26. März

In Turbo warte ich auf mein Schiff, in Turbo, wo es dreckig, heiß und laut ist. Klassisch karibisch und ein gutes Ende an Land. Ich treffe mich mit Germán, meinem Agenten in Turbo, der so weit alles vorbereitet hat damit ich reibungslos an Bord kann. Bei der  Migración bekomme ich meinen Ausreisestempel und während wir warten, erzählt er mir, dass er aus Medellin ist, selber Seefahrer war aber viel zu wenig dafür verdient, dass er die ganze Zeit in der Welt unterwegs ist. Jetzt wickelt er die Schiffe in Turbo ab und freut sich, wenn der Hafen, der schon seit längerem geplant ist, hoffentlich gebaut wird. Den gibt es nämlich nicht und so klärt sich all mein mit Fragen getränktes Unwissen darüber, wo das Schiff den anlegen soll und wie ich an Bord komme, erst nach und nach. Er erzählt mir weiter, während der Stempel trocknet, dass seine beiden Schwestern mit ihrem Schwiegervater in Italien, Ferrara, leben, dass alle Kapitäne sich beschweren, dass der Atlantik gerade einen wilden Seegang hat und dass das Schiff erst um sieben Uhr abends in Turbo ankommen wird. Also noch genügend Zeit zum Entspannen in Turbo, jetzt zur Mittagszeit und besten Hitze. Für mich insgesamt alles sensationelle Neuigkeiten. Das mit den Wellen wird sich noch zeigen können, das mit der Ankunft bei Nacht macht das borden aufs Schiff zur Zeremonie.

Ich treffe mich abends dann mit den Authorities im Zentrum, nicht weit von meinem Hotel an einem Laden namens El Waffe. Er sollte eigentlich El Wave heißen, aber keiner konnte es so richtig aussprechen, daher wurde er der Betonung nach umbenannt. Wir steigen zu fünft in eine für Kolumbien bekannte Lancha (ein Fischerboot, aus einem Plastikguss, an den Außenborder und Dachplane, sowie weitere Extras angebracht werden können – einer aus Medellin hat sich damit eine goldene Nase verdient). Die Authorities sind für die Überprüfung der Hygiene an Bord meiner zukünftigen, neuen Heimat zuständig, einen Passagier haben sie auf so einem Schiff noch nicht getroffen und halten mich, glaube ich, für bekloppt. Wir tuckern los, raus aus dem Hafendümpel der unangenehm nach Kloake und abgestandenem Abwasser riecht, doch sobald wir die angetauten Boote hinter uns gelassen haben, zeigt mir diese Lancha, was sie von den mir bisher bekannten unterscheidet. Mit einer Wucht schießen wir in die Dunkelheit, in den Kurven neigt sich der Rumpf um 45 Grad, die Wellen nutzen wir als Sprungbrett und sie uns als Spielball, knallen lustvoll gegen die Planken und versetzen dem armen Boot starke Schläge. Es ist ein sehr spaßiger, leicht nässender zwanzigminütiger Start bis zu den Lichtern des eigentlichen Schiffs. Mitten im Nichts aus der Dunkelheit taucht es auf, ein Szenario wie aus dem Film, es nieselt leicht, die Lampen spiegeln sich im wellenden Wasser wieder, es biegt und beugt sich das Stahl, der Rost schnarcht vor sich hin, man vernimmt leise Funksprüche und die Container wiegen sich im Wind. Wir nähern uns langsam und vorsichtig mit unserem vorlauten 3×5 Meter Plastikschälchen ohne Licht und einer nutzlosen Plane über dem Kopf.

Ich soll aufstehen, meinen Rucksack nehmen und nach vorne schwanken, von hier geht’s weiter auf die Außentreppe des Frachters. Ich stehe vor einer braungrauen Stahlwand, die nur nach unten durch die peitschende Wellengicht abgeschlossen wird und nach oben unendlich in die nimmer satte Dunkelheit entschwindet. Die Aluminiumtreppe führt mich, beleuchtet von tageslichthellen Strahlern, ins industrielle Himmelsreich. Nach ersten wackeligen Gehversuchen über dem Wasser nimmt mich ein Filipino in orangenem Overall in Empfang und der Funkspruch: „Passenger on Board.“ salutiert meine Ankunft. An den Begriff werde ich mich noch gewöhnen müssen, er bedeutet meinen Rang, meinen Namen, meine Stellung. Er entbindet mich von allen Pflichten. Die Vornamen der anderen entnehme ich eigentlich nur den ausgehängten Crewlisten, ansonsten heißen sie Offizier, Master, Cook, Messman oder Ordinary Seaman.

Als die Authorities auch an Bord sind, werden wir zum Turm geführt, die Authorities abgezweigt und ich zu meiner Kabine gebracht. Von Wilmer, einem weiteren Filipino, der erst seit einem Monat auf dem Schiff ist, und sich noch nicht so gut auskennt. Wir steigen mehr Treppen auf, endlos vielen, steilen. Ich schwitze wegen der feuchten Hitze der Karibik, die sich in den klimatisierten Stahl zwängt. Der Anstrengung aber auch der Aufregung wegen, mit meinem Rucksack auf dem Rücken, mit dem ich das Freigepäck um hundert Kilo unterschritten habe. Im fünften Stock ist es dann, nach hinten links, ganz in der Ecke nach Achtern, die Eignerkabine. Zwei Sofas, Queensizebett, Tisch, Kleiderschränke, Kühlschrank, Glotze, Dusche, WC und drei Fenster. Meine Nachbarn sind der Chief Engineer und der Master (besser bekannt als Kapitän). Über mir ist die Brücke. Die Kabine erscheint extrem komfortabel und ich kann mir ganz gut vorstellen, dass sich die kommenden Tage erträglich gestalten lassen. Ich frage Wilmer wie es weiter geht: „I don’t know.“ und weg war er.

Da stand ich dann, fing an meinen Rucksack auszupacken und es mir erstmal gemütlich zu machen. Laut den Infos für Passagiere auf Frachtschiffen soll man erstmal warten und sich mit der Kabine vertraut machen, bis jemand kommt. In den Häfen ist die Crew grundsätzlich immer erstmal sehr gut beschäftigt, da hier die Ladung gelöscht wird und das andauernd überwacht werden muss. Daher warte ich. Nach einiger Zeit klopft es an der Tür, der dritte Offizier benötigt meinen Pass und meinen Impfausweis für die Authorities. Wir wechseln kaum Worte, Tür wieder zu und ich warte. Ich warte schlafend, mich von den vorherigen Nächten erholend. Dann wurde es auf einmal wackelig und wir bewegten uns. Ich nahm den Wasserschaum wahr und in der Ferne weitere Schiffslichter, aber ich war zu müde, beendete das Warten und hoffte, dass Tageslicht erklärt mir alles weitere.

27. März

Um halb Acht gibt es Frühstück. Ich stehe etwas früher auf, schaue aus meinem Fenster und um uns herum nimmt das fleißige Treiben seinen Lauf. Es gibt noch zwei weitere Schiffe, die auf die gleiche Weise beladen werden. Wir ankern in ruhigem Gewässer in Küstennähe, aber nicht im Hafen. Schlepper bringen schwimmende Docks voll mit Containern, die auf die Schiffe verteilt werden. Ganze Mannschaften vom Land sind auf den Schiffen und beschäftigen sich mit dem Ladevorgang. Ich, kaum wach und eigentlich noch orientierungslos, schaue leicht fasziniert aber auch verkrampft in meinem Fenster hängend dem Geschehen zu. Um dann zu entscheiden, mich selber aufzumachen die Offiziersmesse zu finden, anstatt auf jemanden zu warten, der mich abholt, was, wenn überhaupt, erst wohl am nächsten Tag geschehen wäre. Ich laufe also zum Treppenhaus der Superstructure, wie der weiße Turm auf dem Schiff genannt wird und steige hinab, ahnungslos bis wohin. Zur Not so tief, wie ich gestern aufgestiegen bin denn irgendjemand wird schon zu finden sein. Glücklicherweise lugt aus dem 1st Superstructure Deck just in dem Moment, in welchem ich die Stufen hinunterhüpfe, der recht chinesisch wirkende Schiffskoch und heißt mich mit offenen Armen willkommen, führt mich den Gang weiter.

Er stellt mich dem Messman vor, welcher mir meinen Platz an einem der beiden runden Tische zuweist, den ich aber zuerst vehement ablehne, weil ich dann mit dem Rücken zu allem sitze, was interessant ist. Alles dummstellen hilft nicht, der Passagier hat da zu sitzen, neben einem osteuropäischen Grummler, der sich zum Frühstück drei Sandwiches übereinander gestapelt hat und diesen Berg sehr feinsäuberlich inspizierend in sich reinschlingt. Ich freue mich, dass der Messman und der Chief Cook beides Chinesen sind und als Team bestens zusammenpassen. Der Chief Cook mit grauen Haaren, um die 60, ärmelloses weißes Unterhemd, klassisch asiatischem Englischakzent, schiebt die sprichwörtliche wie bauchähnliche ruhige Kugel. Der Messman ist sein quitschfideler, junger, kleiner Adjutant, mit den strohigen schwarzen Haaren auf dem Kopf, zugleich auch mit dem Versuch eines Bartwuchsansatzes. Dass beide eigentlich Filipinos sind, erfahre ich erst später, nach eingänglicher Lektüre der Crewliste, auf welcher ich verzweifelt zwei Chinesen suche. Trotz allem hätte ich alles drauf verwettet.

Crew 7Ich setze mich auf meinen zugewiesenen Platz, begrüße meinen Sitznachbar mit Handschlag und dem obligatorischen Rangesgruß: „Hi, Officer.“ „Hi, Passanger.“. Ich fahr mir auch so ein Sandwich rein, halb wabbelig mit Eiersalat, Käse, zähem Toast und spätestens beim ersten Bissen an Bord wird klar, dass die Stimmung einer Schiffscrew nicht von dem angeblichen so gutem Essen abhängig ist. Hauptsache gefuttert und so schnell wie möglich zurück an die Arbeit. Zu Mittag gibt es Pommes mit Steak, medium rare, woraufhin ich gezwungen bin, zu kommunizieren, dass ich Vegetarier bin – eigentlich. Am Abend gibt’s Pommes mit in Fett eingelegten Auberginen, woraufhin ich mir sehnlichst wünsche, dass die Vorräte an Pommes als Beilage bald nicht mehr verfügbar sind.

