5. April

Es empfängt meine Morgenäuglein ein Tag ohne Sonnenschein. Es ist grau und kalt und soweit ich mich erinnern kann ist dies das erste Mal seit Berlin wieder so. Die Gemütlichkeit, mit der das Schiff in die graue Weite vorangleitet, erlaubt mir, ähnlich wie mit der Zeitumstellung, eine angenehme Gewöhnung an die äußeren Umstände. Dieser Effekt setzt mir positiv zu ist es doch so verschieden zu dem drüberhinwegfliegen, dem zeitsparendem Fortbewegen wo die Seele schauen muss, wie sie hinterherhechelt. In meiner Kabine, der Messe, sogar dem rußverdreckten Heckdeck und noch mehr am wellenverschlagenen Bug habe ich das Gefühl, eins mit meine Seele zu sein, sie stets bei mir zu tragen. Als ich nach draußen gehe um meine tägliche Ration frische Luft zu schnappen, eröffnet sich steuerbords ein kleines Loch in der Wolkendecke und die Sonne erstrahlt lupengebündelt einen einzigen Fleck auf dem weiten Meer. Es ist ein beeindruckender Anblick, ähnlich vielen Bildnissen in denen Menschen sich vorstellen, Gott berühre die Erde. Es fehlt nur die gestaltende Hand.

Das Frühstück wird leider seinen hohen Erwartungen nicht gerecht, aber erfüllt seinen sättigenden Zweck. Ich lege mich wieder hin, stehe zum Mittagessen wieder auf. Ich werde das Gefühl nicht los, von diesem Schiff runterzurollen. Seit längerem treffe ich den Master wieder zu Tisch und wir haben einen glücklichen Moment miteinander, ich ihm aber weiterhin seiner Ambivalenz bezichtige. Er packt eine Mango aus und eine dieser Kochbananen, die er Max aufzwang. Ihm scheint sie sehr wohl vorzüglich zu schmecken und ich lehne dankend ein rohes Stück ab. Zum Nachmittag hin drückt sich die Sonne dann komplett durchs Tagesgrau und stimmt fröhlichere Farbtöne an. Ich begebe mich in der Abendsonne zum Bug, lehne mich über die Reling und schaue Wellen und Stahl beim Squash zu. Niemals das T aufgeben, hat mich ein buch gelehrt, der Stahl bleibt standhaft stehen und wehrt sich gegen alle Angriffe. Aufgrund der Bugform hänge ich etwa 15 Meter über dem Wasser und von dort kann man relativ deutlich ins Meereswasser starren. Als Orientierung dient mir der Tampon, der an jedem Bug eines größeren Schiffes des Wasser zerpflügt. Auf einmal sehe ich Delphine. Sie kreuzen unseren Weg, tauchen unter dem Schiff hindurch und kommen auf meiner Seite raus, manche springen aus dem Wasser, in groß und in klein und ihrem Weg folgend ziehen sie wieder von dannen. Beim ersten Leib dachte ich, es wäre ein Hai und wie schön es ist, endlich mal etwas im Wasser zu sehen. Aber dann wurden es immer mehr mit ihrer unverkennbaren Schnauze und ihrer unnachahmlichen Art knapp unterhalb der Wasseroberfläche zu schwimmen. Die Tage zuvor habe ich vereinzelt fliegende Fische gesehen, wie auf der Fahrt nach Providencia, aber die waren aus der Distanz so klein, das sie wie Mücken auf dem Scheißhaufen wirkten. Die Delphine machten mich glücklich, sie zu sehen, Leben zu sehen in diesen unendlichen Wassermassen und welch Glück, sie genau hier an dieser Stelle anzutreffen. Ich hing noch etwas länger über der Reling, im Sonnenschein, nahezu windstill und dem Pflügen zusehend. Nach dem Abendessen haben wir unser Tischtennisturnier fortgesetzt, aber wir waren alle irgendwie müde. Ich legte mich diesmal in meinem Bett auf die von mir noch nicht kuhlengeformte Seite, der Größe sei Dank, und schlief direkt ein.

6. April

Der heutige Tag ist mit Highlights nur so vollgepackt. Aufstehen, frühstücken, hinlegen, mittagessen, mittagsschlafen, workouten, abendessen, hinlegen, Ansage zur letzten Zeitumstellung beachten und um drei Uhr nachts mache ich mir hellwach bewusst, dass in Kolumbien vor sechs Tagen gerade neun Uhr abends ist, also weit vor meiner eigentlichen Schlafenszeit. Die langsame, stetige Anpassung an die jetzt wieder Berliner Zeit hat meinem Schlafrhythmus heftig zugesetzt und die Schockvariante im Flugzeug erscheint mir gerade wirkungsvoller.

Außen ist es wieder grau und es wird zunehmend kälter, es weht ein starker Wind von Norden aus, seitlich auf die Portside und gibt den Wellen heute etwas mehr Elan. Trotzdem schweben wir fast sanft über den Atlantik. Auf den Navigationsbildschirmen und Seekarten ist nun der Ausschnitt dran, der den Schlund von Europa und Afrika zeigt, wie in Trichter fließt alles Richtung Mittelmeer durch die Meeresenge von Gibraltar mit ihren nur 60 Kilometern Breite. Ich stelle mir zwei Türme in Gicht und Nebel vor, auf beiden Seiten drei Kilometer in den Himmel ragend, mehrere hundert Meter im Durchmesser, der menschliche Verteidigungswall gegen all Unwetter und Ungeziefer, das der ungezähmte Atlantik anspült. Ein Warnton auf der Brücke bringt mich zurück in die Stahlromantik und der Autopilot lässt kein Zweifel daran, dass wir exakt mittig auf Kurs durch die Seestraße navigieren werden, für Träumereien hat er nicht viel übrig. Ich entschließe mich, einen aufs-Meer-schauen-Tag zu absolvieren, mit dem Ziel so viele Perspektiven wie möglich einzunehmen. Ich beginne meinen Spaziergang am Nachmittag von der Brücke nach unten, erst hinten und dann vorne in die vibrationslose Ruhe. Auf der Brücke gibt es die beiden Ausleger auf  den Seiten um in Hafen an den Kai steuern zu können. Portsides ist es aufgrund der Windstärke nicht möglich zu stehen, und auf der anderen wird heute der Turm geputzt. Ich stehe also wieder drin und Wilmer spritzt die Scheiben mit seinem Dampfstrahler ab, ich schminke mir aufgrund des Frühjahrsputzes auch das Heck ab und geh direkt nach vorne. Hier finde ich meinen ruhigen Platz und fühle mich sehr wohl. Horizont 4Die Sonne erbarmt sich, Wärme durch das Grau zu drücken und ich hänge über der Reling und schaue ins Wasser. Dafür dass wir eigentlich viel zu weit entfernt von der nächsten Menschenseele, bin ich überrascht, wieviel Plastik ich im Wasser entdecke. Es sind nur kleine Teile, so groß wie Dosen, aber doch auffällig genug um in Nähe unseres Schiffes aufzutauchen und den humanen Dreck zu symbolisieren, den wir in jüngster Zeit anhäufen. Dadurch bemerke ich aber erst, wie sich erneut Delphine ein Wettrennen mit dem Schiff liefern und ich bin erneut von ihrer Anmut ergriffen. Sie schwimmen vor dem Tampon (Ich find den richtigen Namen noch raus) zu viert in exakt gleicher Geschwindigkeit wie wir, springen aus dem Wasser kopfüber in die nächste Welle und machen eine Pirouette um die eigene Achse, so dass ich ihren weißen Bauch sehe. Das Wettrennen scheint ihnen keinerlei Anstrengung abzuverlangen, so dass ich mich frage, ob sie wirklich schwimmen, oder von den Wassermassen mitgedrückt werden. Der Tampon verdrängt unbeschreiblich viele Kubikmeter Wasser, seinen Zweck erfüllt er darin, 30% Energie einsparen zu können, weil er die Wellen vor dem Auftreffen auf den Bug entkräftet. Aber ob sie schwimmen, oder sich absichtlich mitdrücken lassen, ändert nichts an ihrer vollkommenen Schönheit und als sie genug haben, entgleiten sie elegant nach rechts weg ins offene, weite Meer, das nächste Schiff herausfordernd, dass ihren Weg kreuzt. Im Ziel angekommen, gehen sie als strahlende Sieger hervor, glücklich lächelnd und offensichtlich nicht gefordert von den schweißtreibenden Strapazen. Der zweitplatzierte, seines Namens Schiff und Stahlkoloss, müht sich völlig ausgelaugt das Siegertreppchen hoch, seine Anstrengungen und die Enttäuschung darüber alles gegeben zu haben und es doch nicht reichte, stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Ich Trottel eines Zuschauers gebe mich der mediatheken Sensationslust hin, renne mein vergessenes Videoaufnahmegerät aus der Einsamkeit der Kabine zu retten, in der Hoffnung ich bekomme noch eine kostenlose Darbietung für meine Mitwelt spendiert. Da sich die wahren Schönheiten des Lebens aber nur ins Herz brennen und dort für immer und ewig verweilen, muss meine minderwertige prosaische Fähigkeit genügen die Vorstellungskraft zu entflammen.

