9. April

Das Mittelmeer präsentiert sich aalglatt bei gewohntem Sonnenschein. Hier zwischen Spanien und Marokko ist der Verkehr stromlinienförmiger, parallel ausgerichtet, wie auf einer Autobahn begegnen sich unzählige Schiffe, überholen einander, der Radar ist voll von Punkten und ihrem Wasserschweif. Wir, unseres Zeichens mit der vom Charterer ausgestatteten Lizenz zum Rasen nehmen die linke Spur, lassen Tanker und Bulker rechts liegen und ich sehe immer mehr Lastkraftschiffe von 400 Metern, von denen mir bisher nicht klar war, dass es überhaupt so viele gibt. Dieser Abschnitt zwischen Suez-Kanal und der Straße von Gibraltar birgt bald Staugefahren, wenn es im internationalen Handel von Gütern so weitergeht, dass man sich ein Kleeblatt im irländischen Frühling bestellt um damit im Neuseeländischen Winter die Schafe zu füttern, auf das sie wollig gedeihen und sprießen, damit die im südafrikanischem Herbst, die zupfenden Finger Minderjähriger nicht verkleben, weil der schwedische Winter nur kuschelig warm weitere Bestellungen ermöglicht. Der Containerfrachterbranche soll es nicht so gut gehen zurzeit, zu viele Schiffe, für zu wenig Nachfrage. Der Aufschrei lautet: Bitte kauft doch mehr, sonst rentieren sich unsere vier Fußballfelder nicht.

Ihr Wirtschaftsfeld gestalten, so entnehme ich löblich den Maritimenews, die Tankercharterer besser. Da sammeln sich nämlich vor dem Iran, dass seit dem Embargoende massenhaft Öl exportiert, ähnlich massenhaft die mobilen Tankstellen um abzupumpen, was ausgelaufen ist. Iran, das Land mit dem viertgrößten Ölvorkommen der Welt spült billiges Öl in die Welt und der Hafen von Bandar Abbas kann das Tankeraufkommen nicht mehr bewältigen, es kommt zu Wartezeiten von bis zu drei Wochen. Die benachbarten OPEC-Staaten streben bereits Beschwerdeverfahren an, da ihre Häfen auch voll sind mit Öl, die Tanker aber ausbleiben, da sie sich an die Gesetze der Marktwirtschaft halten und ihnen somit kein illegales Verhalten vorzuwerfen ist. Der Ölpreis scheint indes weiter zu sinken, und immer mehr Tanker saugen sich wie die Moskitos voll mit dem Blut der Weltwirtschaft, stechen in See, werfen Anker und warten darauf dass ein entsprechend gewinnbringender Preis bezahlt wird. Die Lager an Bord für Essen und Getränke sind für wochenlanges belagern der Rohstoffburgen gerüstet. Der Markt eitert und es bilden sich hässliche Blasen, die Versorgung mit Medikamenten zur Heilung der neusten Viren – nach Zika –  der die Menschheit zu vernichten droht, stockt, aber die Spekulanten verzeichnen immense Gewinne und sonnen sich an den Pools und züchten weiter neue Larven. Den armen Nachbarn bleibt nichts Weiteres übrig, als am Strand des Persischen Golfs zum Horizont zu blicken und den  mit dem gleichen, unglücklichen Schicksal behafteten Matrosen herzlich zuzuwinken.

An Bord sind wieder alle beschäftigt, oder immer noch? Die meisten haben die Nachtschicht in den Samstagmorgen verlängert, und werden auch noch bis in den Nachmittag, bis kurz vor dem Abendessen um 17:00 Uhr auf den Beinen sein, um dann ins Wochenende entlassen zu werden. Sie alle machen Ihre Lohnzettel mit Überstunden voll, was sollen sie auch anderes machen als die Kessel mit Geld zu scheffeln. Beim Master wird bereits die neunte Stunde als Mehrzeit angerechnet, ein Ordinary Seaman darf sich ab der zwölften Stunde seinen Extralohn nach Hause zur Familie schicken lassen. Sechs arme Matrosen, von den Kadetten bis zum Messman, sind hiervon jedoch ausgenommen und lesen jeden letzten eines Monats die gleiche, eintönige Zahl. Bei den grundsätzlich geringen Ausgaben an Bord bleibt somit zwar relativ viel hängen und Landgänge, die den Geldbeutel schrumpfen lassen, sind ebenfalls fast unmöglich. Fairerweise muss man hier dem Master anrechnen, dass er sich auch oft mit mehr als acht Stunden Papierarbeit begnügt, auch der erste Offizier geizt nicht mit Anwesenheitsstunden und ihm haftet mit der Überwachung und Kontrolle der generellen Fracht am meisten Verantwortung an. Für alle gilt, zumeist sieben Tage am Stück, jeden Tag ihres Vertrages.