Den Rest vom Tag bin ich damit beschäftigt auf dem Heck zu stehen und dem Treiben beizuwohnen. Mein Rumstehen bewirkt, dass ich nach kaltem Wasser, Zigaretten und Richtungsangaben zum Klo gefragt werde. Einer der Teamchefs der Ladecrew fragt mich, ob ich ihm die Ladeliste kopieren kann und als allen klar wird, dass ich vor allem mit Unwissenheit glänze, wurde mir eine Hängematte aufgespannt und die Jungs haben vom Heck direkt ins Meer gepisst. Irgendwann, ich stand weiterhin verloren und den Containern nachschauend verträumt daher, kam der Master auf mich zu und begrüßte mich nach bereits bekanntem Schema: „Hi, Master.“ „Hi, Passenger.“. Der Mittvierziger Budapester gab mir einen kurzen Überblick, was in den kommenden Stunden passieren wird, wann wir Anker einholen und worauf ich so zu achten habe. Wir begnügten uns mit etwas vorurteilslosem Smalltalk über Drogen und Gewalt in Kolumbien und die Aussicht auf Wellen im Atlantik. Im Großen und Ganzen ist er aber ein sehr Mimikarmer Gesprächspartner, der eher dem gültigen Protokoll folgt, als seinem persönlichen Gusto. Beim Abendessen treffe ich auf Max, der ebenfalls ranglos ist und nur einen Namen besitzt. Er ist der Trainee, der sechs Wochen Passage mitmacht und von der Reederei, in der er sein Praktikum absolviert, auf Reise geschickt wurde. Vor einer Woche erst 18 geworden, war er die ersten drei Wochen gezwungenermaßen auch nur Passagier, da er gemäß geltenden Regularien noch nicht arbeiten durfte. Seine erste Station war direkt der Maschinenraum, zu welchem mir nur die Vorstellung schon Hitzewallungen und Verausgabung vorschwebten. Drei Departments gibt es auf dem Schiff, Maschinenraum, Brücke und Küche. Vielleicht outet sich Max ja bald als genialer Koch, wobei ich dem ehrwürdigen Filipino hier keinen Vorwurf machen will, da die Zutaten, selbst dem talentiertesten Küchenmeister, die Nerven rauben würden. Alles Konserve. Max aber ist glücklich, erlebt was und hat ziemlich viel Spaß mit der Crew. Typischer Hamburger Jung: bisschen steif, aber immer am Lachen.

So langsam fragen sich dann auch alle, und ich mich auch: Da ist der schon einen knappen vollen Tag an Bord und war noch immer nicht auf der Brücke. Versäumnis erkannt, schon meint Max auch den Piloten (Lotsen) gesehen zu haben und zieht mich auf die Brücke. Offene Tür, laut „Hallo“ schreien und merken, dass da nur ein vollschlanker Pole Wache schiebt und Seekarten studiert. Ansonsten ausgestorben, der eigentlich imposante Raum, der sich über die gesamte Breite des Schiffes erstreckt, ohne Pfosten, ohne Pfeiler, die die Sicht verdecken könnten. Oberster Stock der Superstructure, aber ohne Leben. Der Pilot kommt doch erst später, nur mach ich den Zeitsprung mal direkt, da in den gefühlten nächsten drei Stunden genau das passiert, was in den kommenden 17 Tagen auf mich zukommt: Nichts.

Die Brücke ist, bis auf die Aussicht, die bei Dunkelheit hinter der Scheibe endet, milde gesagt ziemlich langweilig. Der Master sitzt im Dunkeln auf seinem Stuhl, links neben ihm der Pilot, der in spanischem Englisch auf den philippinischen Steuermann rechts vom Master Ruderbefehle einprügelt und der Master wie beim Tennis folgend sich Muskelkater im Nacken holt:

Pilot: „Zero, Five, Zero.“, Filipino: „Zero, Five, Zero … Zero, Five, Zero now, Sir!“.

Pilot: „Zero, Four, Five.“, Filipino: „Zero, Four, Five … Zero, Four, Five now, Sir!“.

Pilot: „Zero, Four, Zero.“, Filipino: „Zero, Four, Zero … Zero, Four, Zero now, Sir!“.

So geht das eine Stunde im halben Gradrhythmus hin und her, dann vergeht dem Pilot die Lust, geht vom Schiff und der Master gibt das Signal: „Full Ahead!“ Volle Fahrt voraus bedeutet aber zu hohen Schwerölverbrauch, und somit begrenzt sich unsere Maximalgeschwindigkeit in den kommenden Wochen auf ein dreiviertel der eigentlichen Leistungsfähigkeit.

28. März

Kabine Aussicht 1Nach dem Wachwerden schaue ich aus meinen 200 Quadratzentimetern Glasscheibe und jubele: „Kein Land in Sicht!“ Ich überprüfe unsere Position mit GoogleMaps und lege mich direkt wieder hin – wir fahren die ganze Nacht und sind noch nicht mal an Cartagena vorbeigekommen. Ich muss mich auf ein neues Geschwindigkeitsgefühl einstellen und schlafen ist die bestmögliche Herangehensweise. Nach meinem zweiten Aufstehen muss ich jedoch anerkennen, dass dies der erste richtige Seetag in meinem Leben ist. Es ist diesig grau am Horizont, auch das Meer um uns herum strahlt nicht im gewohnten Karibikblau und ein wirkliches Raumgefühl mit einer scharfen Trennung von Himmel und Meer lässt sich nicht ausmachen. Geplante Aktivitäten für heute, es ist ja schließlich Ostern, wie mir die orthodoxmuslimischen Christen beim Frühstück weiß machen: Schlafen, lesen, essen, schlafen, lesen, essen, schlafen. Himmlisch! Ich nehme mit meinem Plan Fahrt auf, gewöhne mich nebenher an das sanfte aber ständige vibrieren der Maschine, den Atemzug der Klimaanlage in meinem Zimmer und das hin und her, vor und zurück. Ebenso, wie Wellen das Schiff in Erregung schaukeln. Es sind nur geringe Bewegungen, und ich bin verwundert, dass sie nur so klein sind. Die Größe des Schiffs und der Seegang scheinen perfekt in Einklang zu sein.

Zwischendurch mache ich einen kleinen Rundgang vier Stockwerke nach unten Richtung Achtern, schaue in die Ferne und schnappe etwas schwerölgetränkte frische Luft. Nirgends auf dem Schiff, so scheint mir, gibt es frische Luft. Sobald man den Turm verlässt, blasen einem die unzähligen Lüfter der gekühlten Bananencontainer ihre Abluft um die Nase und wenn man um die Ecke biegt, sich in den windstillen Bereich hinter dem Turm an den Tauen vorbei windet, fallen einem die Rußpartikel wie Schneeflocken auf den Kopf. Eigentlich ist der komplette Außenbereich um den Turm vom Ruß des Schornsteins eingehüllt, Rußflocken so groß, dass der Begriff Feinstaub hier nicht mehr gilt, Rußflocken so groß, dass sie greifbar sind, sobald man seine Hand nur fünf Minuten ausstreckt. Von der Crew habe ich auch noch niemanden draußen angetroffen, geschweige denn eine Sitzecke gefunden, in der man entspannt den Sternenhimmel betrachten könnte. Am Bug, das scheint es gegensätzlich fröhlich herzugehen, doch fehlt mir noch die entsprechende Begehungserlaubnis.

Horizont 7Weiteres Highlight des heutigen Tages, der Slopchest hat offen, das letzte Mal im März und er öffnet erst wieder nach Guadeloupe. Gespannt und nichts ahnend was es damit auf sich hat, ein Aushang hat die Öffnung angekündigt, weiht mich der Master, mehr aus Eigennutz als aus Nächstenliebe, ein und fragt mich, ob ich etwas aus dem Schiffsladen benötigen würde. Wasser, viel Wasser, schießt mir durch den Kopf, Zigaretten gibt es, Bier, Brandy, Wein, Nüsse, Schokolade, Rasierer und Duschgel. Gute Rittersport mit Rumtrauben und Nuss. Also Wasser bestellt, meine Vorräte neigen sich beängstigend schnell dem Ende zu, weil ich den Ruß meine Kehle runterspülen muss. Dazu zweimal Rittersport Traubenrum um die Pommes durch Süßes vergessen zu machen. Von gesund Leben auf dem Schiff habe ich mich bereits jetzt verabschiedet, wie ich mir dem Bene gegenüber vollmundig vorgenommen habe. Gesund heißt hier Wasser trinken und auf Festes verzichten. Bestellung auf- und abgegeben. Slopchest, was ein wundervoller Name, mein nächstes Monster in Lu‘s Kartenspiel wird so heißen.

Zum Abendessen ist die Messe gerammelt voll. Auch dem Master fällt es auf, dass wir zum ersten Mal seit zwei Tagen zu fünft und vollzählig zu Tische weilen. Gezwungenes Lächeln mischt den Backfisch in den Zahnlücken auf, der zuvor heruntergeschlungen wurde, als ob es keine Mahlzeit mehr gibt. Alle stehen auf, gehen eine Tür weiter und ich sitze plötzlich alleine da. Alle weg, aus dem Nichts, aber um mir direkt eine Erklärung zu liefern, warum die Überstürzung einer nicht anfechtbaren Rechtfertigung erliegt, stimmen sie ein mannsgröhlerisches „Happy Birthday“ an, dieses unter allen Menschen weltweit wohlbekannte Lied, doch schüchtern und gezwungen zugleich. Auf eine Art und Weise, wie es im Arbeitsleben eben Pflicht ist, wenn man gemäß Vertrag durch dick und dünn gehen muss. Da sitzen Filipinos, Polen, Inder, Rumänen, Ungarn Litauer und Deutsche in einem Raum zusammen, der nicht grösser ist als meine Eignerkabine, zu Ehren eines Kadetten, der vor drei Wochen in Algeciras an Bord gekommen ist und als Dank und Lohn für das Ständchen Bier, Zigaretten, Nüsse, Bacardi und Cola bereitstellt. Sie sitzen da, einige knapp über Volljährigkeit und andere mit Jahrzehnten an Seemannserfahrung auf dem Buckel aber nie über den Offiziersrang hinausgewachsen, da ihnen das Leben nicht die gleichen Chancen bietet. Der einzige der nicht trinkt, ist der Master, sitzt neben dem herangewachsenen Geburtstagsjubilanten und redet sehr eindringlich auf ihn ein.

Hier betritt dann der Passagier die unfreiwillige Bühne, zurückhaltend ob der gesammelten Mannschaft aber wärmstens mit Bier und Kippe empfangen. Social bonding erlaubt keine guten Vorsätze, daher wehre ich mich gar nicht erst gegen die vielen schenkenden Hände. Das schöne ist eben, dass hier fast alle sind, auf einen Blick. Ein Filipino zieht diesen besonders auf sich, gezeichnet aus dem Bilderbuch der Legenden und Geschichten über Seefahrer und Meeresabenteurer. Ein kleiner, untersetzter Mittfünfziger, fest wie ein Stamm, der Schädel kahlrasiert und gebohnert wie eine Bowlingkugel, den Bart um die Mundwinkel getrimmt. Stahlharte, tattoobezeichnete Arme bis zu den offenliegenden Schultern, ausgestattet mit einer tiefen, durchdringenden, nikotinverräucherten Stimme steht er, Bier verteilend und Whisky trinkend hinter der Bar. Einer der Deckcrew, die ganz unten im Schiff ihr Werk verrichten, da wo der Stahlrumpf vom Wasser umringt ist und es viele Meter zum nächsten Sonnenstrahl sind. Ein Seemonster, wie man ihn sich besser nicht zeichnen könnte. Ich bin beeindruckt von solch trefflicher Übereinstimmung mit den Klischees über die Wasserratten.

