1. April

Morgens werde ich von umgefallenen Wasserflaschen, umhergerollten Stiften und an den Rand gedrängten Papierseiten überrascht, die wohl alle in der Nacht spazieren waren im Rhythmus des Seegangs. Nichts gewaltiges, kein Unwetter und keine übergroßen Wellen aber das Schiff schaukelt erbarmungslos beständig. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich daran erstmal gewöhnen muss. Die Gewohnheit an die ständige Bewegung, die Vibrationen und das monotone Blubbern des Schornsteins erstreckt sich heute bei mir aufs lesen und im Bett liegen. Ich habe etwas Muskelkater vom gestrigen Landausflug, bin überrascht wie schnell ich von der Trägheit des Schiffes und seiner Umwelt übermannt werde. Ich esse dreimal täglich, schlafe ausgiebig und faulenze in meiner Kabine bis zur Entspannungserschöpfung, mein Bewegungsradius beschränkt sich auf das Treppensteigen zur Offiziersmesse zum Essen fassen. Das Schiff bietet mir als Passagier nicht viele Möglichkeiten, mich nicht in meiner Kabine zu beschäftigen. Alle Plätze außerhalb des Turmes bieten keine attraktiven Aufenthaltsmöglichkeiten, will ich mich nicht dem Ruß, der Abluft und der Lautstärke aussetzen. Auch die Crew hält sich eigentlich nur im klimatisierten Turm auf, hat als Gegengewicht zu den Mahlzeiten aber noch die körperlich anstrengende Arbeit zu erledigen. Was würde ich dafür geben, jetzt im Maschinenraum arbeiten zu können. Man ist hier zwangsläufig Gefangener, ziemlich eingeschränkt und alle Ablenkungsversuche müssen es mit den Schiffsbewegungen aufnehmen. So werden meine Dehnübungen zum Balanceakt, meine Handschrift ist zittrig und selbst das Liegen ist nur mit Muskelanspannungen als solches zu bezeichnen.

BrückeVielleicht ergibt sich ja was, wenn ich mich vermehrt und vehement auf die Crew stürze. Mein erstes Opfer, der wachhabende Offizier auf der Brücke. Es ist der dritte, ein junger Pole, recht klein aber mit muskelbepackter Brust, die er sich im Fitnessraum (was auch die Schwimmhalle ist) zulegt oder am Leben erhält. Damit stillt er also seinen genetischen Jagddurst. Er zeigt mir, dass noch etwas mehr als 800 Seemeilen vor uns liegen, und wir Guadeloupe erst vor knapp einem halben Tag verlassen haben. Unser Kurs liegt bei 58 Grad, alles geradeaus mit ungefähr 14 Knoten, rund um die Uhr. Unsere Geschwindigkeit entspricht in Kilometern pro Stunde umgerechnet, so ca. 30 km/h, was für die Seefahrt ziemlich schnell sei, wie er mir erklärt. Er war auch schon auf Bulk Carriern, die gehen ihre Passagen mit gemütlichen sieben Knoten an und haben es weniger eilig, als die Bananen vor uns. Dafür verbrauchen diese Frachtschiffe sehr viel weniger Sprit. Bulk Carrier sind die Schiffe mit den Laderäumen im Bauch und transportieren Getreide, Mais, Kohle, Erz oder Salz. Diese liegen auch gerne mal eine Woche im Hafen und geben der Crew viel mehr Chancen an Land zu gehen. Er nimmt natürlich am liebsten Verträge auf diesen Schiffen an, eines hat ihn mal nach Buenos Aires gebracht, aber die Verträge sind dann auch entsprechend länger. Die Containerschiffe sind hingegen immer im Stress mit ihrem Zeitplan und sind auch ständig in Bewegung. Er kommt aus Stettin und weiß noch immer nicht so recht, ob er überhaupt auf einem Schiff arbeiten will, da die Arbeit doch recht schnell ermüdet und auf der Brücke stellenweise sehr langwierig ist. Vor allem zu schaffen macht ihm aber die Zeit weg von daheim, wo seine Freundin ist und der er, wenn er im Sommer mit seinem Vertrag fertig ist, einen Heiratsantrag machen will. Ich sage, oh die Glückliche, die wird sich aber freuen. Er entgegnet mir entgeistert, dass er auch so hoffe. Um die Arbeit auf dem Schiff aber wirklich sein zu lassen, ist der Verdienst einfach zu gut und er würde keine vergleichbare Stelle finden, wo er bei ähnlich gleichem Gehalt mehr Zeit daheim ist. Schon während des Studiums hat er das Pflichtpraktikum, in welchem man ein halbes Jahr als Kadett auf See ist, nach hinten geschoben, nach seinen Abschlussprüfungen mit der Begründung, er findet keinen Platz. Navigieren nach Sternen findet er altmodisch und langweilig, weil es so ewig dauert, viel Geduld erfordert und trotzdem musste er es lernen. Er arbeitet viel lieber mit GPS und Seekarte, als doppelte Absicherung der Schiffsposition, die pro Schicht jeweils einmal nach Hamburg gemeldet werden muss. Ein Seemann, durch und durch bis ins Blut. Er war derjenige am ersten Tag, der mir mitten in der Nacht meinen Pass abgenommen hat, er wollte in Guadeloupe mit an Land und beides Mal habe ich ihn zuerst eigentlich deutlich fröhlicher erlebt, finde aber seine pessimistische Ehrlichkeit beeindruckend.

Etwas mehr als 1.600 Kilometer haben wir noch vor uns. Das sind entscheidend weniger als ich angenommen habe, geschätzt hätte. Es gibt auch mitten im Atlantik Stellen, wo er keine 500 Meter tief ist – wenn ich die Seekarte richtig deute. Das allumgreifende Blau zeigt sich in unterschiedlichsten Dunkeltönen, wie man es sonst nur von Küstennähe und kaum Tiefe kennt. In all seinen Variationen von Türkis glasklar bis Dunkelblau gräulich. Mein letztes Buch rettet mich in die Nacht, aber nur bis zu dieser. Ab morgen steht mir noch eine wissenschaftliche Abwandlung eines Schweizers über die Liebe zur Verfügung, dieser Block, viel Tinte und mein Füller. Neben diesem unmöglichen Zeitvertreib überlege ich mir ernsthaft, wie ich meinen Bewegungsdrang befriede, da der Fitnessraum auch an Bord nichts für mich ist.

2. April

Heute ist der Slopchest erneut geöffnet, ich bestelle Wasser und bleibe meinem Plan, auf Süßes weitestgehend zu verzichten, vorerst treu. Zuckerhighlight bleibt damit das Sonntagmittagseis mit Schokoguss und der Montagmorgensfrüchstücksjoghurt. Um 10:20 Uhr gibt es einen Safty-Drill an dem ich bis zur Vollständigkeitsprüfung des anwesenden männlichen Materials teilnehmen soll, anschließend bin ich von allen weiteren Übungen befreit. Mangels Kurzweile folge ich dem Restprogramm dann doch und finde mich im Freefall Lifeboat wieder, eingequetscht wie die armen Sardinen zwischen plastikschälernen Sitzreihen, den Instruktionen lauschend, wie man mit dem Lifeboat das sinkende Schiff verlassen kann. Es riecht derbe nach Benzin und Öl, und angesichts der Tatsache, dass dieses Rettungsboot auch länger auf See sein soll, um auf Hilfe zu warten, erscheint es mir, wie wenn man mit dem in der Rushhour vollgestopften Bus von Madrid nach Moskau fährt, ohne Pause, ohne Klo und ohne Ausblick. Theoretisch weitergedacht fällt das Boot vom Heck rücklings aus 15 Metern ins Wasser, wird gestartet und die Erretteten entfernen sich zügigst vom Desaster. Praktisch sind meine Knie auf Ohrenhöhe, ich sitz in der mit Hartgummi gefutterten Plastikschale, die meine vitalen Funktionen nicht beeinträchtigen soll und die Fallrichtung ist gegen meine Blickrichtung, was mir schon ohne freiem Fall Unbehagen bereitet. Als ich frage, ob wir jetzt auch wirklich losfallen nachdem der erste Offizier die Tür hinter sich schließt – wofür ich unter keinen Umständen ausgebildet bin – mache ich mich mal wieder lächerlich.

