferne und schnappe etwas schwerölgetränkte frische Luft. Nirgends auf dem Schiff, so scheint mir, gibt es frische Luft. Sobald man den Turm verlässt, blasen einem die unzähligen Lüfter der gekühlten Bananencontainer ihre Abluft um die Nase und wenn man um die Ecke biegt, sich in den windstillen Bereich hinter dem Turm an den Tauen vorbei windet, fallen einem die Rußpartikel wie Schneeflocken auf den Kopf. Eigentlich ist der komplette Außenbereich um den Turm vom Ruß des Schornsteins eingehüllt, Rußflocken so groß, dass der Begriff Feinstaub hier nicht mehr gilt, Rußflocken so groß, dass sie greifbar sind, sobald man seine Hand nur fünf Minuten ausstreckt. Von der Crew habe ich auch noch niemanden draußen angetroffen, geschweige denn eine Sitzecke gefunden, in der man entspannt den Sternenhimmel betrachten könnte. Am Bug, das scheint es gegensätzlich fröhlich herzugehen, doch fehlt mir noch die entsprechende Begehungserlaubnis.
Weiteres Highlight des heutigen Tages, der Slopchest hat offen, das letzte Mal im März und er öffnet erst wieder nach Guadeloupe. Gespannt und nichts ahnend was es damit auf sich hat, ein Aushang hat die Öffnung angekündigt, weiht mich der Master, mehr aus Eigennutz als aus Nächstenliebe, ein und fragt mich, ob ich etwas aus dem Schiffsladen benötigen würde. Wasser, viel Wasser, schießt mir durch den Kopf, Zigaretten gibt es, Bier, Brandy, Wein, Nüsse, Schokolade, Rasierer und Duschgel. Gute Rittersport mit Rumtrauben und Nuss. Also Wasser bestellt, meine Vorräte neigen sich beängstigend schnell dem Ende zu, weil ich den Ruß meine Kehle runterspülen muss. Dazu zweimal Rittersport Traubenrum um die Pommes durch Süßes vergessen zu machen. Von gesund Leben auf dem Schiff habe ich mich bereits jetzt verabschiedet, wie ich mir dem Bene gegenüber vollmundig vorgenommen habe. Gesund heißt hier Wasser trinken und auf Festes verzichten. Bestellung auf- und abgegeben. Slopchest, was ein wundervoller Name, mein nächstes Monster in Lu‘s Kartenspiel wird so heißen.
Zum Abendessen ist die Messe gerammelt voll. Auch dem Master fällt es auf, dass wir zum ersten Mal seit zwei Tagen zu fünft und vollzählig zu Tische weilen. Gezwungenes Lächeln mischt den Backfisch in den Zahnlücken auf, der zuvor heruntergeschlungen wurde, als ob es keine Mahlzeit mehr gibt. Alle stehen auf, gehen eine Tür weiter und ich sitze plötzlich alleine da. Alle weg, aus dem Nichts, aber um mir direkt eine Erklärung zu liefern, warum die Überstürzung einer nicht anfechtbaren Rechtfertigung erliegt, stimmen sie ein mannsgröhlerisches „Happy Birthday“ an, dieses unter allen Menschen weltweit wohlbekannte Lied, doch schüchtern und gezwungen zugleich. Auf eine Art und Weise, wie es im Arbeitsleben eben Pflicht ist, wenn man gemäß Vertrag durch dick und dünn gehen muss. Da sitzen Filipinos, Polen, Inder, Rumänen, Ungarn Litauer und Deutsche in einem Raum zusammen, der nicht grösser ist als meine Eignerkabine, zu Ehren eines Kadetten, der vor drei Wochen in Algeciras an Bord gekommen ist und als Dank und Lohn für das Ständchen Bier, Zigaretten, Nüsse, Bacardi und Cola bereitstellt. Sie sitzen da, einige knapp über Volljährigkeit und andere mit Jahrzehnten an Seemannserfahrung auf dem Buckel aber nie über den Offiziersrang hinausgewachsen, da ihnen das Leben nicht die gleichen Chancen bietet. Der einzige der nicht trinkt, ist der Master, sitzt neben dem herangewachsenen Geburtstagsjubilanten und redet sehr eindringlich auf ihn ein.
Hier betritt dann der Passagier die unfreiwillige Bühne, zurückhaltend ob der gesammelten Mannschaft aber wärmstens mit Bier und Kippe empfangen. Social bonding erlaubt keine guten Vorsätze, daher wehre ich mich gar nicht erst gegen die vielen schenkenden Hände. Das schöne ist eben, dass hier fast alle sind, auf einen Blick. Ein Filipino zieht diesen besonders auf sich, gezeichnet aus dem Bilderbuch der Legenden und Geschichten über Seefahrer und Meeresabenteurer. Ein kleiner, untersetzter Mittfünfziger, fest wie ein Stamm, der Schädel kahlrasiert und gebohnert wie eine Bowlingkugel, den Bart um die Mundwinkel getrimmt. Stahlharte, tattoobezeichnete Arme bis zu den offenliegenden Schultern, ausgestattet mit einer tiefen, durchdringenden, nikotinverräucherten Stimme steht er, Bier verteilend und Whisky trinkend hinter der Bar. Einer der Deckcrew, die ganz unten im Schiff ihr Werk verrichten, da wo der Stahlrumpf vom Wasser umringt ist und es viele Meter zum nächsten Sonnenstrahl sind. Ein Seemonster, wie man ihn sich besser nicht zeichnen könnte. Ich bin beeindruckt von solch trefflicher Übereinstimmung mit den Klischees über die Wasserratten.
Wie immer bei Betriebsfeiern gibt es Grüppchen, die sich in den vier Ecken eines Raumes bilden und verteilen, begleitet von Standbildern von philippinischen Ferien- und Naturparadiesen und Popmusik, jederzeit einsatzbereit karaokisch begleitet zu werden. Jeden Samstag treffen sich die Filipinos hier und singen Karaoke aus vollen Lungen, vollem Herzen, voller Leidenschaft und vollen Lebern. Ich bin froh, etwas bekanntes an Gewohnheiten auf diesem Schiff anzutreffen. Beim übers Essen fluchen bin ich bisher noch der einzige, aber ich schimpfe nur still und heimlich und ab und zu vor Max, der morgen in der Küche anfängt zu arbeiten und ich die Hoffnung auf besseres Essen in einen 18-jährigen stecke, der das erste Mal von zu Hause fort ist. Heute Abend jedoch gibt es Bami Goreng von vorzüglicher Qualität. Das erste Bier ist damit auch schnell getrunken. Ich schließe mich einer Gruppe an, die aus dem Bilderbuchmatrosen, dem litauischem zweiten Ingenieur, einem indischen Ingenieurskadetten, der dem Litauer untersteht, dem Messman und Max besteht. Der Litauer, der mich bereits beim Mittagessen als Kiffer aufgespießt hat, fing das Gespräch erneut über das ‘grüne Gold Kolumbiens’ an ins Rollen zu bringen. Auch der Master hat eine auffallend schlechte Meinung über Kolumbien und als ich einmal eine Salatschüssel für die Suppe benutzt habe anstatt einem Suppenteller, meinte er, dass ich es ja gar nicht besser wissen kann, jetzt wo ich drei Monate abseits jeglicher Zivilisation verbracht habe. Südamerika im Allgemeinen scheint bei den Osteuropäern keine sehr hohe Meinung zu genießen.
Der Litauer erweist sich aber als äußerst lustiger und offener Kumpane, mit einem guten Zug zu derben und schwarzseelig Abgründigem. Er hat jetzt schon, nach einem Monat, keine Lust mehr, muss aber noch drei weitere durchhalten, ehe er seine Frau und sein Kind wiedersehen kann. Zu Hause in Klaipeda, der wichtigsten litauischen Hafenstadt. Für ein zweites Kind hat er keine Kraft mehr, ist ihm zu nervenaufreibend und zeitraubend. Er verdient knapp 6.500,- EUR, steuerfrei. Damit geht es seiner Familie in dem kleinen Land im Baltikum, wo die jährlichen Stromkosten 100,- EUR betragen, recht gut. Max meinte, dass der Master so um die 5.000,- EUR mit nach Hause nimmt, was es mir schwerer macht den Litauer und seine Ehrlichkeit beurteilen zu können. Seine Spruchreife hat mich allerdings schnell überzeugt. Mir wird mein drittes Bier gereicht und meine wievielte Zigarette, als der Litauer sich spaßeshalber den Inder zur Brust nimmt, und diesen nach seinen Tagesaufgaben ausfragt. Teils um seinen Frust und seine Müdigkeit loszuwerden, teils um mir zu zeigen, dass Befehlsketten hauptsächlich Charakteren entspringen und nicht Rängen, und er der eigentliche Herrscher über die Maschine ist, das der neue Chief Engineer ein ziemlicher Schlappschwanz sei. Der arme Inder steigt nicht dahinter, also überlegt er angestrengt, was dem Handbuch an Vorgehensweisen zu entnehmen sei. Währenddessen klingelt das Telefon, ein Offizier hebt den Hörer ab, und schreit unvermittelt mit feinstem polnischen Dialekt: „Hey Passenger, no chocolate!“ Ich hebe meinen Daumen, er legt wieder auf. Ich hatte meine drei Sekunden Aufmerksamkeit und der Offizier seine drei Sekunden Spaß mit mir.
Ich wende mich wieder dem nachdenkenden Inder und dem ungeduldig fordernden Litauer zu, die mir in der kommenden halben Stunde ein wirres Schauspiel von Frage-Antwort-Autoritätskette liefern wollten. Zum einen sprachen beide nicht minder akzentreiches und ihrer Sprachregion eindeutig zuordbares English, zum anderen prallten indische Schüchternheit, Zurückhaltung und Bescheidenheit auf angetrunkene Lebenszynik, Überheblichkeit und slawischem Machoismus, der auch vor dem maskulinen keinen Halt macht. Es stehen sich ein nach oben blickender, nachdenklicher, Zeigefingergestützter Kadett und ein weitarmiger, angriffslustiger Terrier gegenüber, die sich mit monotoner, sich immer wieder wiederholender Wortfolge: „Hm, and then I have to …“, „… and what else do you have to do?“ in einen Dialog tanzten, der an einen Hahnenkampf erinnerte, wo alle Zuschauer von außen brüllen, jubeln und anfeuern, nur die armen Hähne wissen nicht wie ihnen geschieht. Am Ende tragen trotzdem beide Verletzungen davon.
Ich sitze anteilslos auf der Küchentheke, beobachte, wie die beiden um mich herumstolzieren, Max weißt mich gelegentlich darauf hin, dass es sich zwischen den beiden nur um einen Spaß handelt, aber der Raum leert sich alsbald. Filipinos sind keine mehr da und das Geburtstagskind schacherte drei weitere Rumänen um sich von denen er trotz Plus Eins immer noch wie der weitaus Jüngste aussah. Als diese auch die Weite des einladenden Bettes und der wohligen Nacht suchten, befand ich mich alleine mit dem Litauer im Niemandsland des mexikanischen Golfes. Er, mit immer mehr Müdigkeit, je länger die Arbeitsreise andauert, belastet. Ich meine Müdigkeit mit jedem Tag, den diese Schiffsreise weiter voranschritt, entsprechend reduzierend. Einen Wimpernschlag später, nach meinem letzten Schluck aus meinem dritten Glas dünnhäutigem Bacardi Cola, versah ich mich in seiner Kabine sitzend, weiter Zigaretten rauchend auf seinen Laptop starrend, wie er seine Hochzeit, seinen Urlaub in Norwegen, seinen Armbruch in Singapur, seinen Heiratsantrag auf Teneriffa im Wasserpark zwischen Dinosauriern und dressierten Delphinen, die Geburt seines Sohnes und die Autosammlung seines Sohnes vor mir ausbreitet. Gewürzt mit Bildern seiner Liebsten und einer Hommage an hochgewachsene, schlanke, blonde, litauische Frauen, wie es sie sonst nirgendwo auf der Welt geben würde. Natürlich waren auch auf seiner Hochzeit zahlreiche Einzigartige zugegen. Das sich Männer in Litauen zur Begrüßung auf den Mund küssen und wir verklemmten Deutschen unseren Handschlag endlich mal gegen eine herzliche Umarmung tauschen sollten, geht in einem Meer an Gebadet-werden-Bildern seines Sohnes unter, wie er in einer Plastikschale breitbeinig seinen noch jungen Pimmel und stolzen Hodensack in den litauischen Himmel reckt, bloß kein Seemann werden sollend, dafür aber unendlich Frauen ehelichen und verglücken. Die Welt ist ein Wirrwarr aus Emanzipation zweier Geschlechter, die einander nicht lieben wollen. Ich beende den Abend mit einer Schachtel Zigaretten in meinen Lungen, lehne aber eine Fanta aus ideellen Gründen ab. Ich schleppe mich aufs 2nd Superstructure Deck, nehme meinen Karton Wasser mit, sehe auf einem anderen Häufchen Rittersport Nuss-Traube-Rum und gestehe demjenigen, mit dem Kürzel „OSP“, ein bisschen Naschen zu, ist das Esse in d‘ Messe eh nich z’m Fresse. Ich beginne noch in der Nacht Isabel Allendes Geschichte vom kindlichen Zorro, denn die Zeit hat sich hier auf dem Schiff noch nicht allzu sehr beeilt.
- März 2016
Zweiter voller Seetag, langes Buch, dicker Schädel, aber am Schlafen hindert mich hier erstmal keiner. Das ist mein Glück an Bord. Ich verschlinge das Buch regelrecht, bekomme einen schwachen Rücken vom vielen Liegen und werde meine vorletzte, literarische Lektüre bis zum Abend durchhaben. Ich bin ein Suchtmensch, der nur das Extrem kennt und bald werde ich es wohl bereuen, dass ich mir mein schriftliches Material nicht besser eingeteilt habe, oder noch vor Abfahrt für mehr Auswahl sorgte. Das Buch schmeißt mich etwas zurück in meine Abreisetraurigkeit und den schwerfälligen Abschied aus Kolumbien, den ich mir immer damit schmackhaft machen musste, dass ich in Berlin so viel zu erledigen habe und erst meine Sachen wieder auf die Kette bekommen muss, bevor ich an anderes denken kann. Ich vermisse die kolumbianische Lebenslust, erst recht wenn ich den Arbeitsalltag und die langen Gesichter der Osteuropäer an Bord miterlebe. Die Filipinos machen hier die Drecksarbeit, punkten aber bei weitem mit besserer Laune und ehrlicheren Gesten. Dem Rest fällt es, wohl von Natur aus, schwerer, das Glück als solches wahrzunehmen, die Gedanken an die Probleme wiegen merklich. Ich suche die Ablenkung im Stahl, gehe mit Max in den Maschinenraum und bestaune das Monstrum, das die Schraube ins Wasser rammt und uns maximal mit 20 Knoten zum nächsten Hafen treibt. Vier Schiffsstockwerke hoch ist der MAN-Motor. Pro Stockwerk lassen sich seine Ausmaße kaum erahnen, aber wenn man die Dimension auf einen Automotor zurechtschrumpft, dann fällt es leichter zu begreifen. Die Zusammensetzung gleicht sich auffallend: Zylinder, Glühkerzen, Motorblock, Antriebskurbeln und –wellen, nur eben so groß, dass man eine mannshohe Tür, anstatt der üblichen Schrauben, aufmachen muss um in den Motor zu gelangen. Schrauben und Muttern gibt es natürlich auch, aber mit Durchmessern wie Oberschenkel von Elefanten. Wir sind ganz unten, dort wo die Antriebswelle aus dem Motor kommt, ein zehn Meter langer Stahlbolzen mit einem Meter Durchmesser bohrt sich durch die Schiffswand nach außen und treibt die dahinterliegende Schraube mit 100 Umdrehungen in der Minute an. Hier unten ist die Kontur des Hecks deutlich erkennbar, keinen Meter gibt es mehr bis zum Rumpf, wo uns der drei Zentimeter dicke Stahl die Luft bewahrt vor den drückenden Wassermassen. Anders als bei kleinen Schiffen, die immer eine weiße Gicht und Wasserschaum aufwirbeln und der Weg noch lange nachvollziehbar ist, liegt diese Schraube so tief unter dem Wasserspiegel, dass kaum Schaum entsteht. Wenn man achtern steht, sieht man nur, wie die Wassermassen, die aufgewühlt werden, nach oben gepresst werden. Hier wird ein Acker gepflügt und kein Weltmeer besegelt.