Crew 2Wie immer bei Betriebsfeiern gibt es Grüppchen, die sich in den vier Ecken eines Raumes bilden und verteilen, begleitet von Standbildern von philippinischen Ferien- und Naturparadiesen und Popmusik, jederzeit einsatzbereit karaokisch begleitet zu werden. Jeden Samstag treffen sich die Filipinos hier und singen Karaoke aus vollen Lungen, vollem Herzen, voller Leidenschaft und vollen Lebern. Ich bin froh, etwas bekanntes an Gewohnheiten auf diesem Schiff anzutreffen. Beim übers Essen fluchen bin ich bisher noch der einzige, aber ich schimpfe nur still und heimlich und ab und zu vor Max, der morgen in der Küche anfängt zu arbeiten und ich die Hoffnung auf besseres Essen in einen 18-jährigen stecke, der das erste Mal von zu Hause fort ist. Heute Abend jedoch gibt es Bami Goreng von vorzüglicher Qualität. Das erste Bier ist damit auch schnell getrunken. Ich schließe mich einer Gruppe an, die aus dem Bilderbuchmatrosen, dem litauischem zweiten Ingenieur, einem indischen Ingenieurskadetten, der dem Litauer untersteht, dem Messman und Max besteht. Der Litauer, der mich bereits beim Mittagessen als Kiffer aufgespießt hat, fing das Gespräch erneut über das ‘grüne Gold Kolumbiens’ an ins Rollen zu bringen. Auch der Master hat eine auffallend schlechte Meinung über Kolumbien und als ich einmal eine Salatschüssel für die Suppe benutzt habe anstatt einem Suppenteller, meinte er, dass ich es ja gar nicht besser wissen kann, jetzt wo ich drei Monate abseits jeglicher Zivilisation verbracht habe. Südamerika im Allgemeinen scheint bei den Osteuropäern keine sehr hohe Meinung zu genießen.

Der Litauer erweist sich aber als äußerst lustiger und offener Kumpane, mit einem guten Zug zu derben und schwarzseelig Abgründigem. Er hat jetzt schon, nach einem Monat, keine Lust mehr, muss aber noch drei weitere durchhalten, ehe er seine Frau und sein Kind wiedersehen kann. Zu Hause in Klaipeda, der wichtigsten litauischen Hafenstadt. Für ein zweites Kind hat er keine Kraft mehr, ist ihm zu nervenaufreibend und zeitraubend. Er verdient knapp 6.500,- EUR, steuerfrei. Damit geht es seiner Familie in dem kleinen Land im Baltikum, wo die jährlichen Stromkosten 100,- EUR betragen, recht gut. Max meinte, dass der Master so um die 5.000,- EUR mit nach Hause nimmt, was es mir schwerer macht den Litauer und seine Ehrlichkeit beurteilen zu können. Seine Spruchreife hat mich allerdings schnell überzeugt. Mir wird mein drittes Bier gereicht und meine wievielte Zigarette, als der Litauer sich spaßeshalber den Inder zur Brust nimmt, und diesen nach seinen Tagesaufgaben ausfragt. Teils um seinen Frust und seine Müdigkeit loszuwerden, teils um mir zu zeigen, dass Befehlsketten hauptsächlich Charakteren entspringen und nicht Rängen, und er der eigentliche Herrscher über die Maschine ist, das der neue Chief Engineer ein ziemlicher Schlappschwanz sei. Der arme Inder steigt nicht dahinter, also überlegt er angestrengt, was dem Handbuch an Vorgehensweisen zu entnehmen sei. Währenddessen klingelt das Telefon, ein Offizier hebt den Hörer ab, und schreit unvermittelt mit feinstem polnischen Dialekt: „Hey Passenger, no chocolate!“ Ich hebe meinen Daumen, er legt wieder auf. Ich hatte meine drei Sekunden Aufmerksamkeit und der Offizier seine drei Sekunden Spaß mit mir.

Ich wende mich wieder dem nachdenkenden Inder und dem ungeduldig fordernden Litauer zu, die mir in der kommenden halben Stunde ein wirres Schauspiel von Frage-Antwort-Autoritätskette liefern wollten. Zum einen sprachen beide nicht minder akzentreiches und ihrer Sprachregion eindeutig zuordbares English, zum anderen prallten indische Schüchternheit, Zurückhaltung und Bescheidenheit auf angetrunkene Lebenszynik, Überheblichkeit und slawischem Machoismus, der auch vor dem maskulinen keinen Halt macht. Es stehen sich ein nach oben blickender, nachdenklicher, Zeigefingergestützter Kadett und ein weitarmiger, angriffslustiger Terrier gegenüber, die sich mit monotoner, sich immer wieder wiederholender Wortfolge: „Hm, and then I have to …“, „… and what else do you have to do?“ in einen Dialog tanzten, der an einen Hahnenkampf erinnerte, wo alle Zuschauer von außen brüllen, jubeln und anfeuern, nur die armen Hähne wissen nicht wie ihnen geschieht. Am Ende tragen trotzdem beide Verletzungen davon.

Ich sitze anteilslos auf der Küchentheke, beobachte, wie die beiden um mich herumstolzieren, Max weißt mich gelegentlich darauf hin, dass es sich zwischen den beiden nur um einen Spaß handelt, aber der Raum leert sich alsbald. Filipinos sind keine mehr da und das Geburtstagskind schacherte drei weitere Rumänen um sich von denen er trotz Plus Eins immer noch wie der weitaus Jüngste aussah. Als diese auch die Weite des einladenden Bettes und der wohligen Nacht suchten, befand ich mich alleine mit dem Litauer im Niemandsland des mexikanischen Golfes. Er, mit immer mehr Müdigkeit, je länger die Arbeitsreise andauert, belastet. Ich meine Müdigkeit mit jedem Tag, den diese Schiffsreise weiter voranschritt, entsprechend reduzierend. Einen Wimpernschlag später, nach meinem letzten Schluck aus meinem dritten Glas dünnhäutigem Bacardi Cola, versah ich mich in seiner Kabine sitzend, weiter Zigaretten rauchend auf seinen Laptop starrend, wie er seine Hochzeit, seinen Urlaub in Norwegen, seinen Armbruch in Singapur, seinen Heiratsantrag auf Teneriffa im Wasserpark zwischen Dinosauriern und dressierten Delphinen, die Geburt seines Sohnes und die Autosammlung seines Sohnes vor mir ausbreitet. Gewürzt mit Bildern seiner Liebsten und einer Hommage an hochgewachsene, schlanke, blonde, litauische Frauen, wie es sie sonst nirgendwo auf der Welt geben würde. Natürlich waren auch auf seiner Hochzeit zahlreiche Einzigartige zugegen. Das sich Männer in Litauen zur Begrüßung auf den Mund küssen und wir verklemmten Deutschen unseren Handschlag endlich mal gegen eine herzliche Umarmung tauschen sollten, geht in einem Meer an Gebadet-werden-Bildern seines Sohnes unter, wie er in einer Plastikschale breitbeinig seinen noch jungen Pimmel und stolzen Hodensack in den litauischen Himmel reckt, bloß kein Seemann werden sollend, dafür aber unendlich Frauen ehelichen und verglücken. Die Welt ist ein Wirrwarr aus Emanzipation zweier Geschlechter, die einander nicht lieben wollen. Ich beende den Abend mit einer Schachtel Zigaretten in meinen Lungen, lehne aber eine Fanta aus ideellen Gründen ab. Ich schleppe mich aufs 2nd Superstructure Deck, nehme meinen Karton Wasser mit, sehe auf einem anderen Häufchen Rittersport Nuss-Traube-Rum und gestehe demjenigen, mit dem Kürzel „OSP“, ein bisschen Naschen zu, ist das Esse in d‘ Messe eh nich z’m Fresse. Ich beginne noch in der Nacht Isabel Allendes Geschichte vom kindlichen Zorro, denn die Zeit hat sich hier auf dem Schiff noch nicht allzu sehr beeilt.

29. März

Zweiter voller Seetag, langes Buch, dicker Schädel, aber am Schlafen hindert mich hier erstmal keiner. Das ist mein Glück an Bord. Ich verschlinge das Buch regelrecht, bekomme einen schwachen Rücken vom vielen Liegen und werde meine vorletzte, literarische Lektüre bis zum Abend durchhaben. Ich bin ein Suchtmensch, der nur das Extrem kennt und bald werde ich es wohl bereuen, dass ich mir mein schriftliches Material nicht besser eingeteilt habe, oder noch vor Abfahrt für mehr Auswahl sorgte. Das Buch schmeißt mich etwas zurück in meine Abreisetraurigkeit und den schwerfälligen Abschied aus Kolumbien, den ich mir immer damit schmackhaft machen musste, dass ich in Berlin so viel zu erledigen habe und erst meine Sachen wieder auf die Kette bekommen muss, bevor ich an anderes denken kann. Ich vermisse die kolumbianische Lebenslust, erst recht wenn ich den Arbeitsalltag und die langen Gesichter der Osteuropäer an Bord miterlebe. Die Filipinos machen hier die Drecksarbeit, punkten aber bei weitem mit besserer Laune und ehrlicheren Gesten. Dem Rest fällt es, wohl von Natur aus, schwerer, das Glück als solches wahrzunehmen, die Gedanken an die Probleme wiegen merklich. Ich suche die Ablenkung im Stahl, gehe mit Max in den Maschinenraum und bestaune das Monstrum, das die Schraube ins Wasser rammt und uns maximal mit 20 Knoten zum nächsten Hafen treibt. Vier Schiffsstockwerke hoch ist der MAN-Motor. Pro Stockwerk lassen sich seine Ausmaße kaum erahnen, aber wenn man die Dimension auf einen Automotor zurechtschrumpft, dann fällt es leichter zu begreifen. Die Zusammensetzung gleicht sich auffallend: Zylinder, Glühkerzen, Motorblock, Antriebskurbeln und –wellen, nur eben so groß, dass man eine mannshohe Tür, anstatt der üblichen Schrauben, aufmachen muss um in den Motor zu gelangen. Schrauben und Muttern gibt es natürlich auch, aber mit Durchmessern wie Oberschenkel von Elefanten. Wir sind ganz unten, dort wo die Antriebswelle aus dem Motor kommt, ein zehn Meter langer Stahlbolzen mit einem Meter Durchmesser bohrt sich durch die Schiffswand nach außen und treibt die dahinterliegende Schraube mit 100 Umdrehungen in der Minute an. Hier unten ist die Kontur des Hecks deutlich erkennbar, keinen Meter gibt es mehr bis zum Rumpf, wo uns der drei Zentimeter dicke Stahl die Luft bewahrt vor den drückenden Wassermassen. Anders als bei kleinen Schiffen, die immer eine weiße Gicht und Wasserschaum aufwirbeln und der Weg noch lange nachvollziehbar ist, liegt diese Schraube so tief unter dem Wasserspiegel, dass kaum Schaum entsteht. Wenn man achtern steht, sieht man nur, wie die Wassermassen, die aufgewühlt werden, nach oben gepresst werden. Hier wird ein Acker gepflügt und kein Weltmeer besegelt.