Gegen Abend hin, fängt das Schiff stärker an zu rollen. Rollen ist die Seitwärtsbewegung, die mit richtiger Beladung und entsprechendem Schwerpunkt ausgeglichen werden kann, damit das Schiff nicht zu schnell, aber auch nicht zu träge die Wellenbewegungen aufnimmt. Wenn das Schiff zu schnell rollt ist es für die Crew unangenehm und durch die starken Kräfte könnten die Container losbrechen. Ist das Schiff zu träge, prallen die Wellen seitlich an den Rumpf und verschlechtern die Manövrierfähigkeit. So habe ich es mir zumindest erklären lassen. Für morgen sind noch stärkere Winde und Wellen angekündigt, ich freue mich weiterhin auf sie. Tischtennis ist heute wegen erneuter Müdigkeit abgesagt, ich besteige den Swimming Pool und werfe ein paar Körbe. Fitness PoolKein Witz, die 4×6 Meter trockengelegte Schwimmhalle hat seitlich ein Brett in ungefähr drei Metern Höhe. Einziger Wermutstropfen ist, dass der Wasserzulauf leckt und es deswegen etwas feucht ist, zum Werfen und bisschen dribbeln allemal genug. Nach dieser sportlichen Verausgabung begebe ich mich in den Newsroom, wo täglich die allerneusten Nachrichten von den Maritimenews für die jeweiligen Ursprungsländer der Crew aufbereitet werden. Statt über Panama Kanal wird über Panama Papers gesprochen und in der Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse und Neuigkeiten für Deutschland steht als zweite Headline nach dem Tod von Genscher: „Barbara Schöneberger beteuert, keine Diät angewandt zu haben.“ „Sie habe“, so der Artikel, „nur angefangen etwas Sport zu treiben.“ Ich nehme es kommentarlos hin und lese die News für zwei Tage später: „Barbara Schöneberger nimmt doch an den Echos teil!“ Sie darf nach Anraten ihres Arztes ihren Fuß für diesen Abend belasten. Nachdem sie mit ihrem Knöchel beim Schubkarreschieben in ihrem Garten umgeknickt ist, wird sie diesen Abend in Highheels schon verkraften. Das kann keiner besser orchestrieren. Da bist du als Seemann in der Welt unterwegs, einigermaßen interessiert an den Vorkommnissen in deiner Heimat und deine einzige Informationsquelle versorgt dich mit Popmusikpornos, und wie deren Hauptdarsteller sich darauf vorbereiten beim Dreh das Mikrofon oral zu befriedigen, so dass der Pöbel sich vor der Glotze einen runterholen kann. Ich bin einigermaßen deprimiert, meide die maritime Bildzeitung ab sofort und schlappe gen Eignerkabine um an grüne Wiesen, grasende Kühe und rotweiß karierte Röcke zu denken.

7. April

Stockdunkel ist es, als ich aufstehe, nicht etwa um sechs in der Früh, nein um acht Uhr und die gestrige Zeitzonenüberschreitung treibt Zeit ins absurdum. Totale innere Verwirrung. Auch sonst ist einiges viel unruhiger als sonst und das angekündigte schlechte Wetter macht dem Schiff zu schaffen. Es ist kalt und nass, die dunklen Wolken hängen tief, knapp über der Brücke, und wir steuern durch ein Nebelfeld. Wir rollen ziemlich stark hin und her und einige Ausreißer schicken die nicht befestigten Gegenstände auf Reise. Wenn ich den Gang entlanglaufe, dann besteige ich auf den 30 Metern Länge zweimal einen Hügel und renne ihn wieder runter. Der Wind auf der Hafenseite ist noch stärker als gestern und mir ist es mit meinen Slippern nicht mehr möglich die Außentreppe hochzuklettern. Die Wellen hämmern gegen den Rumpf und der Wind trägt die Gicht über die Container auf die andere Seite. Es sieht aus wie in einem Windkanal, wenn durch die Wassertropfen der Windlauf verdeutlicht werden soll. In diesem Setup sogar sehr eindrucksvoll und der Wind muss heute seine eigentlich unsichtbare Macht offenbaren. Ich gehe auf die Brücke, der einzige Ort an dem ich das Spektakel in Ruhe verfolgen kann, ohne nass zu werden, ohne zu frieren, ohne groß durch die Gegend geschleudert zu werden. Mein Körper ist ein Spielball der Ziehkräfte und meine Beine lassen mich es recht schnell spüren, wie anstrengend es auf Dauer ist gegenzusteuern und auf dem Boden verankert mein Gewicht nicht auf den Boden fallen zu lassen. Von meiner Aussichtsplattform wird deutlich, welche Ausmaße der Seegang annimmt. Wir stehen manchmal bis zu 25 Grad schräg zum Horizont, wenn das Schiff durch die drei bis vier Meter hohen Wellen pitcht (das ist das Aufschaukeln nach vorne und hinten) gibt es einen Schlag durch das ganze Schiff und man hört die Maschine, wie sie durch den benötigten Kraftaufwand heftig zu husten anfängt. In der Gegenbewegung denkt man dann, dass die Schraube aus dem Wasser hängt, so leise schnurrt der Vorwärtsdrang. Der Autopilot bekommt es nicht ausgeglichen, dass das Schiff in seiner ganzen Masse nach rechts geschoben wird, so dass der Kurs immer wieder neu bestimmt wird, um dem geplanten Routenverlauf zu folgen. Sie sagen alle, es geht noch schlimmer und ich kann ihnen nachfühlen, bin auch etwas neidisch, aber das Schiff ist mit seinen Abmessungen einfach zu groß und zu träge um eindrucksvolle Wellenritte zu liefern. Selbst ich spüre niemals ein Gefühl der Angst, dass irgendeine Bewegung zu heftig sein könnte und wir gleich samt Ladung baden gehen. Selbst wenn man auf der gegenüberliegenden Seite gerade nur Wolken zu sehen sind und im nächsten Moment nur noch der wilde Atlantik.

Am Nachmittag bin ich mit dem zweiten Offizier, einem Ukrainer, alleine auf der Brücke und er beglückt mich mit ungebremster Redelust, auch wenn manchmal mit unmöglichem Akzent. Ich frage mich immer, wie die das alle untereinander fehlerfrei hinkriegen. Während ich mich weiter immer irgendwie festzuhalten versuche, erklärt er mir unbeeindruckt alle Geräte und deren Funktionen. Neben allen möglichen Lichtschaltern, Alarmsignalen, Hornknöpfen und Scheibenwischerreglern gibt es die beiden Radare, kurz und lang, und die Navigationsbildschirme. Auch eine Übersicht aller technischen Funktionen der Maschine gibt es hier oben, auch wenn sie acht Stockwerke tiefer von den Ingenieuren bedient wird. Auf den Bildschirmen kreuzen wir eine Passage von Nordeuropa nach Westafrika und auf der digitalen Karte sehe ich unzählige andere Schiffe. Es ist, wie wenn man im Gras an einer Autobahn steht und auf die andere Seite will, mit geschlossenen Augen, einem mutigen Schritt durch die Stahlkarossen. Mit einem dezenten Mausklick wird mir die Skalierung erst bewusst und die Schiffe trennen nicht weniger als zwölf Seemeilen, oder eben mehr. Selbst bei guter Sicht muss ich wohl bis Gibraltar warten um andere Schiffe zu sehen.