Es ist entsprechend heiß, die Luft ist stickig und in maschinellen Düften geschwenkt, man fängt leicht an zu schwitzen, hier unten, wo wie auf der Brücke auch immer jemand ist und darüber wacht, dass die Druckstände stimmen. Durch das gestrige Schauraufen müsste mir in Erinnerung geblieben sein, was alles kontrolliert werden muss, fortlaufend. Ich erinnere mich aber nur noch ein paar Eckdaten: Wir schleppen 3.000 Tonnen Schweröl mit uns rum, 60 Tonnen werden pro Tag verbrannt, erst vorgewärmt auf 300 Grad, damit der Motor überhaupt erst Durst verspürt, bei kaltem kriegt er Sodbrennen. Vier Generatoren versorgen das Schiff mit Strom, jeder Generator so groß wie ein einzelner von den 1.500 Containern, die durch das Mechanikungetüm globalisierend jeden Ort dieser Erde zur Produktionsstätte der Konsumbefriedigung erheben. Es ist so laut hier unten, dass man trotz Ohrenschützer zusätzlich noch Oropax in die Gehörgänge stopft. Es kann keine Rede davon sein, auch nur ein Wort des anderen zu verstehen. Es gilt die Lippenleserei und das wortkarge, intuitive Verständnis von zusammengereimten Befehlen und Erklärungen, die südländische Zeichensprache mit wirren und irren Armbewegungen. Im Cargo Office gibt es ein Chart, wo die maritimen Kommunikationswege erklärt werden, eine sehr geläufige Verständigung überall auf dem Schiff wo die Dezibel unnatürlich aber beständig höher sind als es Emmisionsschutzbehörden in den Brüsseler und Berliner Ämtern erlauben würden. Überall tropft Schmieröl rum, stehen Schaltkästen mit in allen Farben blinkenden Lichtern und Knöpfen, Anzeigen, Tachos, ein Paradies für Schrauberlinge und Bastler. Wenn man das Licht ausmachen würde, wie sähe es wohl hier aus. Ich verstehe, warum der Litauer schon nach einem Monat Arbeit hier unten müde ist. Trotz allem stahlindustriellgebranntem Ingenieursschmiedehandwerk erstrahlt der Maschinenraum in hellstem Neonscheinwerferlicht in einer leuchtenden grünen Farbe, ein sattes Wiesengrün um es noch ein bisschen absurder wirken zu lassen.
Max zeigt mir noch den Piratenschutzraum, in welchen man sich flüchten kann, wenn es kontinuierlich hintereinander einmal lang und zweimal kurz Alarm schlägt. Er liegt steuerbords im Bauch des Schiffes, wo die Farbschutzschicht des Stahls grau ist. Es ist ein Schlauch von ungefähr hundert Metern Länge mit Wasservorräten, Notessrationen und einer mobilen Toilette, die sich dafür rühmt ohne Wasser und Chemikalien sauber und geruchsfrei zu sein. Die Box dafür ist nicht grösser als eine Kiste Bier. Schlafen soll man auf dem blanken Stahl, mangels alternativer Rohstoffe. Die Wasserpakete sehen ausreichend aus, die Kloschüssel mit Reinheitsgebot eher nicht. Wie viele Tage man hier aushalten soll oder kann, bevor man sich zerfleischt, das vermag ich mir nicht vorzustellen. Von hier aus gelangen wir auch in die Laderäume, wo die Container im Schlund des Schiffes verstaut sind. Auch hier lassen sich die Dimensionen für mich nur erahnen. Ich bin auf Höhe vom zweitobersten Container über dem Deckel, zähle nach unten noch drei weitere, wonach aber nur noch pechschwarze, endlose Dunkelheit erkennbar ist. Ich denke an Gandalf, als er in den Mienen von Moria in den Abgrund gezogen wird. Im letzten, unvorsichtigen Moment von der Peitsche am Knöchel erwischt und fortgerissen.
Auch Zorro übt mit der Peitsche und kann seinem Vater bald die brennende Zigarre in seinem Mund ausschlagen. Auch Zorro fährt mit dem Schiff nach Europa, von Panama aus Richtung Barcelona. Um dort ein Edelmann der spanischen Gesellschaft zu werden und seine Fechtkünste beim besten aller Floretmeister zu verfeinern. Zorros Milchbruder reist mit ihm und lässt seine einzige Liebe zurück, die auf ihn wartet, mit seinem Kind, von dem er erst noch erfahren wird. Die noch jugendlichen und unbekümmerten Lausbengel klettern derweil die Masten hoch und runter, erproben ihr sportliches Geschick in den Tauen, Leinen und Segel des Dreimasters. Auch Zorro, der eigentlich Diego heißt, wird seinem familiären Schicksal erst bei seiner Rückkehr begegnen, da es sich für stolze Väter nicht ziemt, der Wahrheit eine Stimme zu verleihen. Die Überfahrt über das zu damaligen Zeiten einzig bekannte Weltmeer erlaubte sich gemütliche sechs Wochen, gab Ziegen, Hühnern, Skorbut und den Seemännern Zeit sich näherzukommen, während im verwöhnten Königreich ungeduldig, ja sehnsüchtig, die Waren, die Schätze einer neuen Welt erwartet wurden. Um die Gier und die Befriedigung eines Volkes zu stillen, dass sich an heimischen langweilt, in dieser Langeweile für jede herrschende Klasse aber die Gefahr einer Revolte schwelt, wurden Leid, Ungleichheit, Schmerz und Qual der neuentdeckten Unzivilisierten wohlwollend in Kauf genommen. Die Romantik einer Seefahrt bleibt, wie auch heute, nur den kühnen Entdeckern und unstillbaren Forschern vorbehalten.
- März 2016
Das Wetter wird besser, zur erstaunlichen Hitze gesellt sich die Sonne und der wolkenlose Himmel. Ich sehe ein anderes Schiff, ähnlich groß und aus der Ferne behäbig rudernd im Einvierteltakt. Dafür ist heute so etwas wie ein Horizont auszumachen. Ich fühle mich etwas sicherer auf dem Schiff und mit der Crew. Der Pool wurde heute mit Seewasser gefüllt, aber als ich es mitbekommen habe, war er wieder leergespült. Zu frühstücken gab’s zuckersüßen Zott-Sahne-Joghurt mit Cerealien und Ananasaromen. Ich mache etwas gegen meine Liegeschmerzen, dusche mit destilliertem Meereswasser, fange ein neues Buch an und kann schon gar nicht mehr so viel schlafen, wie ich mir gewünscht habe. Die abwesende Müdigkeit zwingt mich zur Tätigkeit, für welche die Möglichkeiten auf diesem Schiff begrenzt scheinen. Nach jeder Mahlzeit lechzte ich nach Schokolade und giere nach Süßem, freunde mich aber damit an, dem Verlangen gezwungenermaßen nicht nachgeben zu können. Ich klipper mir meine Fingernägel und spreche mit dem Master über die uns gemeinsam bekannten Orte dieser Welt, und seiner Liste an unvergesslichen Weltschönheiten, die man Sightseeingmäßig unbedingt bestaunen sollte. Unser Verhältnis zueinander bleibt trotz erneutem kommunikativem Annäherungsversuch etwas unterkühlt und es fällt mir schwer, ihn einzuschätzen. Er zerreißt sich wieder ein Schandmaul über Kolumbien, kann nicht verstehen warum ich nicht in Agra war, wenn ich doch schon in Indien bin. Da befährt er die Welt in einer Seelenruhe und denkt trotzdem noch, das Indien nur aus diesem Touristentempel besteht. Auf der anderen Seite hat er einen sehr obrigkeitswidrigen Humor, flucht und gestikuliert mit dem Mittelfinger in seinen Erzählungen, in Richtung des Charterers, auf eine Art und Weise, dass ich phasenweise nicht mehr aufhören kann zu lachen. Ein Gleisner, ein Schizophrener. Ein autoritärer Napoleon der seinen kleinen Schwanz mit Machtspielchen zum Stehen bringen will. Ein verspieltes Kind mit einer Messerspitze Seriosität, wenn es um das perfekte Spielzeug geht, welches seinen Eltern Harmlosigkeit verordnet. Aber in der Gewalt meines Passes, meines Impfausweises und dem Wissen, dass all mein Handeln auf diesem Schiff seiner Erlaubnis unterliegt.
Max gibt mir Bescheid, dass er morgen auf Guadeloupe seinen Landgang absolviert und ist nebenbei von der Crew mit einer Besorgungsliste vieler persönlicher Wünsche beschenkt worden. Darunter ein Ladekabel für einen Laptop, das einem Filipino kaputt gegangen ist. Der Arme, zehn Monate Vertrag, zwei davon erst abgesessen, tolles Sony Vaio, aber keinen Strom mehr. Ich frage mich, wie ein Saturn in der Karibik wohl aussieht. Es wird Abend, einmal mehr stelle ich erneut fest, was für eine prächtige Kabine ich habe, da in meiner Ecke in den nächsten Tagen bei zu erwartendem gleichbleibendem Kurs immer die Sonne untergeht. Heute im wolkenlosen, babyblauen Zirkuszelt. Meine Kabine ist auf der Portside des Schiffes, dort wo sich die einzige Außentreppe von ganz unten bis ganz oben befindet und auf der ich es mir gemütlich machen kann ohne direkt im Rußnebel zu sitzen. Ich denke an Selinas Cohiba und wähle für die erste Hälfte den heutigen Abend. Ich bin alles andere als ein geschickter Zigarrenraucher, hantiere eher schlecht als recht mit dieser weltbekannten Köstlichkeit, doch zuweilen offenbart sie mir ihren Genuss. Die Sonne erlaubt mir mitanzusehen, wie sie mir heute ganz langsam gute Nacht winkt und als Eigelb, festgebraten im perfekten rundorange hinterm Horizont des naturalesen Kasperletheaters baden geht. Ich bin zu Tränen gerührt, weil ich die Cohiba mal wieder inhaliere anstatt zu paffen. Ich bleibe noch etwas sitzen, sehe der Cohiba ihr feuerrotes Herz verglühen und verstaue die Sentimentalität bis tief ins Herz des Atlantiks. Mit dem drehenden Wind und dem damit leichten Rußregen des Schweröls gehe ich brav in mein Zimmer, wende mich einem sehr komödiantischem Werke John Irvings zu, so komisch, dass ich das Licht ausmachen muss und mich zum Schlafen zwinge um die Ruhepause nicht zu verpassen.
- März 2016
Leider drängt mich der Humor nicht wirklich zum Schlaf und so beende ich nach einer halben Stunde Nachtruhe den ersten Teil des Buches. Doch auch nach der zweiten Lichtpause ist wegen der Magie der Nachtsterne nicht an schlafen zu denken und ich träume gedankenverloren vor mich hin. Morgen ist Landgang, gutes Essen, Obst, Stadt, andere Menschen.
Um halb fünf werde ich mit Sänfte aus dem Schlaf gerissen, die stetige Vibration ist weg, die Maschine aus. Von der Küste her leuchten die Straßenlaternen und Häuser. Wir warten auf unseren Piloten, aber die Ruhe ist einmalig und zu dieser Uhrzeit ungemein entspannend. Nicht in Fahrt verliert das Schiff auch seine Stabilität und wir schaukeln wie wild hin und her. Wie ein Baby will ich wieder zurück in den Schlaf gewogen werden, aber die Stille ist zu angenehm um sie zu überschlafen. Ich wusel in meinem Zimmer rum. Mails prassen rein, ich habe Netz und bin vor allem nicht der einzige, der schon wach ist also überrasche ich die Crew als Frühaufsteher, der Litauer revidiert sein Kifferurteil und in der Küche brüht schon frischer Kaffee. Alle sind irgendwie gut drauf.
Und es regnet, das erste Mal seit Medellin wieder und ich denke an den armen Max, der auf der Hinreise Guadeloupe nur als Einkaufszentrum erleben durfte, weil es in Strömen regnete. Die Hafencrew meinte auch, es regnet seit Wochen, was für diese Jahreszeit sehr ungewöhnlich ist. Für mich ist dies der erste richtige Hafen aus Sicht beruflicher Hektik. Die abgebrühte Routine ist am auffälligsten. Das Schiff liegt an der Mole, die Ladekräne, diesmal vom Hafen gestellt, hochautomatisiert, erledigen ihre Arbeit in mich fesselnder Präzision und Geschwindigkeit. Ich habe das Gefühl, wir laden und löschen doppelt so viele Container als in der Bucht vor Turbo, von den improvisierten Docks. Und wir liegen nur die halbe Zeit. Beim Frühstück teilt mir Max mit, dass der dritte Offizier auch mit in die Stadt kommen will, statt wie geplant um zehn, erst um zwölf Uhr. Für mich grundsätzlich unbedeutend, da ich von dem Prozess des Ladens gebannt bin und diesen zeitlos faszinierend zu beobachten finde. Ich stehe hafenseitig auf der Brücke, der Master kommt auf mich zu, dass wir um elf Uhr fahren, das Taxi ist bestellt. Ich mische mich kurz in die Planung ein und frage, ob der dritte Offizier dann nachkommt. Darauf gibt es ein: „That, I don’t know!“ Ich verbleibe mit dem Gefühl, es zu wissen. Ein Master, der die Spielregeln setzt, Abweichungen davon bedingen neue, von ihm genehmigte, Spielregeln. Als wir uns im Cargo Office zum Abmarsch treffen, stößt auch der überstimmte dritte Offizier, eher zufällig hinzu, aber ihm ist anzumerken, wie sehr es ihn ankotzt, dass er nicht an Land darf. Es ist ihm auch nicht übel zu nehmen, wenn man an die acht Tage Atlantik ab morgen denkt.
Wir laufen den Kai entlang zum Ausgang, zwei Grünschnäbel wie Max und ich, der Master und der Chief Engineer, ein dicker, zahmer Pole den ich trotz Nachbarschaft heute zum ersten Mal treffe. Es regnet wieder, kurz und stark, wir stellen uns unter wie räudige Hunde und warten auf unser Taxi. Eine Bekannte des Masters, wie er sie nennt, eine Schwarze, kurzhaarig und mit brennendem karibischen Feuer, begrüßt uns in diesem unfehlbaren Englisch, dass mit zu viel Französisch gewürzt ist weil der Nationalstolz der revolutionsfreudigen Kolonialisierer keine weiteren Sprachkulturen zulässt. Der Reggae dröhnt in dem nagelneuen Renault. Ich mag’s, der Master erbittet jedoch Gesprächslautstärke um seine Frage, ob sie seine Postkarten vom letzten Mal abgeschickt hat, stellen zu können und danach die ganze Fahrt zu schweigen. Die Rhythmen aber bleiben weiter leise, wir sitzen zu viert nebst ihrem Summen, schön eingequetscht bei viel zu hoher Luftfeuchtigkeit und fahren ins Centre Ville von Point-A-Pitre. Ich fühle mich wie in Frankreich, wir sind in Frankreich. Hier wird auch mit Euro bezahlt, ich brauche kein Visum, geschweige denn bekomme ich einen Stempel (was mich traurig macht) und die Gendarmerie trägt diese typischen, dunkelblauen Halbzylinder mit Schirm, die sie weltweit stilistisch einzigartig macht. Hier treiben sie es klimabedingt noch etwas auf die Spitze, indem sie dazu weiße Polohemden in kurzen Bermudas tragen und auf Fahrrädern unterwegs sind. Wenn dir davon fünf als Bataillon entgegenkommen, denkt man zuerst an die Chippendales in schwarz. Ochsen von Männern mit Nacken wie Nashörner, ich denke an Joel und sein maskulines Selbstvertrauen.
Wieder zurück in der Gegenwart, fahren wir an einem Museum über die Geschichte Guadeloupes vorbei, dass so aussieht, wie mein gesprengter Hauseingang, nur dieser jetzt ein Wallfahrtsort der Kleinkriminalistik ist für den ich Eintritt verlangen kann. Der Master besteht darauf, dass wir unsere Kameras zücken und Fotos machen, zum Reingehen fehlt die knapp bemessene Zeit. Er fährt die Fensterscheibe runter, und Chief Engineer und Trainee Max schießen drauf los wie in einem Drive-by. Ich befinde mich im falschen Film und kann dem Sightseeing einfach nichts abgewinnen. Wir kommen zu einem Platz, um den sich Gemüse-, Fisch- und Gewürzmärkte erheben und zum Glück erlaubt sich, und damit uns, der Master einen Freigang, um echtes Obst auch mal anzufassen. Er schickt das Taxi in Warteposition, jederzeit bereit nach dem geglückten Bildüberfall fluchtartig einsteigbereit zu sein. Aller Weltentfremdung zum Trotz erklärt der Master Max, er müsse diese Bananen kaufen, da er einen solchen Geschmack in Europa vergeblich sucht. Es passiert, was sich wohl bestens als Kulturmissverständnis beschreiben lässt. Max zeigt auf des Masters Geheißen hin auf eine Banane, die vorzüglich nach karibischem Paradies munden soll, diese wird eingepackt und mit einem Verkaufspreis von einem Euro versehen. Max streckt dem glücklosen Verkäufer einen Fünfzigeuroschein entgegen, dieser jedoch resigniert schlussendlich schulterzuckend und sprachlos über die unbewusste Dreistigkeit, hierauf Wechselgeld zu erwarten. Max glücklich lächelnd, bislang noch von einem sehr guten Deal ausgehend, vergnügt sich anschließend widerspenstig an einer Kochbanane, die er, sobald er die Bestätigung des Masters über deren vorzüglichen, frischen, süßen Geschmack vollbracht hatte, in der Plastiktüte der umsonst erworbenen Frucht untergehen ließ. Um seinen finanziellen Fauxpas wieder gut zu machen, versuchte Max Geld abzuheben, in der Hoffnung, kleinere Scheine von einem Bankhaus zu erwerben. Als finalen Lobgesang auf die Parodie schwang ihm ein weiterer Fünfziger in die Hände. Allzu geknickt war er aber sicherlich nicht darüber, da er mit seinem täuschenden Akt seine Kochbanane losgeworden ist, ohne dass uns dies aufgefallen wäre. Ich verlange nach einer Zugabe, kann die beiden umherstehenden, fotografierenden Zuschauer aber nicht mehr länger ertragen und bitte den Master, mich in die Stadt zu entlassen, während sie zu dritt im Fluchtauto Unterschlupf suchen und ihre digitale Beute am Strand in den Korallen verstecken wollen. So ganz wohlwollend stürzte er sich nicht in Begeisterung für meine Pläne, vergaß aber nicht mich daran zu erinnern, dass das Schiff um Twentyhundred ausläuft.