KunschtIch vergnüge mich heute wieder auf dem Bugdach, zur Sonne gesellt sich Wärme. Algeciras hat jedoch ein stressiges Geschenk für mich geladen. In erster Reihe steht ein Kühlcontainer, der mir die Ruhe raubt mit seinem Lüfter, der durch die Hitze fast minütlich anspringt. Die harte Nacht steckt allen in den Knochen, hat alle etwas überrascht nach der langen Überfahrt durch die Einsamkeit. In den nächsten Tagen jedoch stehen viele Häfen auf dem Plan, mehr Zeit am Kai als auf dem Meer. Wir steuern auf Livorno zu, dann Genua, danach Fos-sur-mer östlich von Marseille und abschließend nach Barcelona, wo das Schiff leer sein muss um im Trockendock gewartet zu werden um dann von einem neuen Charterer übernommen zu werden. Man munkelt, es sei Maersk, dem größten Reederei auf unserem Erdball. Dieser ändert auch den Namen des Schiffes, was allem Aberglauben der maritimen Nostalgie einiger Hobbykapitäne zum Trotz kein größeres Pech nach sich zieht. Das Crewverbindende und atlantikquerende  Gesprächsthema wird mir erst durch die gestrige Nachricht verdeutlicht. Keiner weiß wann und vor allem wo das Schiff in den Trockendock geht, es kann überall sein. Einer wünscht sich Polen, der andere Türkei, keiner will nach Afrika, da sind sich alle einig. In der Hand haben sie es selber aber nicht, dass entscheidet das skandinavische Konsortium aus Eigner und Charterer. Für die Crewmitglieder, deren Verträge bis weit in den Sommer reichen, ist die Diskussion darüber zweitrangig, für die gestern gesteinigten werden die zwei Wochen Zugabe eine unmotivierte Zeit sein, da sie sich bereits auf ihre Heimat, ihre Familien und den wohlverdienten Urlaub eingestellt haben.

Seefahrt 9Welche Passage der Charterer bedient, darüber mehren sich die Spekulationen Asien betreffend, oder wieder zurück nach Südamerika, Chile über Brasilien befahrend. Ich bitte Max darum, mich auf dem Laufenden zu halten. Am Abend verabreden wir uns zum Pingpong, um neun Uhr abends schlummert allerdings alles friedlich in ihren Zellen, die Crew holt den verpassten Schlaf nach. Nach Mitternacht mache ich mich in aller Dunkelheit auf meinen Bugvorsprung auf um Sterne zu zählen. In kristallklarer Nacht eröffnet sich vor mir ein wundervoller Sternenhimmel, links neben mir von der spanischen Küste her in Höhe von Valencia glimmern die sich aneinanderreihend gewölbten Lichtglocken der elektrischen Müllhalden. Rechts vor mir mitten im Nichts leistet die Insel Ibiza ihren orangenebeligen Beitrag zum sternenarmen Himmel über menschlichen Anhäufungen des neuzeitlichen Zusammenlebens. Ein verrücktes und zudem aufhellend verwirrendes Schauspiel. Ich genieße erneut eine kurze Nacht, die mich aber nicht übermäßig zu belasten scheint. Es geht dem Ende entgegen, es fühlt sich danach an.

10. April

Seit Tagen spielen wir schon mit der Vorfreude, uns abends in Livorno in eine Bar aufzumachen. Der Messman schwärmt von einer in Fußnähe gelegenen Bar, der einzigen in Europa, die ohne Taxi zu erreichen ist. Ich ziehe ihn damit auf, dass er ein Mädchen dort hat, Max meint, es wäre wegen dem Wifi. Ich werde vielleicht schon früher losgehen um durch Livorno zu schlendern. Wir fahren an Mallorcas nordöstlicher Gebirgskette vorbei, auch heute ist der Himmel gewohnt blau und wolkenfrei, dafür ist es aber spürbar kälter. Es ist ein ruhiger Sonntag, der Raum für Gespräche offenlägest. Aus den Kabinen drängen alle Arten von Geräuschen auf die Gänge, jeder ist damit beschäftigt, sich zu erholen und hört Musik, schaut  einen Film oder beschäftigt sich wie sich immer mit seinem digitalen Spielzeug. Es ist das erste Mal, dass ich seit unserer Abfahrt in Turbo die gesammelte Crew nur hinter ihren Türen, diese Kulisse bietend, erlebe.