Crew 9Die nächste Rettungsstation ist das Seitenboot und hier endet auch schon meine Erinnerung zwecks Funktionalität und Nutzen. Das liegt zum einen am Wind und zum anderen am Zynismus der Szenerie. Wir laufen die Reling lang, der Wind schnappt sich einen Schutzhelm, den vom armen Max, und schleudert ihn in die Fluten, entfernt sich langsam vom Schiff, notgedrungen in grausamer Einsamkeit. Mir kommt mein schlimmster Alptraum, dass ich alleine auf dem Deck unterwegs bin, es gibt einen Ruck, ich kann mich nicht festhalten, falle ins Wasser und keiner bekommt es mit. Ich sehe dem Schiff hinterher, wie es weiter dem vom Autopiloten befehligten Kurs folgt, bis es irgendwann am Horizont dahinscheidet, nur noch den aufsteigenden Rauch des Schornsteins sehend. Und ich, wie der Helm, einsam da im Wasser, wohlwissend, dass mein Kopf, um aus weiter Entfernung gesehen zu werden, nicht groß genug sein wird, wenn überhaupt im Umkreis von hundert Kilometern einer Menschenseele ähnliches anzutreffen wäre. Nicht die Kälte, nicht die langsam eintretende Kraftlosigkeit, nicht das Ertrinken macht mir Angst, es ist die Einsamkeit, die Gewissheit das Blau die letzte Farbe sein wird die du siehst und das Wissen, dass du sterben wirst, dich damit aber noch etwas beschäftigen kannst. Sehr beklemmende Gedanken, die mich ab und zu einfangen, wenn ich an der Reling an Deck stehe und das Schiff eine unvorhergesehene Bewegung macht. Nach bisherigem Wissensstand würde der Verlust erst beim nächsten wöchentlichen Safty-Drill auffallen, da dies der einzige Termin ist, an an dem alle an Bord an einem Ort sind und abgezählt werden.

Zurück aber zur dies wöchentlich angeordneten Sicherheitsprüfungstragödie. Die Gruppe verfolgt das Geschehen, wie bei der neulichen Betriebsfeier, mit der dem Dienstherrn und der Pflicht gegenüber gebotenen Langeweile. Der leitende Sicherheitsbeauftragte steht mit distanziert lehrender Schüchternheit vor uns, die anstehende Übung schnellst möglichst und ohne allzugroße Peinlichkeit, abzuhacken. Das funktioniert heute leider nicht. Über einen Kran hebt man das Beiboot in die Luft, lässt Mann und Material einsteigen um das dann verschnürte Paket ins Wasser zu lassen, soweit der Plan. In der Trockenübung wird das Boot versucht, vom Hacken zu nehmen, damit man die Kranbewegung um 90 Grad nach steuerbord demonstrieren kann. Der Hacken lässt sich aber nicht öffnen, damit nicht lösen, was im Falle einer Notsituation nicht weiter tragisch wäre wenn 200 Meter Stahl auf den Meeresgrund sinken und die fünf Meter Beibootplastikschale  sich dagegen stemmt, weil es noch nicht vom Hacken gelassen werden konnte. Nach heftigen Hammerschlägen gegen den Rost und unter Androhung roher Gewalt durch die Flex, mit der die Crew gestern noch die Küchenpfannen abgeschliffen hatten, erbarmt sich der Hacken vor versammelter Mannschaft mit einer sich öffnenden Geste und lässt den Kran frei. Ich denke wieder an Joel, wie er die Boa malträtiert um den armen Leguan zu befreien. Der Kran, wie ich, schon länger ohne befreiende Bewegung in den Scharnieren, freut sich so sehr über die Übung, dass er gar nicht mehr einzufangen ist und erneut Allen vollste Aufopferung abverlangt um ihn wieder in Ausgangsposition zu bekommen. Dabei geht die Klappe zum Sicherungskasten zu Bruch und gesellt sich durch tatkräftige Unterstützung des Windes zum Helm in die unendlichen Weiten des Ozeans. Ein Stromkabel fällt aus seinem Stecker und baumelt gefährlich nah an den Sicherheitshelmen, dem asiatischen Körperideal wegen ist es zu keinen Zusammenstößen gekommen, ein Rumäne hingegen wurde mit einem sanften Schlag auf das Kabel aufmerksam gemacht. Wieder sprang ein Viertel der Mannschaft dem Kabel hinterher, ohne Stahl, Draht und Ruß könnte man meinen, sie fangen Schmetterlinge. Damit das Auseinanderfallen des in die Jahre gekommenen Krans nicht an der Moral der Truppe nagt, wird die Übung abgebrochen, Bosun und zwei Ordinary Seamen für nach dem Mittagessen zur Reparaturzwecken abgestellt und im Safty-Drill-Checklog steht drin: Chinesischer Schiffsbau, Ersatz in Trockendock. Die in Overalls gepackten und an die Stahlaußenwände gelehnten Zuschauer öffnen ihre verschränkten Arme zum Applaus und skandieren Zugabe. Als Strafe für den Gefühlsausbruch gibt es ein Sicherheitsvideo zu einem weiteren Rettungstool, falls alle anderen nicht funktionieren sollten. Gegen Materialschwäche ist man auf einem Schiff dreimal abgesichert.

Zu dem Video stelle man sich folgendes vor: Man sitzt in einem Flugzeug, vor dem Start, das Saftyinstructionsvideo wird gezeigt. Die animierten Geschäftsmänner und Plastikmütter sind jedoch nicht zu sehen, stattdessen gibt es Footage von Flugzeugunglücken Luftfahrtdramen, der Sprecher dazu erklärt: „Im unwahrscheinlichen Fall eines Absturzes, wie diesem hier mit 239 Toten, finden sie die Notausgänge hier, hier und hier!“ Unser Sicherheitsvideo beginnt damit, dass in der Nacht bei heftigem Seegang Flammen auf einem Schiff um sich schlagen und die fünfköpfige Crew an den Bug pressen, diese fein mit Schwimmwesten ausgestattet. Der Hoffnung, es handelt sich um eine gestellte Übung, wischt der Sprecher wie mit obiger Nüchternheit weg. Es ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Stewardess und Fluggast, zwischen Berufsseefahrer und Passagier, inwieweit die Realität als Konfrontation oder als Übungszweck zu sehen ist und woraus man mehr Lerneffekt trägt. Mit dem Video ist auch die Sicherheitsübung vorbei, passend zum Mittagessen und meinem gewohnten Kampf gegen die Konserve. Ich überlege mir, ein philippinischer Koch, ist doch bestimmt Profi für bestes philippinisches Essen. Den Preis den ich hierfür bezahle ist eben das Fleisch, aber was soll ich mich groß aufreiben zwischen Dosenerbsen und Adobo (Rindfleisch in Nelkensoße), wenn ich dafür geschmacklich befriedigt werde.

Als großer Fan von Klogängen kann ich Gleichgesinnten eine Schiffsreise (oder einen Umbau ihrer Örtlichkeiten) nur wärmstens ans Herz legen. Dem runtergezogenen Hosenboden umweht nämlich eine frische Brise von daher, wo es normalerweise nur hingeht. Ein sehr erfrischender, leicht kühlender Luftzug! Nähere technische Spezifikationen waren mir leider nicht in Erfahrung zu bringen, da dem Litauer, als zweiter Ingenieur zuständig für die Wasserversorgung des Schiffes und der Klimaanlage, meine Fragen hierzu als zu differenziertes und damit unüberwindbares englisches Gebrabbel vorgekommen sein müssen. Ich halte aber meine Augen und Ohren offen um den interessierten Mitmenschen und ihren subtropischen Körperregionen diese Erfrischung zu ermöglichen.

Crew 3Auf dem Messageboard wird für abends die berühmte Karaokeparty, ein asiatisches Saufspiel, angekündigt und ich entwickle fast so etwas wie Vorfreude auf dieses mir eigentlich unangenehme Unterhaltungsprogramm. Es bricht die Eintönigkeit des erst schon zweiten Atlantiktages auf, man spricht mit den Leuten, trinkt und raucht, fast wie in einer Bar. Es gibt Essen und Snacks, gesungen wird auch. Der Master von der Couch aus, das Mikro lässig in der rechten Hand, der linke Arm hat übersehen, dass die Verschränkung der Arme bereits aufgelöst ist und hängt verloren, quer über seinem Bauch. Sein Song: „I will always love you“ von Whitney Houston. Erstaunlich. Ich krieg meinen Mund deswegen kaum zu, Wilmer seinen beim Singen nicht. Mit einer betörenden und fesselnden Mimik gibt er jeden seiner Songs aus vollem Herzen wieder. Die beiden heimlichen Stars sind aber der Messman und der Bosun, die sich mit oraler Euphorie und vokaler Leidenschaft hinter das Mikrophon klemmen und ihr tonales Können gekonnt in den Zuschauermassen zelebrieren. Auf der wahllosen Punktskala liefern sie sich ein Rennen um die 98 Punkte, was die anderen mit aufbrausendem Jubel quittieren. Je schneller die Uhr auf zehn Uhr stürmt, umso langsamer und melodischer wird die Songwahl. Wind of Change, gesungen vom Messman, der auch in einer Heimat in einer Band sind, outet sich als großer Fan der Scorpions. Der Hauch der Veränderung leitet mit nochmals 98 Punkten das Ende des feuchtfröhlichen Samstagabendspektakels ein und zu Hintergrundgeplänkel bleibe ich mit dem Bosun sitzen, der heillos putzig betrunken ist und mir von Biringanisland vorschwärmt, seiner Heimat und seinem Paradies, das man mal gesehen haben muss.