Point-A-Pitre ist nicht sehr groß, verkauft sich mit heruntergekommenem Charme dennoch ganz passabel. Immer wieder tauchen in den Häuserreihen Ruinen auf, deren Fassaden den Blick auf einen entkernten und zugemüllten Innenhof ziehen, verwildert und verwuchert mit allerlei Unkraut und Büsche. Zumeist wird allerdings recht schnell der zu lang verlassene Unterschlupf recht bald durch einen Neubau ersetzt und mit Moderne verschandelt, es wird viel gebaut in den kleinen Straßen. Der Beton zerstört die karibische Farbenfröhlichkeit mit einer siegesbewussten Gelassenheit, die mich sprachlos macht und mich zu einem quadratischen Häuserblock führt, der in jeder Ecke von einer Bankfiliale inklusive Auswurfautomaten besetzt ist. Das ist auf einem einzigen Bild leider nicht visualisierbar.
Zwischen zwei Absperrzäunen finde ich ein Café, das gerammelt voll ist und wunderbar sympathisch wirkt. Zu meinem Glück halten sich gewohntermaßen alle Innen auf um der Klimaanlage Daseinsberechtigung zu zollen, so dass ich mich auf dem Gehweg an einen freien Tisch setzen kann. Reis, Bohnen, Zwiebeln, Fischfilet vorzüglich gewürzt mit Safran, Pfeffer und Chili und der typischen karibischen Frische, dazu une biere Caribe. Herrlich. Pünktlich zum Espresso fing der Regen wieder an und ich wusste, ich sitze hier noch ein bisschen länger. Zu mir gesellen sich anderen nach-dem-Essen-Raucher mit ihren Kaffeetassen und ich finde mich in einer Gesprächswolke in unterschiedlichsten Sprachen wieder, darüber zwitschernd, wer wo wann wie die Welt gesehen hat. Einer war als Soldat drei Jahre lang in Deutschland stationiert, danach ging‘s zurück nach Frankreich und über Italien in die französische Karibik. Eine hübsche Französin Anfang 40 und einem anrührend schmalem, langen Gesicht, fand ihren Weg von LaRochelle über Madrid und Montreal ins Paradies. Sie genießt es schon seit zwölf Jahren hier und besticht mit ihrer typischen französischen Eleganz, wie man sie selten woanders in der Welt betrachten kann. Nach dem dritten Bier hört es auf zu regnen, ich gehe Früchte als Vorrat für schlechte Zeiten einkaufen und lass die Snickers links liegen. Am Abend schon verfluch ich mich dafür. Ich laufe durch die kleinen Gassen und verzweifle an meiner Unfähigkeit einzukaufen. Hier gibt es wirklich schöne Sachen, von Hemden und Hosen aus Leinen, über Gewürze und unterschiedlichsten Extrakten von Vanille. Wie zumeist werde ich mit leeren Händen heimkehren, gefühllos fürs Schenken geboren. Ein wenig gebremst suche ich nach anfänglicher Euphorie dann doch ein Taxi zum Containerhafen und merke das Bier an die Tür hämmern.
Wieder an Bord verwalte ich meine Kräfte mit einem Nickerchen und einer Minibanane um für die anstehende Abfahrt beobachtungsbereit zu sein. Um Twentyhundred wird gerade der letzte Kran verstaut und der Pilot lässt auf sich warten. Um halb zehn werden dann die Taue gelöst, die Maschine angeschmissen und vorbei ist es vorerst mit der Ruhe. Das Manöver des Auslaufens wird vom Piloten befehligt unter Aufsicht des Masters, alles wie gehabt, aber hier sieht alles eine Spur grösser und unimprovisierter aus. Das faszinierende für mich stellt die Tatsache dar, das wir quasi blind in die Dunkelheit aufbrechen, ohne Sicht und nur auf die Elektronik vertrauend. Wenn der Pilot dann die Brücke und das Schiff verlässt, wird der Autopilot um seine Künste gebeten und die Brücke ist wie zuvor auf See der einsamste Ort auf dem ganzen Schiff. Überwacht von einem der Offiziere, die sich in Vierstundenschichten abwechselnd auf die Langeweile freuen. Darauf freu ich mich auch, schmeiß mich ins Bett, entschlummere in seichtem Gewässer und überlasse meinem Hirn die ehrenvolle Aufgabe, nachts für Unterhaltung zu sorgen.
- April 2016
Morgens werde ich von umgefallenen Wasserflaschen, umhergerollten Stiften und an den Rand gedrängten Papierseiten überrascht, die wohl alle in der Nacht spazieren waren im Rhythmus des Seegangs. Nichts gewaltiges, kein Unwetter und keine übergroßen Wellen aber das Schiff schaukelt erbarmungslos beständig. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich daran erstmal gewöhnen muss. Die Gewohnheit an die ständige Bewegung, die Vibrationen und das monotone Blubbern des Schornsteins erstreckt sich heute bei mir aufs lesen und im Bett liegen. Ich habe etwas Muskelkater vom gestrigen Landausflug, bin überrascht wie schnell ich von der Trägheit des Schiffes und seiner Umwelt übermannt werde. Ich esse dreimal täglich, schlafe ausgiebig und faulenze in meiner Kabine bis zur Entspannungserschöpfung, mein Bewegungsradius beschränkt sich auf das Treppensteigen zur Offiziersmesse zum Essen fassen. Das Schiff bietet mir als Passagier nicht viele Möglichkeiten, mich nicht in meiner Kabine zu beschäftigen. Alle Plätze außerhalb des Turmes bieten keine attraktiven Aufenthaltsmöglichkeiten, will ich mich nicht dem Ruß, der Abluft und der Lautstärke aussetzen. Auch die Crew hält sich eigentlich nur im klimatisierten Turm auf, hat als Gegengewicht zu den Mahlzeiten aber noch die körperlich anstrengende Arbeit zu erledigen. Was würde ich dafür geben, jetzt im Maschinenraum arbeiten zu können. Man ist hier zwangsläufig Gefangener, ziemlich eingeschränkt und alle Ablenkungsversuche müssen es mit den Schiffsbewegungen aufnehmen. So werden meine Dehnübungen zum Balanceakt, meine Handschrift ist zittrig und selbst das Liegen ist nur mit Muskelanspannungen als solches zu bezeichnen.
Vielleicht ergibt sich ja was, wenn ich mich vermehrt und vehement auf die Crew stürze. Mein erstes Opfer, der wachhabende Offizier auf der Brücke. Es ist der dritte, ein junger Pole, recht klein aber mit muskelbepackter Brust, die er sich im Fitnessraum (was auch die Schwimmhalle ist) zulegt oder am Leben erhält. Damit stillt er also seinen genetischen Jagddurst. Er zeigt mir, dass noch etwas mehr als 800 Seemeilen vor uns liegen, und wir Guadeloupe erst vor knapp einem halben Tag verlassen haben. Unser Kurs liegt bei 58 Grad, alles geradeaus mit ungefähr 14 Knoten, rund um die Uhr. Unsere Geschwindigkeit entspricht in Kilometern pro Stunde umgerechnet, so ca. 30 km/h, was für die Seefahrt ziemlich schnell sei, wie er mir erklärt. Er war auch schon auf Bulk Carriern, die gehen ihre Passagen mit gemütlichen sieben Knoten an und haben es weniger eilig, als die Bananen vor uns. Dafür verbrauchen diese Frachtschiffe sehr viel weniger Sprit. Bulk Carrier sind die Schiffe mit den Laderäumen im Bauch und transportieren Getreide, Mais, Kohle, Erz oder Salz. Diese liegen auch gerne mal eine Woche im Hafen und geben der Crew viel mehr Chancen an Land zu gehen. Er nimmt natürlich am liebsten Verträge auf diesen Schiffen an, eines hat ihn mal nach Buenos Aires gebracht, aber die Verträge sind dann auch entsprechend länger. Die Containerschiffe sind hingegen immer im Stress mit ihrem Zeitplan und sind auch ständig in Bewegung. Er kommt aus Stettin und weiß noch immer nicht so recht, ob er überhaupt auf einem Schiff arbeiten will, da die Arbeit doch recht schnell ermüdet und auf der Brücke stellenweise sehr langwierig ist. Vor allem zu schaffen macht ihm aber die Zeit weg von daheim, wo seine Freundin ist und der er, wenn er im Sommer mit seinem Vertrag fertig ist, einen Heiratsantrag machen will. Ich sage, oh die Glückliche, die wird sich aber freuen. Er entgegnet mir entgeistert, dass er auch so hoffe. Um die Arbeit auf dem Schiff aber wirklich sein zu lassen, ist der Verdienst einfach zu gut und er würde keine vergleichbare Stelle finden, wo er bei ähnlich gleichem Gehalt mehr Zeit daheim ist. Schon während des Studiums hat er das Pflichtpraktikum, in welchem man ein halbes Jahr als Kadett auf See ist, nach hinten geschoben, nach seinen Abschlussprüfungen mit der Begründung, er findet keinen Platz. Navigieren nach Sternen findet er altmodisch und langweilig, weil es so ewig dauert, viel Geduld erfordert und trotzdem musste er es lernen. Er arbeitet viel lieber mit GPS und Seekarte, als doppelte Absicherung der Schiffsposition, die pro Schicht jeweils einmal nach Hamburg gemeldet werden muss. Ein Seemann, durch und durch bis ins Blut. Er war derjenige am ersten Tag, der mir mitten in der Nacht meinen Pass abgenommen hat, er wollte in Guadeloupe mit an Land und beides Mal habe ich ihn zuerst eigentlich deutlich fröhlicher erlebt, finde aber seine pessimistische Ehrlichkeit beeindruckend.
Etwas mehr als 1.600 Kilometer haben wir noch vor uns. Das sind entscheidend weniger als ich angenommen habe, geschätzt hätte. Es gibt auch mitten im Atlantik Stellen, wo er keine 500 Meter tief ist – wenn ich die Seekarte richtig deute. Das allumgreifende Blau zeigt sich in unterschiedlichsten Dunkeltönen, wie man es sonst nur von Küstennähe und kaum Tiefe kennt. In all seinen Variationen von Türkis glasklar bis Dunkelblau gräulich. Mein letztes Buch rettet mich in die Nacht, aber nur bis zu dieser. Ab morgen steht mir noch eine wissenschaftliche Abwandlung eines Schweizers über die Liebe zur Verfügung, dieser Block, viel Tinte und mein Füller. Neben diesem unmöglichen Zeitvertreib überlege ich mir ernsthaft, wie ich meinen Bewegungsdrang befriede, da der Fitnessraum auch an Bord nichts für mich ist.
- April 2016
Heute ist der Slopchest erneut geöffnet, ich bestelle Wasser und bleibe meinem Plan, auf Süßes weitestgehend zu verzichten, vorerst treu. Zuckerhighlight bleibt damit das Sonntagmittagseis mit Schokoguss und der Montagmorgensfrüchstücksjoghurt. Um 10:20 Uhr gibt es einen Safty-Drill an dem ich bis zur Vollständigkeitsprüfung des anwesenden männlichen Materials teilnehmen soll, anschließend bin ich von allen weiteren Übungen befreit. Mangels Kurzweile folge ich dem Restprogramm dann doch und finde mich im Freefall Lifeboat wieder, eingequetscht wie die armen Sardinen zwischen plastikschälernen Sitzreihen, den Instruktionen lauschend, wie man mit dem Lifeboat das sinkende Schiff verlassen kann. Es riecht derbe nach Benzin und Öl, und angesichts der Tatsache, dass dieses Rettungsboot auch länger auf See sein soll, um auf Hilfe zu warten, erscheint es mir, wie wenn man mit dem in der Rushhour vollgestopften Bus von Madrid nach Moskau fährt, ohne Pause, ohne Klo und ohne Ausblick. Theoretisch weitergedacht fällt das Boot vom Heck rücklings aus 15 Metern ins Wasser, wird gestartet und die Erretteten entfernen sich zügigst vom Desaster. Praktisch sind meine Knie auf Ohrenhöhe, ich sitz in der mit Hartgummi gefutterten Plastikschale, die meine vitalen Funktionen nicht beeinträchtigen soll und die Fallrichtung ist gegen meine Blickrichtung, was mir schon ohne freiem Fall Unbehagen bereitet. Als ich frage, ob wir jetzt auch wirklich losfallen nachdem der erste Offizier die Tür hinter sich schließt – wofür ich unter keinen Umständen ausgebildet bin – mache ich mich mal wieder lächerlich.
Die nächste Rettungsstation ist das Seitenboot und hier endet auch schon meine Erinnerung zwecks Funktionalität und Nutzen. Das liegt zum einen am Wind und zum anderen am Zynismus der Szenerie. Wir laufen die Reling lang, der Wind schnappt sich einen Schutzhelm, den vom armen Max, und schleudert ihn in die Fluten, entfernt sich langsam vom Schiff, notgedrungen in grausamer Einsamkeit. Mir kommt mein schlimmster Alptraum, dass ich alleine auf dem Deck unterwegs bin, es gibt einen Ruck, ich kann mich nicht festhalten, falle ins Wasser und keiner bekommt es mit. Ich sehe dem Schiff hinterher, wie es weiter dem vom Autopiloten befehligten Kurs folgt, bis es irgendwann am Horizont dahinscheidet, nur noch den aufsteigenden Rauch des Schornsteins sehend. Und ich, wie der Helm, einsam da im Wasser, wohlwissend, dass mein Kopf, um aus weiter Entfernung gesehen zu werden, nicht groß genug sein wird, wenn überhaupt im Umkreis von hundert Kilometern einer Menschenseele ähnliches anzutreffen wäre. Nicht die Kälte, nicht die langsam eintretende Kraftlosigkeit, nicht das Ertrinken macht mir Angst, es ist die Einsamkeit, die Gewissheit das Blau die letzte Farbe sein wird die du siehst und das Wissen, dass du sterben wirst, dich damit aber noch etwas beschäftigen kannst. Sehr beklemmende Gedanken, die mich ab und zu einfangen, wenn ich an der Reling an Deck stehe und das Schiff eine unvorhergesehene Bewegung macht. Nach bisherigem Wissensstand würde der Verlust erst beim nächsten wöchentlichen Safty-Drill auffallen, da dies der einzige Termin ist, an an dem alle an Bord an einem Ort sind und abgezählt werden.