Im Crewraum neben der Küche treffe ich den Bosun, der seinen grünen Tee zum Ausspülen trinkt und Zigaretten raucht. Auch er will mitkommen morgen um mal wieder mit seiner Familie zu sprechen und auf Facebook die neusten Nachrichten seiner Freude zu verfolgen. Nach seiner dritten Kippe verabschiedet auch er sich zum Mittagsschlaf und ich folge der allgemeinen Sonntagsnachmittagsstimmung. Auch das Mittelmeer bietet das allumspannende Blau. In der Ferne ist kein Küstenabschnitt und kein Gebirgshügel zu erkennen.

Am Abend, der Slopchest hat noch einmal geöffnet, bestelle ich Bier und Zigaretten als Dankeschön für die Crew, mache mit dem Master meine Dollarabrechnung meiner Einkäufe und spreche mit ihm die Details meines entborden in Genua ab.

11. April

Livornos Hafen ist vor allem als Autoumschlagplatz bekannt, ansonsten recht beschaulich und italienisch gemütlich. Wir fahren am Stadtzentrum vorbei und ich sehe die für das Mittelmeer typischen Yachthäfen mit allen Arten an schwimmenden Luxustempeln. Auch typisch sind die Fähren und Kreuzfahrtschiffe, die Tagsüber anlegen, einen Stadtspaziergang erlauben und nachts zur nächsten Stadt hetzen.

Die Fähren gehen von hier fast überall hin und ich überlege mir schon, dass ich das nächste Mal nach Barcelona eben nicht fliege. Der Pilot führt uns durch eine sehr enge Einfahrt zu unserem Kai, obwohl der Hafen eigentlich direkt an der Küste liegt, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt, aber mit den Betonwällen gegen die Wellen abgeriegelt. Ein bisschen Flair des Mittelalters konnte konserviert werden, es gibt Leuchttürme aus der Römerzeit, ein Kornspeicher wirkt riesig, wie er in das Dreieck zwischen den Molen eingequetscht wurde. Man sieht die Kreuzfahrer in der Schlange anstehen, um das innere abzufotografieren.

Livorno 2Auf dem Schiff werde ich dann für den Nachmittag gefangen gehalten, da ich trotz Schengen Papiere nicht an Land darf. Die Immigration war noch nicht an Bord und wer mit dem Schiff kommt unterliegt strengeren Regeln, da die meisten Schiffe Menschen beschäftigen, die Zuflucht in unseren reichen Gegenden suchen könnten. Wofür der Master wieder in den Knast kommt und bis zur offiziellen Freigabe keinen von Bord lässt. So werden mir ärgerliche drei Stunden geklaut, die ich Pizza essend und Espresso trinkend auf der Via Grande verbringen könnte. Als Entschädigung gibt’s Schiffsküche, Lachs zum Abgewöhnen. Inzwischen gesellen sich die Feierabendler zu mir, die ebenfalls auf die Immigration warten und sich ärgern, dass sie nichts ans Wifi können. Um halb sechs ist es soweit, alle stürmen Richtung Hafentor. Max, der Bosun, der sich unserer angenommen hat, und ich, überholen alle weil der Filipino “Hey Amigo!” zu einem senegalesischen Lastwagenfahrer ruft, der uns mit nach vorne nimmt. Noch nie auf dem Frachtschiff, noch nie in einem richtigen Truck – alles abgehackt jetzt. Der Senegalese, der seit 22 Jahren in Pisa wohnt, versteht sich blind mit dem Bosun. Es sind diese Momente, wo ich mir wünsche, schlechtes Englisch zu sprechen, und nicht nachdenke, wie groß die Welt eigentlich ist, sondern nur schaue, dass ich von A (meiner Arbeit) zu B (meiner Familie, meinem Bier, meinem Internet) komme. Ich halte mich für privilegiert, dabei bin ich die arme Sau.