Maschinenraum 2Es ist entsprechend heiß, die Luft ist stickig und in maschinellen Düften geschwenkt, man fängt leicht an zu schwitzen, hier unten, wo wie auf der Brücke auch immer jemand ist und darüber wacht, dass die Druckstände stimmen. Durch das gestrige Schauraufen müsste mir in Erinnerung geblieben sein, was alles kontrolliert werden muss, fortlaufend. Ich erinnere mich aber nur noch ein paar Eckdaten: Wir schleppen 3.000 Tonnen Schweröl mit uns rum, 60 Tonnen werden pro Tag verbrannt, erst vorgewärmt auf 300 Grad, damit der Motor überhaupt erst Durst verspürt, bei kaltem kriegt er Sodbrennen. Vier Generatoren versorgen das Schiff mit Strom, jeder Generator so groß wie ein einzelner von den 1.500 Containern, die durch das Mechanikungetüm globalisierend jeden Ort dieser Erde zur Produktionsstätte der Konsumbefriedigung erheben. Es ist so laut hier unten, dass man trotz Ohrenschützer zusätzlich noch Oropax in die Gehörgänge stopft. Es kann keine Rede davon sein, auch nur ein Wort des anderen zu verstehen. Es gilt die Lippenleserei und das wortkarge, intuitive Verständnis von zusammengereimten Befehlen und Erklärungen, die südländische Zeichensprache mit wirren und irren Armbewegungen. Im Cargo Office gibt es ein Chart, wo die maritimen Kommunikationswege erklärt werden, eine sehr geläufige Verständigung überall auf dem Schiff wo die Dezibel unnatürlich aber beständig höher sind als es Emmisionsschutzbehörden in den Brüsseler und Berliner Ämtern erlauben würden. Überall tropft Schmieröl rum, stehen Schaltkästen mit in allen Farben blinkenden Lichtern und Knöpfen, Anzeigen, Tachos, ein Paradies für Schrauberlinge und Bastler. Wenn man das Licht ausmachen würde, wie sähe es wohl hier aus. Ich verstehe, warum der Litauer schon nach einem Monat Arbeit hier unten müde ist. Trotz allem stahlindustriellgebranntem Ingenieursschmiedehandwerk erstrahlt der Maschinenraum in hellstem Neonscheinwerferlicht in einer leuchtenden grünen Farbe, ein sattes Wiesengrün um es noch ein bisschen absurder wirken zu lassen.

Max zeigt mir noch den Piratenschutzraum, in welchen man sich flüchten kann, wenn es kontinuierlich hintereinander einmal lang und zweimal kurz Alarm schlägt. Er liegt steuerbords im Bauch des Schiffes, wo die Farbschutzschicht des Stahls grau ist. Es ist ein Schlauch von ungefähr hundert Metern Länge mit Wasservorräten, Notessrationen und einer mobilen Toilette, die sich dafür rühmt ohne Wasser und Chemikalien sauber und geruchsfrei zu sein. Die Box dafür ist nicht grösser als eine Kiste Bier. Schlafen soll man auf dem blanken Stahl, mangels alternativer Rohstoffe. Die Wasserpakete sehen ausreichend aus, die Kloschüssel mit Reinheitsgebot eher nicht. Wie viele Tage man hier aushalten soll oder kann, bevor man sich zerfleischt, das vermag ich mir nicht vorzustellen. Von hier aus gelangen wir auch in die Laderäume, wo die Container im Schlund des Schiffes verstaut sind. Auch hier lassen sich die Dimensionen für mich nur erahnen. Ich bin auf Höhe vom zweitobersten Container über dem Deckel, zähle nach unten noch drei weitere, wonach aber nur noch pechschwarze, endlose Dunkelheit erkennbar ist. Ich denke an Gandalf, als er in den Mienen von Moria in den Abgrund gezogen wird. Im letzten, unvorsichtigen Moment von der Peitsche am Knöchel erwischt und fortgerissen.

Auch Zorro übt mit der Peitsche und kann seinem Vater bald die brennende Zigarre in seinem Mund ausschlagen. Auch Zorro fährt mit dem Schiff nach Europa, von Panama aus Richtung Barcelona. Um dort ein Edelmann der spanischen Gesellschaft zu werden und seine Fechtkünste beim besten aller Floretmeister zu verfeinern. Zorros Milchbruder reist mit ihm und lässt seine einzige Liebe zurück, die auf ihn wartet, mit seinem Kind, von dem er erst noch erfahren wird. Die noch jugendlichen und unbekümmerten Lausbengel klettern derweil die Masten hoch und runter, erproben ihr sportliches Geschick in den Tauen, Leinen und Segel des Dreimasters. Auch Zorro, der eigentlich Diego heißt, wird seinem familiären Schicksal erst bei seiner Rückkehr begegnen, da es sich für stolze Väter nicht ziemt, der Wahrheit eine Stimme zu verleihen. Die Überfahrt über das zu damaligen Zeiten einzig bekannte Weltmeer erlaubte sich gemütliche sechs Wochen, gab Ziegen, Hühnern, Skorbut und den Seemännern Zeit sich näherzukommen, während im verwöhnten Königreich ungeduldig, ja sehnsüchtig, die Waren, die Schätze einer neuen Welt erwartet wurden. Um die Gier und die Befriedigung eines Volkes zu stillen, dass sich an heimischen langweilt, in dieser Langeweile für jede herrschende Klasse aber die Gefahr einer Revolte schwelt, wurden Leid, Ungleichheit, Schmerz und Qual der neuentdeckten Unzivilisierten wohlwollend in Kauf genommen. Die Romantik einer Seefahrt bleibt, wie auch heute, nur den kühnen Entdeckern und unstillbaren Forschern vorbehalten.

30. März

Das Wetter wird besser, zur erstaunlichen Hitze gesellt sich die Sonne und der wolkenlose Himmel. Ich sehe ein anderes Schiff, ähnlich groß und aus der Ferne behäbig rudernd im Einvierteltakt. Dafür ist heute so etwas wie ein Horizont auszumachen. Ich fühle mich etwas sicherer auf dem Schiff und mit der Crew. Der Pool wurde heute mit Seewasser gefüllt, aber als ich es mitbekommen habe, war er wieder leergespült. Zu frühstücken gab’s zuckersüßen Zott-Sahne-Joghurt mit Cerealien und Ananasaromen. Ich mache etwas gegen meine Liegeschmerzen, dusche mit destilliertem Meereswasser, fange ein neues Buch an und kann schon gar nicht mehr so viel schlafen, wie ich mir gewünscht habe. Die abwesende Müdigkeit zwingt mich zur Tätigkeit, für welche die Möglichkeiten auf diesem Schiff begrenzt scheinen. Nach jeder Mahlzeit lechzte ich nach Schokolade und giere nach Süßem, freunde mich aber damit an, dem Verlangen gezwungenermaßen nicht nachgeben zu können. Ich klipper mir meine Fingernägel und spreche mit dem Master über die uns gemeinsam bekannten Orte dieser Welt, und seiner Liste an unvergesslichen Weltschönheiten, die man Sightseeingmäßig unbedingt bestaunen sollte. Unser Verhältnis zueinander bleibt trotz erneutem kommunikativem Annäherungsversuch etwas unterkühlt und es fällt mir schwer, ihn einzuschätzen. Container 4Er zerreißt sich wieder ein Schandmaul über Kolumbien, kann nicht verstehen warum ich nicht in Agra war, wenn ich doch schon in Indien bin. Da befährt er die Welt in einer Seelenruhe und denkt trotzdem noch, das Indien nur aus diesem Touristentempel besteht. Auf der anderen Seite hat er einen sehr obrigkeitswidrigen Humor, flucht und gestikuliert mit dem Mittelfinger in seinen Erzählungen, in Richtung des Charterers, auf eine Art und Weise, dass ich phasenweise nicht mehr aufhören kann zu lachen. Ein Gleisner, ein Schizophrener. Ein autoritärer Napoleon der seinen kleinen Schwanz mit Machtspielchen zum Stehen bringen will. Ein verspieltes Kind mit einer Messerspitze Seriosität, wenn es um das perfekte Spielzeug geht, welches seinen Eltern Harmlosigkeit verordnet. Aber in der Gewalt meines Passes, meines Impfausweises und dem Wissen, dass all mein Handeln auf diesem Schiff seiner Erlaubnis unterliegt.

Max gibt mir Bescheid, dass er morgen auf Guadeloupe seinen Landgang absolviert und ist nebenbei von der Crew mit einer Besorgungsliste vieler persönlicher Wünsche beschenkt worden. Darunter ein Ladekabel für einen Laptop, das einem Filipino kaputt gegangen ist. Der Arme, zehn Monate Vertrag, zwei davon erst abgesessen, tolles Sony Vaio, aber keinen Strom mehr. Ich frage mich, wie ein Saturn in der Karibik wohl aussieht. Es wird Abend, einmal mehr stelle ich erneut fest, was für eine prächtige Kabine ich habe, da in meiner Ecke in den nächsten Tagen bei zu erwartendem gleichbleibendem Kurs immer die Sonne untergeht. Heute im wolkenlosen, babyblauen Zirkuszelt. Kabine Aussicht 2Meine Kabine ist auf der Portside des Schiffes, dort wo sich die einzige Außentreppe von ganz unten bis ganz oben befindet und auf der ich es mir gemütlich machen kann ohne direkt im Rußnebel zu sitzen. Ich denke an Selinas Cohiba und wähle für die erste Hälfte den heutigen Abend. Ich bin alles andere als ein geschickter Zigarrenraucher, hantiere eher schlecht als recht mit dieser weltbekannten Köstlichkeit, doch zuweilen offenbart sie mir ihren Genuss. Die Sonne erlaubt mir mitanzusehen, wie sie mir heute ganz langsam gute Nacht winkt und als Eigelb, festgebraten im perfekten rundorange hinterm Horizont des naturalesen Kasperletheaters baden geht. Ich bin zu Tränen gerührt, weil ich die Cohiba mal wieder inhaliere anstatt zu paffen. Ich bleibe noch etwas sitzen, sehe der Cohiba ihr feuerrotes Herz verglühen und verstaue die Sentimentalität bis tief ins Herz des Atlantiks. Mit dem drehenden Wind und dem damit leichten Rußregen des Schweröls gehe ich brav in mein Zimmer, wende mich einem sehr komödiantischem Werke John Irvings zu, so komisch, dass ich das Licht ausmachen muss und mich zum Schlafen zwinge um die Ruhepause nicht zu verpassen.