Zurück aber zur dies wöchentlich angeordneten Sicherheitsprüfungstragödie. Die Gruppe verfolgt das Geschehen, wie bei der neulichen Betriebsfeier, mit der dem Dienstherrn und der Pflicht gegenüber gebotenen Langeweile. Der leitende Sicherheitsbeauftragte steht mit distanziert lehrender Schüchternheit vor uns, die anstehende Übung schnellst möglichst und ohne allzugroße Peinlichkeit, abzuhacken. Das funktioniert heute leider nicht. Über einen Kran hebt man das Beiboot in die Luft, lässt Mann und Material einsteigen um das dann verschnürte Paket ins Wasser zu lassen, soweit der Plan. In der Trockenübung wird das Boot versucht, vom Hacken zu nehmen, damit man die Kranbewegung um 90 Grad nach steuerbord demonstrieren kann. Der Hacken lässt sich aber nicht öffnen, damit nicht lösen, was im Falle einer Notsituation nicht weiter tragisch wäre wenn 200 Meter Stahl auf den Meeresgrund sinken und die fünf Meter Beibootplastikschale sich dagegen stemmt, weil es noch nicht vom Hacken gelassen werden konnte. Nach heftigen Hammerschlägen gegen den Rost und unter Androhung roher Gewalt durch die Flex, mit der die Crew gestern noch die Küchenpfannen abgeschliffen hatten, erbarmt sich der Hacken vor versammelter Mannschaft mit einer sich öffnenden Geste und lässt den Kran frei. Ich denke wieder an Joel, wie er die Boa malträtiert um den armen Leguan zu befreien. Der Kran, wie ich, schon länger ohne befreiende Bewegung in den Scharnieren, freut sich so sehr über die Übung, dass er gar nicht mehr einzufangen ist und erneut Allen vollste Aufopferung abverlangt um ihn wieder in Ausgangsposition zu bekommen. Dabei geht die Klappe zum Sicherungskasten zu Bruch und gesellt sich durch tatkräftige Unterstützung des Windes zum Helm in die unendlichen Weiten des Ozeans. Ein Stromkabel fällt aus seinem Stecker und baumelt gefährlich nah an den Sicherheitshelmen, dem asiatischen Körperideal wegen ist es zu keinen Zusammenstößen gekommen, ein Rumäne hingegen wurde mit einem sanften Schlag auf das Kabel aufmerksam gemacht. Wieder sprang ein Viertel der Mannschaft dem Kabel hinterher, ohne Stahl, Draht und Ruß könnte man meinen, sie fangen Schmetterlinge. Damit das Auseinanderfallen des in die Jahre gekommenen Krans nicht an der Moral der Truppe nagt, wird die Übung abgebrochen, Bosun und zwei Ordinary Seamen für nach dem Mittagessen zur Reparaturzwecken abgestellt und im Safty-Drill-Checklog steht drin: Chinesischer Schiffsbau, Ersatz in Trockendock. Die in Overalls gepackten und an die Stahlaußenwände gelehnten Zuschauer öffnen ihre verschränkten Arme zum Applaus und skandieren Zugabe. Als Strafe für den Gefühlsausbruch gibt es ein Sicherheitsvideo zu einem weiteren Rettungstool, falls alle anderen nicht funktionieren sollten. Gegen Materialschwäche ist man auf einem Schiff dreimal abgesichert.
Zu dem Video stelle man sich folgendes vor: Man sitzt in einem Flugzeug, vor dem Start, das Saftyinstructionsvideo wird gezeigt. Die animierten Geschäftsmänner und Plastikmütter sind jedoch nicht zu sehen, stattdessen gibt es Footage von Flugzeugunglücken Luftfahrtdramen, der Sprecher dazu erklärt: „Im unwahrscheinlichen Fall eines Absturzes, wie diesem hier mit 239 Toten, finden sie die Notausgänge hier, hier und hier!“ Unser Sicherheitsvideo beginnt damit, dass in der Nacht bei heftigem Seegang Flammen auf einem Schiff um sich schlagen und die fünfköpfige Crew an den Bug pressen, diese fein mit Schwimmwesten ausgestattet. Der Hoffnung, es handelt sich um eine gestellte Übung, wischt der Sprecher wie mit obiger Nüchternheit weg. Es ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Stewardess und Fluggast, zwischen Berufsseefahrer und Passagier, inwieweit die Realität als Konfrontation oder als Übungszweck zu sehen ist und woraus man mehr Lerneffekt trägt. Mit dem Video ist auch die Sicherheitsübung vorbei, passend zum Mittagessen und meinem gewohnten Kampf gegen die Konserve. Ich überlege mir, ein philippinischer Koch, ist doch bestimmt Profi für bestes philippinisches Essen. Den Preis den ich hierfür bezahle ist eben das Fleisch, aber was soll ich mich groß aufreiben zwischen Dosenerbsen und Adobo (Rindfleisch in Nelkensoße), wenn ich dafür geschmacklich befriedigt werde.
Als großer Fan von Klogängen kann ich Gleichgesinnten eine Schiffsreise (oder einen Umbau ihrer Örtlichkeiten) nur wärmstens ans Herz legen. Dem runtergezogenen Hosenboden umweht nämlich eine frische Brise von daher, wo es normalerweise nur hingeht. Ein sehr erfrischender, leicht kühlender Luftzug! Nähere technische Spezifikationen waren mir leider nicht in Erfahrung zu bringen, da dem Litauer, als zweiter Ingenieur zuständig für die Wasserversorgung des Schiffes und der Klimaanlage, meine Fragen hierzu als zu differenziertes und damit unüberwindbares englisches Gebrabbel vorgekommen sein müssen. Ich halte aber meine Augen und Ohren offen um den interessierten Mitmenschen und ihren subtropischen Körperregionen diese Erfrischung zu ermöglichen.
Auf dem Messageboard wird für abends die berühmte Karaokeparty, ein asiatisches Saufspiel, angekündigt und ich entwickle fast so etwas wie Vorfreude auf dieses mir eigentlich unangenehme Unterhaltungsprogramm. Es bricht die Eintönigkeit des erst schon zweiten Atlantiktages auf, man spricht mit den Leuten, trinkt und raucht, fast wie in einer Bar. Es gibt Essen und Snacks, gesungen wird auch. Der Master von der Couch aus, das Mikro lässig in der rechten Hand, der linke Arm hat übersehen, dass die Verschränkung der Arme bereits aufgelöst ist und hängt verloren, quer über seinem Bauch. Sein Song: „I will always love you“ von Whitney Houston. Erstaunlich. Ich krieg meinen Mund deswegen kaum zu, Wilmer seinen beim Singen nicht. Mit einer betörenden und fesselnden Mimik gibt er jeden seiner Songs aus vollem Herzen wieder. Die beiden heimlichen Stars sind aber der Messman und der Bosun, die sich mit oraler Euphorie und vokaler Leidenschaft hinter das Mikrophon klemmen und ihr tonales Können gekonnt in den Zuschauermassen zelebrieren. Auf der wahllosen Punktskala liefern sie sich ein Rennen um die 98 Punkte, was die anderen mit aufbrausendem Jubel quittieren. Je schneller die Uhr auf zehn Uhr stürmt, umso langsamer und melodischer wird die Songwahl. Wind of Change, gesungen vom Messman, der auch in einer Heimat in einer Band sind, outet sich als großer Fan der Scorpions. Der Hauch der Veränderung leitet mit nochmals 98 Punkten das Ende des feuchtfröhlichen Samstagabendspektakels ein und zu Hintergrundgeplänkel bleibe ich mit dem Bosun sitzen, der heillos putzig betrunken ist und mir von Biringanisland vorschwärmt, seiner Heimat und seinem Paradies, das man mal gesehen haben muss. Hier hätten sich auch schon ein paar andere Deutsche zur Ruhe gesetzt und ich soll unbedingt Biringanisland im Internet checken, dann finde ich ihn schon und sehe, in was für einem wundervollen Himmelsreich er lebt. Und wenn ich im Internet ach Biringanisland suche, werde ich alles dazu finden und sehen wie prächtig weiß und zeitlos Türkis die Strände sind. Ich müsse eben nur mal im Internet nach Biringanisland suchen. Er war so herrlich betrunken. Er war auch der erste, denn ich vor genau einer Woche auf dem Schiff gesehen habe, er ist der Seebär aus dem Bilderbuch. Jetzt sitzen wir hier, festlich betrunken, und feiern die Schönheit von Biringanisland, von der ich mich auch im Internet überzeugen lassen kann. Der Bosun ist sowas wie der Vorarbeiter und Sprecher der Crew, er ist das Bindeglied zwischen Deckcrew und Offizieren. Sein Name ist oft zu hören und zu lesen und wenn er einen Schädel hat, weil, sagen wir er hatte zu viel getrunken, dann darf er im Bett liegen bleiben und die Aufgaben einfach weiterleiten. Er scheint sehr respektiert zu werden. Er erzählt mir von seiner Familie auf Biringanisland, die sich sehen werde, wenn ich im Internet gecheckt habe, wie schön es da ist und mich dazu entschlossen habe, vorbeizukommen. Familie ist sehr wichtig, er sorgt dafür, dass seine Geschwister ihr Studium machen können, und hofft im Gegenzug, dass sie ihn in Zukunft auch unterstützen werden, wenn er alt ist. Er hat drei Kinder, eine Frau, mit der er länger verheiratet ist, als ich alt bin, und natürlich lebt seine Mutter bei ihm im Haus, sein Vater lebt auf einer anderen Insel (Nicht auf Biringanisland? Selber schuld!), mit seiner neuen Familie, kümmert sich aber rührend um seine Kinder. Er genießt es, mit mir ein richtiges Männergespräch haben zu können, er vermisst richtige Männergespräche an Bord. Ich kann nachvollziehen dass er ein Männergespräch nach der Tiefe der Stimme beurteilt, nachdem die ganzen Spatzen beim Karaokesingen Celine Dion und Carla Bruni in den Schatten stellten, den Rest speichere ich aber unter besonders komische Aussagen ab. Er erzählte mir von einer Passagierin, die so alt war, dass sie keiner wollte – so rührend betrunken – und mit der konnte man auch nicht reden, da man sie zum einen kaum gesehen hat und sie nur in ihrem Zimmer saß und zum anderen war ihr English keines, dass man so bezeichnen dürfte. Biringanisland darf sich allerdings glücklich schätzen, in ihm einen würdigen Vertreter des Englischen zu haben, der dazu in der Welt noch Werbung für das sagenhafte Eiland macht, indem er hartnäckig darauf verweist, dass man im Internet einfach nur Biringanisland eingeben muss und man wird sofort von der Sehnsucht erfasst. Sein heutiges Sprachvermögen wird allerdings von einer schweren Zunge gebremst, nur unterbewusst, schon fast intuitiv, höre ich Biringanisland immer wieder kristallklar.
Ich entscheide mich, mich morgen nicht vom Frühstück beeindrucken zu lassen, bleibe aus unerfindlichen Gründen bis um vier Uhr wach im Bett liegen.
- April 2016
Ich schlafe bis mittags, erkenne den Sonntag als solchen an, alles sein zu lassen und nichts zu tun. Nichts für den Tag vorzunehmen, keine Pläne zu schmieden, mich einfach gehen und treiben lassen.
Nach dem Mittagessen lege ich mich wieder hin, döse gemütlich weg und werde mit fünf Minuten Vibrationsarmut beschenkt. Irre, wie schnell man sich an das ständige Wanken, Eiern, Rollen, Schaukeln, Wippen gewöhnt hat und sobald es weg ist, erfreut man sich der Stille, spürt erst wieder, wie zärtlich sie ist. Als ich davon anfange mir auszumalen, dass das noch länger andauern kann, weil im Raum des Chief Engineers neben mir pausenlos das Telefon klingelt, ruckelt die Kurbelwelle wieder los, das Klingeln verstummt und ich hole weiter mein Schlafdefizit auf.
Abgesehen von den mechanisch verursachten Bewegungen die auf mein menschliches Gemüt schlagen, scheinen sich Stahl und Wasser ganz gut zu verstehen. Ich bin zum einen überrascht, vor allem aber zutiefst beleidigt, dass wir uns kaum spürbar Richtung Spanien fortbewegen und das Fahrgefühl eher wie dem in einem Zug gleicht, anstatt einer Achterbahn. Nachts im Bett liegend, könnte man sehr gut meinen, in einem Nachtzugabteil zu sein, da die Geschwindigkeit sich rasant anfühlt und man förmlich durch die Nacht schießt. Eine sehr paradoxe Wirkung, da jeder Autofahrer im Stadtbereich uns fluchend aushupen würde, wenn wir so langsam vor ihm fahren. Wenn ich jemand entführe, im einen Sack über den Kopf stülpe und ihn darüber in die Irre führen will, wo wir sind, dann stecke ich ihn in diese Eignerkabine. Der Polizei wird er dann erzählen er lag im Zug nach Barcelona, während ich inzwischen schon sein Lösegeld auf Sardinen abzähle.
Heute erhalte ich von Max meine Deckeinführung und schlappe ihm gespannt die zweihundert Meter Richtung Bug hinterher. Am von der Maschine am weitesten entferntesten Punkt ist es rein physikalisch am logischsten gesehen natürlich auch am ruhigsten. Was sehr angenehm anmutet vor allem wenn die Wellen an den stählernen Rumpf schlagen und die humane evolutionäre Gewalt bändigen. Abseits der Rußschwaden haben hier die physischen Schwachstellen wie Nase, Ohren oder Mund nur mit Stahl in jeglichen Formen zu kämpfen, seien es Staubpartikel, Metallteile, Container, Rostflecken oder Ketten die es auf dich abgesehen haben auf ihrer gravitativen Reise von oben nach unten. Für mich ist es aber der bisher angenehmste Ort auf dem ganzen Schiff und ich freue mich ab jetzt Alleinbegehungserlaubnis erteilt bekommen zu haben, solange See- und Wellengang ihren Daumen ebenfalls heben. Ich habe hier meine Vorstellungen und Erwartungen schon zurückgeschraubt, eigentlich aufgegeben, nur Max versucht mich aufzuheitern, da ihm vorgetragen wurde, dass die Prognosen für die kommenden Tage Sonne, wenig Wellen und kaum Wind lauten, aber vor Gibraltar, ja vor Gibraltar soll die Hölle los sein. Bis wir da sind, hat sich die Hölle sicherlich ganz fein aus dem Staub gemacht.
Abendessen und die Erkenntnis, dass Geburtstage auf See öfters gefeiert werden, als der Crewliste zu entnehmen ist. Wieder Party denke ich mir, aber erleichtert zu sehen, dass es nur ein Filmabend ist mit Matt Damon und wie er sich gegen seinen vorbestimmten Weg als zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika stemmt und stattdessen selbstentschieden seiner einzig wahren Liebe hinterherrennt. Großer Inhalt, tiefe Gefühle und als er und seine Geliebte sich des Beischlafes ertüchtigen, springen die Filipinos auf, buhen und halten sich die Augen zuhalten, skandieren, so etwas dürfe man nicht zeigen. Ganz schlau daraus werde ich nicht, erkläre mir es aber so, dass nackte Haut bei den Filipinos Gefühle weckt, die sonst eigentlich nur in den eigenen vier Wänden hellwach sind. Als der Film vorbei ist, springt der Mauszeiger des Geburtstageskindes während der Suche nach einem zweiten Filmknüller über einen seiner Pornos, man sieht zwei ganze nackte Brüste und das Gegröle geht von neuem los, diesmal Mehr fordernd, als ob ich in einem Stripclub in Las Vegas sitze. Kapiert hab ich es immer noch nicht, und erweitere meine Sammlung an ungelöst Komischem. Der nächste Film ist schrecklich schlecht, ich komm aber nicht drum rum, mich schepps zu lachen weil im Bordkino sich alle auf dem Boden krümmend die Bauchmuskeln zerren. Die gute Stimmung nehme ich mit ins Bett, wo sie mir dann schleunigst wieder vergeht, um vier Uhr am Morgen, weil meine Gedanken meine Müdigkeit einfach überrennen. Es sind Tausende die nach überall hin rennen, einer steht da und verlangt flüsternd nach etwas Ruhe.
- April 2016
Ein anderes Schiff. Bei meinem morgendlichen Routineblick blitzt es in der Morgensonne auf, wir haben es des Nachtens überholt und es trennen uns gefühlte 80 Kilometer. Aber es ist da. Seit wir in Guadeloupe abgelegt haben, wird um Achtzehnhundert die Uhrzeit um eine Stunde nach vorne geschoben, hier haben die Tage inzwischen nur noch 23 Stunden. Dies ist eine sehr angenehme und langsame Zeitverwaltung, sie spielt eine komplett untergeordnete Rolle auf dem Schiff. Der Tag ist an sich ein schöner, wolkenfreier Himmel und die Sonne knallt, würde der Wind keine Abkühlung bringen, wäre es fast schon angenehm. Aber es wird tatsächlich merklich kälter, in der Nacht war es sehr frisch und die Zeit der kurzen Sachen neigt sich zu Ende. Mein Frühstück findet wieder mittags statt und mit einem Kaffee gehe ich nach vorne an den Bug, setz mich auf meinen Poller in die Sonne verbringe meinen Nachmittag hier, gelegentlich belächelt von der vorbeilaufenden Deckcrew. Die wissenschaftliche Liebestheorie eines schweizer Konservativen, der das monogame Verhältnis sich liebender Heterosexueller mit dem Kopf versucht zu beleuchten, schafft es rein, da wo es hin will. Auch dieses Buch geizt nicht mit seinen letzten Seiten, schafft aber Denkpausen über das Gelingen von gesellschaftsgerechter Beziehungsfähigkeit oder eben –unvermögen. Vor meiner Abreise habe ich die Zeit alleine und die zwangsläufige Auseinandersetzung mit mir selbst herbeigesehnt. Jetzt sitze ich hier mit diesem Scheißhaufen der sich Hirn nennt und quäle mich mit den Machtspielchen meiner Gedanken, weil ich in der Bewegungslosigkeit meines kaum schlagenden Herzens gefangen bin.