Crew 4Die Spelunke hat nichts an sich, was man sich unter Hafenkneipe vorstellt. Es ist ein Kiosk, die Italiener stinken gegen ihre eigene schlechte Laune an, spielen Automaten und hören Alpentechno. Es wird als Trattoria gepriesen, aber das Essen sieht schlimmer aus als auf dem Schiff. Wenn der Messman wirklich ein Mädchen hier haben sollte, dann muss er viel bezahlen, um sie hier her zu bekommen. So langsam trudeln dann auch die anderen ein, um mitgeteilt zu bekommen, dass das Internet nicht funktioniert. Ich sehe echte Bestürzung in ihren Augen, das Leben ist nicht fair. Aus einer Position heraus mit meinem Handyvertrag seit drei Tagen schon wieder Internet zu haben, kichert die Schadenfreude in mir. Dann haben wir Zeit für ein paar mehr Bier und echte Gespräche, anstatt das alle auf ihre 20 Quadratzentimeter glotzen und Nackenschmerzen davon bekommen. Es entwickelt sich eine gewisse Dynamik in die von mir gewünschte Richtung, kommt wegen der Enttäuschung, und dem ständigen kontrollieren, ob das Wifi nicht doch zufällig angesprungen ist, aber nicht ganz in Fahrt. Als der litauische Familienvater schreit, das Internet geht wieder, beginnt ein Freudenfest, geschmückt mit Jubelarien und Freibier. Ich fühl mich wie auf der Nature One und alle um mich herum sind auf Ecstasy, nur ich, ich trink mein Bier und meine Schadenfreude lacht mich herzlichst aus. Max ist dennoch mit mir und ich frage ihn weiterhin über alles Mögliche aus, da er von der Schiffadministration abseits des Meeres trotz seiner jungen Jahre am meisten zu verstehen scheint. Er darf im Unterschied zu den anderen in vier Tagen in Barcelona von Bord, fliegt einen Tag nach Hamburg, um direkt weiter nach Lissabon zu starten, wo er die nächsten sechs Monate auf einem Segelkreuzschiff durch Europa tourt. Ich muss meine erste Einschätzung von ihm revidieren, er ist bisher ganz gut rumgekommen in Europa, auch ohne seine Eltern, hat mit 17 ein Praktikum bei einer andere Reederei in München absolviert und ist eigenständig über Manchester an die schottische Grenze geflogen, um sich dort eine Universität anzuschauen, an der er vielleicht studieren will. Von Hamburg benötigt er acht Stunden. Auch St. Gallen zieht er in Betracht, er will die beste Hochschulausbildung genießen und es ist ihm nicht zu vergönnen.

Livorno 6Dann kommen ein paar Nachzügler, auch aus der Gastronomie, die sich einen späteren Feierabend erarbeiten durften, wir bestellen ein Taxi und ab geht es in die Stadt, Pizza essen, weiter Bier trinken. Um fünf vor acht steigen wir aus dem Taxi und versuchen durch die Stadt rennend noch das kaputte Ladekabel aufzutreiben, das den armen Filipino immer in die Arme des ersten Offiziers treibt, der das gleiche Modell hat, um nicht komplett zu veröden. Aber der europäische Wahnsinn, dass alle Geschäfte noch vor Anbruch der Dunkelheit ihre Tore schließen, kann unseren philippinischen Freunden nicht so recht verständlich gemacht werden. Die Stadt ist auf Heerscharen von modernen Kreuzrittern ausgelegt, eine Dutyfreezone des schlechten Geschmacks. Wir finden eine Enklave italienischer Lebensfreude, eine Fußballkneipe, gekleidet in dunklem Holz und verziert mit Mannschaftsportraits der hiesigen Calcios. Die Pizza kommt nicht im Kreis, dafür quadratisch, praktisch und vorzüglich. Unsere Italienischkenntnisse stehen Crew 6den Englischkenntnissen der Kneipencrew in nichts nach, aber die Zeichensprache füllt unsere Gläser mit goldenem Saft und schmückt den Teig mit Tomatensoße, Rucola, Parmesan und etlichen weiteren Köstlichkeiten. Eine Auswahl die unseren Gaumen verwöhnt. Wir schlingen als ob wir tagelang nicht gegessen hätten, die Filipinos freuen sich, ihre erste authentische Pizza jetzt probieren zu dürfen. Im Fernmeldeparat liegt die Roma zurück gegen Bologna, und der mit Familien vollgestopfte Laden schreit auf. Mehrere Generationen quetschen sich auf die Holzbänke und die Herzlichkeit, wie sie sich in die Backen kneifen, wird nur dadurch unterbrochen, dass das free Wifi den Messman dazu einlädt, Wrestlingclips mit seinem Kollegen zu teilen. Der dritte im Bunde chattet mit seinem Bruder in der Heimat und kriegt sich kaum mehr ein, so freudig ist das digitale Wiedersehen. Sie alle haben seit einem vollen Monat nicht mehr tippen dürfen.