31. März

Leider drängt mich der Humor nicht wirklich zum Schlaf und so beende ich nach einer halben Stunde Nachtruhe den ersten Teil des Buches. Doch auch nach der zweiten Lichtpause ist wegen der Magie der Nachtsterne nicht an schlafen zu denken und ich träume gedankenverloren vor mich hin. Morgen ist Landgang, gutes Essen, Obst, Stadt, andere Menschen.

Um halb fünf werde ich mit Sänfte aus dem Schlaf gerissen, die stetige Vibration ist weg, die Maschine aus. Von der Küste her leuchten die Straßenlaternen und Häuser. Wir warten auf unseren Piloten, aber die Ruhe ist einmalig und zu dieser Uhrzeit ungemein entspannend. Nicht in Fahrt verliert das Schiff auch seine Stabilität und wir schaukeln wie wild hin und her. Wie ein Baby will ich wieder zurück in den Schlaf gewogen werden, aber die Stille ist zu angenehm um sie zu überschlafen. Ich wusel in meinem Zimmer rum. Mails prassen rein, ich habe Netz und bin vor allem nicht der einzige, der schon wach ist also überrasche ich die Crew als Frühaufsteher, der Litauer revidiert sein Kifferurteil und in der Küche brüht schon frischer Kaffee. Alle sind irgendwie gut drauf.

Yachthafen Point-A-PitreUnd es regnet, das erste Mal seit Medellin wieder und ich denke an den armen Max, der auf der Hinreise Guadeloupe nur als Einkaufszentrum erleben durfte, weil es in Strömen regnete. Die Hafencrew meinte auch, es regnet seit Wochen, was für diese Jahreszeit sehr ungewöhnlich ist. Für mich ist dies der erste richtige Hafen aus Sicht beruflicher Hektik. Die abgebrühte Routine ist am auffälligsten. Das Schiff liegt an der Mole, die Ladekräne, diesmal vom Hafen gestellt, hochautomatisiert, erledigen ihre Arbeit in mich fesselnder Präzision und Geschwindigkeit. Ich habe das Gefühl, wir laden und löschen doppelt so viele Container als in der Bucht vor Turbo, von den improvisierten Docks. Und wir liegen nur die halbe Zeit. Beim Frühstück teilt mir Max mit, dass der dritte Offizier auch mit in die Stadt kommen will, statt wie geplant um zehn, erst um zwölf Uhr. Für mich grundsätzlich unbedeutend, da ich von dem Prozess des Ladens gebannt bin und diesen zeitlos faszinierend zu beobachten finde. Ich stehe hafenseitig auf der Brücke, der Master kommt auf mich zu, dass wir um elf Uhr fahren, das Taxi ist bestellt. Ich mische mich kurz in die Planung ein und frage, ob der dritte Offizier dann nachkommt. Darauf gibt es ein: „That, I don’t know!“ Ich verbleibe mit dem Gefühl, es zu wissen. Ein Master, der die Spielregeln setzt, Abweichungen davon bedingen neue, von ihm genehmigte, Spielregeln. Als wir uns im Cargo Office zum Abmarsch treffen, stößt auch der überstimmte dritte Offizier, eher zufällig hinzu, aber ihm ist anzumerken, wie sehr es ihn ankotzt, dass er nicht an Land darf. Es ist ihm auch nicht übel zu nehmen, wenn man an die acht Tage Atlantik ab morgen denkt.

Guadeloupe Containerhafen 3Wir laufen den Kai entlang zum Ausgang, zwei Grünschnäbel wie Max und ich, der Master und der Chief Engineer, ein dicker, zahmer Pole den ich trotz Nachbarschaft heute zum ersten Mal treffe. Es regnet wieder, kurz und stark, wir stellen uns unter wie räudige Hunde und warten auf unser Taxi. Eine Bekannte des Masters, wie er sie nennt, eine Schwarze, kurzhaarig und mit brennendem karibischen Feuer, begrüßt uns in diesem unfehlbaren Englisch, dass mit zu viel Französisch gewürzt ist weil der Nationalstolz der revolutionsfreudigen Kolonialisierer keine weiteren Sprachkulturen zulässt. Der Reggae dröhnt in dem nagelneuen Renault. Ich mag’s, der Master erbittet jedoch Gesprächslautstärke um seine Frage, ob sie seine Postkarten vom letzten Mal abgeschickt hat, stellen zu können und danach die ganze Fahrt zu schweigen. Die Rhythmen aber bleiben weiter leise, wir sitzen zu viert nebst ihrem Summen, schön eingequetscht bei viel zu hoher Luftfeuchtigkeit und fahren ins Centre Ville von Point-A-Pitre. Ich fühle mich wie in Frankreich, wir sind in Frankreich. Hier wird auch mit Euro bezahlt, ich brauche kein Visum, geschweige denn bekomme ich einen Stempel (was mich traurig macht) und die Gendarmerie trägt diese typischen, dunkelblauen Halbzylinder mit Schirm, die sie weltweit stilistisch einzigartig macht. Hier treiben sie es klimabedingt noch etwas auf die Spitze, indem sie dazu weiße Polohemden in kurzen Bermudas tragen und auf Fahrrädern unterwegs sind. Wenn dir davon fünf als Bataillon entgegenkommen, denkt man zuerst an die Chippendales in schwarz. Ochsen von Männern mit Nacken wie Nashörner, ich denke an Joel und sein maskulines Selbstvertrauen.

Wieder zurück in der Gegenwart, fahren wir an einem Museum über die Geschichte Guadeloupes vorbei, dass so aussieht, wie mein gesprengter Hauseingang, nur dieser jetzt ein Wallfahrtsort der Kleinkriminalistik ist für den ich Eintritt verlangen kann. Der Master besteht darauf, dass wir unsere Kameras zücken und Fotos machen, zum Reingehen fehlt die knapp bemessene Zeit. Er fährt die Fensterscheibe runter, und Chief Engineer und Trainee Max schießen drauf los wie in einem Drive-by. Ich befinde mich im falschen Film und kann dem Sightseeing einfach nichts abgewinnen. Wir kommen zu einem Platz, um den sich Gemüse-, Fisch- und Gewürzmärkte erheben und zum Glück erlaubt sich, und damit uns, der Master einen Freigang, um echtes Obst auch mal anzufassen. Er schickt das Taxi in Warteposition, jederzeit bereit nach dem geglückten Bildüberfall fluchtartig einsteigbereit zu sein. Aller Weltentfremdung zum Trotz erklärt der Master Max, er müsse diese Bananen kaufen, da er einen solchen Geschmack in Europa vergeblich sucht. Es passiert, was sich wohl bestens als Kulturmissverständnis beschreiben lässt. Max zeigt auf des Masters Geheißen hin auf eine Banane, die vorzüglich nach karibischem Paradies munden soll, diese wird eingepackt und mit einem Verkaufspreis von einem Euro versehen. Max streckt dem glücklosen Verkäufer einen Fünfzigeuroschein entgegen, dieser jedoch resigniert schlussendlich schulterzuckend und sprachlos über die unbewusste Dreistigkeit, hierauf Wechselgeld zu erwarten. Max glücklich lächelnd, bislang noch von einem sehr guten Deal ausgehend, vergnügt sich anschließend widerspenstig an einer Kochbanane, die er, sobald er die Bestätigung des Masters über deren vorzüglichen, frischen, süßen Geschmack vollbracht hatte, in der Plastiktüte der umsonst erworbenen Frucht untergehen ließ. Um seinen finanziellen Fauxpas wieder gut zu machen, versuchte Max Geld abzuheben, in der Hoffnung, kleinere Scheine von einem Bankhaus zu erwerben. Als finalen Lobgesang auf die Parodie schwang ihm ein weiterer Fünfziger in die Hände. Allzu geknickt war er aber sicherlich nicht darüber, da er mit seinem täuschenden Akt seine Kochbanane losgeworden ist, ohne dass uns dies aufgefallen wäre. Ich verlange nach einer Zugabe, kann die beiden umherstehenden, fotografierenden Zuschauer aber nicht mehr länger ertragen und bitte den Master, mich in die Stadt zu entlassen, während sie zu dritt im Fluchtauto Unterschlupf suchen und ihre digitale Beute am Strand in den Korallen verstecken wollen. So ganz wohlwollend stürzte er sich nicht in Begeisterung für meine Pläne, vergaß aber nicht mich daran zu erinnern, dass das Schiff um Twentyhundred ausläuft.

Guadeloupe Containerhafen 7Point-A-Pitre ist nicht sehr groß, verkauft sich mit heruntergekommenem Charme dennoch ganz passabel. Immer wieder tauchen in den Häuserreihen Ruinen auf, deren Fassaden den Blick auf einen entkernten und zugemüllten Innenhof ziehen, verwildert und verwuchert mit allerlei Unkraut und Büsche. Zumeist wird allerdings recht schnell der zu lang verlassene Unterschlupf recht bald durch einen Neubau ersetzt und mit Moderne verschandelt, es wird viel gebaut in den kleinen Straßen. Der Beton zerstört die karibische Farbenfröhlichkeit mit einer siegesbewussten Gelassenheit, die mich sprachlos macht und mich zu einem quadratischen Häuserblock führt, der in jeder Ecke von einer Bankfiliale inklusive Auswurfautomaten besetzt ist. Das ist auf einem einzigen Bild leider nicht visualisierbar.

Zwischen zwei Absperrzäunen finde ich ein Café, das gerammelt voll ist und wunderbar sympathisch wirkt. Zu meinem Glück halten sich gewohntermaßen alle Innen auf um der Klimaanlage Daseinsberechtigung zu zollen, so dass ich mich auf dem Gehweg an einen freien Tisch setzen kann. Reis, Bohnen, Zwiebeln, Fischfilet vorzüglich gewürzt mit Safran, Pfeffer und Chili und der typischen karibischen Frische, dazu une biere Caribe. Herrlich. Pünktlich zum Espresso fing der Regen wieder an und ich wusste, ich sitze hier noch ein bisschen länger. Zu mir gesellen sich anderen nach-dem-Essen-Raucher mit ihren Kaffeetassen und ich finde mich in einer Gesprächswolke in unterschiedlichsten Sprachen wieder, darüber zwitschernd, wer wo wann wie die Welt gesehen hat. Einer war als Soldat drei Jahre lang in Deutschland stationiert, danach ging‘s zurück nach Frankreich und über Italien in die französische Karibik. Eine hübsche Französin Anfang 40 und einem anrührend schmalem, langen Gesicht, fand ihren Weg von LaRochelle über Madrid und Montreal ins Paradies. Sie genießt es schon seit zwölf Jahren hier und besticht mit ihrer typischen französischen Eleganz, wie man sie selten woanders in der Welt betrachten kann. Nach dem dritten Bier hört es auf zu regnen, ich gehe Früchte als Vorrat für schlechte Zeiten einkaufen und lass die Snickers links liegen. Am Abend schon verfluch ich mich dafür. Ich laufe durch die kleinen Gassen und verzweifle an meiner Unfähigkeit einzukaufen. Hier gibt es wirklich schöne Sachen, von Hemden und Hosen aus Leinen, über Gewürze und unterschiedlichsten Extrakten von Vanille. Wie zumeist werde ich mit leeren Händen heimkehren, gefühllos fürs Schenken geboren. Ein wenig gebremst suche ich nach anfänglicher Euphorie dann doch ein Taxi zum Containerhafen und merke das Bier an die Tür hämmern.