Ich gebe kurz auf, renn in die Messe, schnapp mir ein paar DVD’s und schmeiß die Glotze in meiner Kabine an. Iron Man ist doch geil, chinesische Raubkopie, die so nett ist darauf direkt in schönster Dreistlosigkeit am Anfang auch noch hinzuweisen, ich lass laufen, bis irgendwann mal nichts mehr läuft. Gut, ist eine Raubkopie, wer weiß ob sie nur die Hälfte mitgenommen haben. Nächste DVD, Horrible Bosses, Jennifer Aniston ist unglaublich sexy, da wird selbst der DVD-Player so schwach, dass der Film schon wieder im Standbild endet. Noch zwei Versuche habe ich, aber der Laser lased nicht mehr. Ich gebe mich geschlagen, kann nichts schauen, nichts lesen, nirgends hin dafür fressen, schlafen, saufen. Meine miserable Vorbereitung erwischt mich jetzt.
Dann ruft Max an, der seit heute auf dem Deck arbeitet und nicht mehr in der Küche. Er wird jetzt schon vermisst. Er sagt, ich soll runterkommen, sie spielen Tischtennis – wir hatten beim ersten Geburtstagsfest darüber kurz gesprochen, dass es eine Tischtennisplatte gibt. Ich sage ihm, dass Gott in schickte, denke an den Bitz und wie wohl er sich hier fühlen würde, Karaoke und Tischtennis, und renn runter. Wir spielen fast zwei Stunden zu Coke und Eminem und ich bin schweißgebadet. Das tut verdammt gut. So gut, dass wir morgen wieder spielen wollen, vielleicht sogar mit dem Bosun, der der Tischtennismeister auf dem Schiff sein soll. Tischtennis- und Karaokemeister. Ich denk wieder an den Bitz, schlaf um halb fünf ein, weil ich mich bis dahin die ganze Zeit auf das beste Frühstück aller Zeiten gefreut habe: Rühreier mit Speck und Käse im Toast und Mayo. Was habe ich mich in den Toast beißen sehen.
- April 2016
Es empfängt meine Morgenäuglein ein Tag ohne Sonnenschein. Es ist grau und kalt und soweit ich mich erinnern kann ist dies das erste Mal seit Berlin wieder so. Die Gemütlichkeit, mit der das Schiff in die graue Weite vorangleitet, erlaubt mir, ähnlich wie mit der Zeitumstellung, eine angenehme Gewöhnung an die äußeren Umstände. Dieser Effekt setzt mir positiv zu ist es doch so verschieden zu dem drüberhinwegfliegen, dem zeitsparendem Fortbewegen wo die Seele schauen muss, wie sie hinterherhechelt. In meiner Kabine, der Messe, sogar dem rußverdreckten Heckdeck und noch mehr am wellenverschlagenen Bug habe ich das Gefühl, eins mit meine Seele zu sein, sie stets bei mir zu tragen. Als ich nach draußen gehe um meine tägliche Ration frische Luft zu schnappen, eröffnet sich steuerbords ein kleines Loch in der Wolkendecke und die Sonne erstrahlt lupengebündelt einen einzigen Fleck auf dem weiten Meer. Es ist ein beeindruckender Anblick, ähnlich vielen Bildnissen in denen Menschen sich vorstellen, Gott berühre die Erde. Es fehlt nur die gestaltende Hand.
Das Frühstück wird leider seinen hohen Erwartungen nicht gerecht, aber erfüllt seinen sättigenden Zweck. Ich lege mich wieder hin, stehe zum Mittagessen wieder auf. Ich werde das Gefühl nicht los, von diesem Schiff runterzurollen. Seit längerem treffe ich den Master wieder zu Tisch und wir haben einen glücklichen Moment miteinander, ich ihm aber weiterhin seiner Ambivalenz bezichtige. Er packt eine Mango aus und eine dieser Kochbananen, die er Max aufzwang. Ihm scheint sie sehr wohl vorzüglich zu schmecken und ich lehne dankend ein rohes Stück ab. Zum Nachmittag hin drückt sich die Sonne dann komplett durchs Tagesgrau und stimmt fröhlichere Farbtöne an. Ich begebe mich in der Abendsonne zum Bug, lehne mich über die Reling und schaue Wellen und Stahl beim Squash zu. Niemals das T aufgeben, hat mich ein buch gelehrt, der Stahl bleibt standhaft stehen und wehrt sich gegen alle Angriffe. Aufgrund der Bugform hänge ich etwa 15 Meter über dem Wasser und von dort kann man relativ deutlich ins Meereswasser starren. Als Orientierung dient mir der Tampon, der an jedem Bug eines größeren Schiffes des Wasser zerpflügt. Auf einmal sehe ich Delphine. Sie kreuzen unseren Weg, tauchen unter dem Schiff hindurch und kommen auf meiner Seite raus, manche springen aus dem Wasser, in groß und in klein und ihrem Weg folgend ziehen sie wieder von dannen. Beim ersten Leib dachte ich, es wäre ein Hai und wie schön es ist, endlich mal etwas im Wasser zu sehen. Aber dann wurden es immer mehr mit ihrer unverkennbaren Schnauze und ihrer unnachahmlichen Art knapp unterhalb der Wasseroberfläche zu schwimmen. Die Tage zuvor habe ich vereinzelt fliegende Fische gesehen, wie auf der Fahrt nach Providencia, aber die waren aus der Distanz so klein, das sie wie Mücken auf dem Scheißhaufen wirkten. Die Delphine machten mich glücklich, sie zu sehen, Leben zu sehen in diesen unendlichen Wassermassen und welch Glück, sie genau hier an dieser Stelle anzutreffen. Ich hing noch etwas länger über der Reling, im Sonnenschein, nahezu windstill und dem Pflügen zusehend. Nach dem Abendessen haben wir unser Tischtennisturnier fortgesetzt, aber wir waren alle irgendwie müde. Ich legte mich diesmal in meinem Bett auf die von mir noch nicht kuhlengeformte Seite, der Größe sei Dank, und schlief direkt ein.
- April 2016
Der heutige Tag ist mit Highlights nur so vollgepackt. Aufstehen, frühstücken, hinlegen, mittagessen, mittagsschlafen, workouten, abendessen, hinlegen, Ansage zur letzten Zeitumstellung beachten und um drei Uhr nachts mache ich mir hellwach bewusst, dass in Kolumbien vor sechs Tagen gerade neun Uhr abends ist, also weit vor meiner eigentlichen Schlafenszeit. Die langsame, stetige Anpassung an die jetzt wieder Berliner Zeit hat meinem Schlafrhythmus heftig zugesetzt und die Schockvariante im Flugzeug erscheint mir gerade wirkungsvoller.
Außen ist es wieder grau und es wird zunehmend kälter, es weht ein starker Wind von Norden aus, seitlich auf die Portside und gibt den Wellen heute etwas mehr Elan. Trotzdem schweben wir fast sanft über den Atlantik. Auf den Navigationsbildschirmen und Seekarten ist nun der Ausschnitt dran, der den Schlund von Europa und Afrika zeigt, wie in Trichter fließt alles Richtung Mittelmeer durch die Meeresenge von Gibraltar mit ihren nur 60 Kilometern Breite. Ich stelle mir zwei Türme in Gicht und Nebel vor, auf beiden Seiten drei Kilometer in den Himmel ragend, mehrere hundert Meter im Durchmesser, der menschliche Verteidigungswall gegen all Unwetter und Ungeziefer, das der ungezähmte Atlantik anspült. Ein Warnton auf der Brücke bringt mich zurück in die Stahlromantik und der Autopilot lässt kein Zweifel daran, dass wir exakt mittig auf Kurs durch die Seestraße navigieren werden, für Träumereien hat er nicht viel übrig. Ich entschließe mich, einen aufs-Meer-schauen-Tag zu absolvieren, mit dem Ziel so viele Perspektiven wie möglich einzunehmen. Ich beginne meinen Spaziergang am Nachmittag von der Brücke nach unten, erst hinten und dann vorne in die vibrationslose Ruhe. Auf der Brücke gibt es die beiden Ausleger auf den Seiten um in Hafen an den Kai steuern zu können. Portsides ist es aufgrund der Windstärke nicht möglich zu stehen, und auf der anderen wird heute der Turm geputzt. Ich stehe also wieder drin und Wilmer spritzt die Scheiben mit seinem Dampfstrahler ab, ich schminke mir aufgrund des Frühjahrsputzes auch das Heck ab und geh direkt nach vorne. Hier finde ich meinen ruhigen Platz und fühle mich sehr wohl. Die Sonne erbarmt sich, Wärme durch das Grau zu drücken und ich hänge über der Reling und schaue ins Wasser. Dafür dass wir eigentlich viel zu weit entfernt von der nächsten Menschenseele, bin ich überrascht, wieviel Plastik ich im Wasser entdecke. Es sind nur kleine Teile, so groß wie Dosen, aber doch auffällig genug um in Nähe unseres Schiffes aufzutauchen und den humanen Dreck zu symbolisieren, den wir in jüngster Zeit anhäufen. Dadurch bemerke ich aber erst, wie sich erneut Delphine ein Wettrennen mit dem Schiff liefern und ich bin erneut von ihrer Anmut ergriffen. Sie schwimmen vor dem Tampon (Ich find den richtigen Namen noch raus) zu viert in exakt gleicher Geschwindigkeit wie wir, springen aus dem Wasser kopfüber in die nächste Welle und machen eine Pirouette um die eigene Achse, so dass ich ihren weißen Bauch sehe. Das Wettrennen scheint ihnen keinerlei Anstrengung abzuverlangen, so dass ich mich frage, ob sie wirklich schwimmen, oder von den Wassermassen mitgedrückt werden. Der Tampon verdrängt unbeschreiblich viele Kubikmeter Wasser, seinen Zweck erfüllt er darin, 30% Energie einsparen zu können, weil er die Wellen vor dem Auftreffen auf den Bug entkräftet. Aber ob sie schwimmen, oder sich absichtlich mitdrücken lassen, ändert nichts an ihrer vollkommenen Schönheit und als sie genug haben, entgleiten sie elegant nach rechts weg ins offene, weite Meer, das nächste Schiff herausfordernd, dass ihren Weg kreuzt. Im Ziel angekommen, gehen sie als strahlende Sieger hervor, glücklich lächelnd und offensichtlich nicht gefordert von den schweißtreibenden Strapazen. Der zweitplatzierte, seines Namens Schiff und Stahlkoloss, müht sich völlig ausgelaugt das Siegertreppchen hoch, seine Anstrengungen und die Enttäuschung darüber alles gegeben zu haben und es doch nicht reichte, stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Ich Trottel eines Zuschauers gebe mich der mediatheken Sensationslust hin, renne mein vergessenes Videoaufnahmegerät aus der Einsamkeit der Kabine zu retten, in der Hoffnung ich bekomme noch eine kostenlose Darbietung für meine Mitwelt spendiert. Da sich die wahren Schönheiten des Lebens aber nur ins Herz brennen und dort für immer und ewig verweilen, muss meine minderwertige prosaische Fähigkeit genügen die Vorstellungskraft zu entflammen.
Gegen Abend hin, fängt das Schiff stärker an zu rollen. Rollen ist die Seitwärtsbewegung, die mit richtiger Beladung und entsprechendem Schwerpunkt ausgeglichen werden kann, damit das Schiff nicht zu schnell, aber auch nicht zu träge die Wellenbewegungen aufnimmt. Wenn das Schiff zu schnell rollt ist es für die Crew unangenehm und durch die starken Kräfte könnten die Container losbrechen. Ist das Schiff zu träge, prallen die Wellen seitlich an den Rumpf und verschlechtern die Manövrierfähigkeit. So habe ich es mir zumindest erklären lassen. Für morgen sind noch stärkere Winde und Wellen angekündigt, ich freue mich weiterhin auf sie. Tischtennis ist heute wegen erneuter Müdigkeit abgesagt, ich besteige den Swimming Pool und werfe ein paar Körbe. Kein Witz, die 4×6 Meter trockengelegte Schwimmhalle hat seitlich ein Brett in ungefähr drei Metern Höhe. Einziger Wermutstropfen ist, dass der Wasserzulauf leckt und es deswegen etwas feucht ist, zum Werfen und bisschen dribbeln allemal genug. Nach dieser sportlichen Verausgabung begebe ich mich in den Newsroom, wo täglich die allerneusten Nachrichten von den Maritimenews für die jeweiligen Ursprungsländer der Crew aufbereitet werden. Statt über Panama Kanal wird über Panama Papers gesprochen und in der Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse und Neuigkeiten für Deutschland steht als zweite Headline nach dem Tod von Genscher: „Barbara Schöneberger beteuert, keine Diät angewandt zu haben.“ „Sie habe“, so der Artikel, „nur angefangen etwas Sport zu treiben.“ Ich nehme es kommentarlos hin und lese die News für zwei Tage später: „Barbara Schöneberger nimmt doch an den Echos teil!“ Sie darf nach Anraten ihres Arztes ihren Fuß für diesen Abend belasten. Nachdem sie mit ihrem Knöchel beim Schubkarreschieben in ihrem Garten umgeknickt ist, wird sie diesen Abend in Highheels schon verkraften. Das kann keiner besser orchestrieren. Da bist du als Seemann in der Welt unterwegs, einigermaßen interessiert an den Vorkommnissen in deiner Heimat und deine einzige Informationsquelle versorgt dich mit Popmusikpornos, und wie deren Hauptdarsteller sich darauf vorbereiten beim Dreh das Mikrofon oral zu befriedigen, so dass der Pöbel sich vor der Glotze einen runterholen kann. Ich bin einigermaßen deprimiert, meide die maritime Bildzeitung ab sofort und schlappe gen Eignerkabine um an grüne Wiesen, grasende Kühe und rotweiß karierte Röcke zu denken.
- April 2016
Stockdunkel ist es, als ich aufstehe, nicht etwa um sechs in der Früh, nein um acht Uhr und die gestrige Zeitzonenüberschreitung treibt Zeit ins absurdum. Totale innere Verwirrung. Auch sonst ist einiges viel unruhiger als sonst und das angekündigte schlechte Wetter macht dem Schiff zu schaffen. Es ist kalt und nass, die dunklen Wolken hängen tief, knapp über der Brücke, und wir steuern durch ein Nebelfeld. Wir rollen ziemlich stark hin und her und einige Ausreißer schicken die nicht befestigten Gegenstände auf Reise. Wenn ich den Gang entlanglaufe, dann besteige ich auf den 30 Metern Länge zweimal einen Hügel und renne ihn wieder runter. Der Wind auf der Hafenseite ist noch stärker als gestern und mir ist es mit meinen Slippern nicht mehr möglich die Außentreppe hochzuklettern. Die Wellen hämmern gegen den Rumpf und der Wind trägt die Gicht über die Container auf die andere Seite. Es sieht aus wie in einem Windkanal, wenn durch die Wassertropfen der Windlauf verdeutlicht werden soll. In diesem Setup sogar sehr eindrucksvoll und der Wind muss heute seine eigentlich unsichtbare Macht offenbaren. Ich gehe auf die Brücke, der einzige Ort an dem ich das Spektakel in Ruhe verfolgen kann, ohne nass zu werden, ohne zu frieren, ohne groß durch die Gegend geschleudert zu werden. Mein Körper ist ein Spielball der Ziehkräfte und meine Beine lassen mich es recht schnell spüren, wie anstrengend es auf Dauer ist gegenzusteuern und auf dem Boden verankert mein Gewicht nicht auf den Boden fallen zu lassen. Von meiner Aussichtsplattform wird deutlich, welche Ausmaße der Seegang annimmt. Wir stehen manchmal bis zu 25 Grad schräg zum Horizont, wenn das Schiff durch die drei bis vier Meter hohen Wellen pitcht (das ist das Aufschaukeln nach vorne und hinten) gibt es einen Schlag durch das ganze Schiff und man hört die Maschine, wie sie durch den benötigten Kraftaufwand heftig zu husten anfängt. In der Gegenbewegung denkt man dann, dass die Schraube aus dem Wasser hängt, so leise schnurrt der Vorwärtsdrang. Der Autopilot bekommt es nicht ausgeglichen, dass das Schiff in seiner ganzen Masse nach rechts geschoben wird, so dass der Kurs immer wieder neu bestimmt wird, um dem geplanten Routenverlauf zu folgen. Sie sagen alle, es geht noch schlimmer und ich kann ihnen nachfühlen, bin auch etwas neidisch, aber das Schiff ist mit seinen Abmessungen einfach zu groß und zu träge um eindrucksvolle Wellenritte zu liefern. Selbst ich spüre niemals ein Gefühl der Angst, dass irgendeine Bewegung zu heftig sein könnte und wir gleich samt Ladung baden gehen. Selbst wenn man auf der gegenüberliegenden Seite gerade nur Wolken zu sehen sind und im nächsten Moment nur noch der wilde Atlantik.