Crew 1Hier hätten sich auch schon ein paar andere Deutsche zur Ruhe gesetzt und ich soll unbedingt Biringanisland im Internet checken, dann finde ich ihn schon und sehe, in was für einem wundervollen Himmelsreich er lebt. Und wenn ich im Internet ach Biringanisland suche, werde ich alles dazu finden und sehen wie prächtig weiß und zeitlos Türkis die Strände sind. Ich müsse eben nur mal im Internet nach Biringanisland suchen. Er war so herrlich betrunken. Er war auch der erste, denn ich vor genau einer Woche auf dem Schiff gesehen habe, er ist der Seebär aus dem Bilderbuch. Jetzt sitzen wir hier, festlich betrunken, und feiern die Schönheit von Biringanisland, von der ich mich auch im Internet überzeugen lassen kann. Der Bosun ist sowas wie der Vorarbeiter und Sprecher der Crew, er ist das Bindeglied zwischen Deckcrew und Offizieren. Sein Name ist oft zu hören und zu lesen und wenn er einen Schädel hat, weil, sagen wir er hatte zu viel getrunken, dann darf er im Bett liegen bleiben und die Aufgaben einfach weiterleiten. Er scheint sehr respektiert zu werden. Er erzählt mir von seiner Familie auf Biringanisland, die sich sehen werde, wenn ich im Internet gecheckt habe, wie schön es da ist und mich dazu entschlossen habe, vorbeizukommen. Familie ist sehr wichtig, er sorgt dafür, dass seine Geschwister ihr Studium machen können, und hofft im Gegenzug, dass sie ihn in Zukunft auch unterstützen werden, wenn er alt ist. Er hat drei Kinder, eine Frau, mit der er länger verheiratet ist, als ich alt bin, und natürlich lebt seine Mutter bei ihm im Haus, sein Vater lebt auf einer anderen Insel (Nicht auf Biringanisland? Selber schuld!), mit seiner neuen Familie, kümmert sich aber rührend um seine Kinder. Er genießt es, mit mir ein richtiges Männergespräch haben zu können, er vermisst richtige Männergespräche an Bord. Ich kann nachvollziehen dass er ein Männergespräch nach der Tiefe der Stimme beurteilt, nachdem die ganzen Spatzen beim Karaokesingen Celine Dion und Carla Bruni in den Schatten stellten, den Rest speichere ich aber unter besonders komische Aussagen ab. Er erzählte mir von einer Passagierin, die so alt war, dass sie keiner wollte – so rührend betrunken – und mit der konnte man auch nicht reden, da man sie zum einen kaum gesehen hat und sie nur in ihrem Zimmer saß und zum anderen war ihr English keines, dass man so bezeichnen dürfte. Biringanisland darf sich allerdings glücklich schätzen, in ihm einen würdigen Vertreter des Englischen zu haben, der dazu in der Welt noch Werbung für das sagenhafte Eiland macht, indem er hartnäckig darauf verweist, dass man im Internet einfach nur Biringanisland eingeben muss und man wird sofort von der Sehnsucht erfasst. Sein heutiges Sprachvermögen wird allerdings von einer schweren Zunge gebremst, nur unterbewusst, schon fast intuitiv, höre ich Biringanisland immer wieder kristallklar.

Ich entscheide mich, mich morgen nicht vom Frühstück beeindrucken zu lassen, bleibe aus unerfindlichen Gründen bis um vier Uhr wach im Bett liegen.

3. April

Ich schlafe bis mittags, erkenne den Sonntag als solchen an, alles sein zu lassen und nichts zu tun. Nichts für den Tag vorzunehmen, keine Pläne zu schmieden, mich einfach gehen und treiben lassen.

Nach dem Mittagessen lege ich mich wieder hin, döse gemütlich weg und werde mit fünf Minuten Vibrationsarmut beschenkt. Irre, wie schnell man sich an das ständige Wanken, Eiern, Rollen, Schaukeln, Wippen gewöhnt hat und sobald es weg ist, erfreut man sich der Stille, spürt erst wieder, wie zärtlich sie ist. Als ich davon anfange mir auszumalen, dass das noch länger andauern kann, weil im Raum des Chief Engineers neben mir pausenlos das Telefon klingelt, ruckelt die Kurbelwelle wieder los, das Klingeln verstummt und ich hole weiter mein Schlafdefizit auf.

Ankerkette 2Abgesehen von den mechanisch verursachten Bewegungen die auf mein menschliches Gemüt schlagen, scheinen sich Stahl und Wasser ganz gut zu verstehen. Ich bin zum einen überrascht, vor allem aber zutiefst beleidigt, dass wir uns kaum spürbar Richtung Spanien fortbewegen und das Fahrgefühl eher wie dem in einem Zug gleicht, anstatt einer Achterbahn. Nachts im Bett liegend, könnte man sehr gut meinen, in einem Nachtzugabteil zu sein, da die Geschwindigkeit sich rasant anfühlt und man förmlich durch die Nacht schießt. Eine sehr paradoxe Wirkung, da jeder Autofahrer im Stadtbereich uns fluchend aushupen würde, wenn wir so langsam vor ihm fahren. Wenn ich jemand entführe, im einen Sack über den Kopf stülpe und ihn darüber in die Irre führen will, wo wir sind, dann stecke ich ihn in diese Eignerkabine. Der Polizei wird er dann erzählen er lag im Zug nach Barcelona, während ich inzwischen schon sein Lösegeld auf Sardinen abzähle.

Container 5Heute erhalte ich von Max meine Deckeinführung und schlappe ihm gespannt die zweihundert Meter Richtung Bug hinterher. Am von der Maschine am weitesten entferntesten Punkt ist es rein physikalisch am logischsten gesehen natürlich auch am ruhigsten. Was sehr angenehm anmutet vor allem wenn die Wellen an den stählernen Rumpf schlagen und die humane evolutionäre Gewalt bändigen. Abseits der Rußschwaden haben hier die physischen Schwachstellen wie Nase, Ohren oder Mund nur mit Stahl in jeglichen Formen zu kämpfen, seien es Staubpartikel, Metallteile, Container, Rostflecken oder Ketten die es auf dich abgesehen haben auf ihrer gravitativen Reise von oben nach unten. Für mich ist es aber der bisher angenehmste Ort auf dem ganzen Schiff und ich freue mich ab jetzt Alleinbegehungserlaubnis erteilt bekommen zu haben, solange See- und Wellengang ihren Daumen ebenfalls heben. Ich habe hier meine Vorstellungen und Erwartungen schon zurückgeschraubt, eigentlich aufgegeben, nur Max versucht mich aufzuheitern, da ihm vorgetragen wurde, dass die Prognosen für die kommenden Tage Sonne, wenig Wellen und kaum Wind lauten, aber vor Gibraltar, ja vor Gibraltar soll die Hölle los sein. Bis wir da sind, hat sich die Hölle sicherlich ganz fein aus dem Staub gemacht.

Container 2Abendessen und die Erkenntnis, dass Geburtstage auf See öfters gefeiert werden, als der Crewliste zu entnehmen ist. Wieder Party denke ich mir, aber erleichtert zu sehen, dass es nur ein Filmabend ist mit Matt Damon und wie er sich gegen seinen vorbestimmten Weg als zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika stemmt und stattdessen selbstentschieden seiner einzig wahren Liebe hinterherrennt. Großer Inhalt, tiefe Gefühle und als er und seine Geliebte sich des Beischlafes ertüchtigen, springen die Filipinos auf, buhen und halten sich die Augen zuhalten, skandieren, so etwas dürfe man nicht zeigen. Ganz schlau daraus werde ich nicht, erkläre mir es aber so, dass nackte Haut bei den Filipinos Gefühle weckt, die sonst eigentlich nur in den eigenen vier Wänden hellwach sind. Als der Film vorbei ist, springt der Mauszeiger des Geburtstageskindes während der Suche nach einem zweiten Filmknüller über einen seiner Pornos, man sieht zwei ganze nackte Brüste und das Gegröle geht von neuem los, diesmal Mehr fordernd, als ob ich in einem Stripclub in Las Vegas sitze. Kapiert hab ich es immer noch nicht, und erweitere meine Sammlung an ungelöst Komischem. Der nächste Film ist schrecklich schlecht, ich komm aber nicht drum rum, mich schepps zu lachen weil im Bordkino sich alle auf dem Boden krümmend die Bauchmuskeln zerren. Die gute Stimmung nehme ich mit ins Bett, wo sie mir dann schleunigst wieder vergeht, um vier Uhr am Morgen, weil meine Gedanken meine Müdigkeit einfach überrennen. Es sind Tausende die nach überall hin rennen, einer steht da und verlangt flüsternd nach etwas Ruhe.