Wieder an Bord verwalte ich meine Kräfte mit einem Nickerchen und einer Minibanane um für die anstehende Abfahrt beobachtungsbereit zu sein. Um Twentyhundred wird gerade der letzte Kran verstaut und der Pilot lässt auf sich warten. Um halb zehn werden dann die Taue gelöst, die Maschine angeschmissen und vorbei ist es vorerst mit der Ruhe. Das Manöver des Auslaufens wird vom Piloten befehligt unter Aufsicht des Masters, alles wie gehabt, aber hier sieht alles eine Spur grösser und unimprovisierter aus. Das faszinierende für mich stellt die Tatsache dar, das wir quasi blind in die Dunkelheit aufbrechen, ohne Sicht und nur auf die Elektronik vertrauend. Wenn der Pilot dann die Brücke und das Schiff verlässt, wird der Autopilot um seine Künste gebeten und die Brücke ist wie zuvor auf See der einsamste Ort auf dem ganzen Schiff. Überwacht von einem der Offiziere, die sich in Vierstundenschichten abwechselnd auf die Langeweile freuen. Darauf freu ich mich auch, schmeiß mich ins Bett, entschlummere in seichtem Gewässer und überlasse meinem Hirn die ehrenvolle Aufgabe, nachts für Unterhaltung zu sorgen.

1. April

Morgens werde ich von umgefallenen Wasserflaschen, umhergerollten Stiften und an den Rand gedrängten Papierseiten überrascht, die wohl alle in der Nacht spazieren waren im Rhythmus des Seegangs. Nichts gewaltiges, kein Unwetter und keine übergroßen Wellen aber das Schiff schaukelt erbarmungslos beständig. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich daran erstmal gewöhnen muss. Die Gewohnheit an die ständige Bewegung, die Vibrationen und das monotone Blubbern des Schornsteins erstreckt sich heute bei mir aufs lesen und im Bett liegen. Ich habe etwas Muskelkater vom gestrigen Landausflug, bin überrascht wie schnell ich von der Trägheit des Schiffes und seiner Umwelt übermannt werde. Ich esse dreimal täglich, schlafe ausgiebig und faulenze in meiner Kabine bis zur Entspannungserschöpfung, mein Bewegungsradius beschränkt sich auf das Treppensteigen zur Offiziersmesse zum Essen fassen. Das Schiff bietet mir als Passagier nicht viele Möglichkeiten, mich nicht in meiner Kabine zu beschäftigen. Alle Plätze außerhalb des Turmes bieten keine attraktiven Aufenthaltsmöglichkeiten, will ich mich nicht dem Ruß, der Abluft und der Lautstärke aussetzen. Auch die Crew hält sich eigentlich nur im klimatisierten Turm auf, hat als Gegengewicht zu den Mahlzeiten aber noch die körperlich anstrengende Arbeit zu erledigen. Was würde ich dafür geben, jetzt im Maschinenraum arbeiten zu können. Man ist hier zwangsläufig Gefangener, ziemlich eingeschränkt und alle Ablenkungsversuche müssen es mit den Schiffsbewegungen aufnehmen. So werden meine Dehnübungen zum Balanceakt, meine Handschrift ist zittrig und selbst das Liegen ist nur mit Muskelanspannungen als solches zu bezeichnen.

BrückeVielleicht ergibt sich ja was, wenn ich mich vermehrt und vehement auf die Crew stürze. Mein erstes Opfer, der wachhabende Offizier auf der Brücke. Es ist der dritte, ein junger Pole, recht klein aber mit muskelbepackter Brust, die er sich im Fitnessraum (was auch die Schwimmhalle ist) zulegt oder am Leben erhält. Damit stillt er also seinen genetischen Jagddurst. Er zeigt mir, dass noch etwas mehr als 800 Seemeilen vor uns liegen, und wir Guadeloupe erst vor knapp einem halben Tag verlassen haben. Unser Kurs liegt bei 58 Grad, alles geradeaus mit ungefähr 14 Knoten, rund um die Uhr. Unsere Geschwindigkeit entspricht in Kilometern pro Stunde umgerechnet, so ca. 30 km/h, was für die Seefahrt ziemlich schnell sei, wie er mir erklärt. Er war auch schon auf Bulk Carriern, die gehen ihre Passagen mit gemütlichen sieben Knoten an und haben es weniger eilig, als die Bananen vor uns. Dafür verbrauchen diese Frachtschiffe sehr viel weniger Sprit. Bulk Carrier sind die Schiffe mit den Laderäumen im Bauch und transportieren Getreide, Mais, Kohle, Erz oder Salz. Diese liegen auch gerne mal eine Woche im Hafen und geben der Crew viel mehr Chancen an Land zu gehen. Er nimmt natürlich am liebsten Verträge auf diesen Schiffen an, eines hat ihn mal nach Buenos Aires gebracht, aber die Verträge sind dann auch entsprechend länger. Die Containerschiffe sind hingegen immer im Stress mit ihrem Zeitplan und sind auch ständig in Bewegung. Er kommt aus Stettin und weiß noch immer nicht so recht, ob er überhaupt auf einem Schiff arbeiten will, da die Arbeit doch recht schnell ermüdet und auf der Brücke stellenweise sehr langwierig ist. Vor allem zu schaffen macht ihm aber die Zeit weg von daheim, wo seine Freundin ist und der er, wenn er im Sommer mit seinem Vertrag fertig ist, einen Heiratsantrag machen will. Ich sage, oh die Glückliche, die wird sich aber freuen. Er entgegnet mir entgeistert, dass er auch so hoffe. Um die Arbeit auf dem Schiff aber wirklich sein zu lassen, ist der Verdienst einfach zu gut und er würde keine vergleichbare Stelle finden, wo er bei ähnlich gleichem Gehalt mehr Zeit daheim ist. Schon während des Studiums hat er das Pflichtpraktikum, in welchem man ein halbes Jahr als Kadett auf See ist, nach hinten geschoben, nach seinen Abschlussprüfungen mit der Begründung, er findet keinen Platz. Navigieren nach Sternen findet er altmodisch und langweilig, weil es so ewig dauert, viel Geduld erfordert und trotzdem musste er es lernen. Er arbeitet viel lieber mit GPS und Seekarte, als doppelte Absicherung der Schiffsposition, die pro Schicht jeweils einmal nach Hamburg gemeldet werden muss. Ein Seemann, durch und durch bis ins Blut. Er war derjenige am ersten Tag, der mir mitten in der Nacht meinen Pass abgenommen hat, er wollte in Guadeloupe mit an Land und beides Mal habe ich ihn zuerst eigentlich deutlich fröhlicher erlebt, finde aber seine pessimistische Ehrlichkeit beeindruckend.

Etwas mehr als 1.600 Kilometer haben wir noch vor uns. Das sind entscheidend weniger als ich angenommen habe, geschätzt hätte. Es gibt auch mitten im Atlantik Stellen, wo er keine 500 Meter tief ist – wenn ich die Seekarte richtig deute. Das allumgreifende Blau zeigt sich in unterschiedlichsten Dunkeltönen, wie man es sonst nur von Küstennähe und kaum Tiefe kennt. In all seinen Variationen von Türkis glasklar bis Dunkelblau gräulich. Mein letztes Buch rettet mich in die Nacht, aber nur bis zu dieser. Ab morgen steht mir noch eine wissenschaftliche Abwandlung eines Schweizers über die Liebe zur Verfügung, dieser Block, viel Tinte und mein Füller. Neben diesem unmöglichen Zeitvertreib überlege ich mir ernsthaft, wie ich meinen Bewegungsdrang befriede, da der Fitnessraum auch an Bord nichts für mich ist.

2. April

Heute ist der Slopchest erneut geöffnet, ich bestelle Wasser und bleibe meinem Plan, auf Süßes weitestgehend zu verzichten, vorerst treu. Zuckerhighlight bleibt damit das Sonntagmittagseis mit Schokoguss und der Montagmorgensfrüchstücksjoghurt. Um 10:20 Uhr gibt es einen Safty-Drill an dem ich bis zur Vollständigkeitsprüfung des anwesenden männlichen Materials teilnehmen soll, anschließend bin ich von allen weiteren Übungen befreit. Mangels Kurzweile folge ich dem Restprogramm dann doch und finde mich im Freefall Lifeboat wieder, eingequetscht wie die armen Sardinen zwischen plastikschälernen Sitzreihen, den Instruktionen lauschend, wie man mit dem Lifeboat das sinkende Schiff verlassen kann. Es riecht derbe nach Benzin und Öl, und angesichts der Tatsache, dass dieses Rettungsboot auch länger auf See sein soll, um auf Hilfe zu warten, erscheint es mir, wie wenn man mit dem in der Rushhour vollgestopften Bus von Madrid nach Moskau fährt, ohne Pause, ohne Klo und ohne Ausblick. Theoretisch weitergedacht fällt das Boot vom Heck rücklings aus 15 Metern ins Wasser, wird gestartet und die Erretteten entfernen sich zügigst vom Desaster. Praktisch sind meine Knie auf Ohrenhöhe, ich sitz in der mit Hartgummi gefutterten Plastikschale, die meine vitalen Funktionen nicht beeinträchtigen soll und die Fallrichtung ist gegen meine Blickrichtung, was mir schon ohne freiem Fall Unbehagen bereitet. Als ich frage, ob wir jetzt auch wirklich losfallen nachdem der erste Offizier die Tür hinter sich schließt – wofür ich unter keinen Umständen ausgebildet bin – mache ich mich mal wieder lächerlich.