Am Nachmittag bin ich mit dem zweiten Offizier, einem Ukrainer, alleine auf der Brücke und er beglückt mich mit ungebremster Redelust, auch wenn manchmal mit unmöglichem Akzent. Ich frage mich immer, wie die das alle untereinander fehlerfrei hinkriegen. Während ich mich weiter immer irgendwie festzuhalten versuche, erklärt er mir unbeeindruckt alle Geräte und deren Funktionen. Neben allen möglichen Lichtschaltern, Alarmsignalen, Hornknöpfen und Scheibenwischerreglern gibt es die beiden Radare, kurz und lang, und die Navigationsbildschirme. Auch eine Übersicht aller technischen Funktionen der Maschine gibt es hier oben, auch wenn sie acht Stockwerke tiefer von den Ingenieuren bedient wird. Auf den Bildschirmen kreuzen wir eine Passage von Nordeuropa nach Westafrika und auf der digitalen Karte sehe ich unzählige andere Schiffe. Es ist, wie wenn man im Gras an einer Autobahn steht und auf die andere Seite will, mit geschlossenen Augen, einem mutigen Schritt durch die Stahlkarossen. Mit einem dezenten Mausklick wird mir die Skalierung erst bewusst und die Schiffe trennen nicht weniger als zwölf Seemeilen, oder eben mehr. Selbst bei guter Sicht muss ich wohl bis Gibraltar warten um andere Schiffe zu sehen.
Da den Ukrainer die Geschehnisse seiner Wache nicht weiter beunruhigen, versorgt er mich mit Kaffee, Zigaretten und Geschichten. Seit 26 Jahren fährt er zur See, geht in Barcelona von Bord um nach zwei Monaten in Jakarta eine Asienpassage zu machen. Er fuhr früher lieber mit den Bulk Carriern, die ihm mit vielen Häfen, Städten, Bars und Frauen bekannt gemacht haben. Da ist sie endlich, die Seefahrerromantik! Heute kann er allerdings nicht mehr entscheiden, auf welche Schiffe er kommt, und wird nur noch mit Containern verfrachtet. Einmal hat er mit einer Frau auf einem Schiff zusammengearbeitet, einer jungen Schweizerin, die gut aussah und ununterbrochen geredet hat. „Butiful wuman, bat tu matsch tolking.“ Wieso gerade eine Schweizerin Salzwasser schnuppert ist dem alten Sowjet noch immer ein Rätsel, da der Alpenstaat bekanntermaßen berühmt für seine Frachthäfen ist. Er löst es aber für sich so auf, dass er denkt, sie sei die Tochter eines Reeders gewesen. Die Eigner selber kommen natürlich kaum an Bord, da sie mit ihren Yachten und Segelschiffen ihre Wege machen, wogegen ich keine Widerrede finde. Auch sonst hatte er nicht viel mit Passagieren zu tun, vor allem keine in Asien und in Afrika. Afrika ist schrecklich zu fahren, die Häfen gefährlich und eigentlich kann man den Turm nur mit Guards verlassen, wenn er nicht sogar komplett die ganze Zeit verschlossen bleibt. „Fackt ap.“ Seine schlimmste Passage ist für ihn aber Panama wegen der Sonne und der Hitze. Vor 20 Jahren, in seinen Anfängen, musste er dort einen Monat lang ankern, um die Maschine zu reparieren. Sie sollten von Vancouver nach Israel übersetzen als kurz vor dem Kanal ein Feuer im Maschinenraum ausbrach und alles in Rauch und Flammen gehüllt war. Es kam zum Glück schnell Hilfe, das Feuer konnte ohne ernste Verletzungen gelöscht werden, reparieren mussten sie das Schlamassel an der Maschine aber selber. „Weri fackt ap.“
Er ist auf Wale gestoßen im Pazifik, Delphine begleiten die Schiff eigentlich immer und in der Nordsee mussten sie zwei verheirateten Walen ausweichen, weil sie sie sonst gerammt hätten, und das wolle man ja trotz striktem Zeitplan auch nicht und schmeißt seine Kippe ins Meer. Als ich ihn frage, ob er auch mal in einem heftigen Sturm geraten ist, erzählt er mir vom indischen Ozean, wo sie in einen Wirbelsturm geraten sind, der zwei Container aus der Verankerung riss. Er beschrieb mir, wie man das Stahl hat zittern hören (fehlte nur: vor Angst gezittert) und das Schiff gegen die Windhiebe ächzte. Ein echter Seefahrer und nachdem wir die zweite Schachtel Zigaretten geöffnet haben gibt es wieder Kaffee, „Bräkfäsd forr Tschambions.“ Dann muss er arbeiten und bei mir drücken Nikotin und Koffein gemeinsam die gestrige Kohlroulade in einem Stück raus. Verkohlte Kohlroulade und der zuvor mit Lob geehrte Luftzug erweist sich als Boomerang und trägt die Gicht ganz seinem großen Bruder über die Container von links nach rechts. Der nimmersatte Ekel und die kindliche Freude darüber, in der Abgeschiedenheit nicht von Moral und Manier geohrfeigt zu werden.
Ich verbringe das verbleibende Tageslicht weiterhin auf der Brücke. Das tantrische auf und ab von Wasser und Stahl befriedigt vorerst meinen Durst nach übermächtigen Tsunamiwellen, wenn wir hart backbord begegnen müssen um nicht plattgewalzt zu werden wie Tagliatelle. In der Abendsonne werde ich mit einer absurden Wetterlaune verwöhnt. Achtern durchbricht die Sonne den Grauschleier und erhitzt meine Waden, dass jedem Bayern vor Neid die Lederhosen platzen und eineinhalb Meter weiter oben wird mein Gesicht vom Wind getrieben mit gefrierender Nässe benetzt, mein Flaum bricht unter der Last der Eiszapfen. Lange verkraftet mein Körper den Temperaturunterschied von 30 Grad Celsius nicht und gibt mir zu verstehen, dass ich mir eine einheitliche Klimazone suchen soll. Ich gehe wieder rein, schaue doch nochmal nach anderen Schiffen und erblicke im Fernglas eines. Die Black Pearl mit pechschwarzem Rumpf mit einer blutroten Superstructure blitzt aus dem Nebel auf und ist sofort wieder verschwunden. Die Mystik wird durch den echten Namen entwurzelt, der selbst im Fernglas noch zu lesen ist, weil er über die komplette Länge des Rumpfes eingraviert ist: Torm Guya. Noch ein Monster für Lus Kartenspiel.
Gegen neun Uhr abends rufe ich den Messman an für eine Partie Pingpong. Er geheißt mich in seine Kabine. Dort empfängt er mich mit zwei Kumpanen, durchaus weit älter als er, und sie schauen einen Film, ein Bier signalisiert, ich solle mich dazu setzen. Es ist ein als Liebeskomödie deklarierter philippinischer Streifen mit mir natürlich unbekannter Sprache und Starlets, suptitulos. Ein Gangster bemüht sich um eine ehrliche Frau, die es in sein herz geschafft hat. Es kommt zu ulkigen Kampfszenen, die überspitzt toniert sind und selbst Messerschwingereien sind übertrieben nachvertont. Bud Spencer, Terence Hill und meine Kindheit protestieren auf Urheberrechtsverletzungen. Die Filipinos lachen sich mehrmals krumm. Wenn es zu zärtlichen Szenen zwischen den Geschlechtern kommt passiert ähnliches wie beim letzten Filmabend und die weit von den Familien lebenden fangen an die Gefühlsäußerungen ins Lächerliche zu ziehen, die älteren schnalzen maßregelnd mit der Zunge. Dann nimmt der Film eine etwas härtere Wendung, eine Frau wird missbraucht und in Gefangenschaft mehrfach vergewaltigt. Zu meinem Widerwillen wird dies mit Applaus und Freude von den anderen Zuschauern honoriert. Die Runde erstrahlt in fröhlichem Lächeln und ich versuche mir einzureden, dass die Jungs die filmische Handlung stark von ihrer Zuneigung zu Frauen unterscheiden können. Der Film endet natürlich trotzdem mit Happy Ending, statistisch gesehen lässt sich der kulturelle Unterschied zu westlichen Happyends vor allem damit erklären, dass es nicht einen einzigen Kuss im Film zu sehen gab und einzig die Vergewaltigungsszene zeigte weibliche Körperteile zwischen Knie und Hals. Ansonsten waren die Damen entsprechend zugeknöpft und die Herren dieser degenerierten Geschlechtervorstellung spielten Schaulaufen mit Muskelpartien die man sonst nur von ehemaligen kalifornischen Gouverneuren kennt.
Mein Unverständnis der philippinischen Sprache und Gewaltmentalität konnte ich damit überspielen, dass ich mich auf meine Umgebung konzentrierte. Die Kabine vom Messman, und auch aller anderen Crewmitglieder war nicht einmal halb so groß wie meine. Der Boden ist mit Linoleum ausgelegt, es gab einen Tisch, ein Bett mit nur einem Meter Breite, ein Sofa mit Lederimitatbezug, hinter mir ein Schrank, natürlich Toilette und Dusche, aber wirklich geräumig waren die maximal zehn Quadratmeter nicht. Er hielt sein Zimmer auch recht chaotisch in Schuss, sprichwörtlich macht er seinem Namen alle Ehre (wenn man die Doppeldeutigkeit von Mess hinzuzieht). An den Wänden hat er, nicht zu knapp, alle möglichen Bilder von Mutter Maria aufgehängt, die ebenfalls schwer erträglich mit den zuvorigen Reaktionen auf die weibliche Herrschaft in Einklang zu bringen sind. Allgemein hat er nicht viele Kleider mit sich, was angesichts seines Arbeitsaufwands in Dienstgewändern auch nicht nötig macht. Sein Vertrag geht über zehn Monate, in denen er eigentlich komplett durcharbeitet, von sechs Uhr morgens bis mittags um eins, zwei Stunden Pause und nochmal bis 20:00 Uhr, oder eben so lange, bis die Küche sauber ist. Hier hilft er hauptsächlich aus, putzt aber auch die Kammern der Offiziere, hält die Lagerräume inventurgerecht und ist für die Reinlichkeit der öffentlichen Örtlichkeiten zu begeistern gewesen. Das ganze sieben Tage am Stück, die letzten neuneinhalb Monate auf See. In Barcelona, so sieht es sein Honorarvertrag aus, geht er mit vier weiteren seiner Lands- und Leidensmänner von Bord in den wohlverdienten – längst überfälligen – Urlaub mit seiner Familie in seiner Heimat. Neben mir liegt auch schon sein gepackter Koffer und er freut sich immens von diesem Schiff runterzukommen. Diesem diente er, ohne jemals eine Miene des Verdrusses zu zeigen, als Messman, dem untersten Rang, dem härtesten Job und der miesesten Bezahlung. Warum nur gehören in unserer Welt, seit Menschengedenken und seit es Arbeit, ob nun durch Versklavung oder gegen Bezahlung, diese drei Attribute unweigerlich immer zusammen?
Nach seinem Urlaub wird er von der Firma befördert und wird seinen nächsten Vertrag als Chief Cook antreten und die Illusion einer gerechten Welt, in der jeder alles erreichen kann, wurde befriedigt. Die Arbeitszeiten in der Gastronomie sind auch auf dem Schiff immer ein bisschen anstrengender, dafür bekommt er etwas mehr Aussteuer und das Prestige, die Mäuler der anderen stopfen zu dürfen. Glücklich macht ihn aber am meisten, dass er dann der jüngste Chief Cook der Firma ist. In Manila hat er eigentlich Informatik und IT studiert, aber damit verdient man erst Recht kein Geld (Das Durchschnittseinkommen auf den Philippinen beträgt ein Sechstel von dem was er auf dem Schiff macht – 1.200 USD). An Bord gibt es einen weiteren ITler, zwei Grafikdesigner, einen studierten Historiker, alle aus dem Inselstaat in der Südsee. Dort garantiert das Studium jedem den sozialen Aufstieg in die uns umgebende Stahlzelle.
Nach dem Film schauen wir uns noch ein paar Musikvideos an und die Filipinos sind fasziniert davon, wie schnell man mit dem Zug in Berlin sein kann. Ich verabschiede mich in die Nacht mit dem Gedanken, dass diese zehn Monate in dieser Kammer, in diesem Turm, ohne Landgang, ohne Tag Pause für sehr viele Menschen, mich eingeschlossen, eine harte Prüfung wind, mit der man sich zwar irgendwie arrangieren wird, die aber auf ihre Art Spuren hinterlässt. Die Macht der Charterer über die Filipinos ist indes so groß, dass wenn diese einmal einen Vertrag ablehnen, sie keinen weiteren mehr angeboten bekommen. Wenn der Messman Pech hat, kann es sein, dass er nach einer Woche direkt wieder auf ein Schiff muss. Im schlimmsten Fall kommt er erstmal auch gar nicht mehr davon runter.
- April 2016
Der letzte blaue Seetag begrüßt uns mit feinstem Sonnenstrahlen, leichter Bewölkung und einer noch aufzuheizenden Kälte. Mich packt die Freude auf Hafeneinfahrt, bei freier Sicht, soweit mein Auge zu sehen vermag. Ich stehe ungewohnt früh auf, mache meine Dehnübungen und erkunde heute die Bugdeckung, klettere die Leiter hinauf, kämpfe mich durchs Schmierfett der Heavywaveschleuse und stehe auf einer terrassenähnlichen grauen Stahlhaube ganz vorne. Es ist der Mercedesstern des Schiffes, der mit Abstand friedlichste Ort auf diesem Wasserschlitten. Die Wellen plätschern leise, die Sonne vereinnahmt den ganzen Platz, kein Fleckchen Schatten. Wir gleiten wie auf Schienen über das Wasser, kaum eine Welle ist zu spüren. Ich ärgere mich, dass ich hier noch nicht früher hingekommen bin, spare mir noch ein bisschen Freude über die Oase für den Nachmittag auf, da meine Haut nach zehn Kabinentagen die Sonne erst wieder anständig begrüßen muss. Erste Landstriche werden für vier Uhr am Horizont angekündigt.
Aus meinem Mittagsschlaf muss ich mich wachzwingen, laufe verdutzt durch die Deckreinigende Crew und sehe ganz in der Ferne die ersten Gebirgsketten Marokkos. Keine Wolke am Himmel verstellt den Blick, ich packe meine Sachen, eile von der Ungeduld der Aussicht getrieben nach vorne und schaue auf die Einfahrt zur Straße von Gibraltar. Der Verkehr nimmt zu, die Zivilisation grüßt mit Kondensstreifen am Himmel, die die Wege der Ferienflieger zeichnen, alle Arten von Frachtern und Tankern, die Fähre nach Gran Canaria kommt uns entgegen. Mich ergreift die Freude des Abkommens, es ist der Sinkflug zur Landung, die Ansage des letzten Bahnhofs, wir fahren unter dem Schild der Autobahnausfahrt hindurch, dass Algeciras ankündigt, nach dem wir die letzten Tage nur an den Kilometerangaben vorbeigezuckelt sind. Die Zeit vergeht wie im Flug mit alle der Bewegungstragik, die wie Fixpunkte, eine Einschätzung unseres eigenen Fortbewegens wieder ermöglichen. Durch das Abendessen wird mir eine halbe Stunde geklaut, ich frage mich, warum ich es nie in Betracht zog, einfach eine Mahlzeit am Tag auszulassen.
Ich gehe auf die Brücke, hier herrscht ungewohnt hektisches Treiben. Auf dem Zwölfmeilenradar werden in dem digitalen Meeresblau mehr als 20 Schiffe geortet, Land ist noch keines, in gelblichen Farbfeldern dargestellt, zu sehen. Europa und Afrika trennen an der dünnsten Stelle etwas mehr als 40 Kilometer und wir halten immer noch perfekt zentriert darauf zu. Marokko kommt als erstes deutlich näher, der Berg Moses (Jebel Musa) erhebt sich auf knapp 900 Meter, wir fahren an der Hafenstadt Tangier vorbei, die Kräne sind alle nach oben geklappt und stehen still. Hinter Tangier erheben sich die Hügel mit Wäldern und grünen Wiesen, von denen ich niemals annahm, dass es in Marokko welche geben würde. Der Schiffsverkehr nimmt immer mehr zu, es ist Rushhour. Alle auf der Brücke konzentrieren sich auf die uns kreuzenden, zahllosen Fähren, die Mensch und Maschine zwischen den Kontinenten verbinden. Auf der linken Seite erhebt sich der markante Felsen von Gibraltar, als Pendant zu Goliath in Afrika, die Meersenge als Kampfarena der Erhebungen. Die von den Briten kontrollierte Landzunge begrenzt die natürliche Hafenbucht, auf der spanischen Seite hingegen wurde einer der größten Containerhafen der Welt hochgezogen. Vor uns reiht sich ein Schiff ein, über dessen Ausmaße ich bisher nur in den Nachrichten lesen durfte. 400 Meter Länge manövrieren knapp 16.000 Container ins Hafenbecken und die Brücke überspannt in 70 Metern Höhe die gesamte Breite des Schiffes, etwas mehr als 60 Meter, die Abmessungen unseres Bootes werden einfach verdoppelt. Unbeschreiblich gewaltige Ausmaße und Mengen an Gütern von denen ich keine Vorstellung hatte, was wir alles um den Globus tragen.