4. April

Ein anderes Schiff. Bei meinem morgendlichen Routineblick blitzt es in der Morgensonne auf, wir haben es des Nachtens überholt und es trennen uns gefühlte 80 Kilometer. Aber es ist da. Seit wir in Guadeloupe abgelegt haben, wird um Achtzehnhundert die Uhrzeit um eine Stunde nach vorne geschoben, hier haben die Tage inzwischen nur noch 23 Stunden. Dies ist eine sehr angenehme und langsame Zeitverwaltung, sie spielt eine komplett untergeordnete Rolle auf dem Schiff. Der Tag ist an sich ein schöner, wolkenfreier Himmel und die Sonne knallt, würde der Wind keine Abkühlung bringen, wäre es fast schon angenehm. Aber es wird tatsächlich merklich kälter, in der Nacht war es sehr frisch und die Zeit der kurzen Sachen neigt sich zu Ende. Mein Frühstück findet wieder mittags statt und mit einem Kaffee gehe ich nach vorne an den Bug, setz mich auf meinen Poller in die Sonne verbringe meinen Nachmittag hier, gelegentlich belächelt von der vorbeilaufenden Deckcrew. Die wissenschaftliche Liebestheorie eines schweizer Konservativen, der das monogame Verhältnis sich liebender Heterosexueller mit dem Kopf versucht zu beleuchten, schafft es rein, da wo es hin will. Auch dieses Buch geizt nicht mit seinen letzten Seiten, schafft aber Denkpausen über das Gelingen von gesellschaftsgerechter Beziehungsfähigkeit oder eben –unvermögen. Vor meiner Abreise habe ich die Zeit alleine und die zwangsläufige Auseinandersetzung mit mir selbst herbeigesehnt. Jetzt sitze ich hier mit diesem Scheißhaufen der sich Hirn nennt und quäle mich mit den Machtspielchen meiner Gedanken, weil ich in der Bewegungslosigkeit meines kaum schlagenden Herzens gefangen bin.

Ich gebe kurz auf, renn in die Messe, schnapp mir ein paar DVD’s und schmeiß die Glotze in meiner Kabine an. Iron Man ist doch geil, chinesische Raubkopie, die so nett ist darauf direkt in schönster Dreistlosigkeit am Anfang auch noch hinzuweisen, ich lass laufen, bis irgendwann mal nichts mehr läuft. Gut, ist eine Raubkopie, wer weiß ob sie nur die Hälfte mitgenommen haben. Nächste DVD, Horrible Bosses, Jennifer Aniston ist unglaublich sexy, da wird selbst der DVD-Player so schwach, dass der Film schon wieder im Standbild endet. Noch zwei Versuche habe ich, aber der Laser lased nicht mehr. Ich gebe mich geschlagen, kann nichts schauen, nichts lesen, nirgends hin dafür fressen, schlafen, saufen. Meine miserable Vorbereitung erwischt mich jetzt.

Fitness 3Dann ruft Max an, der seit heute auf dem Deck arbeitet und nicht mehr in der Küche. Er wird jetzt schon vermisst. Er sagt, ich soll runterkommen, sie spielen Tischtennis – wir hatten beim ersten Geburtstagsfest darüber kurz gesprochen, dass es eine Tischtennisplatte gibt. Ich sage ihm, dass Gott in schickte, denke an den Bitz und wie wohl er sich hier fühlen würde, Karaoke und Tischtennis, und renn runter. Wir spielen fast zwei Stunden zu Coke und Eminem und ich bin schweißgebadet. Das tut verdammt gut. So gut, dass wir morgen wieder spielen wollen, vielleicht sogar mit dem Bosun, der der Tischtennismeister auf dem Schiff sein soll. Tischtennis- und Karaokemeister. Ich denk wieder an den Bitz, schlaf um halb fünf ein, weil ich mich bis dahin die ganze Zeit auf das beste Frühstück aller Zeiten gefreut habe: Rühreier mit Speck und Käse im Toast und Mayo. Was habe ich mich in den Toast beißen sehen.

5. April

Es empfängt meine Morgenäuglein ein Tag ohne Sonnenschein. Es ist grau und kalt und soweit ich mich erinnern kann ist dies das erste Mal seit Berlin wieder so. Die Gemütlichkeit, mit der das Schiff in die graue Weite vorangleitet, erlaubt mir, ähnlich wie mit der Zeitumstellung, eine angenehme Gewöhnung an die äußeren Umstände. Dieser Effekt setzt mir positiv zu ist es doch so verschieden zu dem drüberhinwegfliegen, dem zeitsparendem Fortbewegen wo die Seele schauen muss, wie sie hinterherhechelt. In meiner Kabine, der Messe, sogar dem rußverdreckten Heckdeck und noch mehr am wellenverschlagenen Bug habe ich das Gefühl, eins mit meine Seele zu sein, sie stets bei mir zu tragen. Als ich nach draußen gehe um meine tägliche Ration frische Luft zu schnappen, eröffnet sich steuerbords ein kleines Loch in der Wolkendecke und die Sonne erstrahlt lupengebündelt einen einzigen Fleck auf dem weiten Meer. Es ist ein beeindruckender Anblick, ähnlich vielen Bildnissen in denen Menschen sich vorstellen, Gott berühre die Erde. Es fehlt nur die gestaltende Hand.

Das Frühstück wird leider seinen hohen Erwartungen nicht gerecht, aber erfüllt seinen sättigenden Zweck. Ich lege mich wieder hin, stehe zum Mittagessen wieder auf. Ich werde das Gefühl nicht los, von diesem Schiff runterzurollen. Seit längerem treffe ich den Master wieder zu Tisch und wir haben einen glücklichen Moment miteinander, ich ihm aber weiterhin seiner Ambivalenz bezichtige. Er packt eine Mango aus und eine dieser Kochbananen, die er Max aufzwang. Ihm scheint sie sehr wohl vorzüglich zu schmecken und ich lehne dankend ein rohes Stück ab. Zum Nachmittag hin drückt sich die Sonne dann komplett durchs Tagesgrau und stimmt fröhlichere Farbtöne an. Ich begebe mich in der Abendsonne zum Bug, lehne mich über die Reling und schaue Wellen und Stahl beim Squash zu. Niemals das T aufgeben, hat mich ein buch gelehrt, der Stahl bleibt standhaft stehen und wehrt sich gegen alle Angriffe. Aufgrund der Bugform hänge ich etwa 15 Meter über dem Wasser und von dort kann man relativ deutlich ins Meereswasser starren. Als Orientierung dient mir der Tampon, der an jedem Bug eines größeren Schiffes des Wasser zerpflügt. Auf einmal sehe ich Delphine. Sie kreuzen unseren Weg, tauchen unter dem Schiff hindurch und kommen auf meiner Seite raus, manche springen aus dem Wasser, in groß und in klein und ihrem Weg folgend ziehen sie wieder von dannen. Beim ersten Leib dachte ich, es wäre ein Hai und wie schön es ist, endlich mal etwas im Wasser zu sehen. Aber dann wurden es immer mehr mit ihrer unverkennbaren Schnauze und ihrer unnachahmlichen Art knapp unterhalb der Wasseroberfläche zu schwimmen. Die Tage zuvor habe ich vereinzelt fliegende Fische gesehen, wie auf der Fahrt nach Providencia, aber die waren aus der Distanz so klein, das sie wie Mücken auf dem Scheißhaufen wirkten. Die Delphine machten mich glücklich, sie zu sehen, Leben zu sehen in diesen unendlichen Wassermassen und welch Glück, sie genau hier an dieser Stelle anzutreffen. Ich hing noch etwas länger über der Reling, im Sonnenschein, nahezu windstill und dem Pflügen zusehend. Nach dem Abendessen haben wir unser Tischtennisturnier fortgesetzt, aber wir waren alle irgendwie müde. Ich legte mich diesmal in meinem Bett auf die von mir noch nicht kuhlengeformte Seite, der Größe sei Dank, und schlief direkt ein.

6. April

Der heutige Tag ist mit Highlights nur so vollgepackt. Aufstehen, frühstücken, hinlegen, mittagessen, mittagsschlafen, workouten, abendessen, hinlegen, Ansage zur letzten Zeitumstellung beachten und um drei Uhr nachts mache ich mir hellwach bewusst, dass in Kolumbien vor sechs Tagen gerade neun Uhr abends ist, also weit vor meiner eigentlichen Schlafenszeit. Die langsame, stetige Anpassung an die jetzt wieder Berliner Zeit hat meinem Schlafrhythmus heftig zugesetzt und die Schockvariante im Flugzeug erscheint mir gerade wirkungsvoller.