Wir bleiben noch etwas sitzen, erleben die Atmosphäre des sympathischen Ristaurante – oder die weite Welt des Internets – und wollen aber dann unser Glück nochmal in einer anderen Bar zu versuchen. Livorno ist Montagabends allerdings nahezu ausgestorben. Livorno Nacht 4Wir laufen durch die Gassen und werden mit unserer Suche nicht belohnt, treffen auf ein paar Grüppchen, die sich aber am Kanal entlang auf die Mauern gesetzt haben, vor Restaurants stehen, die gerade schließen, oder ein Feuerzeug nach uns schmeißen. Wir rufen ein Taxi, um die anderen in der schmucklosen Hafenspelunke aufzugreifen um zumindest dort noch ein Bier zu schlückeln. Der Messman ahnt es schon, als wir ankommen und die anderen im Dunkeln sitzen, die Türen sind ebenfalls verschlossen, nach den Läden sterben auch die Kneipen und die Filipinos schaffen es als zahlende Kundschaft nicht, den Wirt von einer weiteren Runde zu überzeugen. Das Wifi allerdings funktioniert einwandfrei, daher sind die braunen Gesichter hellerleuchtete Punkte auf einer Terrasse mit Gartenmöbeln, die dir vorbeiziehenden Lastwagen mit den gerade entladenen Container zum Wackeln bringen. Ein kurzes Stück zuvor hab ich noch eine Kantine gefunden, die acht Bier spendet, wir sitzen noch ein Weilchen und laufen zurück zum Schiff, im Rucksack vom Messman drei Birra Moretti, die ich mir für den Weg nach Genua morgen bunkere.

Auf dem Deck lichten sich die Reihen der Container, die Cargo Holds sind offen und ich will einen Blick hineinwerfen. Der dritte Offizier hält mich allerdings zurück und sagt, der Master hat schon mit ihm gemeckert, warum ich während der Ladevorgänge überhaupt hier sei. Ich werde ins Bett geschickt, dass Schiff liegt ruhig im Hafen, in Livorno ist das zu bewältigende Arbeitspensum mein Grund für übertriebene Panik und die Nacht sagt dem Abend vielen Dank für seine frohe Tat.

12. April

Mein Wecker snozzed penetrant eine dreiviertel Stunde um mich wachzukriegend, aber ich will irgendwie nicht so richtig aufstehen. Zum einen drückt der Gerstensaft auf die Blase und beauftragte den Alkohol einen Scherbenhaufen an Gehirnzellen zu produzieren. Zum anderen ist heute der letzte Tag, auf See zumindest, wir planen um 18:00 Uhr in Genua einzulaufen, und ich weiß nicht recht, ob ich wirklich runter will, ob es das schon das Ende sein soll. Auf der anderen Seite freue ich mich auch riesig auf ein Stückchen Heimat, die sich im Frühling befindet, der Sommer steht bevor. Ich kann ja weitertuckern, wenn’s wieder kälter wird. Da Livorno an sich eigentlich sehr unspektakulär ist, beschäftige ich mich in meiner Kabine mit ein wenig Organisation meines Tragegerätes, telefoniere mit ein paar Menschen, deren Stimme ich schon ewig nicht mehr gehört habe und bin wirklich froh, nach Hause zu fahren.