Die Hafenszenerie versetzt mich in den Weltraum, in welchem in ähnlicher Weise und Utopie Raumschiffe diesen Ausmaßes gleichwohl ruhig und gemächlich durch einen Raum gleiten, der so viel Potential an Horizont eröffnet, das das Erstaunen über menschliche Schaffensqualitäten entflammt wird. Ich kann mich an nichts vergleichbares bewegliches an Land erinnern gesehen zu haben, dass diese Dimensionen hätte, Dimensionen die erst mit freier Sicht ihre Größe entfalten. Es kommt die Pilotin an Bord, auf Brücke und staunt mit dem Master über den Giganten vor uns, hinter uns ziehen zwei weitere Richtung offenen Atlantik an uns vorbei, auf dem schnellsten Weg vom Indischen Ozean in den Golf von Mexiko. Wir folgen der uns vorgefahrenen Route, die Pilotin erklärt uns, dass wir hinter dem Ozeanriesen und vor einer Nussschale, die halb so groß ist wie wir, anlegen. Einparken wäre der trefflichere Begriff, es ist eine Parklücke, wie bei der Fahrprüfung. Zum Koloss sind es zwölf Meter, zum Vordermann glücklicherweise drei mehr. Rückwärts in drei Zügen wird uns zwar nicht aufgetragen, dafür schaffen wir es in zwei, die Schlepper schieben uns seitlich an den Kai, nochmal volle Kraft voraus, damit wir den Tampon der Seaqueen mit dem klangvollen Namen ‘CMA CGM Kerguelen’ nicht vollsauen.
Die folgenden fünf Stunden nahm ich nur benommen wahr, da ich erschlagen bin von all den Geschehnissen hier. Algeciras ist der Heimathafen unseres, und so vieler anderen Schiffe, geographisch perfekt gelegen. Hier wird getankt, Essen aufgeladen, Müll entsorgt, Farben und Materialen finden ihren Weg an Deck. Parallel werden die Container aus der neuen Welt gelöscht und neue wieder geladen, das beginnt noch bevor alle Taue festgezurrt sind und das Schiff an den Kai kleben. Der Hafen ist sehr modern, in seinen Abwicklungsleistungen schneller und effektiver als Hamburg und die ganze Bucht ist darauf ausgerichtet, ihr Leben nach dem Hafen zu richten. Das System wird mir als halbautomatisch beschrieben, aus dem ‘Lager’ werden die Container voll computergesteuert nach vorne zum Kai gehievt, über Ladekräne von denen es pro Reihe zwei gibt, bei 15 Reihen. Dort abgelegt werden sie von drahtigen Metallspinnen mit sechs Rädern abgeholt und hinter die Schiffsladekräne gebracht, die doppelt so groß sind wie in Guadeloupe. Die Anlegestelle in der Karibik erscheint mir im Vergleich überhaupt völlig steinzeitlich, wenn ich es mit diesem sterilen Operationstisch hier vergleiche. In der subtropischen Hitze der Gemütlichkeit liegen 4 Container aufeinander zum Bräunen in der Sonne, hier werden diese aufs doppelte gestapelt und unter den gemieteten Sonnenschirmen ist kaum mehr Platz um sein Wasserglas abzustellen. Dort gibt es Strandliegen in 30 Reihen, hier hat jeder vollautomatische Ladekran alleine acht unter sich aufgereiht.
Der Stress ist gewaltig, ausnahmslos alle sind genervt, ob an Land, oder an Bord. Alles was sich irgendwie mechanisch bewegt, gibt einen Signalton von sich, der an den Wecker im Morgengrauen nach einem Vollsuff erinnert, alles ist ständig in Bewegung. Bis um neun Uhr morgens sollen wir liegen, ich denke gar nicht an Schlaf, da meine Augen durch die Schlaflosigkeit so oder so zutiefst gerötet sein werden. Die Geräuschkulisse schneidet mir den Weg zu meinem analytischen Denkversuch ab, wie diese Container ihren Weg dahin finden, wo sie hinsollen. Während vorne in nerv tötender Geschwindigkeit Lego gespielt wird, geht es hinten weitaus gemütlicher zu, da der schiffseigene Servicekran zum Glück nicht mehr hergibt.
Chief Cook und Messman freuen sich auf frisches Essen, Gurken, Tomaten, Salat und Karotten sind aufgebraucht. Leider sind auch wieder Pommes bestellt. Ich freue mich mit, da ich beim Entladen helfen darf. Selbst so eine bescheuerte Tätigkeit wie Kisten schleppen, muss der Master absegnen, er begründet es mit den versicherungstechnischen Gründen und dass ich entsprechend aufpassen soll. Einmal meinte er zu mir, wenn ich Drogen dabei hab, dann soll ich sie vor Algeciras entsorgen, weil er sonst in den Knast kommt, wenn an Bord welche gefunden werden. Es schien ihm egal zu sein, wie die Drogen ‘entsorgt’ werden.
Mit dem Hauskran werden die Paletten durch eine Öffnung, die kaum grösser ist, ein Stock tiefer unter das Poopdeck gehoben. Von dort gibt es zwei Türen, eine zu den Kühl- und Gefrierräumen und ins Trockenlager. So geht es los, die beiden, Max und ich, nach der zweiten Palette kommt ein junger Rumäne dazu, der die ganze Zeit am Fluchen ist. Seine Sprache scheint keine anderen Wörter zur Beschreibung der schweren Kisten und Pakete zu beinhalten. Nach einiger Zeit kommt der Master, gibt dem Chief Cook die Aufgabe, alles zu kontrollieren und ob auch geliefert, was bestellt wurde. Er taucht erneut auf, diesmal mit einer ausgedruckten E-Mail vom Recruitingbüro und der Mitteilung, dass die Fünf, die in Barcelona das Schiff eigentlich verlassen konnten, erst nach dem Trockendock von Bord gehen dürfen. Da dies den Messman betrifft, alle anderen aber sehr gut nachfühlen können, wie es ihm geht und das es sie auch treffen kann, oder schon hat, ist die Stimmung direkt im Eimer, der Rumäne ist ins englische gewechselt und kennt jetzt nur noch das Wort Motherfucker. Der Messman ist offensichtlich geknickt, hatte er gestern nach unserem Kinohighlight noch seiner Familie gemailt, dass er bald kommt, wendet sich aber pflichtbewusst dem auspacken zu und lässt sich auch bald nichts mehr von seiner Trauer anmerken. Die Welt, in der das Recruiting in Polen verwaltet wird, der französische Charterer die Drittgrößte Reederei der Welt ist, der Eigentümer norwegischer Herkunft entspringt und die Geschäfte aus Deutschland in der Hamburger Elbchaussee geführt werden, ist heute für ihn zusammengebrochen. Draußen der Stress und der Zeitdruck, hier unten die Machtlosigkeit und das Heimweh, gefordert vom einundzwanzigsten Jahrhundert um Mensch und Material dahinzuschicken, wo ihnen der Größte Gewinn ausgesaugt wird.
Wir verstauen alles, was die Paletten hergaben, der Master taucht noch ein paar Mal auf, weil Zigaretten und Whisky fälschlicherweise hier unten gelandet sind. Die letzte Ladung ist die Einkaufsliste des Slopchests, der sitzt im Bond Store, ich nennen ihn fälschlicherweise Bondage Store, als ich frage wo wir hinmüssen, ein Fehler, den keiner so sieht. Hier werden Cola, Fanta, Bier Rauchwaren und Süßigkeiten gelagert, ich schiele auf das Paket mit der Rittersport Nusstrauberum. Der Master dankt uns fürs schleppen und übernimmt die Bestellannahme höchst persönlich, es erklärt auch sein unbestimmtes Treiben bei den Essenlagerräumen, da er von der Angst zerfressen ist, auch nur eine Zigarette könnte unentgeltlich zur Lunge geführt worden sein. Ein Mark-, Bein- und Stahldurchdringender Aufschrei hämmert gegen unser Trommelfell, der Chief Cook stellt gerade verzweifelt fest, dass die bestellten Tomaten nicht geliefert wurden.
Es ist schon nach Mitternacht, erste Spekulationen machen die Runde darüber, dass wir schon in einer Stunde mit dem Laden durch sein könnten. Ich beobachte einen übertrieben nervösen, kleinen Spanier, der wie gestochen alle verrückt macht, die er zu fassen kriegt. Die Hektik ist mir zu viel, ich lege mich in die Kabine, döse kurz weg und als ich wieder wach werde, fahren wir gerade schon wieder los, es ist halb drei Uhr morgens. Das war also ein Industriequicke: Der stählerne Dauerständer mit seinen wertvollen und rastlosen Spermien ehelicht seine fette, spanische Konkubine. Schnell verdientes Geld für sie, die es auch leicht hatte – nach acht Tagen einsamen Seemanns.
- April 2016
Das Mittelmeer präsentiert sich aalglatt bei gewohntem Sonnenschein. Hier zwischen Spanien und Marokko ist der Verkehr stromlinienförmiger, parallel ausgerichtet, wie auf einer Autobahn begegnen sich unzählige Schiffe, überholen einander, der Radar ist voll von Punkten und ihrem Wasserschweif. Wir, unseres Zeichens mit der vom Charterer ausgestatteten Lizenz zum Rasen nehmen die linke Spur, lassen Tanker und Bulker rechts liegen und ich sehe immer mehr Lastkraftschiffe von 400 Metern, von denen mir bisher nicht klar war, dass es überhaupt so viele gibt. Dieser Abschnitt zwischen Suez-Kanal und der Straße von Gibraltar birgt bald Staugefahren, wenn es im internationalen Handel von Gütern so weitergeht, dass man sich ein Kleeblatt im irländischen Frühling bestellt um damit im Neuseeländischen Winter die Schafe zu füttern, auf das sie wollig gedeihen und sprießen, damit die im südafrikanischem Herbst, die zupfenden Finger Minderjähriger nicht verkleben, weil der schwedische Winter nur kuschelig warm weitere Bestellungen ermöglicht. Der Containerfrachterbranche soll es nicht so gut gehen zurzeit, zu viele Schiffe, für zu wenig Nachfrage. Der Aufschrei lautet: Bitte kauft doch mehr, sonst rentieren sich unsere vier Fußballfelder nicht.
Ihr Wirtschaftsfeld gestalten, so entnehme ich löblich den Maritimenews, die Tankercharterer besser. Da sammeln sich nämlich vor dem Iran, dass seit dem Embargoende massenhaft Öl exportiert, ähnlich massenhaft die mobilen Tankstellen um abzupumpen, was ausgelaufen ist. Iran, das Land mit dem viertgrößten Ölvorkommen der Welt spült billiges Öl in die Welt und der Hafen von Bandar Abbas kann das Tankeraufkommen nicht mehr bewältigen, es kommt zu Wartezeiten von bis zu drei Wochen. Die benachbarten OPEC-Staaten streben bereits Beschwerdeverfahren an, da ihre Häfen auch voll sind mit Öl, die Tanker aber ausbleiben, da sie sich an die Gesetze der Marktwirtschaft halten und ihnen somit kein illegales Verhalten vorzuwerfen ist. Der Ölpreis scheint indes weiter zu sinken, und immer mehr Tanker saugen sich wie die Moskitos voll mit dem Blut der Weltwirtschaft, stechen in See, werfen Anker und warten darauf dass ein entsprechend gewinnbringender Preis bezahlt wird. Die Lager an Bord für Essen und Getränke sind für wochenlanges belagern der Rohstoffburgen gerüstet. Der Markt eitert und es bilden sich hässliche Blasen, die Versorgung mit Medikamenten zur Heilung der neusten Viren – nach Zika – der die Menschheit zu vernichten droht, stockt, aber die Spekulanten verzeichnen immense Gewinne und sonnen sich an den Pools und züchten weiter neue Larven. Den armen Nachbarn bleibt nichts Weiteres übrig, als am Strand des Persischen Golfs zum Horizont zu blicken und den mit dem gleichen, unglücklichen Schicksal behafteten Matrosen herzlich zuzuwinken.
An Bord sind wieder alle beschäftigt, oder immer noch? Die meisten haben die Nachtschicht in den Samstagmorgen verlängert, und werden auch noch bis in den Nachmittag, bis kurz vor dem Abendessen um 17:00 Uhr auf den Beinen sein, um dann ins Wochenende entlassen zu werden. Sie alle machen Ihre Lohnzettel mit Überstunden voll, was sollen sie auch anderes machen als die Kessel mit Geld zu scheffeln. Beim Master wird bereits die neunte Stunde als Mehrzeit angerechnet, ein Ordinary Seaman darf sich ab der zwölften Stunde seinen Extralohn nach Hause zur Familie schicken lassen. Sechs arme Matrosen, von den Kadetten bis zum Messman, sind hiervon jedoch ausgenommen und lesen jeden letzten eines Monats die gleiche, eintönige Zahl. Bei den grundsätzlich geringen Ausgaben an Bord bleibt somit zwar relativ viel hängen und Landgänge, die den Geldbeutel schrumpfen lassen, sind ebenfalls fast unmöglich. Fairerweise muss man hier dem Master anrechnen, dass er sich auch oft mit mehr als acht Stunden Papierarbeit begnügt, auch der erste Offizier geizt nicht mit Anwesenheitsstunden und ihm haftet mit der Überwachung und Kontrolle der generellen Fracht am meisten Verantwortung an. Für alle gilt, zumeist sieben Tage am Stück, jeden Tag ihres Vertrages.
Ich vergnüge mich heute wieder auf dem Bugdach, zur Sonne gesellt sich Wärme. Algeciras hat jedoch ein stressiges Geschenk für mich geladen. In erster Reihe steht ein Kühlcontainer, der mir die Ruhe raubt mit seinem Lüfter, der durch die Hitze fast minütlich anspringt. Die harte Nacht steckt allen in den Knochen, hat alle etwas überrascht nach der langen Überfahrt durch die Einsamkeit. In den nächsten Tagen jedoch stehen viele Häfen auf dem Plan, mehr Zeit am Kai als auf dem Meer. Wir steuern auf Livorno zu, dann Genua, danach Fos-sur-mer östlich von Marseille und abschließend nach Barcelona, wo das Schiff leer sein muss um im Trockendock gewartet zu werden um dann von einem neuen Charterer übernommen zu werden. Man munkelt, es sei Maersk, dem größten Reederei auf unserem Erdball. Dieser ändert auch den Namen des Schiffes, was allem Aberglauben der maritimen Nostalgie einiger Hobbykapitäne zum Trotz kein größeres Pech nach sich zieht. Das Crewverbindende und atlantikquerende Gesprächsthema wird mir erst durch die gestrige Nachricht verdeutlicht. Keiner weiß wann und vor allem wo das Schiff in den Trockendock geht, es kann überall sein. Einer wünscht sich Polen, der andere Türkei, keiner will nach Afrika, da sind sich alle einig. In der Hand haben sie es selber aber nicht, dass entscheidet das skandinavische Konsortium aus Eigner und Charterer. Für die Crewmitglieder, deren Verträge bis weit in den Sommer reichen, ist die Diskussion darüber zweitrangig, für die gestern gesteinigten werden die zwei Wochen Zugabe eine unmotivierte Zeit sein, da sie sich bereits auf ihre Heimat, ihre Familien und den wohlverdienten Urlaub eingestellt haben.
Welche Passage der Charterer bedient, darüber mehren sich die Spekulationen Asien betreffend, oder wieder zurück nach Südamerika, Chile über Brasilien befahrend. Ich bitte Max darum, mich auf dem Laufenden zu halten. Am Abend verabreden wir uns zum Pingpong, um neun Uhr abends schlummert allerdings alles friedlich in ihren Zellen, die Crew holt den verpassten Schlaf nach. Nach Mitternacht mache ich mich in aller Dunkelheit auf meinen Bugvorsprung auf um Sterne zu zählen. In kristallklarer Nacht eröffnet sich vor mir ein wundervoller Sternenhimmel, links neben mir von der spanischen Küste her in Höhe von Valencia glimmern die sich aneinanderreihend gewölbten Lichtglocken der elektrischen Müllhalden. Rechts vor mir mitten im Nichts leistet die Insel Ibiza ihren orangenebeligen Beitrag zum sternenarmen Himmel über menschlichen Anhäufungen des neuzeitlichen Zusammenlebens. Ein verrücktes und zudem aufhellend verwirrendes Schauspiel. Ich genieße erneut eine kurze Nacht, die mich aber nicht übermäßig zu belasten scheint. Es geht dem Ende entgegen, es fühlt sich danach an.