Außen ist es wieder grau und es wird zunehmend kälter, es weht ein starker Wind von Norden aus, seitlich auf die Portside und gibt den Wellen heute etwas mehr Elan. Trotzdem schweben wir fast sanft über den Atlantik. Auf den Navigationsbildschirmen und Seekarten ist nun der Ausschnitt dran, der den Schlund von Europa und Afrika zeigt, wie in Trichter fließt alles Richtung Mittelmeer durch die Meeresenge von Gibraltar mit ihren nur 60 Kilometern Breite. Ich stelle mir zwei Türme in Gicht und Nebel vor, auf beiden Seiten drei Kilometer in den Himmel ragend, mehrere hundert Meter im Durchmesser, der menschliche Verteidigungswall gegen all Unwetter und Ungeziefer, das der ungezähmte Atlantik anspült. Ein Warnton auf der Brücke bringt mich zurück in die Stahlromantik und der Autopilot lässt kein Zweifel daran, dass wir exakt mittig auf Kurs durch die Seestraße navigieren werden, für Träumereien hat er nicht viel übrig. Ich entschließe mich, einen aufs-Meer-schauen-Tag zu absolvieren, mit dem Ziel so viele Perspektiven wie möglich einzunehmen. Ich beginne meinen Spaziergang am Nachmittag von der Brücke nach unten, erst hinten und dann vorne in die vibrationslose Ruhe. Auf der Brücke gibt es die beiden Ausleger auf  den Seiten um in Hafen an den Kai steuern zu können. Portsides ist es aufgrund der Windstärke nicht möglich zu stehen, und auf der anderen wird heute der Turm geputzt. Ich stehe also wieder drin und Wilmer spritzt die Scheiben mit seinem Dampfstrahler ab, ich schminke mir aufgrund des Frühjahrsputzes auch das Heck ab und geh direkt nach vorne. Hier finde ich meinen ruhigen Platz und fühle mich sehr wohl. Horizont 4Die Sonne erbarmt sich, Wärme durch das Grau zu drücken und ich hänge über der Reling und schaue ins Wasser. Dafür dass wir eigentlich viel zu weit entfernt von der nächsten Menschenseele, bin ich überrascht, wieviel Plastik ich im Wasser entdecke. Es sind nur kleine Teile, so groß wie Dosen, aber doch auffällig genug um in Nähe unseres Schiffes aufzutauchen und den humanen Dreck zu symbolisieren, den wir in jüngster Zeit anhäufen. Dadurch bemerke ich aber erst, wie sich erneut Delphine ein Wettrennen mit dem Schiff liefern und ich bin erneut von ihrer Anmut ergriffen. Sie schwimmen vor dem Tampon (Ich find den richtigen Namen noch raus) zu viert in exakt gleicher Geschwindigkeit wie wir, springen aus dem Wasser kopfüber in die nächste Welle und machen eine Pirouette um die eigene Achse, so dass ich ihren weißen Bauch sehe. Das Wettrennen scheint ihnen keinerlei Anstrengung abzuverlangen, so dass ich mich frage, ob sie wirklich schwimmen, oder von den Wassermassen mitgedrückt werden. Der Tampon verdrängt unbeschreiblich viele Kubikmeter Wasser, seinen Zweck erfüllt er darin, 30% Energie einsparen zu können, weil er die Wellen vor dem Auftreffen auf den Bug entkräftet. Aber ob sie schwimmen, oder sich absichtlich mitdrücken lassen, ändert nichts an ihrer vollkommenen Schönheit und als sie genug haben, entgleiten sie elegant nach rechts weg ins offene, weite Meer, das nächste Schiff herausfordernd, dass ihren Weg kreuzt. Im Ziel angekommen, gehen sie als strahlende Sieger hervor, glücklich lächelnd und offensichtlich nicht gefordert von den schweißtreibenden Strapazen. Der zweitplatzierte, seines Namens Schiff und Stahlkoloss, müht sich völlig ausgelaugt das Siegertreppchen hoch, seine Anstrengungen und die Enttäuschung darüber alles gegeben zu haben und es doch nicht reichte, stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Ich Trottel eines Zuschauers gebe mich der mediatheken Sensationslust hin, renne mein vergessenes Videoaufnahmegerät aus der Einsamkeit der Kabine zu retten, in der Hoffnung ich bekomme noch eine kostenlose Darbietung für meine Mitwelt spendiert. Da sich die wahren Schönheiten des Lebens aber nur ins Herz brennen und dort für immer und ewig verweilen, muss meine minderwertige prosaische Fähigkeit genügen die Vorstellungskraft zu entflammen.

Gegen Abend hin, fängt das Schiff stärker an zu rollen. Rollen ist die Seitwärtsbewegung, die mit richtiger Beladung und entsprechendem Schwerpunkt ausgeglichen werden kann, damit das Schiff nicht zu schnell, aber auch nicht zu träge die Wellenbewegungen aufnimmt. Wenn das Schiff zu schnell rollt ist es für die Crew unangenehm und durch die starken Kräfte könnten die Container losbrechen. Ist das Schiff zu träge, prallen die Wellen seitlich an den Rumpf und verschlechtern die Manövrierfähigkeit. So habe ich es mir zumindest erklären lassen. Für morgen sind noch stärkere Winde und Wellen angekündigt, ich freue mich weiterhin auf sie. Tischtennis ist heute wegen erneuter Müdigkeit abgesagt, ich besteige den Swimming Pool und werfe ein paar Körbe. Fitness PoolKein Witz, die 4×6 Meter trockengelegte Schwimmhalle hat seitlich ein Brett in ungefähr drei Metern Höhe. Einziger Wermutstropfen ist, dass der Wasserzulauf leckt und es deswegen etwas feucht ist, zum Werfen und bisschen dribbeln allemal genug. Nach dieser sportlichen Verausgabung begebe ich mich in den Newsroom, wo täglich die allerneusten Nachrichten von den Maritimenews für die jeweiligen Ursprungsländer der Crew aufbereitet werden. Statt über Panama Kanal wird über Panama Papers gesprochen und in der Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse und Neuigkeiten für Deutschland steht als zweite Headline nach dem Tod von Genscher: „Barbara Schöneberger beteuert, keine Diät angewandt zu haben.“ „Sie habe“, so der Artikel, „nur angefangen etwas Sport zu treiben.“ Ich nehme es kommentarlos hin und lese die News für zwei Tage später: „Barbara Schöneberger nimmt doch an den Echos teil!“ Sie darf nach Anraten ihres Arztes ihren Fuß für diesen Abend belasten. Nachdem sie mit ihrem Knöchel beim Schubkarreschieben in ihrem Garten umgeknickt ist, wird sie diesen Abend in Highheels schon verkraften. Das kann keiner besser orchestrieren. Da bist du als Seemann in der Welt unterwegs, einigermaßen interessiert an den Vorkommnissen in deiner Heimat und deine einzige Informationsquelle versorgt dich mit Popmusikpornos, und wie deren Hauptdarsteller sich darauf vorbereiten beim Dreh das Mikrofon oral zu befriedigen, so dass der Pöbel sich vor der Glotze einen runterholen kann. Ich bin einigermaßen deprimiert, meide die maritime Bildzeitung ab sofort und schlappe gen Eignerkabine um an grüne Wiesen, grasende Kühe und rotweiß karierte Röcke zu denken.

7. April

Stockdunkel ist es, als ich aufstehe, nicht etwa um sechs in der Früh, nein um acht Uhr und die gestrige Zeitzonenüberschreitung treibt Zeit ins absurdum. Totale innere Verwirrung. Auch sonst ist einiges viel unruhiger als sonst und das angekündigte schlechte Wetter macht dem Schiff zu schaffen. Es ist kalt und nass, die dunklen Wolken hängen tief, knapp über der Brücke, und wir steuern durch ein Nebelfeld. Wir rollen ziemlich stark hin und her und einige Ausreißer schicken die nicht befestigten Gegenstände auf Reise. Wenn ich den Gang entlanglaufe, dann besteige ich auf den 30 Metern Länge zweimal einen Hügel und renne ihn wieder runter. Der Wind auf der Hafenseite ist noch stärker als gestern und mir ist es mit meinen Slippern nicht mehr möglich die Außentreppe hochzuklettern. Die Wellen hämmern gegen den Rumpf und der Wind trägt die Gicht über die Container auf die andere Seite. Es sieht aus wie in einem Windkanal, wenn durch die Wassertropfen der Windlauf verdeutlicht werden soll. In diesem Setup sogar sehr eindrucksvoll und der Wind muss heute seine eigentlich unsichtbare Macht offenbaren. Ich gehe auf die Brücke, der einzige Ort an dem ich das Spektakel in Ruhe verfolgen kann, ohne nass zu werden, ohne zu frieren, ohne groß durch die Gegend geschleudert zu werden. Mein Körper ist ein Spielball der Ziehkräfte und meine Beine lassen mich es recht schnell spüren, wie anstrengend es auf Dauer ist gegenzusteuern und auf dem Boden verankert mein Gewicht nicht auf den Boden fallen zu lassen. Von meiner Aussichtsplattform wird deutlich, welche Ausmaße der Seegang annimmt. Wir stehen manchmal bis zu 25 Grad schräg zum Horizont, wenn das Schiff durch die drei bis vier Meter hohen Wellen pitcht (das ist das Aufschaukeln nach vorne und hinten) gibt es einen Schlag durch das ganze Schiff und man hört die Maschine, wie sie durch den benötigten Kraftaufwand heftig zu husten anfängt. In der Gegenbewegung denkt man dann, dass die Schraube aus dem Wasser hängt, so leise schnurrt der Vorwärtsdrang. Der Autopilot bekommt es nicht ausgeglichen, dass das Schiff in seiner ganzen Masse nach rechts geschoben wird, so dass der Kurs immer wieder neu bestimmt wird, um dem geplanten Routenverlauf zu folgen. Sie sagen alle, es geht noch schlimmer und ich kann ihnen nachfühlen, bin auch etwas neidisch, aber das Schiff ist mit seinen Abmessungen einfach zu groß und zu träge um eindrucksvolle Wellenritte zu liefern. Selbst ich spüre niemals ein Gefühl der Angst, dass irgendeine Bewegung zu heftig sein könnte und wir gleich samt Ladung baden gehen. Selbst wenn man auf der gegenüberliegenden Seite gerade nur Wolken zu sehen sind und im nächsten Moment nur noch der wilde Atlantik.