Da den Ukrainer die Geschehnisse seiner Wache nicht weiter beunruhigen, versorgt er mich mit Kaffee, Zigaretten und Geschichten. Seit 26 Jahren fährt er zur See, geht in Barcelona von Bord um nach zwei Monaten in Jakarta eine Asienpassage zu machen. Er fuhr früher lieber mit den Bulk Carriern, die ihm mit vielen Häfen, Städten, Bars und Frauen bekannt gemacht haben. Da ist sie endlich, die Seefahrerromantik! Heute kann er allerdings nicht mehr entscheiden, auf welche Schiffe er kommt, und wird nur noch mit Containern verfrachtet. Einmal hat er mit einer Frau auf einem Schiff zusammengearbeitet, einer jungen Schweizerin, die gut aussah und ununterbrochen geredet hat. „Butiful wuman, bat tu matsch tolking.“ Wieso gerade eine Schweizerin Salzwasser schnuppert ist dem alten Sowjet noch immer ein Rätsel, da der Alpenstaat bekanntermaßen berühmt für seine Frachthäfen ist. Er löst es aber für sich so auf, dass er denkt, sie sei die Tochter eines Reeders gewesen. Die Eigner selber kommen natürlich kaum an Bord, da sie mit ihren Yachten und Segelschiffen ihre Wege machen, wogegen ich keine Widerrede finde. Auch sonst hatte er nicht viel mit Passagieren zu tun, vor allem keine in Asien und in Afrika. Afrika ist schrecklich zu fahren, die Häfen gefährlich und eigentlich kann man den Turm nur mit Guards verlassen, wenn er nicht sogar komplett die ganze Zeit verschlossen bleibt. „Fackt ap.“ Seine schlimmste Passage ist für ihn aber Panama wegen der Sonne und der Hitze. Vor 20 Jahren, in seinen Anfängen, musste er dort einen Monat lang ankern, um die Maschine zu reparieren. Sie sollten von Vancouver nach Israel übersetzen als kurz vor dem Kanal ein Feuer im Maschinenraum ausbrach und alles in Rauch und Flammen gehüllt war. Es kam zum Glück schnell Hilfe, das Feuer konnte ohne ernste Verletzungen gelöscht werden, reparieren mussten sie das Schlamassel an der Maschine aber selber. „Weri fackt ap.“

Er ist auf Wale gestoßen im Pazifik, Delphine begleiten die Schiff eigentlich immer und in der Nordsee mussten sie zwei verheirateten Walen ausweichen, weil sie sie sonst gerammt hätten, und das wolle man ja trotz striktem Zeitplan auch nicht und schmeißt seine Kippe ins Meer. Als ich ihn frage, ob er auch mal in einem heftigen Sturm geraten ist, erzählt er mir vom indischen Ozean, wo sie in einen Wirbelsturm geraten sind, der zwei Container aus der Verankerung riss. Er beschrieb mir, wie man das Stahl hat zittern hören (fehlte nur: vor Angst gezittert) und das Schiff gegen die Windhiebe ächzte. Ein echter Seefahrer und nachdem wir die zweite Schachtel Zigaretten geöffnet haben gibt es wieder Kaffee, „Bräkfäsd forr Tschambions.“ Dann muss er arbeiten und bei mir drücken Nikotin und Koffein gemeinsam die gestrige Kohlroulade in einem Stück raus. Verkohlte Kohlroulade und der zuvor mit Lob geehrte Luftzug erweist sich als Boomerang und trägt die Gicht ganz seinem großen Bruder über die Container von links nach rechts. Der nimmersatte Ekel und die kindliche Freude darüber, in der Abgeschiedenheit nicht von Moral und Manier geohrfeigt zu werden.

Ich verbringe das verbleibende Tageslicht weiterhin auf der Brücke. Das tantrische auf und ab von Wasser und Stahl befriedigt vorerst meinen Durst nach übermächtigen Tsunamiwellen, wenn wir hart backbord begegnen müssen um nicht plattgewalzt zu werden wie Tagliatelle. In der Abendsonne werde ich mit einer absurden Wetterlaune verwöhnt. Achtern durchbricht die Sonne den Grauschleier und erhitzt meine Waden, dass jedem Bayern vor Neid die Lederhosen platzen und eineinhalb Meter weiter oben wird mein Gesicht vom Wind getrieben mit gefrierender Nässe benetzt, mein Flaum bricht unter der Last der Eiszapfen. Lange verkraftet mein Körper den Temperaturunterschied von 30 Grad Celsius nicht und gibt mir zu verstehen, dass ich mir eine einheitliche Klimazone suchen soll. Ich gehe wieder rein, schaue doch nochmal nach anderen Schiffen und erblicke im Fernglas eines. Die Black Pearl mit pechschwarzem Rumpf mit einer blutroten Superstructure blitzt aus dem Nebel auf und ist sofort wieder verschwunden. Die Mystik wird durch den echten Namen entwurzelt, der selbst im Fernglas noch zu lesen ist, weil er über die komplette Länge des Rumpfes eingraviert ist: Torm Guya. Noch ein Monster für Lus Kartenspiel.

Gegen neun Uhr abends rufe ich den Messman an für eine Partie Pingpong. Er geheißt mich in seine Kabine. Dort empfängt er mich mit zwei Kumpanen, durchaus weit älter als er, und sie schauen einen Film, ein Bier signalisiert, ich solle mich dazu setzen. Es ist ein als Liebeskomödie deklarierter philippinischer Streifen mit mir natürlich unbekannter Sprache und Starlets, suptitulos. Ein Gangster bemüht sich um eine ehrliche Frau, die es in sein herz geschafft hat. Es kommt zu ulkigen Kampfszenen, die überspitzt toniert sind und selbst Messerschwingereien sind übertrieben nachvertont. Bud Spencer, Terence Hill und meine Kindheit protestieren auf Urheberrechtsverletzungen. Die Filipinos lachen sich mehrmals krumm. Wenn es zu zärtlichen Szenen zwischen den Geschlechtern kommt passiert ähnliches wie beim letzten Filmabend und die weit von den Familien lebenden fangen an die Gefühlsäußerungen ins Lächerliche zu ziehen, die älteren schnalzen maßregelnd mit der Zunge. Dann nimmt der Film eine etwas härtere Wendung, eine Frau wird missbraucht und in Gefangenschaft mehrfach vergewaltigt. Zu meinem Widerwillen wird dies mit Applaus und Freude von den anderen Zuschauern honoriert. Die Runde erstrahlt in fröhlichem Lächeln und ich versuche mir einzureden, dass die Jungs die filmische Handlung stark von ihrer Zuneigung zu Frauen unterscheiden können. Der Film endet natürlich trotzdem mit Happy Ending, statistisch gesehen lässt sich der kulturelle Unterschied zu westlichen Happyends vor allem damit erklären, dass es nicht einen einzigen Kuss im Film zu sehen gab und einzig die Vergewaltigungsszene zeigte weibliche Körperteile zwischen Knie und Hals. Ansonsten waren die Damen entsprechend zugeknöpft und die Herren dieser degenerierten Geschlechtervorstellung spielten Schaulaufen mit Muskelpartien die man sonst nur von ehemaligen kalifornischen Gouverneuren kennt.

Mein Unverständnis der philippinischen Sprache und Gewaltmentalität konnte ich damit überspielen, dass ich mich auf meine Umgebung konzentrierte. Die Kabine vom Messman, und auch aller anderen Crewmitglieder war nicht einmal halb so groß wie meine. Der Boden ist mit Linoleum ausgelegt, es gab einen Tisch, ein Bett mit nur einem Meter Breite, ein Sofa mit Lederimitatbezug, hinter mir ein Schrank, natürlich Toilette und Dusche, aber wirklich geräumig waren die maximal zehn Quadratmeter nicht. Er hielt sein Zimmer auch recht chaotisch in Schuss, sprichwörtlich macht er seinem Namen alle Ehre (wenn man die Doppeldeutigkeit von Mess hinzuzieht). An den Wänden hat er, nicht zu knapp, alle möglichen Bilder von Mutter Maria aufgehängt, die ebenfalls schwer erträglich mit den zuvorigen Reaktionen auf die weibliche Herrschaft in Einklang zu bringen sind. Allgemein hat er nicht viele Kleider mit sich, was angesichts seines Arbeitsaufwands in Dienstgewändern auch nicht nötig macht. Sein Vertrag geht über zehn Monate, in denen er eigentlich komplett durcharbeitet, von sechs Uhr morgens bis mittags um eins, zwei Stunden Pause und nochmal bis 20:00 Uhr, oder eben so lange, bis die Küche sauber ist. Hier hilft er hauptsächlich aus, putzt aber auch die Kammern der Offiziere, hält die Lagerräume inventurgerecht und ist für die Reinlichkeit der öffentlichen Örtlichkeiten zu begeistern gewesen. Das ganze sieben Tage am Stück, die letzten neuneinhalb Monate auf See. In Barcelona, so sieht es sein Honorarvertrag aus, geht er mit vier weiteren seiner Lands- und Leidensmänner von Bord in den wohlverdienten – längst überfälligen – Urlaub mit seiner Familie in seiner Heimat. Neben mir liegt auch schon sein gepackter Koffer und er freut sich immens von diesem Schiff runterzukommen. Diesem diente er, ohne jemals eine Miene des Verdrusses zu zeigen, als Messman, dem untersten Rang, dem härtesten Job und der miesesten Bezahlung. Warum nur gehören in unserer Welt, seit Menschengedenken und seit es Arbeit, ob nun durch Versklavung oder gegen Bezahlung, diese drei Attribute unweigerlich immer zusammen?