Genua Hafen 1Der Messman und Max wollen heute Abend wieder raus, ich finde es ebenfalls sehr gut, es ist fast so etwas wie Abschiedsabend. Dem Ablegen zuzuschauen fühlt sich an wie Routine, die Sonne kommt raus und treibt die Wolken wie eine Viehherde vor sich her auf die Meeresprärie. Und ehe ich es begreifen konnte, standen wir vor Genua, warten auf den Piloten und ich sitze in der Abendsonne ein letztes Mal auf meiner Bugabdeckung, die so viel Wärme und Aussicht spendete. Genua wirkt gigantisch, wie es sich an der Küste entlangzieht und das Hinterland hinaufklettert, die romanischen Häuser zieren die Stadtpromenade, eins herrschaftlicher und prachtvoller als das andere mit den hellen, elfenbeinigen Fassaden und den typischen roten Dächern. Die verzierten und verschnörkelten Fensterrähmen sind selbst aus der Ferne zu erahnen und geben den Häusern ihren unverkennbaren Stil, der mich direkt ins Mittelalter versetzt und ich mir fast bildlich vorstellen kann, wie diese Stadt damals lebendig gewesen sein muss. Eine Hafenstadt bis in die letzte Ader, von den ankommenden Matrosen, die ihren Sold in den Rachen der Wirte und die Brüste der Wirtsfrauen steckten, die Handelsfahrer, die Zimt, Tee oder Perlen an die Aristokraten verhökern, den Kapitänen, Entdeckern, Handlangern und Rumlungerern. Genua war sich nie zu schade, nur das Beste für sich zu wollen.

Genua Hafen 8Und heute, nachdem wir den alten Hafen und den Palazzo San Giorgio passiert haben, öffnet Italiens wichtigster und größter Hafen seine Arme um uns zu empfangen und mit seiner Vergangenheit zu prahlen. Rechts neben uns sehen wir das Wrack der Costa Concordia, welche hier verschrottet wird, wir legen an, und die gleiche Hektik wie in Algeciras greift um sich, nur weitaus chaotischer und wilder. Die Container werden fast vom Schiff geschmissen, irgendwo hingestellt oder neben dem Schiff aufeinandergestapelt. Wenn man am Kai steht und in die Luft zu den Kränen sieht, dann ergreift einen hier die Angst, wenn der Container in 40 Metern über einem baumelt und der Kranfahrer nicht mehr weiß wohin damit, da es keinen Platz gibt. Selbst auf dem Schiff erzittert mein Kabinenboden, wenn ein Tifoso den Container gerade aus einem halben Meter auf den Boden fallen gelassen hat. Es sieht alles ein bisschen fertiger, ein wenig heruntergekommener und viel abgenutzter aus, als es bisher der Fall war. Hier haben die Hafencrews noch weniger Lust am Arbeiten, lassen ihren Frust an den Maschinen und Gütern aus, die durch ihre Hände gleiten und haben Spaß an Dellen und Krach.

Genua Hafen 7Im Cargo Office versammeln wir uns dann so langsam um loszuziehen, Seamansclub soll das Ziel sein. Ein Club, eine Bar? Zumindest für Seefahrer und wahrscheinlich nur Seefahrer. Der erste Offizier hängt am Telefon und verkündet dann, dass nur die Europäer an Land dürfen, die Immigration hat heute schon zu und kann erst morgen aufs Schiff kommen. Nur morgen ist zu spät, nicht für mich, für die Filipinos und den Inder, die sich freuen, rauszukommen, so wie gestern, wo auch nicht alle dabei waren. Wir fragen nochmal nach, nur Europäer dürfen nach Europa, der Rest darf sich wieder in seine Zelle sperren und hinter sich die Schlüssel umdrehen. Sie verkraften es mit äußerlicher Ruhe und lassen sich ihre Enttäuschung einfach nicht anmerken. Sie drehen um, gehen die Treppen zurück und wir stehen zu viert da, gar nicht mehr so bereit, in die Stadt gehen zu wollen. Es fühlt sich so an, als ob sie sich daran gewöhnt hätten, scheiße und ungerecht behandelt zu werden und es deswegen mit stoischer Gleichgültigkeit über sich ergehen lassen. Max und mir versaut es die Laune, wir fahren in die Stadt, begnügen uns mit Pizza, kaufen Kekse, aber all das macht keinen Spaß und ich habe auch keine große Lust. Das war ein Knick, das tat weh so hautnah mit zu erleben. Hier kommen jeden Tag hunderte von Schiffen an, alle mit nicht europäischen Crews, weil die Verdienste auf einen Hungerlohn gedrückt werden müssen damit der Eigentümer sein Investment finanziert bekommt und die Immigration in Italien ernennt Öffnungszeiten, die es unmöglich machen den Schuftenden auch nur einen Abend Freizeit zu genießen, die nicht aus Stahl besteht.