Am Nachmittag bin ich mit dem zweiten Offizier, einem Ukrainer, alleine auf der Brücke und er beglückt mich mit ungebremster Redelust, auch wenn manchmal mit unmöglichem Akzent. Ich frage mich immer, wie die das alle untereinander fehlerfrei hinkriegen. Während ich mich weiter immer irgendwie festzuhalten versuche, erklärt er mir unbeeindruckt alle Geräte und deren Funktionen. Neben allen möglichen Lichtschaltern, Alarmsignalen, Hornknöpfen und Scheibenwischerreglern gibt es die beiden Radare, kurz und lang, und die Navigationsbildschirme. Auch eine Übersicht aller technischen Funktionen der Maschine gibt es hier oben, auch wenn sie acht Stockwerke tiefer von den Ingenieuren bedient wird. Auf den Bildschirmen kreuzen wir eine Passage von Nordeuropa nach Westafrika und auf der digitalen Karte sehe ich unzählige andere Schiffe. Es ist, wie wenn man im Gras an einer Autobahn steht und auf die andere Seite will, mit geschlossenen Augen, einem mutigen Schritt durch die Stahlkarossen. Mit einem dezenten Mausklick wird mir die Skalierung erst bewusst und die Schiffe trennen nicht weniger als zwölf Seemeilen, oder eben mehr. Selbst bei guter Sicht muss ich wohl bis Gibraltar warten um andere Schiffe zu sehen.

Da den Ukrainer die Geschehnisse seiner Wache nicht weiter beunruhigen, versorgt er mich mit Kaffee, Zigaretten und Geschichten. Seit 26 Jahren fährt er zur See, geht in Barcelona von Bord um nach zwei Monaten in Jakarta eine Asienpassage zu machen. Er fuhr früher lieber mit den Bulk Carriern, die ihm mit vielen Häfen, Städten, Bars und Frauen bekannt gemacht haben. Da ist sie endlich, die Seefahrerromantik! Heute kann er allerdings nicht mehr entscheiden, auf welche Schiffe er kommt, und wird nur noch mit Containern verfrachtet. Einmal hat er mit einer Frau auf einem Schiff zusammengearbeitet, einer jungen Schweizerin, die gut aussah und ununterbrochen geredet hat. „Butiful wuman, bat tu matsch tolking.“ Wieso gerade eine Schweizerin Salzwasser schnuppert ist dem alten Sowjet noch immer ein Rätsel, da der Alpenstaat bekanntermaßen berühmt für seine Frachthäfen ist. Er löst es aber für sich so auf, dass er denkt, sie sei die Tochter eines Reeders gewesen. Die Eigner selber kommen natürlich kaum an Bord, da sie mit ihren Yachten und Segelschiffen ihre Wege machen, wogegen ich keine Widerrede finde. Auch sonst hatte er nicht viel mit Passagieren zu tun, vor allem keine in Asien und in Afrika. Afrika ist schrecklich zu fahren, die Häfen gefährlich und eigentlich kann man den Turm nur mit Guards verlassen, wenn er nicht sogar komplett die ganze Zeit verschlossen bleibt. „Fackt ap.“ Seine schlimmste Passage ist für ihn aber Panama wegen der Sonne und der Hitze. Vor 20 Jahren, in seinen Anfängen, musste er dort einen Monat lang ankern, um die Maschine zu reparieren. Sie sollten von Vancouver nach Israel übersetzen als kurz vor dem Kanal ein Feuer im Maschinenraum ausbrach und alles in Rauch und Flammen gehüllt war. Es kam zum Glück schnell Hilfe, das Feuer konnte ohne ernste Verletzungen gelöscht werden, reparieren mussten sie das Schlamassel an der Maschine aber selber. „Weri fackt ap.“

Er ist auf Wale gestoßen im Pazifik, Delphine begleiten die Schiff eigentlich immer und in der Nordsee mussten sie zwei verheirateten Walen ausweichen, weil sie sie sonst gerammt hätten, und das wolle man ja trotz striktem Zeitplan auch nicht und schmeißt seine Kippe ins Meer. Als ich ihn frage, ob er auch mal in einem heftigen Sturm geraten ist, erzählt er mir vom indischen Ozean, wo sie in einen Wirbelsturm geraten sind, der zwei Container aus der Verankerung riss. Er beschrieb mir, wie man das Stahl hat zittern hören (fehlte nur: vor Angst gezittert) und das Schiff gegen die Windhiebe ächzte. Ein echter Seefahrer und nachdem wir die zweite Schachtel Zigaretten geöffnet haben gibt es wieder Kaffee, „Bräkfäsd forr Tschambions.“ Dann muss er arbeiten und bei mir drücken Nikotin und Koffein gemeinsam die gestrige Kohlroulade in einem Stück raus. Verkohlte Kohlroulade und der zuvor mit Lob geehrte Luftzug erweist sich als Boomerang und trägt die Gicht ganz seinem großen Bruder über die Container von links nach rechts. Der nimmersatte Ekel und die kindliche Freude darüber, in der Abgeschiedenheit nicht von Moral und Manier geohrfeigt zu werden.

Ich verbringe das verbleibende Tageslicht weiterhin auf der Brücke. Das tantrische auf und ab von Wasser und Stahl befriedigt vorerst meinen Durst nach übermächtigen Tsunamiwellen, wenn wir hart backbord begegnen müssen um nicht plattgewalzt zu werden wie Tagliatelle. In der Abendsonne werde ich mit einer absurden Wetterlaune verwöhnt. Achtern durchbricht die Sonne den Grauschleier und erhitzt meine Waden, dass jedem Bayern vor Neid die Lederhosen platzen und eineinhalb Meter weiter oben wird mein Gesicht vom Wind getrieben mit gefrierender Nässe benetzt, mein Flaum bricht unter der Last der Eiszapfen. Lange verkraftet mein Körper den Temperaturunterschied von 30 Grad Celsius nicht und gibt mir zu verstehen, dass ich mir eine einheitliche Klimazone suchen soll. Ich gehe wieder rein, schaue doch nochmal nach anderen Schiffen und erblicke im Fernglas eines. Die Black Pearl mit pechschwarzem Rumpf mit einer blutroten Superstructure blitzt aus dem Nebel auf und ist sofort wieder verschwunden. Die Mystik wird durch den echten Namen entwurzelt, der selbst im Fernglas noch zu lesen ist, weil er über die komplette Länge des Rumpfes eingraviert ist: Torm Guya. Noch ein Monster für Lus Kartenspiel.

Gegen neun Uhr abends rufe ich den Messman an für eine Partie Pingpong. Er geheißt mich in seine Kabine. Dort empfängt er mich mit zwei Kumpanen, durchaus weit älter als er, und sie schauen einen Film, ein Bier signalisiert, ich solle mich dazu setzen. Es ist ein als Liebeskomödie deklarierter philippinischer Streifen mit mir natürlich unbekannter Sprache und Starlets, suptitulos. Ein Gangster bemüht sich um eine ehrliche Frau, die es in sein herz geschafft hat. Es kommt zu ulkigen Kampfszenen, die überspitzt toniert sind und selbst Messerschwingereien sind übertrieben nachvertont. Bud Spencer, Terence Hill und meine Kindheit protestieren auf Urheberrechtsverletzungen. Die Filipinos lachen sich mehrmals krumm. Wenn es zu zärtlichen Szenen zwischen den Geschlechtern kommt passiert ähnliches wie beim letzten Filmabend und die weit von den Familien lebenden fangen an die Gefühlsäußerungen ins Lächerliche zu ziehen, die älteren schnalzen maßregelnd mit der Zunge. Dann nimmt der Film eine etwas härtere Wendung, eine Frau wird missbraucht und in Gefangenschaft mehrfach vergewaltigt. Zu meinem Widerwillen wird dies mit Applaus und Freude von den anderen Zuschauern honoriert. Die Runde erstrahlt in fröhlichem Lächeln und ich versuche mir einzureden, dass die Jungs die filmische Handlung stark von ihrer Zuneigung zu Frauen unterscheiden können. Der Film endet natürlich trotzdem mit Happy Ending, statistisch gesehen lässt sich der kulturelle Unterschied zu westlichen Happyends vor allem damit erklären, dass es nicht einen einzigen Kuss im Film zu sehen gab und einzig die Vergewaltigungsszene zeigte weibliche Körperteile zwischen Knie und Hals. Ansonsten waren die Damen entsprechend zugeknöpft und die Herren dieser degenerierten Geschlechtervorstellung spielten Schaulaufen mit Muskelpartien die man sonst nur von ehemaligen kalifornischen Gouverneuren kennt.