Nach seinem Urlaub wird er von der Firma befördert und wird seinen nächsten Vertrag als Chief Cook antreten und die Illusion einer gerechten Welt, in der jeder alles erreichen kann, wurde befriedigt. Die Arbeitszeiten in der Gastronomie sind auch auf dem Schiff immer ein bisschen anstrengender, dafür bekommt er etwas mehr Aussteuer und das Prestige, die Mäuler der anderen stopfen zu dürfen. Glücklich macht ihn aber am meisten, dass er dann der jüngste Chief Cook der Firma ist. In Manila hat er eigentlich Informatik und IT studiert, aber damit verdient man erst Recht kein Geld (Das Durchschnittseinkommen auf den Philippinen beträgt ein Sechstel von dem was er auf dem Schiff macht – 1.200 USD). An Bord gibt es einen weiteren ITler, zwei Grafikdesigner, einen studierten Historiker, alle aus dem Inselstaat in der Südsee. Dort garantiert das Studium  jedem den sozialen Aufstieg in die uns umgebende Stahlzelle.

Nach dem Film schauen wir uns noch ein paar Musikvideos  an und die Filipinos sind fasziniert davon, wie schnell man mit dem Zug in Berlin sein kann. Ich verabschiede mich in die Nacht mit dem Gedanken, dass diese zehn Monate in dieser Kammer, in diesem Turm, ohne Landgang, ohne Tag Pause für sehr viele Menschen, mich eingeschlossen, eine harte Prüfung wind, mit der man sich zwar irgendwie arrangieren wird, die aber auf ihre Art Spuren hinterlässt. Die Macht der Charterer über die Filipinos ist indes so groß, dass wenn diese einmal einen Vertrag ablehnen, sie keinen weiteren mehr angeboten bekommen. Wenn der Messman Pech hat, kann es sein, dass er nach einer Woche direkt wieder auf ein Schiff muss. Im schlimmsten Fall kommt er erstmal auch gar nicht mehr davon runter.

8. April

Der letzte blaue Seetag begrüßt uns mit feinstem Sonnenstrahlen, leichter Bewölkung und einer noch aufzuheizenden Kälte. Mich packt die Freude auf Hafeneinfahrt, bei freier Sicht, soweit mein Auge zu sehen vermag. Ich stehe ungewohnt früh auf, mache meine Dehnübungen und erkunde heute die Bugdeckung, klettere die Leiter hinauf, kämpfe mich durchs Schmierfett der Heavywaveschleuse und stehe auf einer terrassenähnlichen grauen Stahlhaube ganz vorne. Es ist der Mercedesstern des Schiffes, der mit Abstand friedlichste Ort auf diesem Wasserschlitten. Die Wellen plätschern leise, die Sonne vereinnahmt den ganzen Platz, kein Fleckchen Schatten. Wir gleiten wie auf Schienen über das Wasser, kaum eine Welle ist zu spüren. Ich ärgere mich, dass ich hier noch nicht früher hingekommen bin, spare mir noch ein bisschen Freude über die Oase für den Nachmittag auf, da meine Haut nach zehn Kabinentagen die Sonne erst wieder anständig begrüßen muss. Erste Landstriche werden für vier Uhr am Horizont angekündigt.

Gibraltar 1Aus meinem Mittagsschlaf muss ich mich wachzwingen, laufe verdutzt durch die Deckreinigende Crew und sehe ganz in der Ferne die ersten Gebirgsketten Marokkos. Keine Wolke am Himmel verstellt den Blick, ich packe meine Sachen, eile von der Ungeduld der Aussicht getrieben nach vorne und schaue auf die Einfahrt zur Straße von Gibraltar. Der Verkehr nimmt zu, die Zivilisation grüßt mit Kondensstreifen am Himmel, die die Wege der Ferienflieger zeichnen, alle Arten von Frachtern und Tankern, die Fähre nach Gran Canaria kommt uns entgegen. Mich ergreift die Freude des Abkommens, es ist der Sinkflug zur Landung, die Ansage des letzten Bahnhofs, wir fahren unter dem Schild der Autobahnausfahrt hindurch, dass Algeciras ankündigt, nach dem wir die letzten Tage nur an den Kilometerangaben vorbeigezuckelt sind. Die Zeit vergeht wie im Flug mit alle der Bewegungstragik, die wie Fixpunkte, eine Einschätzung unseres eigenen Fortbewegens wieder ermöglichen. Durch das Abendessen wird mir eine halbe Stunde geklaut, ich frage mich, warum ich es nie in Betracht zog, einfach eine Mahlzeit am Tag auszulassen.

Ich gehe auf die Brücke, hier herrscht ungewohnt hektisches Treiben. Auf dem Zwölfmeilenradar werden in dem digitalen Meeresblau mehr als 20 Schiffe geortet, Land ist noch keines, in gelblichen Farbfeldern dargestellt, zu sehen. Europa und Afrika trennen an der dünnsten Stelle etwas mehr als 40 Kilometer und wir Gibraltar 2halten immer noch perfekt zentriert darauf zu. Marokko kommt als erstes deutlich näher, der Berg Moses (Jebel Musa) erhebt sich auf knapp 900 Meter, wir fahren an der Hafenstadt Tangier vorbei, die Kräne sind alle nach oben geklappt und stehen still. Hinter Tangier erheben sich die Hügel mit Wäldern und grünen Wiesen, von denen ich niemals annahm, dass es in Marokko welche geben würde. Der Schiffsverkehr nimmt immer mehr zu, es ist Rushhour. Alle auf der Brücke konzentrieren sich auf die uns kreuzenden, zahllosen Fähren, die Mensch und Maschine zwischen den Kontinenten verbinden. Auf der linken Seite erhebt sich der markante Felsen von Gibraltar, als Pendant zu Goliath in Afrika, die Meersenge als Kampfarena der Erhebungen. Gibraltar 6Die von den Briten kontrollierte Landzunge begrenzt die natürliche Hafenbucht, auf der spanischen Seite hingegen wurde einer der größten Containerhafen der Welt hochgezogen. Vor uns reiht sich ein Schiff ein, über dessen Ausmaße ich bisher nur in den Nachrichten lesen durfte. 400 Meter Länge manövrieren knapp 16.000 Container ins Hafenbecken und die Brücke überspannt in 70 Metern Höhe die gesamte Breite des Schiffes, etwas mehr als 60 Meter, die Abmessungen unseres Bootes werden einfach verdoppelt. Unbeschreiblich gewaltige Ausmaße und Mengen an Gütern von denen ich keine Vorstellung hatte, was wir alles um den Globus tragen.

Algeciras 1Die Hafenszenerie versetzt mich in den Weltraum, in welchem in ähnlicher Weise und Utopie Raumschiffe diesen Ausmaßes gleichwohl ruhig und gemächlich durch einen Raum gleiten, der so viel Potential an Horizont eröffnet, das das Erstaunen über menschliche Schaffensqualitäten entflammt wird. Ich kann mich an nichts vergleichbares bewegliches an Land erinnern gesehen zu haben, dass diese Dimensionen hätte, Dimensionen die erst mit freier Sicht ihre Größe entfalten. Es kommt die Pilotin an Bord, auf Brücke und staunt mit dem Master über den Giganten vor uns, hinter uns ziehen zwei weitere Richtung offenen Atlantik an uns vorbei, auf dem schnellsten Weg vom Indischen Ozean in den Golf von Mexiko. Wir folgen der uns vorgefahrenen Route, die Pilotin erklärt uns, dass wir hinter dem Ozeanriesen und vor einer Nussschale, die halb so großAlgeciras 9 ist wie wir, anlegen. Einparken wäre der trefflichere Begriff, es ist eine Parklücke, wie bei der Fahrprüfung. Zum Koloss sind es zwölf Meter, zum Vordermann glücklicherweise drei mehr. Rückwärts in drei Zügen wird uns zwar nicht aufgetragen, dafür schaffen wir es in zwei, die Schlepper schieben uns seitlich an den Kai, nochmal volle Kraft voraus, damit wir den Tampon der Seaqueen mit dem klangvollen Namen ‘CMA CGM Kerguelen’ nicht vollsauen.