Crew 9Die nächste Rettungsstation ist das Seitenboot und hier endet auch schon meine Erinnerung zwecks Funktionalität und Nutzen. Das liegt zum einen am Wind und zum anderen am Zynismus der Szenerie. Wir laufen die Reling lang, der Wind schnappt sich einen Schutzhelm, den vom armen Max, und schleudert ihn in die Fluten, entfernt sich langsam vom Schiff, notgedrungen in grausamer Einsamkeit. Mir kommt mein schlimmster Alptraum, dass ich alleine auf dem Deck unterwegs bin, es gibt einen Ruck, ich kann mich nicht festhalten, falle ins Wasser und keiner bekommt es mit. Ich sehe dem Schiff hinterher, wie es weiter dem vom Autopiloten befehligten Kurs folgt, bis es irgendwann am Horizont dahinscheidet, nur noch den aufsteigenden Rauch des Schornsteins sehend. Und ich, wie der Helm, einsam da im Wasser, wohlwissend, dass mein Kopf, um aus weiter Entfernung gesehen zu werden, nicht groß genug sein wird, wenn überhaupt im Umkreis von hundert Kilometern einer Menschenseele ähnliches anzutreffen wäre. Nicht die Kälte, nicht die langsam eintretende Kraftlosigkeit, nicht das Ertrinken macht mir Angst, es ist die Einsamkeit, die Gewissheit das Blau die letzte Farbe sein wird die du siehst und das Wissen, dass du sterben wirst, dich damit aber noch etwas beschäftigen kannst. Sehr beklemmende Gedanken, die mich ab und zu einfangen, wenn ich an der Reling an Deck stehe und das Schiff eine unvorhergesehene Bewegung macht. Nach bisherigem Wissensstand würde der Verlust erst beim nächsten wöchentlichen Safty-Drill auffallen, da dies der einzige Termin ist, an an dem alle an Bord an einem Ort sind und abgezählt werden.

Zurück aber zur dies wöchentlich angeordneten Sicherheitsprüfungstragödie. Die Gruppe verfolgt das Geschehen, wie bei der neulichen Betriebsfeier, mit der dem Dienstherrn und der Pflicht gegenüber gebotenen Langeweile. Der leitende Sicherheitsbeauftragte steht mit distanziert lehrender Schüchternheit vor uns, die anstehende Übung schnellst möglichst und ohne allzugroße Peinlichkeit, abzuhacken. Das funktioniert heute leider nicht. Über einen Kran hebt man das Beiboot in die Luft, lässt Mann und Material einsteigen um das dann verschnürte Paket ins Wasser zu lassen, soweit der Plan. In der Trockenübung wird das Boot versucht, vom Hacken zu nehmen, damit man die Kranbewegung um 90 Grad nach steuerbord demonstrieren kann. Der Hacken lässt sich aber nicht öffnen, damit nicht lösen, was im Falle einer Notsituation nicht weiter tragisch wäre wenn 200 Meter Stahl auf den Meeresgrund sinken und die fünf Meter Beibootplastikschale  sich dagegen stemmt, weil es noch nicht vom Hacken gelassen werden konnte. Nach heftigen Hammerschlägen gegen den Rost und unter Androhung roher Gewalt durch die Flex, mit der die Crew gestern noch die Küchenpfannen abgeschliffen hatten, erbarmt sich der Hacken vor versammelter Mannschaft mit einer sich öffnenden Geste und lässt den Kran frei. Ich denke wieder an Joel, wie er die Boa malträtiert um den armen Leguan zu befreien. Der Kran, wie ich, schon länger ohne befreiende Bewegung in den Scharnieren, freut sich so sehr über die Übung, dass er gar nicht mehr einzufangen ist und erneut Allen vollste Aufopferung abverlangt um ihn wieder in Ausgangsposition zu bekommen. Dabei geht die Klappe zum Sicherungskasten zu Bruch und gesellt sich durch tatkräftige Unterstützung des Windes zum Helm in die unendlichen Weiten des Ozeans. Ein Stromkabel fällt aus seinem Stecker und baumelt gefährlich nah an den Sicherheitshelmen, dem asiatischen Körperideal wegen ist es zu keinen Zusammenstößen gekommen, ein Rumäne hingegen wurde mit einem sanften Schlag auf das Kabel aufmerksam gemacht. Wieder sprang ein Viertel der Mannschaft dem Kabel hinterher, ohne Stahl, Draht und Ruß könnte man meinen, sie fangen Schmetterlinge. Damit das Auseinanderfallen des in die Jahre gekommenen Krans nicht an der Moral der Truppe nagt, wird die Übung abgebrochen, Bosun und zwei Ordinary Seamen für nach dem Mittagessen zur Reparaturzwecken abgestellt und im Safty-Drill-Checklog steht drin: Chinesischer Schiffsbau, Ersatz in Trockendock. Die in Overalls gepackten und an die Stahlaußenwände gelehnten Zuschauer öffnen ihre verschränkten Arme zum Applaus und skandieren Zugabe. Als Strafe für den Gefühlsausbruch gibt es ein Sicherheitsvideo zu einem weiteren Rettungstool, falls alle anderen nicht funktionieren sollten. Gegen Materialschwäche ist man auf einem Schiff dreimal abgesichert.

Zu dem Video stelle man sich folgendes vor: Man sitzt in einem Flugzeug, vor dem Start, das Saftyinstructionsvideo wird gezeigt. Die animierten Geschäftsmänner und Plastikmütter sind jedoch nicht zu sehen, stattdessen gibt es Footage von Flugzeugunglücken Luftfahrtdramen, der Sprecher dazu erklärt: „Im unwahrscheinlichen Fall eines Absturzes, wie diesem hier mit 239 Toten, finden sie die Notausgänge hier, hier und hier!“ Unser Sicherheitsvideo beginnt damit, dass in der Nacht bei heftigem Seegang Flammen auf einem Schiff um sich schlagen und die fünfköpfige Crew an den Bug pressen, diese fein mit Schwimmwesten ausgestattet. Der Hoffnung, es handelt sich um eine gestellte Übung, wischt der Sprecher wie mit obiger Nüchternheit weg. Es ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Stewardess und Fluggast, zwischen Berufsseefahrer und Passagier, inwieweit die Realität als Konfrontation oder als Übungszweck zu sehen ist und woraus man mehr Lerneffekt trägt. Mit dem Video ist auch die Sicherheitsübung vorbei, passend zum Mittagessen und meinem gewohnten Kampf gegen die Konserve. Ich überlege mir, ein philippinischer Koch, ist doch bestimmt Profi für bestes philippinisches Essen. Den Preis den ich hierfür bezahle ist eben das Fleisch, aber was soll ich mich groß aufreiben zwischen Dosenerbsen und Adobo (Rindfleisch in Nelkensoße), wenn ich dafür geschmacklich befriedigt werde.

Als großer Fan von Klogängen kann ich Gleichgesinnten eine Schiffsreise (oder einen Umbau ihrer Örtlichkeiten) nur wärmstens ans Herz legen. Dem runtergezogenen Hosenboden umweht nämlich eine frische Brise von daher, wo es normalerweise nur hingeht. Ein sehr erfrischender, leicht kühlender Luftzug! Nähere technische Spezifikationen waren mir leider nicht in Erfahrung zu bringen, da dem Litauer, als zweiter Ingenieur zuständig für die Wasserversorgung des Schiffes und der Klimaanlage, meine Fragen hierzu als zu differenziertes und damit unüberwindbares englisches Gebrabbel vorgekommen sein müssen. Ich halte aber meine Augen und Ohren offen um den interessierten Mitmenschen und ihren subtropischen Körperregionen diese Erfrischung zu ermöglichen.

Crew 3Auf dem Messageboard wird für abends die berühmte Karaokeparty, ein asiatisches Saufspiel, angekündigt und ich entwickle fast so etwas wie Vorfreude auf dieses mir eigentlich unangenehme Unterhaltungsprogramm. Es bricht die Eintönigkeit des erst schon zweiten Atlantiktages auf, man spricht mit den Leuten, trinkt und raucht, fast wie in einer Bar. Es gibt Essen und Snacks, gesungen wird auch. Der Master von der Couch aus, das Mikro lässig in der rechten Hand, der linke Arm hat übersehen, dass die Verschränkung der Arme bereits aufgelöst ist und hängt verloren, quer über seinem Bauch. Sein Song: „I will always love you“ von Whitney Houston. Erstaunlich. Ich krieg meinen Mund deswegen kaum zu, Wilmer seinen beim Singen nicht. Mit einer betörenden und fesselnden Mimik gibt er jeden seiner Songs aus vollem Herzen wieder. Die beiden heimlichen Stars sind aber der Messman und der Bosun, die sich mit oraler Euphorie und vokaler Leidenschaft hinter das Mikrophon klemmen und ihr tonales Können gekonnt in den Zuschauermassen zelebrieren. Auf der wahllosen Punktskala liefern sie sich ein Rennen um die 98 Punkte, was die anderen mit aufbrausendem Jubel quittieren. Je schneller die Uhr auf zehn Uhr stürmt, umso langsamer und melodischer wird die Songwahl. Wind of Change, gesungen vom Messman, der auch in einer Heimat in einer Band sind, outet sich als großer Fan der Scorpions. Der Hauch der Veränderung leitet mit nochmals 98 Punkten das Ende des feuchtfröhlichen Samstagabendspektakels ein und zu Hintergrundgeplänkel bleibe ich mit dem Bosun sitzen, der heillos putzig betrunken ist und mir von Biringanisland vorschwärmt, seiner Heimat und seinem Paradies, das man mal gesehen haben muss.

Crew 1Hier hätten sich auch schon ein paar andere Deutsche zur Ruhe gesetzt und ich soll unbedingt Biringanisland im Internet checken, dann finde ich ihn schon und sehe, in was für einem wundervollen Himmelsreich er lebt. Und wenn ich im Internet ach Biringanisland suche, werde ich alles dazu finden und sehen wie prächtig weiß und zeitlos Türkis die Strände sind. Ich müsse eben nur mal im Internet nach Biringanisland suchen. Er war so herrlich betrunken. Er war auch der erste, denn ich vor genau einer Woche auf dem Schiff gesehen habe, er ist der Seebär aus dem Bilderbuch. Jetzt sitzen wir hier, festlich betrunken, und feiern die Schönheit von Biringanisland, von der ich mich auch im Internet überzeugen lassen kann. Der Bosun ist sowas wie der Vorarbeiter und Sprecher der Crew, er ist das Bindeglied zwischen Deckcrew und Offizieren. Sein Name ist oft zu hören und zu lesen und wenn er einen Schädel hat, weil, sagen wir er hatte zu viel getrunken, dann darf er im Bett liegen bleiben und die Aufgaben einfach weiterleiten. Er scheint sehr respektiert zu werden. Er erzählt mir von seiner Familie auf Biringanisland, die sich sehen werde, wenn ich im Internet gecheckt habe, wie schön es da ist und mich dazu entschlossen habe, vorbeizukommen. Familie ist sehr wichtig, er sorgt dafür, dass seine Geschwister ihr Studium machen können, und hofft im Gegenzug, dass sie ihn in Zukunft auch unterstützen werden, wenn er alt ist. Er hat drei Kinder, eine Frau, mit der er länger verheiratet ist, als ich alt bin, und natürlich lebt seine Mutter bei ihm im Haus, sein Vater lebt auf einer anderen Insel (Nicht auf Biringanisland? Selber schuld!), mit seiner neuen Familie, kümmert sich aber rührend um seine Kinder. Er genießt es, mit mir ein richtiges Männergespräch haben zu können, er vermisst richtige Männergespräche an Bord. Ich kann nachvollziehen dass er ein Männergespräch nach der Tiefe der Stimme beurteilt, nachdem die ganzen Spatzen beim Karaokesingen Celine Dion und Carla Bruni in den Schatten stellten, den Rest speichere ich aber unter besonders komische Aussagen ab. Er erzählte mir von einer Passagierin, die so alt war, dass sie keiner wollte – so rührend betrunken – und mit der konnte man auch nicht reden, da man sie zum einen kaum gesehen hat und sie nur in ihrem Zimmer saß und zum anderen war ihr English keines, dass man so bezeichnen dürfte. Biringanisland darf sich allerdings glücklich schätzen, in ihm einen würdigen Vertreter des Englischen zu haben, der dazu in der Welt noch Werbung für das sagenhafte Eiland macht, indem er hartnäckig darauf verweist, dass man im Internet einfach nur Biringanisland eingeben muss und man wird sofort von der Sehnsucht erfasst. Sein heutiges Sprachvermögen wird allerdings von einer schweren Zunge gebremst, nur unterbewusst, schon fast intuitiv, höre ich Biringanisland immer wieder kristallklar.