Mein Unverständnis der philippinischen Sprache und Gewaltmentalität konnte ich damit überspielen, dass ich mich auf meine Umgebung konzentrierte. Die Kabine vom Messman, und auch aller anderen Crewmitglieder war nicht einmal halb so groß wie meine. Der Boden ist mit Linoleum ausgelegt, es gab einen Tisch, ein Bett mit nur einem Meter Breite, ein Sofa mit Lederimitatbezug, hinter mir ein Schrank, natürlich Toilette und Dusche, aber wirklich geräumig waren die maximal zehn Quadratmeter nicht. Er hielt sein Zimmer auch recht chaotisch in Schuss, sprichwörtlich macht er seinem Namen alle Ehre (wenn man die Doppeldeutigkeit von Mess hinzuzieht). An den Wänden hat er, nicht zu knapp, alle möglichen Bilder von Mutter Maria aufgehängt, die ebenfalls schwer erträglich mit den zuvorigen Reaktionen auf die weibliche Herrschaft in Einklang zu bringen sind. Allgemein hat er nicht viele Kleider mit sich, was angesichts seines Arbeitsaufwands in Dienstgewändern auch nicht nötig macht. Sein Vertrag geht über zehn Monate, in denen er eigentlich komplett durcharbeitet, von sechs Uhr morgens bis mittags um eins, zwei Stunden Pause und nochmal bis 20:00 Uhr, oder eben so lange, bis die Küche sauber ist. Hier hilft er hauptsächlich aus, putzt aber auch die Kammern der Offiziere, hält die Lagerräume inventurgerecht und ist für die Reinlichkeit der öffentlichen Örtlichkeiten zu begeistern gewesen. Das ganze sieben Tage am Stück, die letzten neuneinhalb Monate auf See. In Barcelona, so sieht es sein Honorarvertrag aus, geht er mit vier weiteren seiner Lands- und Leidensmänner von Bord in den wohlverdienten – längst überfälligen – Urlaub mit seiner Familie in seiner Heimat. Neben mir liegt auch schon sein gepackter Koffer und er freut sich immens von diesem Schiff runterzukommen. Diesem diente er, ohne jemals eine Miene des Verdrusses zu zeigen, als Messman, dem untersten Rang, dem härtesten Job und der miesesten Bezahlung. Warum nur gehören in unserer Welt, seit Menschengedenken und seit es Arbeit, ob nun durch Versklavung oder gegen Bezahlung, diese drei Attribute unweigerlich immer zusammen?

Nach seinem Urlaub wird er von der Firma befördert und wird seinen nächsten Vertrag als Chief Cook antreten und die Illusion einer gerechten Welt, in der jeder alles erreichen kann, wurde befriedigt. Die Arbeitszeiten in der Gastronomie sind auch auf dem Schiff immer ein bisschen anstrengender, dafür bekommt er etwas mehr Aussteuer und das Prestige, die Mäuler der anderen stopfen zu dürfen. Glücklich macht ihn aber am meisten, dass er dann der jüngste Chief Cook der Firma ist. In Manila hat er eigentlich Informatik und IT studiert, aber damit verdient man erst Recht kein Geld (Das Durchschnittseinkommen auf den Philippinen beträgt ein Sechstel von dem was er auf dem Schiff macht – 1.200 USD). An Bord gibt es einen weiteren ITler, zwei Grafikdesigner, einen studierten Historiker, alle aus dem Inselstaat in der Südsee. Dort garantiert das Studium  jedem den sozialen Aufstieg in die uns umgebende Stahlzelle.

Nach dem Film schauen wir uns noch ein paar Musikvideos  an und die Filipinos sind fasziniert davon, wie schnell man mit dem Zug in Berlin sein kann. Ich verabschiede mich in die Nacht mit dem Gedanken, dass diese zehn Monate in dieser Kammer, in diesem Turm, ohne Landgang, ohne Tag Pause für sehr viele Menschen, mich eingeschlossen, eine harte Prüfung wind, mit der man sich zwar irgendwie arrangieren wird, die aber auf ihre Art Spuren hinterlässt. Die Macht der Charterer über die Filipinos ist indes so groß, dass wenn diese einmal einen Vertrag ablehnen, sie keinen weiteren mehr angeboten bekommen. Wenn der Messman Pech hat, kann es sein, dass er nach einer Woche direkt wieder auf ein Schiff muss. Im schlimmsten Fall kommt er erstmal auch gar nicht mehr davon runter.

8. April

Der letzte blaue Seetag begrüßt uns mit feinstem Sonnenstrahlen, leichter Bewölkung und einer noch aufzuheizenden Kälte. Mich packt die Freude auf Hafeneinfahrt, bei freier Sicht, soweit mein Auge zu sehen vermag. Ich stehe ungewohnt früh auf, mache meine Dehnübungen und erkunde heute die Bugdeckung, klettere die Leiter hinauf, kämpfe mich durchs Schmierfett der Heavywaveschleuse und stehe auf einer terrassenähnlichen grauen Stahlhaube ganz vorne. Es ist der Mercedesstern des Schiffes, der mit Abstand friedlichste Ort auf diesem Wasserschlitten. Die Wellen plätschern leise, die Sonne vereinnahmt den ganzen Platz, kein Fleckchen Schatten. Wir gleiten wie auf Schienen über das Wasser, kaum eine Welle ist zu spüren. Ich ärgere mich, dass ich hier noch nicht früher hingekommen bin, spare mir noch ein bisschen Freude über die Oase für den Nachmittag auf, da meine Haut nach zehn Kabinentagen die Sonne erst wieder anständig begrüßen muss. Erste Landstriche werden für vier Uhr am Horizont angekündigt.

Gibraltar 1Aus meinem Mittagsschlaf muss ich mich wachzwingen, laufe verdutzt durch die Deckreinigende Crew und sehe ganz in der Ferne die ersten Gebirgsketten Marokkos. Keine Wolke am Himmel verstellt den Blick, ich packe meine Sachen, eile von der Ungeduld der Aussicht getrieben nach vorne und schaue auf die Einfahrt zur Straße von Gibraltar. Der Verkehr nimmt zu, die Zivilisation grüßt mit Kondensstreifen am Himmel, die die Wege der Ferienflieger zeichnen, alle Arten von Frachtern und Tankern, die Fähre nach Gran Canaria kommt uns entgegen. Mich ergreift die Freude des Abkommens, es ist der Sinkflug zur Landung, die Ansage des letzten Bahnhofs, wir fahren unter dem Schild der Autobahnausfahrt hindurch, dass Algeciras ankündigt, nach dem wir die letzten Tage nur an den Kilometerangaben vorbeigezuckelt sind. Die Zeit vergeht wie im Flug mit alle der Bewegungstragik, die wie Fixpunkte, eine Einschätzung unseres eigenen Fortbewegens wieder ermöglichen. Durch das Abendessen wird mir eine halbe Stunde geklaut, ich frage mich, warum ich es nie in Betracht zog, einfach eine Mahlzeit am Tag auszulassen.

Ich gehe auf die Brücke, hier herrscht ungewohnt hektisches Treiben. Auf dem Zwölfmeilenradar werden in dem digitalen Meeresblau mehr als 20 Schiffe geortet, Land ist noch keines, in gelblichen Farbfeldern dargestellt, zu sehen. Europa und Afrika trennen an der dünnsten Stelle etwas mehr als 40 Kilometer und wir Gibraltar 2halten immer noch perfekt zentriert darauf zu. Marokko kommt als erstes deutlich näher, der Berg Moses (Jebel Musa) erhebt sich auf knapp 900 Meter, wir fahren an der Hafenstadt Tangier vorbei, die Kräne sind alle nach oben geklappt und stehen still. Hinter Tangier erheben sich die Hügel mit Wäldern und grünen Wiesen, von denen ich niemals annahm, dass es in Marokko welche geben würde. Der Schiffsverkehr nimmt immer mehr zu, es ist Rushhour. Alle auf der Brücke konzentrieren sich auf die uns kreuzenden, zahllosen Fähren, die Mensch und Maschine zwischen den Kontinenten verbinden. Auf der linken Seite erhebt sich der markante Felsen von Gibraltar, als Pendant zu Goliath in Afrika, die Meersenge als Kampfarena der Erhebungen. Gibraltar 6Die von den Briten kontrollierte Landzunge begrenzt die natürliche Hafenbucht, auf der spanischen Seite hingegen wurde einer der größten Containerhafen der Welt hochgezogen. Vor uns reiht sich ein Schiff ein, über dessen Ausmaße ich bisher nur in den Nachrichten lesen durfte. 400 Meter Länge manövrieren knapp 16.000 Container ins Hafenbecken und die Brücke überspannt in 70 Metern Höhe die gesamte Breite des Schiffes, etwas mehr als 60 Meter, die Abmessungen unseres Bootes werden einfach verdoppelt. Unbeschreiblich gewaltige Ausmaße und Mengen an Gütern von denen ich keine Vorstellung hatte, was wir alles um den Globus tragen.