Die folgenden fünf Stunden nahm ich nur benommen wahr, da ich erschlagen bin von all den Geschehnissen hier. Algeciras ist der Heimathafen unseres, und so vieler anderen Schiffe, geographisch perfekt gelegen. Hier wird getankt, Essen aufgeladen, Müll entsorgt, Farben und Materialen finden ihren Weg an Deck. Parallel werden die Container aus der neuen Welt gelöscht und neue wieder geladen, das beginnt noch bevor alle Taue festgezurrt sind und das Schiff an den Kai kleben. Der Hafen ist sehr modern, in seinen Abwicklungsleistungen schneller und effektiver als Hamburg und die ganze Bucht ist darauf ausgerichtet, ihr Leben nach dem Hafen zu richten. Das System wird mir als halbautomatisch beschrieben, aus dem ‘Lager’ werden die Container voll computergesteuert nach vorne zum Kai gehievt, über Ladekräne von denen es pro Reihe zwei gibt, bei 15 Reihen. Dort abgelegt werden sie von drahtigen Metallspinnen mit sechs Rädern abgeholt und hinter die Schiffsladekräne gebracht, die doppelt so groß sind wie in Guadeloupe.

Die Anlegestelle in der Karibik erscheint mir im Vergleich überhaupt völlig steinzeitlich, wenn ich es mit diesem sterilen Operationstisch hier vergleiche. In der subtropischen Hitze der Gemütlichkeit liegen 4 Container aufeinander zum Bräunen in der Sonne, hier werden diese aufs doppelte gestapelt und unter den gemieteten Sonnenschirmen ist kaum mehr Platz um sein Wasserglas abzustellen. Dort gibt es Strandliegen in 30 Reihen, hier hat jeder vollautomatische Ladekran alleine acht unter sich aufgereiht.

Der Stress ist gewaltig, ausnahmslos alle sind genervt, ob an Land, oder an Bord. Alles was sich irgendwie mechanisch bewegt, gibt einen Signalton von sich, der an den Wecker im Morgengrauen nach einem Vollsuff erinnert, alles ist ständig in Bewegung. Bis um neun Uhr morgens sollen wir liegen, ich denke gar nicht an Schlaf, da meine Augen durch die Schlaflosigkeit  so oder so zutiefst gerötet sein werden. Die Geräuschkulisse schneidet mir den Weg zu meinem analytischen Denkversuch ab, wie diese Container ihren Weg dahin finden, wo sie hinsollen. Während vorne in nerv tötender Geschwindigkeit Lego gespielt wird, geht es hinten weitaus gemütlicher zu, da der schiffseigene Servicekran zum Glück nicht mehr hergibt.

Chief Cook und Messman freuen sich auf frisches Essen, Gurken, Tomaten, Salat und Karotten sind aufgebraucht. Leider sind auch wieder Pommes bestellt. Ich freue mich mit, da ich beim Entladen helfen darf. Selbst so eine bescheuerte Tätigkeit wie Kisten schleppen, muss der Master absegnen, er begründet es mit den versicherungstechnischen Gründen und dass ich entsprechend aufpassen soll. Einmal meinte er zu mir, wenn ich Drogen dabei hab, dann soll ich sie vor Algeciras entsorgen, weil er sonst in den Knast kommt, wenn an Bord welche gefunden werden. Es schien ihm egal zu sein, wie die Drogen ‘entsorgt’ werden.

Mit dem Hauskran werden die Paletten durch eine Öffnung, die kaum grösser ist, ein Stock tiefer unter das Poopdeck gehoben. Von dort gibt es zwei Türen, eine zu den Kühl- und Gefrierräumen und ins Trockenlager. So geht es los, die beiden, Max und ich, nach der zweiten Palette kommt ein junger Rumäne dazu, der die ganze Zeit am Fluchen ist. Seine Sprache scheint keine anderen Wörter zur Beschreibung der schweren Kisten und Pakete zu beinhalten. Nach einiger Zeit kommt der Master, gibt dem Chief Cook die Aufgabe, alles zu kontrollieren und ob auch geliefert, was bestellt wurde. Er taucht erneut auf, diesmal mit einer ausgedruckten E-Mail vom Recruitingbüro und der Mitteilung, dass die Fünf, die in Barcelona das Schiff eigentlich verlassen konnten, erst nach dem Trockendock von Bord gehen dürfen. Da dies den Messman betrifft, alle anderen aber sehr gut nachfühlen können, wie es ihm geht und das es sie auch treffen kann, oder schon hat, ist die Stimmung direkt im Eimer, der Rumäne ist ins englische gewechselt und kennt jetzt nur noch das Wort Motherfucker. Der Messman ist offensichtlich geknickt, hatte er gestern nach unserem Kinohighlight noch seiner Familie gemailt, dass er bald kommt, wendet sich aber pflichtbewusst dem auspacken zu und lässt sich auch bald nichts mehr von seiner Trauer anmerken. Die Welt, in der das Recruiting in Polen verwaltet wird,  der französische Charterer die Drittgrößte Reederei der Welt ist, der Eigentümer norwegischer Herkunft entspringt und die Geschäfte aus Deutschland in der Hamburger Elbchaussee geführt werden, ist heute für ihn zusammengebrochen. Draußen der Stress und der Zeitdruck, hier unten die Machtlosigkeit und das Heimweh, gefordert vom einundzwanzigsten Jahrhundert um Mensch und Material dahinzuschicken, wo ihnen der Größte Gewinn ausgesaugt wird.

Wir verstauen alles, was die Paletten hergaben, der Master taucht noch ein paar Mal auf, weil Zigaretten und Whisky fälschlicherweise hier unten gelandet sind. Die letzte Ladung ist die Einkaufsliste des Slopchests, der sitzt im Bond Store, ich nennen ihn fälschlicherweise Bondage Store, als ich frage wo wir hinmüssen, ein Fehler, den keiner so sieht. Hier werden Cola, Fanta, Bier Rauchwaren und Süßigkeiten gelagert, ich schiele auf das Paket mit der Rittersport Nusstrauberum. Der Master dankt uns fürs schleppen und übernimmt die Bestellannahme höchst persönlich, es erklärt auch sein unbestimmtes Treiben bei den Essenlagerräumen, da er von der Angst zerfressen ist, auch nur eine Zigarette könnte unentgeltlich zur Lunge geführt worden sein. Ein Mark-, Bein- und Stahldurchdringender Aufschrei hämmert gegen unser Trommelfell, der Chief Cook stellt gerade verzweifelt fest, dass die bestellten Tomaten nicht geliefert wurden.

Es ist schon nach Mitternacht, erste Spekulationen machen die Runde darüber, dass wir schon in einer Stunde mit dem Laden durch sein könnten. Ich beobachte einen übertrieben nervösen, kleinen Spanier, der wie gestochen alle verrückt macht, die er zu fassen kriegt. Die Hektik ist mir zu viel, ich lege mich in die Kabine, döse kurz weg und als ich wieder wach werde, fahren wir gerade schon wieder los, es ist halb drei Uhr morgens. Das war also ein Industriequicke: Der stählerne Dauerständer mit seinen wertvollen und rastlosen Spermien ehelicht seine fette, spanische Konkubine. Schnell verdientes Geld für sie, die es auch leicht hatte – nach acht Tagen einsamen Seemanns.