- April 2016
Seit Tagen spielen wir schon mit der Vorfreude, uns abends in Livorno in eine Bar aufzumachen. Der Messman schwärmt von einer in Fußnähe gelegenen Bar, der einzigen in Europa, die ohne Taxi zu erreichen ist. Ich ziehe ihn damit auf, dass er ein Mädchen dort hat, Max meint, es wäre wegen dem Wifi. Ich werde vielleicht schon früher losgehen um durch Livorno zu schlendern. Wir fahren an Mallorcas nordöstlicher Gebirgskette vorbei, auch heute ist der Himmel gewohnt blau und wolkenfrei, dafür ist es aber spürbar kälter. Es ist ein ruhiger Sonntag, der Raum für Gespräche offenlägest. Aus den Kabinen drängen alle Arten von Geräuschen auf die Gänge, jeder ist damit beschäftigt, sich zu erholen und hört Musik, schaut einen Film oder beschäftigt sich wie sich immer mit seinem digitalen Spielzeug. Es ist das erste Mal, dass ich seit unserer Abfahrt in Turbo die gesammelte Crew nur hinter ihren Türen, diese Kulisse bietend, erlebe.
Im Crewraum neben der Küche treffe ich den Bosun, der seinen grünen Tee zum Ausspülen trinkt und Zigaretten raucht. Auch er will mitkommen morgen um mal wieder mit seiner Familie zu sprechen und auf Facebook die neusten Nachrichten seiner Freude zu verfolgen. Nach seiner dritten Kippe verabschiedet auch er sich zum Mittagsschlaf und ich folge der allgemeinen Sonntagsnachmittagsstimmung. Auch das Mittelmeer bietet das allumspannende Blau. In der Ferne ist kein Küstenabschnitt und kein Gebirgshügel zu erkennen.
Am Abend, der Slopchest hat noch einmal geöffnet, bestelle ich Bier und Zigaretten als Dankeschön für die Crew, mache mit dem Master meine Dollarabrechnung meiner Einkäufe und spreche mit ihm die Details meines entborden in Genua ab.
- April 2016
Livornos Hafen ist vor allem als Autoumschlagplatz bekannt, ansonsten recht beschaulich und italienisch gemütlich. Wir fahren am Stadtzentrum vorbei und ich sehe die für das Mittelmeer typischen Yachthäfen mit allen Arten an schwimmenden Luxustempeln. Auch typisch sind die Fähren und Kreuzfahrtschiffe, die Tagsüber anlegen, einen Stadtspaziergang erlauben und nachts zur nächsten Stadt hetzen. Die Fähren gehen von hier fast überall hin und ich überlege mir schon, dass ich das nächste Mal nach Barcelona eben nicht fliege. Der Pilot führt uns durch eine sehr enge Einfahrt zu unserem Kai, obwohl der Hafen eigentlich direkt an der Küste liegt, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt, aber mit den Betonwällen gegen die Wellen abgeriegelt. Ein bisschen Flair des Mittelalters konnte konserviert werden, es gibt Leuchttürme aus der Römerzeit, ein Kornspeicher wirkt riesig, wie er in das Dreieck zwischen den Molen eingequetscht wurde. Man sieht die Kreuzfahrer in der Schlange anstehen, um das innere abzufotografieren.
Auf dem Schiff werde ich dann für den Nachmittag gefangen gehalten, da ich trotz Schengen Papiere nicht an Land darf. Die Immigration war noch nicht an Bord und wer mit dem Schiff kommt unterliegt strengeren Regeln, da die meisten Schiffe Menschen beschäftigen, die Zuflucht in unseren reichen Gegenden suchen könnten. Wofür der Master wieder in den Knast kommt und bis zur offiziellen Freigabe keinen von Bord lässt. So werden mir ärgerliche drei Stunden geklaut, die ich Pizza essend und Espresso trinkend auf der Via Grande verbringen könnte. Als Entschädigung gibt’s Schiffsküche, Lachs zum Abgewöhnen. Inzwischen gesellen sich die Feierabendler zu mir, die ebenfalls auf die Immigration warten und sich ärgern, dass sie nichts ans Wifi können. Um halb sechs ist es soweit, alle stürmen Richtung Hafentor. Max, der Bosun, der sich unserer angenommen hat, und ich, überholen alle weil der Filipino “Hey Amigo!” zu einem senegalesischen Lastwagenfahrer ruft, der uns mit nach vorne nimmt. Noch nie auf dem Frachtschiff, noch nie in einem richtigen Truck – alles abgehackt jetzt. Der Senegalese, der seit 22 Jahren in Pisa wohnt, versteht sich blind mit dem Bosun. Es sind diese Momente, wo ich mir wünsche, schlechtes Englisch zu sprechen, und nicht nachdenke, wie groß die Welt eigentlich ist, sondern nur schaue, dass ich von A (meiner Arbeit) zu B (meiner Familie, meinem Bier, meinem Internet) komme. Ich halte mich für privilegiert, dabei bin ich die arme Sau.
Die Spelunke hat nichts an sich, was man sich unter Hafenkneipe vorstellt. Es ist ein Kiosk, die Italiener stinken gegen ihre eigene schlechte Laune an, spielen Automaten und hören Alpentechno. Es wird als Trattoria gepriesen, aber das Essen sind schlimmer aus als auf dem Schiff. Wenn der Messman wirklich ein Mädchen hier haben sollte, dann muss er viel bezahlen, um sie hier her zu bekommen. So langsam trudeln dann auch die anderen ein, um mitgeteilt zu bekommen, dass das Internet nicht funktioniert. Ich sehe echte Bestürzung in ihren Augen, das Leben ist nicht fair. Aus einer Position heraus mit meinem Handyvertrag seit drei Tagen schon wieder Internet zu haben, kichert die Schadenfreude in mir. Dann haben wir Zeit für ein paar mehr Bier und echte Gespräche, anstatt das alle auf ihre 20 Quadratzentimeter glotzen und Nackenschmerzen davon bekommen. Es entwickelt sich eine gewisse Dynamik in die von mir gewünschte Richtung, kommt wegen der Enttäuschung, und dem ständigen kontrollieren, ob das Wifi nicht doch zufällig angesprungen ist, aber nicht ganz in Fahrt. Als der litauische Familienvater schreit, das Internet geht wieder, beginnt ein Freudenfest, geschmückt mit Jubelarien und Freibier. Ich fühl mich wie auf der Nature One und alle um mich herum sind auf Ecstasy, nur ich, ich trink mein Bier und meine Schadenfreude lacht mich herzlichst aus. Max ist dennoch mit mir und ich frage ihn weiterhin über alles Mögliche aus, da er von der Schiffadministration abseits des Meeres trotz seiner jungen Jahre am meisten zu verstehen scheint. Er darf im Unterschied zu den anderen in vier Tagen in Barcelona von Bord, fliegt einen Tag nach Hamburg, um direkt weiter nach Lissabon zu starten, wo er die nächsten sechs Monate auf einem Segelkreuzschiff durch Europa tourt. Ich muss meine erste Einschätzung von ihm revidieren, er ist bisher ganz gut rumgekommen in Europa, auch ohne seine Eltern, hat mit 17 ein Praktikum bei einer andere Reederei in München absolviert und ist eigenständig über Manchester an die schottische Grenze geflogen, um sich dort eine Universität anzuschauen, an der er vielleicht studieren will. Von Hamburg benötigt er acht Stunden. Auch St. Gallen zieht er in Betracht, er will die beste Hochschulausbildung genießen und es ist ihm nicht zu vergönnen.
Dann kommen ein paar Nachzügler, auch aus der Gastronomie, die sich einen späteren Feierabend erarbeiten durften, wir bestellen ein Taxi und ab geht es in die Stadt, Pizza essen, weiter Bier trinken. Um fünf vor acht steigen wir aus dem Taxi und versuchen durch die Stadt rennend noch das kaputte Ladekabel aufzutreiben, das den armen Filipino immer in die Arme des ersten Offiziers treibt, der das gleiche Modell hat, um nicht komplett zu veröden. Aber der europäische Wahnsinn, dass alle Geschäfte noch vor Anbruch der Dunkelheit ihre Tore schließen, kann unseren philippinischen Freunden nicht so recht verständlich gemacht werden. Die Stadt ist auf Heerscharen von modernen Kreuzrittern ausgelegt, eine Dutyfreezone des schlechten Geschmacks. Wir finden eine Enklave italienischer Lebensfreude, eine Fußballkneipe, gekleidet in dunklem Holz und verziert mit Mannschaftsportraits der hiesigen Calcios. Die Pizza kommt nicht im Kreis, dafür quadratisch, praktisch und vorzüglich. Unsere Italienischkenntnisse stehen den Englischkenntnissen der Kneipencrew in nichts nach, aber die Zeichensprache füllt unsere Gläser mit goldenem Saft und schmückt den Teig mit Tomatensoße, Rucola, Parmesan und etlichen weiteren Köstlichkeiten. Eine Auswahl die unseren Gaumen verwöhnt. Wir schlingen als ob wir tagelang nicht gegessen hätten, die Filipinos freuen sich, ihre erste authentische Pizza jetzt probieren zu dürfen. Im Fernmeldeparat liegt die Roma zurück gegen Bologna, und der mit Familien vollgestopfte Laden schreit auf. Mehrere Generationen quetschen sich auf die Holzbänke und die Herzlichkeit, wie sie sich in die Backen kneifen, wird nur dadurch unterbrochen, dass das free Wifi den Messman dazu einlädt, Wrestlingclips mit seinem Kollegen zu teilen. Der dritte im Bunde chattet mit seinem Bruder in der Heimat und kriegt sich kaum mehr ein, so freudig ist das digitale Wiedersehen. Sie alle haben seit einem vollen Monat nicht mehr tippen dürfen.
Wir bleiben noch etwas sitzen, erleben die Atmosphäre des sympathischen Ristaurante – oder die weite Welt des Internets – und wollen aber dann unser Glück nochmal in einer anderen Bar zu versuchen. Livorno ist Montagabends allerdings nahezu ausgestorben. Wir laufen durch die Gassen und werden mit unserer Suche nicht belohnt, treffen auf ein paar Grüppchen, die sich aber am Kanal entlang auf die Mauern gesetzt haben, vor Restaurants stehen, die gerade schließen, oder ein Feuerzeug nach uns schmeißen. Wir rufen ein Taxi, um die anderen in der schmucklosen Hafenspelunke aufzugreifen um zumindest dort noch ein Bier zu schlückeln. Der Messman ahnt es schon, als wir ankommen und die anderen im Dunkeln sitzen, die Türen sind ebenfalls verschlossen, nach den Läden sterben auch die Kneipen und die Filipinos schaffen es als zahlende Kundschaft nicht, den Wirt von einer weiteren Runde zu überzeugen. Das Wifi allerdings funktioniert einwandfrei, daher sind die braunen Gesichter hellerleuchtete Punkte auf einer Terrasse mit Gartenmöbeln, die dir vorbeiziehenden Lastwagen mit den gerade entladenen Container zum Wackeln bringen. Ein kurzes Stück zuvor hab ich noch eine Kantine gefunden, die acht Bier spendet, wir sitzen noch ein Weilchen und laufen zurück zum Schiff, im Rucksack vom Messman drei Birra Moretti, die ich mir für den Weg nach Genua morgen bunkere.
Auf dem Deck lichten sich die Reihen der Container, die Cargo Holds sind offen und ich will einen Blick hineinwerfen. Der dritte Offizier hält mich allerdings zurück und sagt, der Master hat schon mit ihm gemeckert, warum ich während der Ladevorgänge überhaupt hier sei. Ich werde ins Bett geschickt, dass Schiff liegt ruhig im Hafen, in Livorno ist das zu bewältigende Arbeitspensum mein Grund für übertriebene Panik und die Nacht sagt dem Abend vielen Dank für seine frohe Tat.
- April 2016
Mein Wecker snozzed penetrant eine dreiviertel Stunde um mich wachzukriegend, aber ich will irgendwie nicht so richtig aufstehen. Zum einen drückt der Gerstensaft auf die Blase und beauftragte den Alkohol einen Scherbenhaufen an Gehirnzellen zu produzieren. Zum anderen ist heute der letzte Tag, auf See zumindest, wir planen um 18:00 Uhr in Genua einzulaufen, und ich weiß nicht recht, ob ich wirklich runter will, ob es das schon das Ende sein soll. Auf der anderen Seite freue ich mich auch riesig auf ein Stückchen Heimat, die sich im Frühling befindet, der Sommer steht bevor. Ich kann ja weitertuckern, wenn’s wieder kälter wird. Da Livorno an sich eigentlich sehr unspektakulär ist, beschäftige ich mich in meiner Kabine mit ein wenig Organisation meines Tragegerätes, telefoniere mit ein paar Menschen, deren Stimme ich schon ewig nicht mehr gehört habe und bin wirklich froh, nach Hause zu fahren.
Der Messman und Max wollen heute Abend wieder raus, ich finde es ebenfalls sehr gut, es ist fast so etwas wie Abschiedsabend. Dem Ablegen zuzuschauen fühlt sich an wie Routine, die Sonne kommt raus und treibt die Wolken wie eine Viehherde vor sich her auf die Meeresprärie. Und ehe ich es begreifen konnte, standen wir vor Genua, warten auf den Piloten und ich sitze in der Abendsonne ein letztes Mal auf meiner Bugabdeckung, die so viel Wärme und Aussicht spendete. Genua wirkt gigantisch, wie es sich an der Küste entlangzieht und das Hinterland hinaufklettert, die romanischen Häuser zieren die Stadtpromenade, eins herrschaftlicher und prachtvoller als das andere mit den hellen, elfenbeinigen Fassaden und den typischen roten Dächern. Die verzierten und verschnörkelten Fensterrähmen sind selbst aus der Ferne zu erahnen und geben den Häusern ihren unverkennbaren Stil, der mich direkt ins Mittelalter versetzt und ich mir fast bildlich vorstellen kann, wie diese Stadt damals lebendig gewesen sein muss. Eine Hafenstadt bis in die letzte Ader, von den ankommenden Matrosen, die ihren Sold in den Rachen der Wirte und die Brüste der Wirtsfrauen steckten, die Handelsfahrer, die Zimt, Tee oder Perlen an die Aristokraten verhökern, den Kapitänen, Entdeckern, Handlangern und Rumlungerern. Genua war sich nie zu schade, nur das Beste für sich zu wollen.
Und heute, nachdem wir den alten Hafen und den Palazzo San Giorgio passiert haben, öffnet Italiens wichtigster und größter Hafen seine Arme um uns zu empfangen und mit seiner Vergangenheit zu prahlen. Rechts neben uns sehen wir das Wrack der Costa Concordia, welche hier verschrottet wird, wir legen an, und die gleiche Hektik wie in Algeciras greift um sich, nur weitaus chaotischer und wilder. Die Container werden fast vom Schiff geschmissen, irgendwo hingestellt oder neben dem Schiff aufeinandergestapelt. Wenn man am Kai steht und in die Luft zu den Kränen sieht, dann ergreift einen hier die Angst, wenn der Container in 40 Metern über einem baumelt und der Kranfahrer nicht mehr weiß wohin damit, da es keinen Platz gibt. Selbst auf dem Schiff erzittert mein Kabinenboden, wenn ein Tifoso den Container gerade aus einem halben Meter auf den Boden fallen gelassen hat. Es sieht alles ein bisschen fertiger, ein wenig heruntergekommener und viel abgenutzter aus, als es bisher der Fall war. Hier haben die Hafencrews noch weniger Lust am Arbeiten, lassen ihren Frust an den Maschinen und Gütern aus, die durch ihre Hände gleiten und haben Spaß an Dellen und Krach.
Im Cargo Office versammeln wir uns dann so langsam um loszuziehen, Seamansclub soll das Ziel sein. Ein Club, eine Bar? Zumindest für Seefahrer und wahrscheinlich nur Seefahrer. Der erste Offizier hängt am Telefon und verkündet dann, dass nur die Europäer an Land dürfen, die Immigration hat heute schon zu und kann erst morgen aufs Schiff kommen. Nur morgen ist zu spät, nicht für mich, für die Filipinos und den Inder, die sich freuen, rauszukommen, so wie gestern, wo auch nicht alle dabei waren. Wir fragen nochmal nach, nur Europäer dürfen nach Europa, der Rest darf sich wieder in seine Zelle sperren und hinter sich die Schlüssel umdrehen. Sie verkraften es mit äußerlicher Ruhe und lassen sich ihre Enttäuschung einfach nicht anmerken. Sie drehen um, gehen die Treppen zurück und wir stehen zu viert da, gar nicht mehr so bereit, in die Stadt gehen zu wollen. Es fühlt sich so an, als ob sie sich daran gewöhnt hätten, scheiße und ungerecht behandelt zu werden und es deswegen mit stoischer Gleichgültigkeit über sich ergehen lassen. Max und mir versaut es die Laune, wir fahren in die Stadt, begnügen uns mit Pizza, kaufen Kekse, aber all das macht keinen Spaß und ich habe auch keine große Lust. Das war ein Knick, das tat weh so hautnah mit zu erleben. Hier kommen jeden Tag hunderte von Schiffen an, alle mit nicht europäischen Crews, weil die Verdienste auf einen Hungerlohn gedrückt werden müssen damit der Eigentümer sein Investment finanziert bekommt und die Immigration in Italien ernennt Öffnungszeiten, die es unmöglich machen den Schuftenden auch nur einen Abend Freizeit zu genießen, die nicht aus Stahl besteht.