Ich entscheide mich, mich morgen nicht vom Frühstück beeindrucken zu lassen, bleibe aus unerfindlichen Gründen bis um vier Uhr wach im Bett liegen.

3. April

Ich schlafe bis mittags, erkenne den Sonntag als solchen an, alles sein zu lassen und nichts zu tun. Nichts für den Tag vorzunehmen, keine Pläne zu schmieden, mich einfach gehen und treiben lassen.

Nach dem Mittagessen lege ich mich wieder hin, döse gemütlich weg und werde mit fünf Minuten Vibrationsarmut beschenkt. Irre, wie schnell man sich an das ständige Wanken, Eiern, Rollen, Schaukeln, Wippen gewöhnt hat und sobald es weg ist, erfreut man sich der Stille, spürt erst wieder, wie zärtlich sie ist. Als ich davon anfange mir auszumalen, dass das noch länger andauern kann, weil im Raum des Chief Engineers neben mir pausenlos das Telefon klingelt, ruckelt die Kurbelwelle wieder los, das Klingeln verstummt und ich hole weiter mein Schlafdefizit auf.

Ankerkette 2Abgesehen von den mechanisch verursachten Bewegungen die auf mein menschliches Gemüt schlagen, scheinen sich Stahl und Wasser ganz gut zu verstehen. Ich bin zum einen überrascht, vor allem aber zutiefst beleidigt, dass wir uns kaum spürbar Richtung Spanien fortbewegen und das Fahrgefühl eher wie dem in einem Zug gleicht, anstatt einer Achterbahn. Nachts im Bett liegend, könnte man sehr gut meinen, in einem Nachtzugabteil zu sein, da die Geschwindigkeit sich rasant anfühlt und man förmlich durch die Nacht schießt. Eine sehr paradoxe Wirkung, da jeder Autofahrer im Stadtbereich uns fluchend aushupen würde, wenn wir so langsam vor ihm fahren. Wenn ich jemand entführe, im einen Sack über den Kopf stülpe und ihn darüber in die Irre führen will, wo wir sind, dann stecke ich ihn in diese Eignerkabine. Der Polizei wird er dann erzählen er lag im Zug nach Barcelona, während ich inzwischen schon sein Lösegeld auf Sardinen abzähle.

Container 5Heute erhalte ich von Max meine Deckeinführung und schlappe ihm gespannt die zweihundert Meter Richtung Bug hinterher. Am von der Maschine am weitesten entferntesten Punkt ist es rein physikalisch am logischsten gesehen natürlich auch am ruhigsten. Was sehr angenehm anmutet vor allem wenn die Wellen an den stählernen Rumpf schlagen und die humane evolutionäre Gewalt bändigen. Abseits der Rußschwaden haben hier die physischen Schwachstellen wie Nase, Ohren oder Mund nur mit Stahl in jeglichen Formen zu kämpfen, seien es Staubpartikel, Metallteile, Container, Rostflecken oder Ketten die es auf dich abgesehen haben auf ihrer gravitativen Reise von oben nach unten. Für mich ist es aber der bisher angenehmste Ort auf dem ganzen Schiff und ich freue mich ab jetzt Alleinbegehungserlaubnis erteilt bekommen zu haben, solange See- und Wellengang ihren Daumen ebenfalls heben. Ich habe hier meine Vorstellungen und Erwartungen schon zurückgeschraubt, eigentlich aufgegeben, nur Max versucht mich aufzuheitern, da ihm vorgetragen wurde, dass die Prognosen für die kommenden Tage Sonne, wenig Wellen und kaum Wind lauten, aber vor Gibraltar, ja vor Gibraltar soll die Hölle los sein. Bis wir da sind, hat sich die Hölle sicherlich ganz fein aus dem Staub gemacht.

Container 2Abendessen und die Erkenntnis, dass Geburtstage auf See öfters gefeiert werden, als der Crewliste zu entnehmen ist. Wieder Party denke ich mir, aber erleichtert zu sehen, dass es nur ein Filmabend ist mit Matt Damon und wie er sich gegen seinen vorbestimmten Weg als zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika stemmt und stattdessen selbstentschieden seiner einzig wahren Liebe hinterherrennt. Großer Inhalt, tiefe Gefühle und als er und seine Geliebte sich des Beischlafes ertüchtigen, springen die Filipinos auf, buhen und halten sich die Augen zuhalten, skandieren, so etwas dürfe man nicht zeigen. Ganz schlau daraus werde ich nicht, erkläre mir es aber so, dass nackte Haut bei den Filipinos Gefühle weckt, die sonst eigentlich nur in den eigenen vier Wänden hellwach sind. Als der Film vorbei ist, springt der Mauszeiger des Geburtstageskindes während der Suche nach einem zweiten Filmknüller über einen seiner Pornos, man sieht zwei ganze nackte Brüste und das Gegröle geht von neuem los, diesmal Mehr fordernd, als ob ich in einem Stripclub in Las Vegas sitze. Kapiert hab ich es immer noch nicht, und erweitere meine Sammlung an ungelöst Komischem. Der nächste Film ist schrecklich schlecht, ich komm aber nicht drum rum, mich schepps zu lachen weil im Bordkino sich alle auf dem Boden krümmend die Bauchmuskeln zerren. Die gute Stimmung nehme ich mit ins Bett, wo sie mir dann schleunigst wieder vergeht, um vier Uhr am Morgen, weil meine Gedanken meine Müdigkeit einfach überrennen. Es sind Tausende die nach überall hin rennen, einer steht da und verlangt flüsternd nach etwas Ruhe.

4. April

Ein anderes Schiff. Bei meinem morgendlichen Routineblick blitzt es in der Morgensonne auf, wir haben es des Nachtens überholt und es trennen uns gefühlte 80 Kilometer. Aber es ist da. Seit wir in Guadeloupe abgelegt haben, wird um Achtzehnhundert die Uhrzeit um eine Stunde nach vorne geschoben, hier haben die Tage inzwischen nur noch 23 Stunden. Dies ist eine sehr angenehme und langsame Zeitverwaltung, sie spielt eine komplett untergeordnete Rolle auf dem Schiff. Der Tag ist an sich ein schöner, wolkenfreier Himmel und die Sonne knallt, würde der Wind keine Abkühlung bringen, wäre es fast schon angenehm. Aber es wird tatsächlich merklich kälter, in der Nacht war es sehr frisch und die Zeit der kurzen Sachen neigt sich zu Ende. Mein Frühstück findet wieder mittags statt und mit einem Kaffee gehe ich nach vorne an den Bug, setz mich auf meinen Poller in die Sonne verbringe meinen Nachmittag hier, gelegentlich belächelt von der vorbeilaufenden Deckcrew. Die wissenschaftliche Liebestheorie eines schweizer Konservativen, der das monogame Verhältnis sich liebender Heterosexueller mit dem Kopf versucht zu beleuchten, schafft es rein, da wo es hin will. Auch dieses Buch geizt nicht mit seinen letzten Seiten, schafft aber Denkpausen über das Gelingen von gesellschaftsgerechter Beziehungsfähigkeit oder eben –unvermögen. Vor meiner Abreise habe ich die Zeit alleine und die zwangsläufige Auseinandersetzung mit mir selbst herbeigesehnt. Jetzt sitze ich hier mit diesem Scheißhaufen der sich Hirn nennt und quäle mich mit den Machtspielchen meiner Gedanken, weil ich in der Bewegungslosigkeit meines kaum schlagenden Herzens gefangen bin.

Ich gebe kurz auf, renn in die Messe, schnapp mir ein paar DVD’s und schmeiß die Glotze in meiner Kabine an. Iron Man ist doch geil, chinesische Raubkopie, die so nett ist darauf direkt in schönster Dreistlosigkeit am Anfang auch noch hinzuweisen, ich lass laufen, bis irgendwann mal nichts mehr läuft. Gut, ist eine Raubkopie, wer weiß ob sie nur die Hälfte mitgenommen haben. Nächste DVD, Horrible Bosses, Jennifer Aniston ist unglaublich sexy, da wird selbst der DVD-Player so schwach, dass der Film schon wieder im Standbild endet. Noch zwei Versuche habe ich, aber der Laser lased nicht mehr. Ich gebe mich geschlagen, kann nichts schauen, nichts lesen, nirgends hin dafür fressen, schlafen, saufen. Meine miserable Vorbereitung erwischt mich jetzt.

Fitness 3Dann ruft Max an, der seit heute auf dem Deck arbeitet und nicht mehr in der Küche. Er wird jetzt schon vermisst. Er sagt, ich soll runterkommen, sie spielen Tischtennis – wir hatten beim ersten Geburtstagsfest darüber kurz gesprochen, dass es eine Tischtennisplatte gibt. Ich sage ihm, dass Gott in schickte, denke an den Bitz und wie wohl er sich hier fühlen würde, Karaoke und Tischtennis, und renn runter. Wir spielen fast zwei Stunden zu Coke und Eminem und ich bin schweißgebadet. Das tut verdammt gut. So gut, dass wir morgen wieder spielen wollen, vielleicht sogar mit dem Bosun, der der Tischtennismeister auf dem Schiff sein soll. Tischtennis- und Karaokemeister. Ich denk wieder an den Bitz, schlaf um halb fünf ein, weil ich mich bis dahin die ganze Zeit auf das beste Frühstück aller Zeiten gefreut habe: Rühreier mit Speck und Käse im Toast und Mayo. Was habe ich mich in den Toast beißen sehen.