9. April

Das Mittelmeer präsentiert sich aalglatt bei gewohntem Sonnenschein. Hier zwischen Spanien und Marokko ist der Verkehr stromlinienförmiger, parallel ausgerichtet, wie auf einer Autobahn begegnen sich unzählige Schiffe, überholen einander, der Radar ist voll von Punkten und ihrem Wasserschweif. Wir, unseres Zeichens mit der vom Charterer ausgestatteten Lizenz zum Rasen nehmen die linke Spur, lassen Tanker und Bulker rechts liegen und ich sehe immer mehr Lastkraftschiffe von 400 Metern, von denen mir bisher nicht klar war, dass es überhaupt so viele gibt. Dieser Abschnitt zwischen Suez-Kanal und der Straße von Gibraltar birgt bald Staugefahren, wenn es im internationalen Handel von Gütern so weitergeht, dass man sich ein Kleeblatt im irländischen Frühling bestellt um damit im Neuseeländischen Winter die Schafe zu füttern, auf das sie wollig gedeihen und sprießen, damit die im südafrikanischem Herbst, die zupfenden Finger Minderjähriger nicht verkleben, weil der schwedische Winter nur kuschelig warm weitere Bestellungen ermöglicht. Der Containerfrachterbranche soll es nicht so gut gehen zurzeit, zu viele Schiffe, für zu wenig Nachfrage. Der Aufschrei lautet: Bitte kauft doch mehr, sonst rentieren sich unsere vier Fußballfelder nicht.

Ihr Wirtschaftsfeld gestalten, so entnehme ich löblich den Maritimenews, die Tankercharterer besser. Da sammeln sich nämlich vor dem Iran, dass seit dem Embargoende massenhaft Öl exportiert, ähnlich massenhaft die mobilen Tankstellen um abzupumpen, was ausgelaufen ist. Iran, das Land mit dem viertgrößten Ölvorkommen der Welt spült billiges Öl in die Welt und der Hafen von Bandar Abbas kann das Tankeraufkommen nicht mehr bewältigen, es kommt zu Wartezeiten von bis zu drei Wochen. Die benachbarten OPEC-Staaten streben bereits Beschwerdeverfahren an, da ihre Häfen auch voll sind mit Öl, die Tanker aber ausbleiben, da sie sich an die Gesetze der Marktwirtschaft halten und ihnen somit kein illegales Verhalten vorzuwerfen ist. Der Ölpreis scheint indes weiter zu sinken, und immer mehr Tanker saugen sich wie die Moskitos voll mit dem Blut der Weltwirtschaft, stechen in See, werfen Anker und warten darauf dass ein entsprechend gewinnbringender Preis bezahlt wird. Die Lager an Bord für Essen und Getränke sind für wochenlanges belagern der Rohstoffburgen gerüstet. Der Markt eitert und es bilden sich hässliche Blasen, die Versorgung mit Medikamenten zur Heilung der neusten Viren – nach Zika –  der die Menschheit zu vernichten droht, stockt, aber die Spekulanten verzeichnen immense Gewinne und sonnen sich an den Pools und züchten weiter neue Larven. Den armen Nachbarn bleibt nichts Weiteres übrig, als am Strand des Persischen Golfs zum Horizont zu blicken und den  mit dem gleichen, unglücklichen Schicksal behafteten Matrosen herzlich zuzuwinken.

An Bord sind wieder alle beschäftigt, oder immer noch? Die meisten haben die Nachtschicht in den Samstagmorgen verlängert, und werden auch noch bis in den Nachmittag, bis kurz vor dem Abendessen um 17:00 Uhr auf den Beinen sein, um dann ins Wochenende entlassen zu werden. Sie alle machen Ihre Lohnzettel mit Überstunden voll, was sollen sie auch anderes machen als die Kessel mit Geld zu scheffeln. Beim Master wird bereits die neunte Stunde als Mehrzeit angerechnet, ein Ordinary Seaman darf sich ab der zwölften Stunde seinen Extralohn nach Hause zur Familie schicken lassen. Sechs arme Matrosen, von den Kadetten bis zum Messman, sind hiervon jedoch ausgenommen und lesen jeden letzten eines Monats die gleiche, eintönige Zahl. Bei den grundsätzlich geringen Ausgaben an Bord bleibt somit zwar relativ viel hängen und Landgänge, die den Geldbeutel schrumpfen lassen, sind ebenfalls fast unmöglich. Fairerweise muss man hier dem Master anrechnen, dass er sich auch oft mit mehr als acht Stunden Papierarbeit begnügt, auch der erste Offizier geizt nicht mit Anwesenheitsstunden und ihm haftet mit der Überwachung und Kontrolle der generellen Fracht am meisten Verantwortung an. Für alle gilt, zumeist sieben Tage am Stück, jeden Tag ihres Vertrages.

KunschtIch vergnüge mich heute wieder auf dem Bugdach, zur Sonne gesellt sich Wärme. Algeciras hat jedoch ein stressiges Geschenk für mich geladen. In erster Reihe steht ein Kühlcontainer, der mir die Ruhe raubt mit seinem Lüfter, der durch die Hitze fast minütlich anspringt. Die harte Nacht steckt allen in den Knochen, hat alle etwas überrascht nach der langen Überfahrt durch die Einsamkeit. In den nächsten Tagen jedoch stehen viele Häfen auf dem Plan, mehr Zeit am Kai als auf dem Meer. Wir steuern auf Livorno zu, dann Genua, danach Fos-sur-mer östlich von Marseille und abschließend nach Barcelona, wo das Schiff leer sein muss um im Trockendock gewartet zu werden um dann von einem neuen Charterer übernommen zu werden. Man munkelt, es sei Maersk, dem größten Reederei auf unserem Erdball. Dieser ändert auch den Namen des Schiffes, was allem Aberglauben der maritimen Nostalgie einiger Hobbykapitäne zum Trotz kein größeres Pech nach sich zieht. Das Crewverbindende und atlantikquerende  Gesprächsthema wird mir erst durch die gestrige Nachricht verdeutlicht. Keiner weiß wann und vor allem wo das Schiff in den Trockendock geht, es kann überall sein. Einer wünscht sich Polen, der andere Türkei, keiner will nach Afrika, da sind sich alle einig. In der Hand haben sie es selber aber nicht, dass entscheidet das skandinavische Konsortium aus Eigner und Charterer. Für die Crewmitglieder, deren Verträge bis weit in den Sommer reichen, ist die Diskussion darüber zweitrangig, für die gestern gesteinigten werden die zwei Wochen Zugabe eine unmotivierte Zeit sein, da sie sich bereits auf ihre Heimat, ihre Familien und den wohlverdienten Urlaub eingestellt haben.

Seefahrt 9Welche Passage der Charterer bedient, darüber mehren sich die Spekulationen Asien betreffend, oder wieder zurück nach Südamerika, Chile über Brasilien befahrend. Ich bitte Max darum, mich auf dem Laufenden zu halten. Am Abend verabreden wir uns zum Pingpong, um neun Uhr abends schlummert allerdings alles friedlich in ihren Zellen, die Crew holt den verpassten Schlaf nach. Nach Mitternacht mache ich mich in aller Dunkelheit auf meinen Bugvorsprung auf um Sterne zu zählen. In kristallklarer Nacht eröffnet sich vor mir ein wundervoller Sternenhimmel, links neben mir von der spanischen Küste her in Höhe von Valencia glimmern die sich aneinanderreihend gewölbten Lichtglocken der elektrischen Müllhalden. Rechts vor mir mitten im Nichts leistet die Insel Ibiza ihren orangenebeligen Beitrag zum sternenarmen Himmel über menschlichen Anhäufungen des neuzeitlichen Zusammenlebens. Ein verrücktes und zudem aufhellend verwirrendes Schauspiel. Ich genieße erneut eine kurze Nacht, die mich aber nicht übermäßig zu belasten scheint. Es geht dem Ende entgegen, es fühlt sich danach an.

10. April

Seit Tagen spielen wir schon mit der Vorfreude, uns abends in Livorno in eine Bar aufzumachen. Der Messman schwärmt von einer in Fußnähe gelegenen Bar, der einzigen in Europa, die ohne Taxi zu erreichen ist. Ich ziehe ihn damit auf, dass er ein Mädchen dort hat, Max meint, es wäre wegen dem Wifi. Ich werde vielleicht schon früher losgehen um durch Livorno zu schlendern. Wir fahren an Mallorcas nordöstlicher Gebirgskette vorbei, auch heute ist der Himmel gewohnt blau und wolkenfrei, dafür ist es aber spürbar kälter. Es ist ein ruhiger Sonntag, der Raum für Gespräche offenlägest. Aus den Kabinen drängen alle Arten von Geräuschen auf die Gänge, jeder ist damit beschäftigt, sich zu erholen und hört Musik, schaut  einen Film oder beschäftigt sich wie sich immer mit seinem digitalen Spielzeug. Es ist das erste Mal, dass ich seit unserer Abfahrt in Turbo die gesammelte Crew nur hinter ihren Türen, diese Kulisse bietend, erlebe.