Algeciras 1Die Hafenszenerie versetzt mich in den Weltraum, in welchem in ähnlicher Weise und Utopie Raumschiffe diesen Ausmaßes gleichwohl ruhig und gemächlich durch einen Raum gleiten, der so viel Potential an Horizont eröffnet, das das Erstaunen über menschliche Schaffensqualitäten entflammt wird. Ich kann mich an nichts vergleichbares bewegliches an Land erinnern gesehen zu haben, dass diese Dimensionen hätte, Dimensionen die erst mit freier Sicht ihre Größe entfalten. Es kommt die Pilotin an Bord, auf Brücke und staunt mit dem Master über den Giganten vor uns, hinter uns ziehen zwei weitere Richtung offenen Atlantik an uns vorbei, auf dem schnellsten Weg vom Indischen Ozean in den Golf von Mexiko. Wir folgen der uns vorgefahrenen Route, die Pilotin erklärt uns, dass wir hinter dem Ozeanriesen und vor einer Nussschale, die halb so großAlgeciras 9 ist wie wir, anlegen. Einparken wäre der trefflichere Begriff, es ist eine Parklücke, wie bei der Fahrprüfung. Zum Koloss sind es zwölf Meter, zum Vordermann glücklicherweise drei mehr. Rückwärts in drei Zügen wird uns zwar nicht aufgetragen, dafür schaffen wir es in zwei, die Schlepper schieben uns seitlich an den Kai, nochmal volle Kraft voraus, damit wir den Tampon der Seaqueen mit dem klangvollen Namen ‘CMA CGM Kerguelen’ nicht vollsauen.

Die folgenden fünf Stunden nahm ich nur benommen wahr, da ich erschlagen bin von all den Geschehnissen hier. Algeciras ist der Heimathafen unseres, und so vieler anderen Schiffe, geographisch perfekt gelegen. Hier wird getankt, Essen aufgeladen, Müll entsorgt, Farben und Materialen finden ihren Weg an Deck. Parallel werden die Container aus der neuen Welt gelöscht und neue wieder geladen, das beginnt noch bevor alle Taue festgezurrt sind und das Schiff an den Kai kleben. Der Hafen ist sehr modern, in seinen Abwicklungsleistungen schneller und effektiver als Hamburg und die ganze Bucht ist darauf ausgerichtet, ihr Leben nach dem Hafen zu richten. Das System wird mir als halbautomatisch beschrieben, aus dem ‘Lager’ werden die Container voll computergesteuert nach vorne zum Kai gehievt, über Ladekräne von denen es pro Reihe zwei gibt, bei 15 Reihen. Dort abgelegt werden sie von drahtigen Metallspinnen mit sechs Rädern abgeholt und hinter die Schiffsladekräne gebracht, die doppelt so groß sind wie in Guadeloupe.

Die Anlegestelle in der Karibik erscheint mir im Vergleich überhaupt völlig steinzeitlich, wenn ich es mit diesem sterilen Operationstisch hier vergleiche. In der subtropischen Hitze der Gemütlichkeit liegen 4 Container aufeinander zum Bräunen in der Sonne, hier werden diese aufs doppelte gestapelt und unter den gemieteten Sonnenschirmen ist kaum mehr Platz um sein Wasserglas abzustellen. Dort gibt es Strandliegen in 30 Reihen, hier hat jeder vollautomatische Ladekran alleine acht unter sich aufgereiht.

Der Stress ist gewaltig, ausnahmslos alle sind genervt, ob an Land, oder an Bord. Alles was sich irgendwie mechanisch bewegt, gibt einen Signalton von sich, der an den Wecker im Morgengrauen nach einem Vollsuff erinnert, alles ist ständig in Bewegung. Bis um neun Uhr morgens sollen wir liegen, ich denke gar nicht an Schlaf, da meine Augen durch die Schlaflosigkeit  so oder so zutiefst gerötet sein werden. Die Geräuschkulisse schneidet mir den Weg zu meinem analytischen Denkversuch ab, wie diese Container ihren Weg dahin finden, wo sie hinsollen. Während vorne in nerv tötender Geschwindigkeit Lego gespielt wird, geht es hinten weitaus gemütlicher zu, da der schiffseigene Servicekran zum Glück nicht mehr hergibt.

Chief Cook und Messman freuen sich auf frisches Essen, Gurken, Tomaten, Salat und Karotten sind aufgebraucht. Leider sind auch wieder Pommes bestellt. Ich freue mich mit, da ich beim Entladen helfen darf. Selbst so eine bescheuerte Tätigkeit wie Kisten schleppen, muss der Master absegnen, er begründet es mit den versicherungstechnischen Gründen und dass ich entsprechend aufpassen soll. Einmal meinte er zu mir, wenn ich Drogen dabei hab, dann soll ich sie vor Algeciras entsorgen, weil er sonst in den Knast kommt, wenn an Bord welche gefunden werden. Es schien ihm egal zu sein, wie die Drogen ‘entsorgt’ werden.

Mit dem Hauskran werden die Paletten durch eine Öffnung, die kaum grösser ist, ein Stock tiefer unter das Poopdeck gehoben. Von dort gibt es zwei Türen, eine zu den Kühl- und Gefrierräumen und ins Trockenlager. So geht es los, die beiden, Max und ich, nach der zweiten Palette kommt ein junger Rumäne dazu, der die ganze Zeit am Fluchen ist. Seine Sprache scheint keine anderen Wörter zur Beschreibung der schweren Kisten und Pakete zu beinhalten. Nach einiger Zeit kommt der Master, gibt dem Chief Cook die Aufgabe, alles zu kontrollieren und ob auch geliefert, was bestellt wurde. Er taucht erneut auf, diesmal mit einer ausgedruckten E-Mail vom Recruitingbüro und der Mitteilung, dass die Fünf, die in Barcelona das Schiff eigentlich verlassen konnten, erst nach dem Trockendock von Bord gehen dürfen. Da dies den Messman betrifft, alle anderen aber sehr gut nachfühlen können, wie es ihm geht und das es sie auch treffen kann, oder schon hat, ist die Stimmung direkt im Eimer, der Rumäne ist ins englische gewechselt und kennt jetzt nur noch das Wort Motherfucker. Der Messman ist offensichtlich geknickt, hatte er gestern nach unserem Kinohighlight noch seiner Familie gemailt, dass er bald kommt, wendet sich aber pflichtbewusst dem auspacken zu und lässt sich auch bald nichts mehr von seiner Trauer anmerken. Die Welt, in der das Recruiting in Polen verwaltet wird,  der französische Charterer die Drittgrößte Reederei der Welt ist, der Eigentümer norwegischer Herkunft entspringt und die Geschäfte aus Deutschland in der Hamburger Elbchaussee geführt werden, ist heute für ihn zusammengebrochen. Draußen der Stress und der Zeitdruck, hier unten die Machtlosigkeit und das Heimweh, gefordert vom einundzwanzigsten Jahrhundert um Mensch und Material dahinzuschicken, wo ihnen der Größte Gewinn ausgesaugt wird.

Wir verstauen alles, was die Paletten hergaben, der Master taucht noch ein paar Mal auf, weil Zigaretten und Whisky fälschlicherweise hier unten gelandet sind. Die letzte Ladung ist die Einkaufsliste des Slopchests, der sitzt im Bond Store, ich nennen ihn fälschlicherweise Bondage Store, als ich frage wo wir hinmüssen, ein Fehler, den keiner so sieht. Hier werden Cola, Fanta, Bier Rauchwaren und Süßigkeiten gelagert, ich schiele auf das Paket mit der Rittersport Nusstrauberum. Der Master dankt uns fürs schleppen und übernimmt die Bestellannahme höchst persönlich, es erklärt auch sein unbestimmtes Treiben bei den Essenlagerräumen, da er von der Angst zerfressen ist, auch nur eine Zigarette könnte unentgeltlich zur Lunge geführt worden sein. Ein Mark-, Bein- und Stahldurchdringender Aufschrei hämmert gegen unser Trommelfell, der Chief Cook stellt gerade verzweifelt fest, dass die bestellten Tomaten nicht geliefert wurden.

Es ist schon nach Mitternacht, erste Spekulationen machen die Runde darüber, dass wir schon in einer Stunde mit dem Laden durch sein könnten. Ich beobachte einen übertrieben nervösen, kleinen Spanier, der wie gestochen alle verrückt macht, die er zu fassen kriegt. Die Hektik ist mir zu viel, ich lege mich in die Kabine, döse kurz weg und als ich wieder wach werde, fahren wir gerade schon wieder los, es ist halb drei Uhr morgens. Das war also ein Industriequicke: Der stählerne Dauerständer mit seinen wertvollen und rastlosen Spermien ehelicht seine fette, spanische Konkubine. Schnell verdientes Geld für sie, die es auch leicht hatte – nach acht Tagen einsamen Seemanns.