Im Crewraum neben der Küche treffe ich den Bosun, der seinen grünen Tee zum Ausspülen trinkt und Zigaretten raucht. Auch er will mitkommen morgen um mal wieder mit seiner Familie zu sprechen und auf Facebook die neusten Nachrichten seiner Freude zu verfolgen. Nach seiner dritten Kippe verabschiedet auch er sich zum Mittagsschlaf und ich folge der allgemeinen Sonntagsnachmittagsstimmung. Auch das Mittelmeer bietet das allumspannende Blau. In der Ferne ist kein Küstenabschnitt und kein Gebirgshügel zu erkennen.

Am Abend, der Slopchest hat noch einmal geöffnet, bestelle ich Bier und Zigaretten als Dankeschön für die Crew, mache mit dem Master meine Dollarabrechnung meiner Einkäufe und spreche mit ihm die Details meines entborden in Genua ab.

11. April

Livornos Hafen ist vor allem als Autoumschlagplatz bekannt, ansonsten recht beschaulich und italienisch gemütlich. Wir fahren am Stadtzentrum vorbei und ich sehe die für das Mittelmeer typischen Yachthäfen mit allen Arten an schwimmenden Luxustempeln. Auch typisch sind die Fähren und Kreuzfahrtschiffe, die Tagsüber anlegen, einen Stadtspaziergang erlauben und nachts zur nächsten Stadt hetzen.

Die Fähren gehen von hier fast überall hin und ich überlege mir schon, dass ich das nächste Mal nach Barcelona eben nicht fliege. Der Pilot führt uns durch eine sehr enge Einfahrt zu unserem Kai, obwohl der Hafen eigentlich direkt an der Küste liegt, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt, aber mit den Betonwällen gegen die Wellen abgeriegelt. Ein bisschen Flair des Mittelalters konnte konserviert werden, es gibt Leuchttürme aus der Römerzeit, ein Kornspeicher wirkt riesig, wie er in das Dreieck zwischen den Molen eingequetscht wurde. Man sieht die Kreuzfahrer in der Schlange anstehen, um das innere abzufotografieren.

Livorno 2Auf dem Schiff werde ich dann für den Nachmittag gefangen gehalten, da ich trotz Schengen Papiere nicht an Land darf. Die Immigration war noch nicht an Bord und wer mit dem Schiff kommt unterliegt strengeren Regeln, da die meisten Schiffe Menschen beschäftigen, die Zuflucht in unseren reichen Gegenden suchen könnten. Wofür der Master wieder in den Knast kommt und bis zur offiziellen Freigabe keinen von Bord lässt. So werden mir ärgerliche drei Stunden geklaut, die ich Pizza essend und Espresso trinkend auf der Via Grande verbringen könnte. Als Entschädigung gibt’s Schiffsküche, Lachs zum Abgewöhnen. Inzwischen gesellen sich die Feierabendler zu mir, die ebenfalls auf die Immigration warten und sich ärgern, dass sie nichts ans Wifi können. Um halb sechs ist es soweit, alle stürmen Richtung Hafentor. Max, der Bosun, der sich unserer angenommen hat, und ich, überholen alle weil der Filipino “Hey Amigo!” zu einem senegalesischen Lastwagenfahrer ruft, der uns mit nach vorne nimmt. Noch nie auf dem Frachtschiff, noch nie in einem richtigen Truck – alles abgehackt jetzt. Der Senegalese, der seit 22 Jahren in Pisa wohnt, versteht sich blind mit dem Bosun. Es sind diese Momente, wo ich mir wünsche, schlechtes Englisch zu sprechen, und nicht nachdenke, wie groß die Welt eigentlich ist, sondern nur schaue, dass ich von A (meiner Arbeit) zu B (meiner Familie, meinem Bier, meinem Internet) komme. Ich halte mich für privilegiert, dabei bin ich die arme Sau.

Crew 4Die Spelunke hat nichts an sich, was man sich unter Hafenkneipe vorstellt. Es ist ein Kiosk, die Italiener stinken gegen ihre eigene schlechte Laune an, spielen Automaten und hören Alpentechno. Es wird als Trattoria gepriesen, aber das Essen sieht schlimmer aus als auf dem Schiff. Wenn der Messman wirklich ein Mädchen hier haben sollte, dann muss er viel bezahlen, um sie hier her zu bekommen. So langsam trudeln dann auch die anderen ein, um mitgeteilt zu bekommen, dass das Internet nicht funktioniert. Ich sehe echte Bestürzung in ihren Augen, das Leben ist nicht fair. Aus einer Position heraus mit meinem Handyvertrag seit drei Tagen schon wieder Internet zu haben, kichert die Schadenfreude in mir. Dann haben wir Zeit für ein paar mehr Bier und echte Gespräche, anstatt das alle auf ihre 20 Quadratzentimeter glotzen und Nackenschmerzen davon bekommen. Es entwickelt sich eine gewisse Dynamik in die von mir gewünschte Richtung, kommt wegen der Enttäuschung, und dem ständigen kontrollieren, ob das Wifi nicht doch zufällig angesprungen ist, aber nicht ganz in Fahrt. Als der litauische Familienvater schreit, das Internet geht wieder, beginnt ein Freudenfest, geschmückt mit Jubelarien und Freibier. Ich fühl mich wie auf der Nature One und alle um mich herum sind auf Ecstasy, nur ich, ich trink mein Bier und meine Schadenfreude lacht mich herzlichst aus. Max ist dennoch mit mir und ich frage ihn weiterhin über alles Mögliche aus, da er von der Schiffadministration abseits des Meeres trotz seiner jungen Jahre am meisten zu verstehen scheint. Er darf im Unterschied zu den anderen in vier Tagen in Barcelona von Bord, fliegt einen Tag nach Hamburg, um direkt weiter nach Lissabon zu starten, wo er die nächsten sechs Monate auf einem Segelkreuzschiff durch Europa tourt. Ich muss meine erste Einschätzung von ihm revidieren, er ist bisher ganz gut rumgekommen in Europa, auch ohne seine Eltern, hat mit 17 ein Praktikum bei einer andere Reederei in München absolviert und ist eigenständig über Manchester an die schottische Grenze geflogen, um sich dort eine Universität anzuschauen, an der er vielleicht studieren will. Von Hamburg benötigt er acht Stunden. Auch St. Gallen zieht er in Betracht, er will die beste Hochschulausbildung genießen und es ist ihm nicht zu vergönnen.

Livorno 6Dann kommen ein paar Nachzügler, auch aus der Gastronomie, die sich einen späteren Feierabend erarbeiten durften, wir bestellen ein Taxi und ab geht es in die Stadt, Pizza essen, weiter Bier trinken. Um fünf vor acht steigen wir aus dem Taxi und versuchen durch die Stadt rennend noch das kaputte Ladekabel aufzutreiben, das den armen Filipino immer in die Arme des ersten Offiziers treibt, der das gleiche Modell hat, um nicht komplett zu veröden. Aber der europäische Wahnsinn, dass alle Geschäfte noch vor Anbruch der Dunkelheit ihre Tore schließen, kann unseren philippinischen Freunden nicht so recht verständlich gemacht werden. Die Stadt ist auf Heerscharen von modernen Kreuzrittern ausgelegt, eine Dutyfreezone des schlechten Geschmacks. Wir finden eine Enklave italienischer Lebensfreude, eine Fußballkneipe, gekleidet in dunklem Holz und verziert mit Mannschaftsportraits der hiesigen Calcios. Die Pizza kommt nicht im Kreis, dafür quadratisch, praktisch und vorzüglich. Unsere Italienischkenntnisse stehen Crew 6den Englischkenntnissen der Kneipencrew in nichts nach, aber die Zeichensprache füllt unsere Gläser mit goldenem Saft und schmückt den Teig mit Tomatensoße, Rucola, Parmesan und etlichen weiteren Köstlichkeiten. Eine Auswahl die unseren Gaumen verwöhnt. Wir schlingen als ob wir tagelang nicht gegessen hätten, die Filipinos freuen sich, ihre erste authentische Pizza jetzt probieren zu dürfen. Im Fernmeldeparat liegt die Roma zurück gegen Bologna, und der mit Familien vollgestopfte Laden schreit auf. Mehrere Generationen quetschen sich auf die Holzbänke und die Herzlichkeit, wie sie sich in die Backen kneifen, wird nur dadurch unterbrochen, dass das free Wifi den Messman dazu einlädt, Wrestlingclips mit seinem Kollegen zu teilen. Der dritte im Bunde chattet mit seinem Bruder in der Heimat und kriegt sich kaum mehr ein, so freudig ist das digitale Wiedersehen. Sie alle haben seit einem vollen Monat nicht mehr tippen dürfen.

Wir bleiben noch etwas sitzen, erleben die Atmosphäre des sympathischen Ristaurante – oder die weite Welt des Internets – und wollen aber dann unser Glück nochmal in einer anderen Bar zu versuchen. Livorno ist Montagabends allerdings nahezu ausgestorben. Livorno Nacht 4Wir laufen durch die Gassen und werden mit unserer Suche nicht belohnt, treffen auf ein paar Grüppchen, die sich aber am Kanal entlang auf die Mauern gesetzt haben, vor Restaurants stehen, die gerade schließen, oder ein Feuerzeug nach uns schmeißen. Wir rufen ein Taxi, um die anderen in der schmucklosen Hafenspelunke aufzugreifen um zumindest dort noch ein Bier zu schlückeln. Der Messman ahnt es schon, als wir ankommen und die anderen im Dunkeln sitzen, die Türen sind ebenfalls verschlossen, nach den Läden sterben auch die Kneipen und die Filipinos schaffen es als zahlende Kundschaft nicht, den Wirt von einer weiteren Runde zu überzeugen. Das Wifi allerdings funktioniert einwandfrei, daher sind die braunen Gesichter hellerleuchtete Punkte auf einer Terrasse mit Gartenmöbeln, die dir vorbeiziehenden Lastwagen mit den gerade entladenen Container zum Wackeln bringen. Ein kurzes Stück zuvor hab ich noch eine Kantine gefunden, die acht Bier spendet, wir sitzen noch ein Weilchen und laufen zurück zum Schiff, im Rucksack vom Messman drei Birra Moretti, die ich mir für den Weg nach Genua morgen bunkere.

Auf dem Deck lichten sich die Reihen der Container, die Cargo Holds sind offen und ich will einen Blick hineinwerfen. Der dritte Offizier hält mich allerdings zurück und sagt, der Master hat schon mit ihm gemeckert, warum ich während der Ladevorgänge überhaupt hier sei. Ich werde ins Bett geschickt, dass Schiff liegt ruhig im Hafen, in Livorno ist das zu bewältigende Arbeitspensum mein Grund für übertriebene Panik und die Nacht sagt dem Abend vielen Dank für seine frohe Tat.

12. April

Mein Wecker snozzed penetrant eine dreiviertel Stunde um mich wachzukriegend, aber ich will irgendwie nicht so richtig aufstehen. Zum einen drückt der Gerstensaft auf die Blase und beauftragte den Alkohol einen Scherbenhaufen an Gehirnzellen zu produzieren. Zum anderen ist heute der letzte Tag, auf See zumindest, wir planen um 18:00 Uhr in Genua einzulaufen, und ich weiß nicht recht, ob ich wirklich runter will, ob es das schon das Ende sein soll. Auf der anderen Seite freue ich mich auch riesig auf ein Stückchen Heimat, die sich im Frühling befindet, der Sommer steht bevor. Ich kann ja weitertuckern, wenn’s wieder kälter wird. Da Livorno an sich eigentlich sehr unspektakulär ist, beschäftige ich mich in meiner Kabine mit ein wenig Organisation meines Tragegerätes, telefoniere mit ein paar Menschen, deren Stimme ich schon ewig nicht mehr gehört habe und bin wirklich froh, nach Hause zu fahren.

Genua Hafen 1Der Messman und Max wollen heute Abend wieder raus, ich finde es ebenfalls sehr gut, es ist fast so etwas wie Abschiedsabend. Dem Ablegen zuzuschauen fühlt sich an wie Routine, die Sonne kommt raus und treibt die Wolken wie eine Viehherde vor sich her auf die Meeresprärie. Und ehe ich es begreifen konnte, standen wir vor Genua, warten auf den Piloten und ich sitze in der Abendsonne ein letztes Mal auf meiner Bugabdeckung, die so viel Wärme und Aussicht spendete. Genua wirkt gigantisch, wie es sich an der Küste entlangzieht und das Hinterland hinaufklettert, die romanischen Häuser zieren die Stadtpromenade, eins herrschaftlicher und prachtvoller als das andere mit den hellen, elfenbeinigen Fassaden und den typischen roten Dächern. Die verzierten und verschnörkelten Fensterrähmen sind selbst aus der Ferne zu erahnen und geben den Häusern ihren unverkennbaren Stil, der mich direkt ins Mittelalter versetzt und ich mir fast bildlich vorstellen kann, wie diese Stadt damals lebendig gewesen sein muss. Eine Hafenstadt bis in die letzte Ader, von den ankommenden Matrosen, die ihren Sold in den Rachen der Wirte und die Brüste der Wirtsfrauen steckten, die Handelsfahrer, die Zimt, Tee oder Perlen an die Aristokraten verhökern, den Kapitänen, Entdeckern, Handlangern und Rumlungerern. Genua war sich nie zu schade, nur das Beste für sich zu wollen.

Genua Hafen 8Und heute, nachdem wir den alten Hafen und den Palazzo San Giorgio passiert haben, öffnet Italiens wichtigster und größter Hafen seine Arme um uns zu empfangen und mit seiner Vergangenheit zu prahlen. Rechts neben uns sehen wir das Wrack der Costa Concordia, welche hier verschrottet wird, wir legen an, und die gleiche Hektik wie in Algeciras greift um sich, nur weitaus chaotischer und wilder. Die Container werden fast vom Schiff geschmissen, irgendwo hingestellt oder neben dem Schiff aufeinandergestapelt. Wenn man am Kai steht und in die Luft zu den Kränen sieht, dann ergreift einen hier die Angst, wenn der Container in 40 Metern über einem baumelt und der Kranfahrer nicht mehr weiß wohin damit, da es keinen Platz gibt. Selbst auf dem Schiff erzittert mein Kabinenboden, wenn ein Tifoso den Container gerade aus einem halben Meter auf den Boden fallen gelassen hat. Es sieht alles ein bisschen fertiger, ein wenig heruntergekommener und viel abgenutzter aus, als es bisher der Fall war. Hier haben die Hafencrews noch weniger Lust am Arbeiten, lassen ihren Frust an den Maschinen und Gütern aus, die durch ihre Hände gleiten und haben Spaß an Dellen und Krach.

Genua Hafen 7Im Cargo Office versammeln wir uns dann so langsam um loszuziehen, Seamansclub soll das Ziel sein. Ein Club, eine Bar? Zumindest für Seefahrer und wahrscheinlich nur Seefahrer. Der erste Offizier hängt am Telefon und verkündet dann, dass nur die Europäer an Land dürfen, die Immigration hat heute schon zu und kann erst morgen aufs Schiff kommen. Nur morgen ist zu spät, nicht für mich, für die Filipinos und den Inder, die sich freuen, rauszukommen, so wie gestern, wo auch nicht alle dabei waren. Wir fragen nochmal nach, nur Europäer dürfen nach Europa, der Rest darf sich wieder in seine Zelle sperren und hinter sich die Schlüssel umdrehen. Sie verkraften es mit äußerlicher Ruhe und lassen sich ihre Enttäuschung einfach nicht anmerken. Sie drehen um, gehen die Treppen zurück und wir stehen zu viert da, gar nicht mehr so bereit, in die Stadt gehen zu wollen. Es fühlt sich so an, als ob sie sich daran gewöhnt hätten, scheiße und ungerecht behandelt zu werden und es deswegen mit stoischer Gleichgültigkeit über sich ergehen lassen. Max und mir versaut es die Laune, wir fahren in die Stadt, begnügen uns mit Pizza, kaufen Kekse, aber all das macht keinen Spaß und ich habe auch keine große Lust. Das war ein Knick, das tat weh so hautnah mit zu erleben. Hier kommen jeden Tag hunderte von Schiffen an, alle mit nicht europäischen Crews, weil die Verdienste auf einen Hungerlohn gedrückt werden müssen damit der Eigentümer sein Investment finanziert bekommt und die Immigration in Italien ernennt Öffnungszeiten, die es unmöglich machen den Schuftenden auch nur einen Abend Freizeit zu genießen, die nicht aus Stahl besteht.